Seite 2 Dienstag, 12. Juli 1938- Nr. 181 Auch Schweden nimmt Flüchtlinge auf Evian. In der Montag-Sitzung des Aus­schusses für politische Flüchtlinge erklärte der fchlvedischc Delegierte Engzell,-ah sich sein Staat der Aufnahme einer bestimmten Anzahl von Zu­wanderern im Rahmen der wirtschaftlichen Mög­lichkeiten Schwedens nicht verschließt. Der Ver­treter Paraguays erklärte, daß sein Staat zur Aufnahme arbeitsamer Einwanderer bereit sei, falls sich diese der Landwirtschaft wid­men tvollen. Der schweizerische Delegierte Roth« mund stellte fest, daß die Schweiz Ausländer in einem Verhältnisse von ü Prozent Zuflucht ge­währt und vom 12. März bis 1. April etwa 3000 bis 4000 österreichische Flüchtlinge ausge­nommen habe. Eine natürliche Folge dieses Prinzipeö mühte sein, daß folgender Grundsatz definitiv zum Gesetz er­hoben werde, nämlich der: daß im Königreiche Böh­ men jeder Staats-, und Landerbeamte beider Landes­sprachen in Wort und Schrift vollkommen mächtig sein muh. ' Ich sage, nur jeder Staats- und Landesbeamte im Königreiche Böhmen muh unbedingt die beiden Landessprachen können, damit er im Lande, wo beide Landessprachen gleichwertig und gleichberechtigt sind, als Staats- und Landesbeamter wirken könne. Wer Staats- oder LandeSbeamter im König­reiche Böhmen werden will, soll unbedingt beide Sprachen erlernen, wer fie nicht erlernen will, der erwähle sich einen anderen Lebensberuf. Da» Petit, welches hier gestellt wird, ist ein ge­rechte» gegenüber beiden Nationane bei Landet. Es ist aber nicht nur eine, gerechte Forderung, sondern auch eine Forderung de» wirklichen Bedürfnisses und wird nicht nur die Richtigkeit in der?wdieatur, son­dern auch die Schnelligkeit der EÄedigungen gang gewih befördern. Jede Eingabe, sei sie in der oder jener Sprache eingebracht, muß in derselbe« Sprache, in welcher fie eingebracht wurde., in alle« Instanzen bis zu ihrer endlichen und rechtsgültigen Entscheidung»erhandelt und entschieden werden. So erfordert die» nicht nur eine gerechte und richtige Judicatur in Gericht»« al» politischen Ange­legenheiten, sondern die Durchführung diese» Grund« satze » ist auch zur gerechten Lösung der Sprachenfrage unumgänglich notwendig. Es muh daher unbedingt diesem Grundsätze im GesetzgebuugStvege definitiv Rechnung getragen wer­den gegenüber dem jetzigen faktischen Stande, der der Gerrchtikeit ganz gewiß nicht entspricht." Jeder Tscheche, der politisch interessiert ist, sollte diese paar Zeilen lesen und sollte heute dasselbe Gefühl fiir Gerechtigkeit aufbringen, von dem der Vorkämpfer seiner Nation 1896 erfüllt war. Es gilt jetzt, großzügig zu sein und den Fehler, den man mit dem geltenden Sprachen­gesetz 1920 gemacht hat, indem man es in der revolutionären Nationalversammlung ohne die Deutschen beschloß, gutzumachen. Die Republik und daS tschechoslowakische Boll würden dadurch in Europa moralische Eroberungen machen, die auch politisch für die Festigung des Staate» rind seiner Demokratie von unschätzbarem Gewinn wären. Verwaltunssreform im Sechserkomitee Prag. (Amtlich.)' Der sechsgliedrige KoalitionSauSschuß, der sich in den in der ver­gangenen Woche abgehaltenen Sitzungen mit den vom Ausschuß der politischen Minister und von den Fachexperten der Regierung auSgearbeiteten Vorschlägen zur Novellierung deS S P r a ch en­ge s e tz e S mit der Redaktion deSNationa- litätenstatut» beschäftigte, teilte daS Ergebnis dieser Beratungen dem Vorsitzenden der Regierung mit. Da die Vorbereitung der Vorschläge zur Lösung der Frage der natio­nalen Selbstverwaltung bei den Beratungen der Facherperten zu einer grundsätz­lichen Redaktion deS gesamten Elaborates gelangt ist, wird dieses Elaborat den Mitgliedern de» srchSgliedrigen KoalitionöauSfchuffeS empfohlen» welcher in seiner Mittwoch stattfindenden> Sitzung die Behandlung dieser Frage aufneh­men wird. Für DienStag ist eine Sitzung de» politischen Ministerkomitees einberufen worden. Dr. MelBner bei Hodia Der Vorsitzende der Regierung, Dr. HodZa, kcnferierte am Montag mit dem Abgeordneten Dr. Alfred Meißner über einige Fragen, die mit den vorbereiteten Regelungen der Ratio« nalitätenverhältnisse in Zusammenhang stehen. Abgeordneter Dr. A. Meißner ist bekanntlich Mit­glied des sechsgliedrigen Koalitionsausschusses, der gemeinsam mit der Regierung an der Vorbe­reitung der legislativen Projekte zur Lösung der Naiionaliiätenangelezenheiten arbeitet. Warnung an Hllnka Luhaöoviee. Im Rahmen der Manifeskatio- ncn für die Einheit der Tschechen und Slowaken erklärte der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses M a l y p e t r, ohne die nationale Einheit der Tschechen und Slowaken gäbe eS keinen selbstän­digen tschechoslowakischen Staat. Er kritisierte dann die unverständliche Haltung der Hlinka - Partei. , Ter bekannte englische Publizist S e t o n Watson erklärte, er sei überrascht gewesen, daß ein Teil der slowakischen öffentlichen Mei­nung jenen Kräften und Strömungen gegenüber blind sei, die heute durch Europa gehen, und daß sie Parteikapital aus einer Lage schlagen wolle, die zu einer schweren Krise der Republik fiihren könne, nämlich durch die Forderung politischer und administmtiver Unmöglichkeften und durch da» Kokettieren mit jenen, die öffentlich diktato­rische und totalitäre Methoden gegenüber Metho­den der Freiheit und Demokratie favorisieren. 300 Millionen überschritten. Die Spenden für den JubilaumSfondS der GtaaiSverteidigung erreichten bi» einschließlich Samstag einen Be­trag von 801,040.885 KL, die von 94.612 Pcr- ftncn eingezahlt wurden. DaS Ministerium für auswärtige Angelegen­heiten macht aufmerksam, daß Parteienbesuche nur Dienstag und Mittwoch von 10 bi» 18 Uhr emp­fangen werden. Persönliche oder telephonische Urgen­zen in Angelegenheiten ehemaliger österreichischer und nunmehr reichrdeutschcr Staatsangehöriger können au» technischen Gründen nicht beant­wortet werden. bleue Bombenattentate in Palästina Jerusalem . In Haifa wurde am Sonntag in einen jüdischen Omnibus eine Bombe geworfen. Sieben Personen wurden verletzt. Zwei jüdische Hilfspolizisten wurden in Haifa be­schossen und schwer verwundet. Eine zweite Bombe wurde an der gleichen Stelle geworfen, an der vor kurzem nach einem Bombenabwurf schwere Zusammenstöße zwischen Juden und Ara­bern stattfanden, bei denen zahlreiche Personen getötet und verwundet wurden. In ganz Palästina sind an vieleit Orten Bomben geworfen worden, durch die eine große Anzahl von Personen verletzt wurden. Auch auf Züge wurden Anschläge verübt. I» Haifa , Tel Aviv , Jerusalem und Safed gilt nach wie vor daS AuSgehverbot. An vielen Orten in Nord­palästina wurden die Telephonleitungen unter­brochen. Zwischen Nazareth, Liberia und ande­ren Städten ist jedwede Verbindung unmöglich. Auch in Haifa , wo ununterbrochen Patrouillen die Straßen durchziehen, ist die Lage sehr gespannt. Zahlreiche Arbeiter jüdischer Fabriken wur­den Montag bei der Heimkehr auS der Arbett im Osten von Haifa durch eine Bombenexploflon verletzt. Einer von ihnen ist seiner Verletzung be­reit» erlegen, ein anderer erlag einem Dolch­stoß. Kampf mit britischem Militär Montag vormittags kam e»-wischen Haifa und Nazareth zu einem Zusammenstoß zwischen einer großen Gruppe von Terroristen und einer englischen Wacheabteilung, wobei ei« britischer Offizier, sowie ein britischer Soldat, letzterer sehr ernst, verletzt wurden. Zwei Mitglieder der jüdi­schen Hilfspolizei wurden verletzt und eine» ge­tötet. Frankreich empört über Mussolinis Drohungen Paris . Nicht nur die französische Links­presse, sondern auch die nationalen Blätter, wie L'Epoque",Figaro" undJntransigeant" sind streng in der Beurteilung des Tones deS Vorwor­te», da» der italienische Ministerpräsident Musso­ lini zu der Aktensammlung de» Großen Faschisti­schen Rate» schrieb. Die französische Presse weist die Behauptung Mussolini » zurück, daß in Spa­ nien französisch-russische Truppe« waren, ebenso wie seine weiteren Ausführungen über die Stärke und den Sieg Italien » und Deutschland » über diese Truppen. Jntransigeant" fragt, wohin Mussolini mit dieser Schreibart ziele, und sagt: Wenn der französische Ministerpräsident Dala- dier sich die Freiheit nehme, ein Zehntel dessen zu erklären, wa» eben der Dnce sagte, würde die ge­samte italienische Presse sofort schreien, daß Frankreich de« Krieg will." L'Epoyue veröffentlicht einen Artikel de Kerilli», der u. a. schreibt: Alle diese Kundgebun­gen Aiussolini» sind darauf abgestellt, schon nach einer gewissen Zeit eine ungewöhnlich gefährlichePstzchose hervorzurufen. Wir leben.in einer Zeit dauernder Zusammen­stöße chaotischer Interessen, au» denen hie nnd da übertriebene Ambitionen» da» Verlangen nach Sieg«nd Träume» nach Hegemonie und Impe­rialismus auftauchen. Japan will Asten verschlin­gen» Deutschland Europa» Italien will die afrika­nische Mittelmeerküste beherrschen. Die Taktik die­ser Kräfte ist e», den geeigneten Moment abzu­warten» bi» unsere inneren Zwistigkeiten un» schwächen» und sodann die Risse zu prüfen» die sich in der französisch.englischen Achse«nd Front er­geben könnten. Sich diese Lage klar zu vergegen­wärtigen» diktiert unS unsere Pfiicht» sowohl bei unserem innen- wie außenpolitischen Planen. ImFigaro" schreibt d'Ortneffon: Ein Krieg könnte nicht entstehen» außer er wird durch verbrecherische Köpfe oder kollektiven Irrsinn her­vorgerufen. Gegenüber einem solche» Angriff eine» Kopfe» ist e» immer möglich, daß wir hartbleiben. Gegen Unbesonnenheit, die noch wahrscheinlicher ist, müssen wir weise Uever- legung wahren. Populaire" erklärt: Wir glauben nicht an Mussolini al» Ideologen. In Spanien hat Mus­ solini niemals etwa» andere» erstrebt, al» den Umsturz der politischen und militärischen Situa­tion zugunsten seiner Expansion»- und Hegemo- nie-Pläne im Mittelmeer . Englands Minimalforderungen in Rom notiflzlert Donnerstag abends gab der englische Bot­schafter Lord Perth dem italienischen Auße«- niinister Grafen Ciano in einer längere« Unter­redung da» Minimum der englischen Forde­rungen bekannt, deren Erfüllung zur Ermögli­chung eine» beschleunigten Inkrafttreten» de» ita- lienisch-britifchenBertrage» erwartet wird. Außen­minister lliano stellte eine Antwort nach Ueber- prüfung dieser Forderungen dnrch Mussolini in Aussicht. Worauf sich diese Minimalforderungen in ihren Detail» beziehen, ist noch nicht bekannt. Chamberlain bleibt schweigsam... London . In der Montagsihung de» Unter­hauses versuchte die Opposition erneut und wiederum vergeblich vom Ministerpräsidenten eine Definition zu erhalten, welche Regelung in der Beilegung der spanischen Frage er al» hin­reichende Erfüllung der Bedingungen fiir da» Inkrafttreten des englisch -italienischen Vertrage» ansehen will. Chamberlain erklärte lediglich, e» werde zu einer weiteren Diskussion Gelegenheit gegeben werden, sobald daS Datum de» Inkraft­tretens von der Regierung festgesetzt sein wird. Der englische König leicht erkrankt London . Wie amtlich miigieilt wird, ist König Georg Vl. leicht an einer Magengrippe er­krankt und muß das Bett hüten. Man nimmt an, daß einige Tage der Ruhe, zur vollständigen Er­holung auSreichen werden. Der für den Besuch deS Königspaare» in Frankreich in Aussicht ge­nommene Termin vom 19. bis 22. Juli wird aller Voraussicht nach eingehalten werden können. 16 I Zwischen I Mann und Kind Roman von LIU Körber Ich bin nicht dazugekommen, bis heute nichtl Diese Woche Sie werden es nicht glauben diese Woche hatte ich mir vor- genominen. Sie auzurufcn. Sie stehen doch im Tclcphonbuch? Was machen die Kinder? Ein Bub und ein Mädcrl, nicht? Drei Buben? Fixlaudon! Ich habe nur einen in der Erinnerung, Wiesinger sagte, er hätte ein absolutes Gehör? Lassen Sie ihn ausbilden? Na, dann ist recht» ist recht!" Er betrachtete sie gerührt. Er war ein rüsti­ger Fünfziger mit Bäuchlein und graumeliertem Haarkranz. Wissen's, gnä' Frau, daß ich da sitze und red' mit der Frau meines ehemaligen Freundes Wiesinger, das erweckt solche Erinnerungen, Ju- genderinncrungen in mir... Daß ich da sitze... warum sitzen wir eigentlich da? Wir könnten uns doch wo anders Hinsehen? In ein Cafe? Ich habe Zeit, ich möchte die Jugcnderinnerungen... Müssen Sie schon nach Hause? Wie schade! Darf ich einmal anrufen? Der Bub würde mich inter­essieren. Bei wem lernt er denn? Bei dem Veil- ckunstcin? Also in guten Händen ist Ihr Bub nicht, Pardon, Pardon, gnä' Frau, wenn ich so frei bin, so aufrichtig... weil der nichts kann, er hat einen großen Zulauf, ist aber ein vollstän­diger Charlatan... schade, schade um den Bu­ben... Wie alt ist er denn? Na, höre« Sie, dann ist es aber die höchste Zett, daß er in die richtigen Hände kommt! Mein armer Freund Wiejingerl M betrachte es al»«reine tat pflicht, mich seines Sohnes anzunehmenl Er hat eine Lücke hinterlassen als Künstler und auch als Mensch..."(Dieselben Worte kamen in sei­ner Trauerrede vor", erinnerte sich Frau Martha.)Jawohl! Er war einer der wenigen, die niemals intrigierten! Wissen Sie, was das heißt, wenn ein Künstler nicht neidisch auf die Kollegen ist, ihnen Erfolge gönnt! DaS gibt'S nicht, daS gibt's überhaupt nicht. Da steht der Wiesinger allein da und hat darin keine« Nach­folger gefunden. Großzügig war er» ei« nobler Charakter und ein begnadeter Künstler!" Gerührt nahm er ihre Hand. Sie ließ sie ihm, sie dachte an Gustav. Ich wer' anrufen, gnä' Frau", sagte er, ich wer' anrufen und wer' mir da» Vergnügen machen... und laß' mir was von dem Buben Vorspielen. TvS wäre noch schöner, wenn der Sohn meine- Freunde» Wiesinger nicht ordentlich ausgebildet würde! Dieser Charlatan! Daß er in unserer Musikstadt überhaupt noch geduldet wird! Ja, gnä' Frau, so ist eS, Sie können mir glauben, ich bin nct neidig, aber was zu Vie! ist, das ist zu viel! Kennen Sie die Geschichte mit Apoll ?" «Welche?" Na die, wie er dieses Schlieferl. diesen Schweinehirten oder was er sonst war, zerrissen hat, wett er nicht spielen konnte? Der hatte sich angemaßt, mit Apoll in einem Wettbewerb zu treten. An Keckheit fehlt e» ja diesen Leuten nicht l Er trat also in den Wettbewerb. Apollo ließ ihn aber erst gar nicht den ersten Satz zu Ende spie­len, er packte ihn und zzzdsk! aus war's l Aus Mr immer!" Bühler lächelt« triumphierend. Zzzdsk! Fertig!Spielt' nie einen Tropfen mehr", sagte der Goethe und hatte recht. Denn in der Moral ist der gute Wille alle», in der Kunst gar nicht»! Nicht»! So ein Zugereister, la»in Schweinehirt, der Beilchenstein» kommt da­her und tvill bei uns in Wien Musik machen. Mit der griechischen Keckheit! Haben wir nicht genug bodenständige Musiker? Dass der Sohn meines Freundes Wiesinger... ich wer' anru­fen. gnä' Frau! Wohin gehen Sie. gnä' Frau? Ich wer' mir erlauben. Sie bis zur Elektrischen zu bringen! Ich wer' mir erlauben, baldigst an­rufen!" Bühler schien sehr aufgeräumt, er hielt Frau Martha am Ellbogen, sein rotes Gesicht leuchtete: Ich freue mich so, freue mich aufrichtig, daß ich die Frau meine» Freundes Wiesinger... und gar nicht verändert haben sich die Gnädige, ganz im Gegenteil... Gehen die Gnädige manchmal ins Kaffee? Oder darf ich die Gnädige zu einer Heurigenpartie einladcn, ich kenn' in Grinzing einen Ausschank, der hat ein Weinderl. der ist schon tulli! Gnädige trinken net? Wie schade! Aber vielleicht überlegen Sie sich'S doch? Und wegen dem Buben werden wir mit einander reden, den übernehm' ich, den Sohn meines Freundes... da kommt Ihre Elektrische, gnä' Frau, also küß' die Hand, ich wer' mir er­lauben..." Als sie in die Elektrische einstieg, sah er ihr nach, suchte sie mit den Augen, lüftete schwung­voll den Hut. Sie saß da, etwas verdutzt. An­rufen, erwürbe anrufenI, Gewiß, es war wegen Werner, ja, aber bisher hatte er sich gar nicht um Ihn gekümmert. War ihm nicht eingefallen. Plötzlich besann er sich auf seine Freundschaft mit Gustav... Nein, woran sie jetzt dachte! Ab­scheulich von ihr! Niemals fielen ihr früher solche Dinge ein, jetzt wurde jede Kleinigkeit bedeu­tungsvoll. Zum Beispiel, ob sie Dr. Geßler mor­gen anrufen sollte. Ganz dumm war sie gewor­den, hatte ihre Gelassenheit verloren, wußte nicht mehr aus und ein. Wie ausgewechselt waren die Buben, sie erkannte die lieben offenen Gesichter nicht mehr: die ironischen Blicke Werners, da» mürrische Schweigen Roberts und Franzl, ver­schlage« und verlegen zugleich!- Fredy und Grete schliefen noch nicht, Fred« reklamierte mit lauter Stimme Dante Martha. Sie saß auf seinem Bett, er zupfte ungeduldig an ihren Fingern, verlangteeine recht schöne Ge­schichte". Er war ein Jahr jünger als Franzl, aber runder und kräftiger. Allerdings war Robert m seinem Alter bedeutend größer und stärker. Sie seufzte. Bis jetzt hatte sie mit Robert nie Sche­rereien gehabt. Schon die Geburt ging leicht, viel­leicht weil sie sich in den letzten Monaten der Schwangerschaft so glücklich und ruhig fiihltc. Gustav arbeitete an einer Oper, die ihm viel Kopf­zerbrechen machte, wenn er angerufcn wurde, winkte er knurrend ab:Sag', ich bin nicht zu Hause!" Und wenn sich der Anruf nach zwei drei Stunden wiederholte:Zum Teufel einmal, sag' ihr, daß ich gestorben bin, sag' wa» du willst, ich brauche Ruhe, Ruhe!" tobte er und Fra » Martha strahlte. Aus dem Kinderzimmer kam Gebrüll: der zweijährige Werner hatte von sei­nem hohen Gessel aus die Schale Milch auf seine Foeundin, das fünfjährige Katherl geworfen, weil sie mit seinem Teddybären spielen wollte. Jetzt heulten beide. Steffi stürzte aus der Küche, Gustav aus seinem Zimmer, setzte sich voller Stolz seinen heulenden Sprössling auf die Schulter. Er war hoch und schlank wie ein junger Baum, lächelte zu dem Kind hinauf, das sich an seinen dunkelblonden Haaren festhielt und Keine freudige Rufe aussiiess. Es war FrÜhjcchr, die ganze Wohnung duftete nach Flieder. Flieder stand . neben ihren Bett nach der Entbindung. Da» Kind war nicht so schön, wie Werner gewesen war, ober kräftig und gut geformt. Und das Stillen tat ihr nicht mehr so weh wie das erste Mal. «Also doch kein Mädchen"» sagte sie eni- schuldigend zu ihrem Mann. Er tröstete sie lachend: WlachtS nichts, daS Nächste dann.* ^Fortsetzung folgt)'