Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 155. Dienstag, den 10. August. 1897. 87] und (Nachdruc! verboten.) CesÄvine. Von Jean Nichepin. Uebersetzt von H. L. ]ch hatte einen Augenblick die Hoffnung, daß sich Paul 5esarine in ihre neue, so nahe Wohnung geflüchtet hätten. Die Hausmeisterin sagte mir, daß sie seit dem Tage der Vev Haftung weder sie noch den Vater Szasz wiedergesehen habe. Sie vermuthete, daß der Alte in seine frühere Wohnung zurück- gekehrt sei. „Er vielleicht/ dachte ich;„aber sie sicher nicht. Ganz gewiß hat Cesarine Paul nicht in die dem Kapitän bekannte Wohnung zurückgeführt". Aber wo konnten sie denn wohl sein? Meine Unruhe verwandelte sich in Schrecken. Ich entschloß mich, auf jeden Fall nach der Rue Toullier zu gehen. Hierher würde offenbar der Kapitän eilen, wenn er einen Augenblick Zeit findet. Hier mußte ich mich aufhalten, um ihni zuerst sagen zu können, daß Paul nicht im stände gewesen sei, Paris zu verlaffen, und daß er weder schuldig noch feige gewesen, sondern krank und fast jterbend sei. Ich ging den Weg wieder zurück, den ich gekommen war. An der Barrikade der Rue de Vaugirard stand jetzt ein halbes Dutzend Neugieriger, die den Leichnam des Födcrirten betrachteten. Ein Mann, der eine breite dreifarbige Arm- binde trug, sagte mit lauter Stimme, indem er jedermann prüfend anblickte: „Das macht Vergnügen, sie verrecken zu sehen. Nicht?" Er hatte die Miene eines Polizeispitzels. Niemand antwortete ihm. Er fuhr fort, indem er dem Leichnam einen Stoß mit dem Stiefel gab: „Hat der dreckige Füße, dieses Schwein!" Und ich bemerkte nicht nur, daß die Füße schmutzig, sondern daß sie auch nackt waren. Eben noch hatte ich sie beschuht gesehen. Man hatte die Schuhe des Todten gestohlen. Am Odeon war der Weg von neuem durch einen Kordon Soldaten abgesperrt. Die Schlacht mußte also ganz nahe sein. Man hörte vom Pantheon Gewehrknattern. Ich war der einzige Zivilist auf dem Fahrdamme. Glücklicherweise be- merkte ich den Wirth des CafS's Tabourey, der gerade im Begriff stand, die Läden seines Schaufensters abzunehmen. Wir kannten uns. Ich ging an ihn heran und er ließ mich eintreten. „Gehen Sie ins Entresol hinauf", sagte er mir.„Dort ist meine Familie. Bleiben Sie bei ihr. Sie sind verrückt, in diesem Augenblicke spazieren zu gehen. Man wird für ein Nichts verhaftet und füsilirt." Eine halbe Stunde später sah ich in der That durch die Fenster des Zwischengeschoffes Gcfangencnzüge vorbei passiren, unte'' denen sich nicht blos Besiegte in Uniform sondern auch Leute in Blusen, in Jacketts befanden, Bürger und selbst E tauen und Kinder. Sie waren fast alle barhäuptig. Die ände waren ihnen auf dem Rücken zusammengebunden. Sie marschirten zwischen zwei Reihen ausgehobener Stadtsergcanten, die den Revolver in der Faust trugen. In einem der Züge schrie eine Frau, deren Haare ans die Schultern niederfielen: „Zum Meuchelmord! Zum Meuchelmord!" Und von nervösen Krämpfen erfaßt, stürzte sie zu Boden. Man brannte ihr aus nächster Nähe einen Schuß ins Gehirn. Sie zuckte noch einmal konvulsivisch auf und dabei schlugen ihre Röcke in die Höhe. Man ließ sie mehr als eine Stunde in dieser Stellung liegen. Die Soldaten machten einander bei ihrem Anblick Vorschläge, die ich zwar nicht hörte, die ich aber aus ihrem Lachen errieth. Endlich gab ein Stabsarzt, der eine Schärpe um den rechten Arm trug, den Befehl, den Körper wegzuschaffen. Nachher überschritt er die Straße und trat in das Cafe ein. Sein Gesicht erweckte in mir eine Erinnerung. Ich stieg hinab und erkannte ihn. Er hatte ehemals unter dem Befehle meines Vaters gedient. Ich redete ihn an, rief ihm dies ins Ge- dächtniß zurück und sagte ihm, wer ich wäre. Dann erzählte ich ihm von meiner Angst über das Schicksal meines Freundes, der ebenso wie ich ein Soldatenkind sei. Er war gern bereit, mich in meinen Nachforschungen zu unterstützen und wir gingen zusammen nach der Rue Toullier. Da war ebenfalls noch keine Nachricht über Paul und Cesarine zu erhalten. Aber man hatte den Vater Miklos mehrere Male während des vorhergegangenen Tages und noch dreimal heute Morgen gesehen. Er ivar in die Wohnung nur gekommen und gegangen auf der Suche nach seiner Tochter, da er nicht wußte, was ans ihr geworden wäre, er sei gerannt wie ein Narr. „Närrisch, und besoffen dazu," fügte die Hausmeisterin hinzu.„Potztausend! Der arme Mensch! Er muß mehr als ein kleines Glas getrunken haben, um sich Muth zu machen. Er wollte durch das Handgemenge durchdringen, um das Fräulein zu suchen." In der Kneipe der Rue Cujas hatte mau ihn ebenfalls gesehen. „Er hat mir genug zugesetzt," antwortete mir LouiS. „Glücklicherweise hat mich Augyal von ihm befreit." „Wann das?" „Vor ungefähr zwei Stunden." „Er hat ihn iveggeführt?" „Oh! Weggeführt! Beinahe weggetragen. Der General war so steif, daß er sich nicht mehr aufrecht halten konnte." „Nun, nach ivelcher Seite hat er ihn denn weggeführt?" „Nach der Mairie zu." Wir gingen da hinauf. Das Gemetzel hatte hier kaum geendet. In dem Korridor einer Modewaareuhandlung, nahe an dem Denkmal lagen die Leichname zu Dutzenden durch- einander aufgehäuft. Darunter waren die Leichen von Kindern, dieser zwölf- bis vierzehnjährigen Burschen, die die Kommune als Staffelten verwandt hatte. Einer von ihnen war in Hemdsärmeln getödtet worden. Seine kleine Brust war von Bajonnettstichen wie ein Schaumlöffel[durch« löchert. In dem Hof der Mairie war die Hinter« mauer mit großen rothen, sternförmigen Spritzflecken be- deckt. Die Köpfe der Fttsilirten hatten daran geschlagen wie blutige Schwämnie. Auf unsere Erkundigungen erwiderte uns ein Gendarmerie- Offizier, der als Profoß funktionirt hatte: „Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, daß niemand von denen, die hier waren, entwischt ist. Zwischen dem Pantheon, der Bibliothek und Saint-Etienne-du-Mont waren wohl sieben bis achthundert Insurgenten zusammengedrängt. Man hat ihnen allen ihre Reinigung gegeben." „Wtit dem Karabiner, versteht sich," fügte lachend ein junger Unterlieutenant hinzu, der dem Profoß als Sekretär gedient hatte. Es war beinahe noch ein Rotzlöffel. Er hatte zwei oder drei Schnurrbarthaare, trug eiu Monocle und rauchte eine riesige Zigarre. „Ja," fuhr er fort,„da war vor allem ein Alter, der ein zähes Leben hatte! Der hat der Regierung Munition gekostet! Der reine Äugelfaug, was! Man hat ihm eine tüchtige Portion aufgepelzt. Der Herr soll ein General gewesen sein. Bei diesem Worte zitterte ich. Und leider erhielt ich, als ich weiter in ihn drang, neue Details, die keinen Zweifel mehr ließen. Dieser Unglückliche war der Vater Miklosch. Man hatte ihn triumphirend aufgegriffen. Die Leute des Viertel?, die ihn vorübergehen sahen, hatten gesagt: „Sieh' da! Der General!" Das, und sein Kostüm, mehr bedurste es nicht. Man hatte ihn an die Mauer gestellt und füsilirt. „Ist übrigens nicht würdig gestorben, dieser General/ fuhr der kleine Unterlieutenant fort.„Er hatte Umstände gemacht, ehe man ihn zusammenknallen konnte. Er schrie, daß Ungarn krank sei, sehr krank. Ich glaube gern, daß er krank war, dieser General!" Ich konnte mich nicht enthalten, auszurufen: „Aber das war ein Jrrthum, mein Herr! Ich, ich kannte ihn, diesen armen Menschen. Es war ein Mathematiker, durchaus kein General." Der Bursche antwortete mir, entschieden sehr geistreich: „Ei, mein Herr, es war sicher ein General der Kommune, gar kein Zweifel, er ist ja besoffen wie Robespierre's Esel gestorben." Ich hatte mich in meinen Muthmaßungcn bezüglich des Kapitäns nicht getäuscht. Nachdem ich den Stabsarzt ver« lassen hatte und nach der Rue Toullier zurückkehrte, traf ich Herrn von Ronciux unten bei der Thürschließerin. Sobald er gekonnt hatte, war er dorthin geeilt.
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14 (10.8.1897) 155
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