Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 257.
2)
Opfer.
Freitag, den 31. Dezember.
( Nachdruck verboten.)
Von Dorothee Goebeler.
( Schluß.)
In der Dämmerstunde schlich sie nach seinem Komptoir. Hinein hätte sie sich heute nicht gewagt, aber vom gegenüberliegenden Damm mußte sie ihn sehen können. Und sie sah ihn auch. Lachend und schwahend unterhielt er sich mit seiner jugendlichen Buchhalterin, sein ganzes Geficht strahlte vor Liebenswürdigkeit.
1897
Ohne seine Antwort abzuwarten ging sie in die Schlafstube und suchte ihr Lager auf.
Er war ganz erstarrt, erst nach und nach fand er seine Fassung wieder:" Eifersüchtig also?" Er stieß einen Pfiff aus. Was in dieser kleinen Martha Bucher alles steckte!- Und wie sie ihn angesehen hatte! Er konnte gar nicht darüber forttommen. Dann aber übermannte ihn plötzlich der Aerger: Sollte er etwa kein anderes Frauenzimmer mehr ansehen dürfen, weil er verheirathet war? Hatte er etwas mehr verbrochen, als mit einem hübschen Mädchen ein paar Stunden beim Glas Bier verplaudert! Er beschloß, Martha morgen gründlich die Wahrheit zu sagen.
Martha war nicht eifersüchtig, denn noch gab ihr dieser Anblick einen Stich durch das Herz, und erst nach und nach beruhigte Als der Morgen fam, schwieg er indessen, und auch sie sich. War sie nicht dumm, sich zu ärgern. Warum sollte Martha tam nicht mehr auf den vergangenen Tag zurück. In er nicht freundlich zu seiner Angestellten sein? Wenigstens den langen schlaflosen Stunden der Nacht hatte sie mit sich war er wieder guter Laune, sie wollte alles thun, ihn dabei zu und ihren Empfindungen abgeschlossen. Seine Liebe war ihr erhalten. Haftig eilte sie nach Hause, um ihm zum Abend verloren, das sah sie ein, ja sie fragte sich sogar, ob er überfeine Lieblingsspeise zu bereiten. Chaupt je eine wirkliche Liebe empfinden könnte. Um seine Er kam auch heute wirklich und schien den Streit vom Buneigung zu bettelu, dazu war sie zu stolz. Sie wollte ihm vergangenen Tage völlig vergeffen zu haben. In alter die sorgende, pflichtgetreue Frau bleiben, im übrigen mochte Gemüthlichkeit verbrachten sie den Abend. Als sie sich zur Ruhe ex thun und lassen, was ihm beliebte. begaben, nahm er plößlich ihre Hand.
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Weißt Du Martha, eigentlich hattest Du doch Recht, mich gestern abzukanzeln. Ich habe Dich wirklich schlecht behandelt. Aber morgen gehen wir auch zusammen aus, ich habe schon Billets für die Reichshallen."
Sie hatte aus ihrer Abneigung gegen alle Spezialitäten nie ein Hehl gemacht, dennoch rührte seine Freundlichkeit fie tief:
"
Du haft mich überhaupt ganz falsch verstanden, und-" Er ließ sie nicht ausreden: Du kannst mich dann um Sieben abholen. Fräulein Schenk fommt auch mit. Ein sehr nettes Mädchen, Martha! Jst Dir etwas?"
"
Nein."
Aber Du bist so still?" or
Nein nein! Nur müde."
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Und sie drehte sich nach der Wand und vergrub das Gesicht in den Kissen. Er brauchte nicht zu wissen, daß sie
weinte.
Trotzdem verlief der Theaterabend recht amusant. Sie brachte den besten Willen mit, jeden bösen Verdacht niederzuhalten, in dem Billet für Fräulein Scheut nichts zu sehen, als eine Aufmerksamkeit des Chefs gegen seine Angestellte. Und das gelang ihr auch. Sie war froh, ihren Mann wieder in alter Liebenswürdigkeit zu sehen, und in diesem Frohsinn machten ihr selbst die Klownerien der Schauspieler heut' Vergnügen.
Ta schlug plötzlich ein Wort an ihr Dhr, das sie traf wie der Blitz aus heiterem Himmel. Die Kassirerin wies auf den Sänger:
Haben wir den nicht schon mal gehört, Herr Martens?" Bor Martha's Augen wurde es dunkel. Das Lachen war von ihrem Gesicht verschwunden. Sie athmete förmlich auf, als die Vorstellung zu Ende war, und mit wahrem Entsezen sträubte sie sich gegen den Vorschlag ihres Mannes, noch ein Restaurant aufzusuchen. Sie hätte Kopfschmerzen"; und das war feine Lüge.
"
Verstimmt und schweigsam gingen sie nach Hause. Erst als fie oben in ihrer Wohnung waren, nahm sie wieder das Wort:
"
Du warst wohl schon öfter mit Fräulein Schenk fort?" Wieso?"
Sie erwähnte so etwas!"
Ach, wegen des Sängers?" Er versuchte ein Lachen. " Ja, neulich beim Dingsda. Sie wollte gern einmal hin und da wir an dem Abend denselben Weg hatten
Vielleicht wäre ihr dieser Entschluß nicht so leicht ges worden, wenn sie nicht eine Hoffnung gehabt hätte: die Hoffnung, daß er sich doch noch einmal zu ihr zurückfinden könne, wenn wenn das Kind erst da war.
Eine tiefe Ruhe war jetzt über sie gekommen, eine stumme Resignation. Seine Lannen reizten und betrübten sie nicht mehr. Gleichmäßig freundlich, immer auf sein Behagen bes dacht, lebte sie neben ihm hin.
Er war sehr zufrieden damit. Grade so hatte er sie haben wollen, ohne Wünsche, ohne Vorwürfe, immer geschäftig und voller Rücksichten für ihn. O ja, er verstand schon, eine Frau zu ziehn! Er war förmlich stolz darauf. Wenn er mit seinen Kumpanen die Nächte durchschwärmte und die andern Ghemänner nach Hause in das Joch" mußten, saß er und rühmte seine ideale Frau".
Diese ideale Frau selbst suchte unterdessen in rastloser Arbeit die raftlose Dede ihres Lebens zu vergessen. Martha hatte sehr viel zu thun. Die Wirthschaft mit ihren mannig fachen Pflichten nahm, so klein sie war, ihre ganze Thätigkeit in Anspruch. Und auch die Vorbereitungen für das kleine Wesen, welches nun bald seinen Einzug bei ihnen halten sollte, beschäftigten sie zur genüge. So lange sie Arbeit hatte, brauchte fie wenigstens nicht nachzudenken.
Es tam indessen die Zeit, wo sie nicht mehr arbeiten konnte. Und so sagte sie ihm eines Tages ganz offen, daß sie jetzt endlich Hilfe haben müßte. Sie hatte die Absicht, eine Schwester ihrer Mutter kommen zu lassen. Er war sofort damit einverstanden, er war überhaupt jetzt immer sehr freundlich und besorgt zu ihr. Ja, Tante Luise!" Sie sollte noch heute an Tante Luise schreiben, sollte sich überhaupt recht schonen und ja nicht anstrengen.
Sie schieden so heiter von einander, wie lange nicht. Seine Fürsorge hatte sie mit neuer Lebenslust erfüllt. Sie hatte es ja gleich gewußt, das Kind würde ihn ihr zurückgewinnen. Als er am Abend nach Hause kam, sie hatte ihn nicht erwartet und war nun doppelt glücklich darüber, fragte er gleich, ob der Brief an ihre Tante schon abgesandt sei. Sie verneinte, und er athmete sichtlich befreit auf:
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" Ich habe es mir nämlich noch anders überlegt, Martha. Logirbesuch, das würde sehr theuer und ich habe gerade soviel andere Verpflichtungen. Wenn wir uns vorläufig ein Mädchen nehmen, genügte das nicht? Nur vorläufig noch fünf bis sechs Wochen. Unseres Hauswarts Kleine sucht gerade einen Dienst und verlangt nicht viel. Hauptsache ist doch, daß Du Hilfe haft. Was
" Ja, ja, natürlich." Mechanisch legte sie den Spizen- dentst Du?" fragen in den Schrank.
Sie dachte, daß er wieder einmal recht egoistisch, und daß Und es ist doch auch ein nettes Mädchen, nicht? Und ein unerfahrenes, fünfzehnjähriges Mädchen für sie mehr Last aus guter Familie. Ich denke, wir wollen Sonntag wieder als Hilfe sei, aber laut sagte sie nur: zusammen sein." O ja, es wird schon gehen."
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Ich werde nie wieder mit Fräulein Schenk zusammen fein." Sie sagte es ruhig, wie etwas Selbstverständliches. Er fuhr auf:„ Erlaube! Was meinst Du?"
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" Daß ich auf die Gesellschaft Deiner Buchhalterin ein für allemal verzichte."
Und es ging auch. Sie verschluckte den Nerger, den Mieze's unausbleibliche Dummheiten ihr alle Tage von neuem bereiteten, und klagte nie. Sie war viel zu glücklich, ihren Mann wieder an ihrer Seite zu wissen, um ihn durch Klagen fortzuscheuchen, aber dann