Anterhaltungsblatt des Vorwärts

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Nr. 78.

Mittwoch, den 21. April.

( Nachdruck verboten.)

Ein alter Streit.

1897.

keine Antwort! Das Haus ist leer, haben sie ihn mitgenommen, verhaftet? Gott erbarme fich! so weit wird es doch nicht Gefängniß muß?-Jn Todesangst läuft sie hinaus und schreit in die Sturmnacht hinaus:" Sebald, Sebald!"

Roman aus dem bayerischen Volksleben der sechziger Jahre kommen, daß ihr Bruder, ihr reiner unschuldiger Bruder, ins von Wilhelmine v. Hillern.

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,, Baldl, willst es thun. Jesus Maria Sie kommen schon-"

Sebald nimmt die Kohlen und reibt sich Gesicht und Hände schwarz.

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thu's- geh!"

Gott lohn' Dir's!" ruft Lenz.

Schon schlagen die Gewehrkolben an die Thür. Wiltraut faßt ihn stumm am Arm und reißt ihn mit sich fort, durch den Stall hinaus, nach der Schlucht. Während Sebald geht und die Gendarmen hereinläßt.

Ganz vom Fuß des Abhangs ruft es schwach zurück: Wiltraud!"

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Er ist's, fie führen ihn fort, sie sind schon da drunten. Aber noch zum Einholen ja, wenn fie recht läuft, kann sie ihn noch erreichen. Und sie läuft wie ein vom Wind fort gewirbeltes Blatt. Sie ist unten sie hat ihn, ihre Arme umschlingen ihn, ihre glühende Wange drückt sich auf seinen Mund, als wolle sie ihn schüßen vor der kalten Luft.

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Ja i bitt' Euch, mei Bruder ist trankwo soll er denn hin?" redet sie athemlos die Gendarmen an.

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Hochgeschürzt und barfuß klettert das Mädchen vor Lenz Wo a jeder Haberer hing'hört, ins Gefängniß!" her in dem schmalen Rinnsal des Mühlgefälls hinunter in die" Ja, aber ös hört's doch, daß mei Bruder krank ist, Tiefe. Kein Wort wird gesprochen auf dem ganzen gefähr- brustleidend! Des tönnt's doch' n Kranken nit ver­lichen Abstieg. Unten angelangt, deutet sie nach einer seit- arretiren. Und heut in der rauhen Nacht den Menschen lichen Spalte, einer Art Klamm, nicht breiter, als daß ein' nausschleppen mit sei'm Husten, das tunnt ja sei Tod Mensch durch kann. Dort schlaf eini und geh immer weiter, wer'n!"

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liebe Nein, nein, dös kann, dös darf nit g'schehen Leut, i bitt' Euch, habt's doch an Einsehen fragt's den Doktor, der kann's bestätigen, daß der Bruder' s Einsperren nit vertragen that!"

bis sich's aufthuat. Da kommst grad hinter'm Dorf' raus. Wir müssen machen, daß wir weiter kommen," mahnt Nacher kannst Dich zwischen die Hecken durch und ung'sehen der eine Gendarm den andern und will gehen. in Dei'm Vater sein' Hof schleichen. Schau, da wasch' Dir glei' s G'sicht und Händ, daß ma Dir's nit antennt." Sie nimmt ihr Brusttuch ab und giebt es ihm zum Ab­trocknen. Er thut, wie sie ihn geheißen. Sie steht bis an die Knöchel im eisigen Wasser des Wildbachs, der die Schlucht durchrauscht und ihre rosigen Füße bespült, daß sie brennen vor Kälte.

Lenz thut, wie sie ihm geheißen, und als das jugend­liche Gesicht wieder frisch und rein in die Welt schaut, da wird ihm so leicht, als habe er nun auch alle Schuld von sich abgewaschen, und er umschlingt Wiltraud. So, jetzt tann i Dir auch a Bußl geben, zum Dank für Dei große Lieb und Hilf!"

Wiltraud steht finsteren Blicks und die geschlossenen Lippen erwidern den Kuß nicht.

" Traudl, was spinnst? Bist mir bös?" " Mach, daß D' in Sicherheit kommst i muß' nauf zu mei'm Bruder."

Schau

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wenn Du wüßtest, wie leid' 3 mir ist um den Baldi! 3 wird ihm doch nix g'schehen?"

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Für die Sorg ift's jetzt zu spät, dös hätt'st Dir früher überlegen müssen-!" Traudl! I tehr' um i sieh Dir's an,' s ist Dir nit

recht?"

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Geh und rett' nur Du Dich mei Bruder hat sei gut's G'wissen aber Dir sei Gott gnädig!" Und damit wendet sie sich und klimmt, ohne sich umzusehen, die Sagrinne" wieder hinauf.- Einen Augenblick bleibt sie oben stehen und hält sich an dem bemoosten Holzwerk des Mühlrades. Sie sieht Lenz nach, wie er läuft- als fürchte er,- ste könne ihn noch beim Wort nehmen und sagen:" Kehr um!"

Sie versucht wie mechanisch das Nad zu bewegen." Du bist todt! Die Mühl' todt und der Müller und was noch?" Warum war es ihr denn eben, als sei noch etwas todt?

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Lenz ist jetzt verschwunden in der Klamm. Er hat noch einmal gewinkt, sie sah es beim Schein des düster flammenden Himmels, der seine rothen Reflexe in die Schlucht wirft, aber sie erwiderte es nicht. Nun faßt die Sorge um den Sebald ihr Herz mit aller Macht und sie eilt, so schnell die Füße sie tragen, hinein ins Haus. Es war ihr noch nie so bewußt wie heute, daß sie nichts hat als ihn- sie muß sich an seine Brust lehnen und ausweinen! Weinen, um was denn? Sie weiß es nicht. Es ist ein großer Schmerz in ihr, den sie nicht versteht. Ist's um den Lenz? Der wär's nit werth!" Vielleicht ist aber gerade das der Schmerz?!

Sie hat die Stallthür erreicht und horcht, ob die Gendarmen noch da sind. Aber alles ist still. Sie geht leise durch den Stall in den Hausgang, ein kalter Wind Pfeift ihr entgegen, die Hausthür steht offen, auch die vom Wohnzimmer, kein Mensch weit und breit. Sie sucht in der Küche, in der Kammer, auf dem Speicher sie ruft

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Die Gendarmen lachten.

" Gott im Himmel, seid's barmherzig!"

" 1

Dös ist mit unser Sach, wir müssen thun, was die Pflicht vorschreibt."

ist

Aber, jetzt kann ma' 3 ja sagen, der Bruder unschuldig."

Die Gendarmen lachen wieder: Dös b'hauptet a jeder, auch wenn er's Gsicht und d' Händ' no schwarz hat und d' Haberermontur auf'm Boden liegt!"

,, Er ist ja gar nit dabei g'wesen. Schaut ihn doch an sieht denn der kränkliche Mensch aus, als könnt' er Haber­feld treiben?"

" Da ist gar nix 3' reden, spar' Dir alle Wort, Madel. ' 3 Leugnen tann die Sach' nur verschlimmern, Dei Bruder ist der That überführt und geständig!"

"

Sebald, warum haft es denn soweit kommen lassen?" Was ma versprochen hat, muß ma halten!" sagt Sebald fanft.

Aber i hab' nix versprochen,-i schweig' nimmer-- nit wahr is's!" schreit Wiltraud mit der Kraft der Ver zweiflung: Soll denn der Unschuldige für den Schuldigen büaß'n? Glaubt's ihm nit- ös seid's ja ang'führt- g'opfert hat er sich für' n andern-!"

" Ja, wo ist dann der andre?" frägt einer der Gendarmen

scharf.

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" Traudl!" mahnt Sebald und zum ersten Mal in seinem Leben ist ihr der schwache Kranke überlegen an Seelengröße und Willenskraft. Es ist etwas in dem Zon, mit dem er das eine Wort sprach, als wolle er sagen: eine Schwester, die zur Verrätherin wird, ist meine Schwester nicht mehr." Da steht sie und kämpft den schwersten Kampf: Soll sie den Bruder hingeben oder ihn retten gegen seinen Willen, um den Preis eines Verraths an dem, der sich auf sie verläßt und ihr vertraut und der noch einen Vater hat, wenn auch ein schlechter, so ift's doch immer sein Vater!- Sie denkt an den ihren im Grab und wie's wär', wenn der so was am Baldl erleben hätt' müss'n!

" Nun, wirb's?" fragt der Gendarm nochmals:" Wo ist der andre?"

Wiltraud steht mit festgeschlossenen Lippen und schweigt. " Da haben wir's ja! Der andere wird wahrscheinlich der Mann im Mond sein!" Beide lachen. Gelt Madl, jetzt weißt halt doch nix?" Er giebt Sebald einen leichten Kolbenstoß: " Jetzt vorwäts, marsch!"

Baldl, Bruder!" schreit Wiltraud auf und umklammert mit beiden Armen den zarten Rörper: laß' Dich nit schlagt mich todt, aber trennt mich nit von meim'm Bruder!" Die Männer bleiben kommen Dir anders."

" Jesus , ist das a wild's Madl!" stehen. Laß' n jetzt gehen, oder wir