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Sozialdemokrat

Zentralorgan der Deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik Erscheint mit Ausnahme des Montag täglich früh/ Einzelpreis 75 Heller

Redaktion u. Berwaltung: Prag XII., Fochova 62- Telephon 53077- Herausgeber: Siegfried Taub- Berantwortlicher Rebatteur: Rarl Kern, Prag

18. Jahrgang

Freitag, 14. Oktober 1938

Kein Plebiszit!

Jr. 242

Chvalkovský nach Berchtesgaden Keine Einseitigkeit

Nach dem Besuch bei Ribbentrop at ni

Berlin, 13. Oktober. Der tschechoslowakische Außenminister Doktor Chvalkovský , der heute früh in Berlin eingetroffen ist, reist heute abends nach 21 Uhr in Begleitung des tschechoslowakischen Gesandten in Berlin Dr. Mastný nach Berchtesgaden , wo er vom Reichskanzler Hitler empfangen werden wird.

Berlin , 13. Oftober.( Tich. P.-B.) Der Dr. Chvalkovský mit Reichsaußenminister von fschechoslowakische Außenminister Dr. Chvalkovsky Ribbentrop dauerte zwei Stunden. Sie begann ist heute früh um 6.30 Uhr in Berlin eingetrof. um 11 Uhr und war um 13 Uhr beendet. Jen. Er wurde durch den hiesigen tschechoslowaki­fchen Gefandten Dr. Mastný fowie Mitgliedern Starker Eindruck in Paris

Diese Berichte machten in Paris an allen po­litischen Stellen, in der Oeffentlichkeit und in der Preffe bedeutenden Eindru d. Die Presse beschränkt sich bisher allerdings auf die

Depeschen der Nachrichtenbüros oder ihrer Berli­ ner Korrespondenten.

Die Verhandlungen, welche augenblicklich mit Ungarn wegen der magyarischen Minderheit in der Tschechoslowakei und einer neuen Grenz ziehung geführt werden, bieten ein ganz anderes Bild als jene Ereignisse, die zum Einmarsch der. deutschen und polnischen Truppen geführt haben. Während Deutschland und Polen ultimative For Der Berliner Korrespondent des Temps" derungen gestellt haben, welche die Tschechoslowa bemerkt, daß dieser Besuch nicht nur der Rege- tei nady Lage der Dinge annehmen mußte, wer­Tung der durch die Besetzung der fudetendeutschen den mit Ungarn sozusagen normale diplomatische Gebiete entstandenen Fragen gilt, sondern auch Verhandlungen geführt, in denen Vorschläge er die Beziehungen zwischen beiden Staaten auf stattet und mit Gegenvorschlägen beantwortet. nene Grundlager stellt. Der Temps" verzeichnet werden. Das liegt nicht daran, daß etwa die Un­ferner die fühlbare Wendung in der Schreibweise garn geringere Ansprüche stellen, als sie Deutsch­der deutschen Presse gegenüber der Tschechoslo- land und Polen bereits durchgesetzt haben, son­wakei und schreibt weiter: Diese Tendenz nach dern hat seine Ursache darin, daß die internatio

ber tschechoslowakischen Gesandtschaft empfangen. Paris , 13. Oktober. Sämtliche Pariser einer Annäherung zwifchen Deutfchnale Lage Ungarns schwieriger ist. Nicht nur die Im Namen der Reichsregierung begrüßte der Abendblätter referieren an hervorragender Stelle land und der Tschechoslowate i Tschechoslowakei weist magharische Minderheiten Stellvertretende Chef des Protokolls den tschecho- über die Ankunft des tschechoslowakischen Außen- fommt auch i.. privaten Gesprächen mit Deutschen auf, sondern auch Rumänien und Jugoslawien . flowalischen Außenminister. Miniſter Dr. Chval- ministers Dr. Chvalkovstý in Berlin , über die zum Ausdruck. Diese erklären allgemein, daß fie Diese beiden Staaten hegen Befürchtungen, daß Yovffy, von Legationsrat Masařit begleitet, hat im Ehrung, die er dem deutschen Unbekannten Sol- gegenüber dem tschechoslowakischen Volfe keinerlei alls die ungarischen Ansprüche an die Tschechos Hotel Adlon Wohnung genommen. Um halb 11 baten erwies und darüber, daß er sich nach der Feindschaft empfinden, deffen Wut und Würde fie flowakei weitgehend Lefriedigt werden sollten, die Uhr legte Dr. Chvalkovský Unter den Linden beim Unterredung mit dem Reichsaußenminister von achten, mit den diefes Volt eine feiner härtesten Magyaren auch an die beiden genannten Staa­Ehrenmal einen Kranz nieder. An dem Vietäts- Ribbentrop wahrscheinlich noch heute Abend zu Prüfungen überstanden hat. Sie wären aber ten herantreten würden. Ungarn aber kann hft nahm auch Gesandter Dr. Maftuh teil. Um 11 Reichskanzler Hitler nach Berchtesgaden begibt. dessen ungeachtet nicht überrascht, wenn sich beim sich nicht mit allen seinen Nachbarn zugleich zer­hr begab sich der tschechoslowakische Minister in tschechoslowakischen Volke den Deutschen gegen schlagen. Die verhältnismäßige Zurückhaltung bas Auswärtige Amt, um dem Außenminister von über nicht gleich eine gleichartige Disposition ein- Ungarns hat aber noch einen anderen Grund. Die Ribbentrop einen Besuch abzustatten. Die Unter­stellen würde, weil es in dieser Angelegenheit die Magharen werden von Deutschland anscheinend redung des tschechoslowakischen Außenministers Rolle des Opfers spielt. nicht so unterstützt, wie sie sich dies gedacht haben. Deutschland will die entscheidende Rolle in Mit tel- und Osteuropa spielen und kann die gemein fame Grenze Polens und Ungarns , an die die bei den Staaten gedacht haben, nicht brauchen. Die geschwächte Tschechoslowakei hat Deutschland weni­ger zu fürchten als ein startes Polen und ein wies dererstarftes Ungarn . Bezeichnend ist, welchen Widerhall der Wunsch der Starpathoruffen gefun den hat, die ihr Selbstbestimmungsrecht so auss üben, daß sie ihr Weiterverbleiben bei der Tsche choslowakischen Republik wünschen. Auch die Slo­

Bahnhof Schönbrunn

neutralisiert

Mähr.- Ostrau , 18. Oftober. Wie wir aus gut informierter Quelle erfahren, wurde zivi

Ungarn bricht Verhandlungen ab

Tschechoslowakische Vorschläge ungenügend

Preßburg , 13. Oktober. Heute um 19 Uhr 20 Minuten fand sich in dem Gebäude der Bezirksbehörde in Komárno , wo die gemeinsamen Bera tungen der tschechoslowakischen und der ungarischen Delegierten stattgefun den haben, die ungarische Delegation mit Außenminister von Ranha an der Spitze ein und gab bekannt, daß sie ihrerseits die weiteren Beratun gen abbreche, denn auf Grundlage der vorgelegten tschechoslowakischen Bedingungen könne nicht mehr weiter verhandelt werden. Minister von Ka­nha übergab dem Vorsitzenden der Regierung Dr. Tiso eine Note, in der er diesem die Gründe mit der Bemerkung mitteilt, daß sich die ungarische Regie rung zwecks Entscheidung der strittigen tschechoslowakisch ungarischen Fra gen an die Großmächte wenden wird. HisW alb na

schen den deutschen und den tschechoslowakischen Behörden vereinbart, daß der Bahnhof Schöns brunn- Witkowitz und die Ausweiche Bolanta n. Odrou sich auf neutralem Boden befina den und daher nicht von deutschen Truppen be­setzt werden. Die deutschen Behörden stellen zur Aufrechterhaltung der Ordnung vier Finanzwach Teute zur Verfügung, die tschechoslowakischen Bez hörden stellen die erforderlichen Beamten zur Bewachung des Eisenbahnmaterials und der Frachtgüter bei. Der Bahnhof in Schönbrunn und die Ausweiche in Bolanta samt Geleisen, Sicherheits-, Telephon- und Telegraphenanlagen werden den tschechoslowakischen Staatsbahnen fibergeben. Den gesamten Betrieb wird dortselbst das tschechoslowakische Bahnstationsamt Schön brunn- Willowiß leiten. Der Personenverkehr swischen Mähr. Ostrau und der Haltestelle Pos Tanta wird nach weiterem Einvernehmen eröff net werden. Ebenso wurde die Art der Sichers stellung und der Personenkontrolle bei der Eisens bahnüberführung auf der Straße Mährisch­Ostrau- Troppau in Schönbrunn vereinbart. Diese Vereinbarung erfordert allerdings die Ge­diese Freimachung wird auch dem Raummangel Chamberlains und Daladiers. Diese Zusammen- nach in allen Mähr.- Ostrauer Bahnhöfen abgeholfen, kunft soll auf einer Yacht entweder in der Umge- fen von Gdingen zum tschechoslowakischen Export­weil es möglich ist, in Schönbrunn und Polanla bung von Genua oder von Neapel im November und Transithafen werde. Teere Waggons, Material und eventuell zurüd stattfinden und der Festigung des Viererpaktes gehaltene Sendungen zu deponieren. Die Signal- dienen. Ferner foll über das Kolonialproblem und und anderen Einrichtungen sind unversehrt ge- über die Frage einer allgemeinen Abrüstung ver­blieben. Nach beiden Dienststellen wurde sofort handelt werden. Es soll auch die Teilnahme des das dort früher beschäftigte Eisenbahnpersonal amerikanischen Staatssekretärs Hull sowie eines japanischen Vertreters nicht ausgeschlossen sein. abgesandt. Außer der erwähnten Agentur, deren Informa­tionen die Blätter zitieren, wurde diese Nachricht on feiner anderen Quelle beſtätigt.

Rätselraten um die Zukunft

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Neue Vierer- Konferenz? Berlin will gute Beziehungen mit Prag Paris , 13. Oktober. Die Blätter veröf- will, die den Zielen der Diplomatic Sitlers zu fentlichen einer Meldung der Central Neus" sagen würden. In erster Linie würde es sich dar­entsprechend einen Bericht über eine beabsichtigte um handeln, nicht zuzulassen, daß die Tschechoslo o Verkehrsbeziehungen

walen betonen, seit dem sie ihr Autonomiepro­gramm durchgesetzt haben, mehr als früher ihre Verbundenheit mit den Tschechen. Wenn also die flowatische Regierung bei den Verhandlungen in Stomarno mehr Glüd haben wird, als die tschecho­slowakische in der internationalen Kommission in Berlin , so ist dies nicht so sehr der Geschicklichkeit der Slowaken zu verdanken, wie der günstigeren Situation, in der sich die Slowakei Ungarn gegen über befindet. Das Hauptopfer für die Erhaltung

des europäischen Friedens haben die historischen Länder gebracht.

Diese Vorgänge zeigen, daß die internatio nale Situation bei einer vorsichtigen Politik der Tschechoslowalei nicht so ungünstig sein muß, wie man es nach den furchtbaren Schlägen, die das Land zwischen dem 1. und 10. Oftober erlitten hat, dachte. Die Aufgabe der neuen Tschechoslowa­fei wird wohl darin bestehen, ähnlich, wie es die Schweiz tut, ihre Neutralität zu wahren. Die Re­ publik kann nicht von dem Extrem der früheren westlichen Orientierung zum anderen Extrem zeigt sich schon jetzt bei den Verhandlungen über die englische Anleihe, daß das Land die West­mächte braucht trotz allem, was vorgefallen ist.

nehmigung der vorgesetzten Behörden. Durch neuerliche Zusammenkunft' Muſſolinis, Hitlers , wadern, daß der Has einer rein deutschen Orientierung verfallen und es

Deutscher Staatssekretär in der Slowakei

Ein neuer Rüstungswettlauf Auch im Innern wird eine extreme Politik Pari 8. Der Berliner Havas- Bericht nicht im Interesse des neuen Staates sein. Ein erstatter meldet: Die Verstärkung der britischen Staat und Volk in der Situation, in welcher sich Rüstungen und der in England in diesem Sinne das tschechoslowakische Volt jetzt befindet, hat alles verbreiteten Propaganda beunruhigt deutſche vo- Interesse, seine nationale und staatliche Einheit zu litische Streise ernstlich. In zahlreichen Artikeln erhalten und den neuen Staat nicht durch innere sprechen die deutschen Blätter von einem Rüstungs- Kämpfe erschüttern zu lassen. Es tann es sich nicht Der ehemalige Ministerpräsident Leon fieber, das im Widerspruch zu der Münchener erlauben, sich bloß auf eine Gruppe der Be Blum schreibt im Populaire": Niemand in Atmosphäre ſtehe. Die deutſche Preſſe erklärt, daß völkerung zu stützen. Gerade zu dem augenblick= In einem, Interview, welches der Vorſizende Frankreich , auch diejenigen nicht, die das Mün- Deutſchland diefen Nüftungen gegenüber nicht lich größten Problem, zum wirtschaftlichen Wies der ſfolvatiſchen Regierung, Dr. Tiso, einem Ver- cheney Abkommen am wärmsten begrüßt haben, gleichgültig bleiben könne und was die eigenen deraufbau, braucht man die Arbeiterschaft, die treter bes Camburger Fremdenblatt" gegeben sieht dieſes als ein Ende an. Die Ereignisse der Rüstungen anlange, zu den notwendigen Kon- ihrerseits ihre Kräfte durch die einheitliche Zu­hat, erklärte er, die ſlowafische Regierung wolle letzten acht oder zehn Tage, die militärischen fequenzen gezwungen werden könnte. Die Preſſe ſammenfassung aller Gewerkschaften stärken und auch nicht einer Deutſchen in der Slowakei ent- Operationen in der Tſchechoslowakei , die Rede wälzt die Verantwortung für diese neue Miß auch durch eine Stonzentration ihrer politischen nationaliſieten. Den Deutſchen werden alle Rechte Hitlers in Saarbrüden, Francos Ablehnung einer trauenshaltung" auf England ab. Die Frank- Kräfte die Stellung behaupten kann, die sie bis­in Wirtschafts- und Kulturfragen gegeben werden. Vermittlung, das alles sind Ereignisse, die keine furter Zeitung" schreibt: Deutschland kann der her im politischen und wirtschaftlichen Leben des 3m Brinzip wurde bereits entschieden, daß das günſtige Atmosphäre schaffen. Léon Blum rät neuen Rüftungswelle in Frankreich und England Landes innegehabt hat. Die Bevölkerung braucht Amt eines Unterstaatssekretäre für die Angelegen- ebenfalls zur Bereitschaft und zum Vorbereitet gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Die Nebe des vor allem Brot und Arbeit, und dazu ist ein plan­heiten der slowakischen Deutschen geschaffen fein Frankreichs , denn in einem Monat oder in Führers in Saarbrüden hat flar gezeigt, daß mäßiger Wiederaufbau der Wirtschaft notwendig, drei Monaten fönnen die Ereignisse und Schwie- Deutschland gezwungen ist, eine Rüstungspropor- ebenso die Durchführung großer wirtschaftlicher werde. rigkeiten noch ärger sein. tionalität in Erwägung zu ziehen." Die Natio- Arbeiten, wie die Schaffung neuer Industrien. Wie das Nude Právo" mitteilt, hat der ehe­Der Berliner Korrespondent des Lenalzeitung" fagt: Den englischen verantwortli- Darauf muß man die Hauptaufmerksamkeit des malige Abgeordnete der Sudetendeutschen Partei, Karmasin, von der slowakischen Regierung die Be- Iour" schreibt: Es gibt keinen Zweifel darüber, chen Kreifen muß bewußt sein, daß im Falle die Volkes lenten und es ist die Aufgabe der Politiker willigung zur Gründung einer neuen politiſchen daß Deutschland schon jetzt bestrebt ist, die begreif- Müftungspropaganda fortgesetzt werden sollte, und Presse, die Bevölkerung in diesem Sinne au Bartei unter dem Titel ,, Deutsche Partei" erhal- liche Bitterkeit der Tschechoslowakei gegen die che: Deutschland zu eignen Schritten gezwungen fein beeinflussen. Nicht kleinliche Maßnahmen gegen ten. Die neue Partei hat ein totalitäres. Pro- maligen Verbündeten auszunüßen und daß es mit könnte, was das Gleichgewicht der Kräfte anbe- ein paar sudetendeutsche Flüchtlinge können das Los des Staates und Volfes bessern, sondern mur

gramm.

der Prager Regierung Beziehungen herstellen trifft."

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