Seite 2 Freitag, 24. Dezember 1937 Nr. 302 würfen brauchbar fein sollte. Der erste Eindruck, so meint man wohl in Warschau , mag gewisse Kreise verschnupfen, es gibt aber genügend diplo­matische Mittel, um ihn zu ermräften, wenn er auch bei der Regierung des Verbündeten Frank­ reich allzu tief gewesen sein sollte. Und man erblickt in informierten Warschauer Kreisen in der Auslassung der»Polnischen Politi­schen Information" noch einen anderen, zusätz­lichen Sinn. Dieser ist innenpolitischen Charak­ters. Das heutige polnische Regime, zumindest aber die Kräfte um das Außenministerium wer­den eS sicherlich nicht bedauern, wenn durch eine außenpolitische Distanzierung gegenüber einer angeblich bestehenden oder in Entstehung begrif­fenen Gesinnungsgemeinschaft der europäischen De­mokratien und eine solche Distanzierung sollte die Verlautbarung bedeuten auch der starken und gefürchteten demokratischen Opposition m Polen das Wasser etwas abgegraben werden sollte. ES mag sein, daß gewissen Kreisen tatsäch­lich dadurch die Einflußlosigkeit der demokratischen Opposition auf das Regime eindrucksvoll unter» Sozialpolitische Gesetze Von Abg. Franz Macoun den der strichen erscheint, hatte doch erst vor wenigen Wo­chen der Präsident der Republik eine Delegation der sozialistischen Parteiführer, empfangen. Sie demokratische Wahlen und eine eindeutige völker­bundstreue Außenpolitik forderten; eine Tatsache, die in ganz Polen großen Eindruck gemacht hat. Aber wie dem auch sei, so wenig wie Polen als Nachbar Rußlands bereit ist, dem Antikomintern­pakt beizutreten» so wenig dürft« man in Regie­rungskreisen ernstlich daran denken, sich vom Völ­kerbund zu trennen. Man weiß vielmehr sehr wohl die unerhörten Nachteile richtig einzuschätzen, die ein solcher Schritt für das Verhältnis Polens zu Frankreich mit sich bringen müßte, daS trotz allem die wichtigste Grundlage der polnischen Außen­politik darstellt. Wohl aber wird man sich in War­ schau bemühen, einen Ausweg zu finden.»Zur Unterstützung wirksamer Bestrebungen zur Re­form des Völkerbundes hat sich Polen schon früher bereit erklärt", so hieß eS in der jüngsten amt­lichen Verlautbarung auch. Man wird also dieser Reform das Wort reden und hofft, damit allen Teilen Genüge zu tun. Arbeiterschaft nicht. Auch wir sind uns der Män­gel, welche diese Gesetze jetzt tragen, bewußt. Aber sie sind grundsätzlich die Verankerung und Erwei­terung des Arbeitsrechtes in der Gesetzgebung, Plattformen für unseren weiteren sozialpolitischen Kampf. Noch verzeichnen wir 332.981 Arbeitslose. Das ist ungefähr soviel wie in der gleichen Zeit des Jahres 1931. Nach diesem Stande der Arbeits­losigkeit ist die Wirtschaftskrise noch keineswegs überwunden, obwohl wir die Produktionsziffer vom Jahre 1929 erreicht haben. Nicht Schritt ge­halten damit hat die Einstellung der Arbeiter und Angestellten in die Betriebe und keineswegs die Lohngestaltung. Wir wollen hoffen, daß die gegen­wärtigen ungünstigen Schwankungen in einigen Industrien keine dauernde Erscheinung sind. Jedenfalls ist die Annahme der drei Gesetze bedeutungsvoll für unseren Kampf um die Lebens- intereffen der Arbeiterklasse in der Zeit zwischen Krise und Konjunktur. der Arbeitslosenfürsorge außerhalb des Genter Systems, gesetzlich zu regeln. Vorläufig aber sind die zahlreichen und oft willkürlichen Streichungen aus der Ernährungsaktion unhallbar geworden./ Beide Teile der staatlichen Arbeitslosenfür­sorge werden Partei und Gewerkschaften im kom­menden Jahre in der Richtung beschäftigen, daß wir gesetzliche Reformen anstrebeN. Daher ist eS gut, daß der Staatszuschuß zur Arbeitslosenunterstützung wieder ein parlamenta­risches Gesetz geworden^ist. Die bisherige Verordnung gegen Betriebseinstellungen«nd Maffen- entlaffungen wird nun Gesetz, ebenfalls mit einer Befristung bis 81. März 1939. Seit ihrem Bestände vom 20. April 1934 hat diese Verordnung, in der wir uns manche Verbesserung wünschen, doch Erfolge auf­zuweisen. Es sind durch die Wirksamkeit der zu­ständigen Ministerien gegen angemeldete Still­legungen immerhin 365 Fabriken mit 48.273 Arbeitern und Angestellten im Betriebe erhalten geblieben. Unsere Bemühungen müssen aber vor allem darauf gerichtet sein, daß die Wirksamkeit des nunmehrigen Gesetzes von der Abwehr der Betriebsstillegungen auf die Initiative zur Wie­derbelebung stillgelegter Be­triebe erweitert wird. Ueber die wirtschaftliche Bedeutung eines so erweiterten Gesetzes für künftige Krisenverhütung wird eine besondere Erörterung sehr zweckmäßig sein. Schließlich hat das Abgeordnetenhaus Gesetzesantrag auf einjährige Verlängerung bisherigen Regierungsverordnung betreffend Die Unkündtarkett der Kollektivverträge beschlossen. Die ursprüngliche Vorlage sah aller­dings die unbefristete Verlängerung vor. Es kam aber insbesondere im Gewerbeausschuß zu einem schwierigen Junktim mit der Vorlage für die Ver­längerung des Numerus clausus für Zuckerfabri­ken. So wurde schließlich die Kompromißlösung der Verlängerung für die Kollektivverträge auf ein Jahr gefunden. Abgesehen von dieser Episode kommt natürlich in Betracht: Die Unkündbarkeit der Kollektivverträge war ein notwendiger und wirksamer Krisenschutz, mit welchem im Jahre 1934 dem Lohnabbau eine Schranke ge­fetzt wurde, die den Abwehrkampf der Gewerk­schaften stützte und wirklich den Lohnverfall auf­hielt. Um so mehr aber mußten unsere Gewerk­schaften sofort die wirtschaftliche Wiederbelebung zur wenigstens teilweise Wiedergutmachung aus­nützen. Es ist daher selbswerständlich, daß, nicht zuletzt im Interesse unserer Bollswirtschast, die Aufwärtsbewegnng der Löhne«nd Gehälter nicht«nterbunden werden darf. Mit der Regierungsverordnung vom 26. Juni 1937, Nr. 141, die noch bis 31. Dezember 1938 gilt, ist auch'der von den freien Gewerk­schaften Vertretenen a l l g e m i i n e n V e bind l i ch k e i t der Kollektivverträge der Weg gebahnt. Die Anerkennung des Kollektivvertrages in der Gesetzgebung ist ein bedeutender Abschnitt in unserem gewerkschaftlichen und politischen Kampfe und es wäre verlockend, ihn geschichtlich zu würdigen. Jedenfalls wollen wir trachte», daß das Kollektivvertrag-Recht in unserem Lande dauernde Tatsache wird. So ist die Annahme dieser drei Gesetzesvorla­gen durch das Parlament ein bedeutender Fortschritt in der sozialpolitischen Gesetzgebung der Tschechoslowakischen Republik. Die Oppositionsparteien, welche einseitig Kritik Nach dem Abschluß der bedeutungsvollen Verhandlungen der Bedeckungsvorlagen zum Staatsvoranschlag 1938 hatte das Abgeord­netenhaus in der Vorwoche noch drei sozial­politische Gesetzesanträge der Re­gierung zu erledigen. Da es sich bei allen drei Vorlagen um terminierte Regierungsverord­nungen Handelle, mutzte die Erledigung noch er­folgen. Sonst wäre es wahrhaftig besser ge­wesen, die drei Gesetzesvorlagen in einem weni­ger bedrängten Zeitpunkte zur parlamentarischen Verhandlung zu bringen. Nichtsdestoweniger ist es von großer Bedeutung, daß wichtige sozial­politische Positionen, die bisher nur als Verord­nungen auf Grund des Ermächtigungsgesetzes bestanden, nunmehr sobald sie noch vom Senat verabschiedet sind von der National­versammlung beschlossene Gesetze geworden sind. Dies unbeschadet des Umstandes, daß alle drei Gesetze befristet sind. Die drei im Texte recht bescheidenen Vor­lagen kennzeichnen trotzdem die Lage der Arbei­ter und Angestellten während der Krisenjahrr, ihre doppelte Belastung durch Massen­arbeitslosigkeit und Lohnabbau ES handelt sich zunächst um den Staatszuschuß zur Arbeitslosenunterstützung, welcher gemäß der letzten Regierungsverord­nung vom 31. März 1936» Nr. 78, für daS Jahr 1938 unverändert verlängert wurde. Das erste Gesetz vom Jahre 1921 über diesen wichtigsten Teil unserer öffentlichen Arbeits- ,losenunterstützung wurde am 1. April 1925 in 'Kraft gesetzt. Seine bedeutendste Umgestallung und Verbesserung erfuhr es am Begine der Krise durch t>ie Novellierung vom 5. Juni 1930» Nr. 74. Die Regierungsverordnung vom 29. Juli 1933, Nr. 161, bracht« dann auf Grund der Lage der Staatsfinanzen im Tief­punkte der Krise wesentliche materielle Ver­schlechterungen. Konnte man sich der ungünstigen Lage der Staatsfinanzen nicht verschließen, so waren die administrativen Erschwer­nisse, welche nach unserem langen und zähen Abwehrkampfe in diesem kritischen Zeitpunkte kamen, nicht unwesentlich aus der Feindseligkeit Der Präsident der Republik empfing am 23. Dezember den amerikanischen außerordent­lichen Gesandten und bevollmächtigten Minsster W. C a r r und hierauf den sowjetischen außer­ordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister S. A l e x a n d r o w s k i. Weiters empfing der Präsident der Republik den Ober­direktor der Bank der tschechoslowakischen Legio­nen Josef K h h n und schließlich den franzö- ,fischen Journalisten L. N a u d a u. Neuer Präsidialchef des Landwirtschafts­ministeriums. Nach dem Scheiden des bisherigen Chefs des Präsidiums des Landwirtschastsmini- steriums, Sektionschefs JUDr. O. Eisenstein hat Landwirtschaftsminister JUDr. I. Zadina zu dessen Nachfolger den Ministerialrat Jng. Jan M a z a n e c ernannt, der seit dem Jahre 1920 Personalsekretär aller Landwirtschaftsminister und vom Jahre 1934 an Vertreter des Präsidial­chefs gewesen war. Zum neuen Personalsekretär des Landwirtschaftsminssters wurde der Ministe- rialoberkommissär Jan Skramovsky ernannt. Veränderungen im diplomatischen Dienst. Wie dieNärodni Politika" berichtet, wird der bisherige Gesandte in Belgrad , Dr. Girsa, dem­nächst in Pension gehen, weil er die Altersgrenze erreicht hat. Ueber seinen Nachfolger ist noch nicht entschieden. Gleichfalls in den Ruhestand tritt der bisherige Vorstand der Oftabteilung des Außen­ministeriums, Ministerialrat Dr. Anton S u m. Der bisherige Gesandte in Bern , Künzl-Ji- zerskh, geht nach Wien , an seine Stelle-nach Genf kommt der bisherige Präsidialchef des Außenministeriums, Dr. Bohdan S t r t r. Der neue Präsidialchef wird der bisherige Beamte der politischen Sektion, Dr. Rejholee. Außerdem ist der Posten des Chefs des Diplomatischen Pro­tokolls durch das Ableben des Gesunken Strimpl freigeworden. Prrsonaländerungen im Finanzministerium. Wie derPrager Börsen-Courier" berichtet, geht der Sektionschef des Finanzministeriums, Dr. T. K u d e l a, am 1. Feber in Pension, Kudela war Vorstand der Bank-, Börsen- und Währungsab­teilung in diesem Ministerium und wird in sei­nem Amt ersetzt werden durch Ministerialrat Dr. A. Ietäbek, der Settionschef werden soll. An die Stelle Dr. Jekäbeks, welcher bisher legis­lativer Referent gewesen ist, tritt Obersektionsrat Jaroslav R o s s i, der Ministerialrat werden wird. Rossi soll auch der Vertreter des Finanzministe­riums an der Prager Börse werden, welches Amt gewisser bürgerlicher Gruppen gegen die Arbeits ­losenfürsorge diktiert. Es ist bei weiter nicht möglich, an dieser Stelle die gewalligen Leistun ­gen, welche unsere Gewerkschaften finanziell und durch ihre Arbeit erbrachten unb erbringen, zu umschreiben. Es sei nur festgestellt, daß abge ­sehen von der Tätigkeit in den Zentralstellen die tausende örtlichen Funktionäre unserer Gewerk ­schaften, die mft der Auszahlung der Arbeits- losenunterstützung befaßt sind, nicht nur schwie ­rigste, sondern hervorragende Arbeit im In- teresse des Staates leisten. DaS gilt besonders für die deutschen Gebiete mit ihrer viel größeren Arbeitslosigkeit.' Tatsächlich hat die Arbeit unserer Menschen dem Staate nicht nur einen kostspieligen Verwaltungsapparat er ­spart, sondern auch in wirtschaftlich schwerster Zeit wesentlich zur Aufrechterhaltung der Ruhe beigetragen. Die Durchführung der Arbeits ­losenunterstützung ist für unfere Funktionäre ge ­radezu Höchstleistung geworden. Deshalb ist es ein notwendiges Gebot, daß jener Teil der Pra ­xis von den staatlichen Organen geändert wird, der unerttäglich geworden ist. Es handelt sich hiebei um die Erhebungsart der Bezirks- behörden, die ein Fremdkörper in der Praxis der Arbeitslosenunterstützung bleibt und sehr schädliche Auswirkungen im Gefolge hat, um ein ­heitliche Weisungen, um die Zusammenfassung der bisherigen Erlässe u. a. m. Nachdem die bisherige RegierungWerordf nüng ausdrücklich vorübergehenden Charakter hatte, wird es die Aufgwbe von Partei und Ge ­werkschaften sein, im Laufe des Jahres 1938 da ­für zu wirken, daß das Gesetz vom Jahre 1930 im wesentlichen wieder hergestellt wird. In diesem Zusammenhänge ein Wort über die ErnährungSaktion, die weder auf einem Gesetz noch auf Verordnungen beruht. Die Ernährungskarten im Ausmaße von 10. odev-XL 20. wöchentlich bieten sicher keine ausreichende Lebensmöglichkeit. Es sind die zusätzlichen Leistungen von Milch, Winterhilfe, Weihnachtsbeitrag und die schon wiederholten Kindergenesungsaktionen zu werten. Es ist aber, zweifellos eine Notwendigkeit, auch diesen Teil lüben, trüben das Bild und dienen der Sache der; bisher gleichfalls Dr. Jeräbek inne gehabt hat. Mr laßt den Armen schuldig werden... Von Margarete Neumann Unsinn!" beruhig* sich Adele, der Mann vor ihr sieht sonst ganz harmlos aus. Noch gut erhal­ten, ja sogar sehr kräftig auf sein Alter. Er ver­beugt sich höflich, dann hört Adele ein leises Kichern. Küß d'Hand! Gnädigste, also ein ander­mal!" murmelt er, wendet sich zur Türe, geht. Eilig sperrt Adele hinter ihm ab. Weiler brachte das Buch nicht zurück. Adele mahnte nicht, war froh, daß der Alle sich nicht wieder zeigte. Sie be­schaffte sich gleich am nächsten Tag nach dem Be­such des Weiler eine Sierheitskette. Bevor sie schlafen ging, stellte sie noch den vollen Kohlen­kübel vor die Türe, solche Angst hatte sie vor dem Manne. So lebten die beiden Menschen fast Tür an Tür und dennoch weit' entfernt voneinander. Manchmal, wenn Adele Postarbeit hatte» bis in die späten Nachtstunden nähte» hörte sie in der Stille, die sie umgab, seltsame Geräusche, Klir­ren von Metallstücken, Kichern, manchmal leises Reden, Stöhnen, Unheimlich war das. Adele wagte dann kaum zu atmen. Die Geräusche kamen aus der Wohnung des Weiler, sein Zimmer grenzte unmittelbar an die Wand ihrer Stube. Wurde es wieder ruhig, wagte Adele die Stepp­maschine in Bewegung zu setzen. Dann nähte sie eifrig, ihre Gedanken weilten weitab von der Gegenwart, beschäftigten sich mit dem einzigen großen Erlebnis, das Adele hatte: Marion! Die Liebe ihrer Jugend, sie lebte in Adele weiter, wov die zartesten Träume von einstigem Glück um die Einsame. So vergingen Tage, Wochen, Jahre, lln- freundlich ist die Stube, aber sie steht unter Mie­terschutz. Adele ist froh, diesen Vorzug noch zu genießen. In ihr ist ja alles licht, überstrahlt non Phantasiebildern, Proben ihrer Kunst kleine Kerammodelle zieren die Kredenz. Denn Adele Bergner ist Kunstgewerblerin. Das Namenschilo verrät, was einst war. Umgeben von Wohlhabenheit und Liebe tyar die Kindheit Adeles. Hoflieferant Vinzenz Bergner(Kürsch­ner)" stand über dem Geschäft des Vaters, im Zentrum der Stadt. Der Adel von Wien, die rei­chen Bürgersftauen und-Herren waren treue Kunden, viele davon Freunde der Eltern. Wäh­ rend in Deutschland die großen Warenhäuser längst blühten, hielt in Oesterreich derHandwer­ker" stand, ja, erlebte gute Konjunktur. Die Zünftler" hatten Standesbewußtsein, damals sehr viel Geld, aber weniger Voraussicht. Adeles Eltern verwöhnten daS einzige Kind, nie dachten sie daran, es könnte auch mal anders werden. Vinzenz Bergner mußte 1915 einrücken, fiel bei der Schlacht um Lemberg. Damals besuchte Adele die Kunstgewerbeschule. Die Professoren waren einheitlich der Auftaffung, Adele sei ein großes Talent. Ihre Einfälle waren apart, kapriziös, die von ihr modellierten Gegenstände fanden Liebhaber. Aber die Mutter, die den Verlust des BaterS nicht überwinden konnte, erwies sich dem Leben ohne Mann völlig hilflos. DaS Geschäft verfiel. Ein Onkel nahm in letzter Stunde das Steuer in die Hand, Adeles Lebensweg führte er energisch in eine andere Bahn. Die Spielerei mutz ein Ende nehmen, dabei könnt ihr beide verhungern!" sagte er. Adele übernimmt der Nachfolger Bergners in die Lehre, mit so geschickten Händen wird sie als Kürschnerin mehr verdienen. Handwerk hat goldenen Boden!" damit schloß er seine Ansprache. Die Mutter überließ dem energischen Bruder alles weitere. Bon dem Betrag, den derNach­folger Bergners" für das Geschäft bezahlen^ mußte, konnten sie bescheiden leben. Sie mieteten eine kleine Wohnung. Brav und fleißig(Wider­stand war niemals Adeles Sache) lernte Adele das Kürschnerhandwerk. Nur eines hielt sie durch. Den Besuch der Kunstgewerbeschule in Abendkur­sen. Weder der Mutter, noch dem Onkel verriet sie, daß sie einenFreiplatz" erwirkt hatte. Wenn sie. abgespannt und müde von der Arbeit als Lehrling" nach Hause kam, kleidete sie sich rasch um, gab der Mutter einen Kuß, sagte:Ein bis- serl an die Lust mutz ich, gell Mutter!, in zwei Stunde» bin ich wieder dal" So schnell sie imstande war, legte sie den Weg zur Kunstgewerbeschule zurück. Ist dem UebungSsaal umgeben von anderen Schülerinnen, vergaß Adele ihr gewöhnliches Leben. Sie ver­sank völlig in ein anderes Sein. Der Geruch von Erde, Lehni, Gips, hüllte sie in Wonne, wie an­dere Menschen dem Alkohol Oder anderen narko­tischen Genüssen verfallen. So lebte das heran­reifende junge Weib ein absonderliches Leben. Niemanden anvertraute. Adele, was sie eigentlich ersehnt, wünscht oder erstreben will. Sie mied überflüssiges Reden mft den anderen Lehrlingen, sie war nicht hochmütig, aber unfähig, den Sturz aus bürgerlicher Umgebung in die des Arbeiters zu verstehen, wie sie überhaupt nicht dazu erzogen worden war, die Masse Mensch die Proleten zu beachten. Daß diese lebten, da waren, wußte sie, empfand für sie nichts. Die schlimmste Zett, die Nachkriegsjahre er­lebte die Mutter nicht. Jetzt war Adele, sie nannte sich Dele, ganz einsann Sie war, ja inzwischen großjährig, der Onkel kümmerte sich wenig um sic, sie selbst fragte ihn niemals um Rat. Sie hatte, nach Vollendung der Lehrzeit die FirmaBerg- ncrs Nachfolger" verlassen. Als eines Tages der Onkel doch nachschauen kam, was das Kind seiner Schwester treibe, blieb er überrascht vor der Woh­nungstür stehen. Adele Bergner, Kunstgewerblerin" .(Wiener- Werkstälte) las er. Dele hatte die Küche in ein modernes Ge­mach verwandelt. Das Zimmer war ihrAtelier". Ueberall standen Kunstgegenstände, reizende Ke- ramarbciten. Aber den zürnenden Onkel versöhnte dieAbteilung Mode!" Aparte Hütchen, Kappen, Kragen, boten sich den Blicken dar, allerdings nicht aus Fell, sondern alles Modelle aus Papier, bunt, eigenartig, manches für den Geschmack des biederen Zuckerbäckers unverständlich. Doch er drückte die Hand der Nichte anerkennend, als sie ihm erklärte, dasGeschäft"(wie er es nannte) gehe gut, jedenfalls könne sie leben ohne von dem lieben Onkel Unlerstühung zu verlangen. Die Nachbarn wunderten sich oft über Adele Bergner. Sie war jung, sogarsehr hübsch", aber eine MänltSkfeindin. Das schien auch der Fall zu sein, stimmte nicht. Dele hatte einen Freund, Einen jungen Bildhauer. Sohn eines reichen rumäni­schen Gutsbesitzers. Verwöhnt, launenhaft, lieb und sehr begabt. In einer Ausstellung:Wiener Werkstatt" sah er Kerammodelle, sie gefielen ihm, er ließ sich die Adresse Adeles geben. Als er vor ihr steht, wird er unsicher. Dann stottert er in drolligem Deutsch.' er wolle einige Sachen kaufen. Adele zeigt ihm verschiedenes, er nimmt, was er gerade vor sich sieht, überreicht Adele einen Scheck. Adele bleibt innerlich unberührt, dankt, geleitet den jungen Mann zur Türe. Zwei Tage später ist er wieder da. Diesmal bestellt er etwas ganz Besonderes". Das muß besprochen werden. Er bleibt länger. Adele wird zutraulicher, jetzt löst sich alles in ihr. Da sitzt ein Künstler, ein Gleichgearteter vor ihr, mit dem kann man die Phantasie galoppieren lassen. Stunden vergehen, zwei junge Menschen merken davon nichts. Die herrlichsten Kunstgestalten entstehen, Denkmäler von gigantischer Art, keiner hemmt den anderen, dem Flug der Phantasie folgen beide. Adele mutz mitgehen in Marions Atelier. Ganz begeistert von dem verstehenden Partner folgt Adele. Die schönste Zeit ihres Lebens beginnt. .(Fortsetzung folgt.),