Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 1.

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Sonnabend, den 1. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Alltagsleute.

Noman von Wilhelm Meyer Förster

I.

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1898.

sonders originell sein zu müssen. Er hatte einen Hintergrund angefertigt, der eine schwache Aehnlichkeit mit dem Wohnhause hatte, zur größeren Deutlichkeit las man aber an der Front dieses gemalten Hauses mit auffallenden Buchstaben das Wort Trauermagazin". Vor diesen Hintergrund wurde die nichts ahnende Tante gesetzt. Sie erhielt durch Das Trauermagazin in der Jägerstraße gehörte der Tante lange Korrekturen das Aussehen einer betrübten Person Schweder. Jedermann kannte sie unter diesem Namen, und und mußte ein Taschentuch in der Hand halten, das das hatte seinen Grund darin, daß ihre Daseinsthätigkeit im Bilde ohne weiteres auf Thränen deutete. Der eigentlich nur in der Sorge für zwei Neffen bestand. Christian, Hintergrund wurde nach der Aufnahme schnell wieder zu­der Theologe, machte ihr Freude, Albert, der Agent, beständigen gedeckt, um die Ueberraschung der Tante nicht vorweg zu Merger; einer wog den andern auf. nehmen, und drei Tage später brachte der Prinzipal selbst das erste Dußend dieser Bilder hinunter. Die Tante war nicht anwesend, und Herr Kreiser forderte das Gutachten der Laden­fräulein. Das Erstaunen aller war grenzenlos. Natürlich glaubte jedermann, das Arrangement des Bildes sei der Tante eigene Idee, und die Urtheile waren daher zunächst vorsichtig. Die Szene aber, als die Tante kam, ihr Bild in aller Händen sah, dieses Bild betrachtete und halb ohn­mächtig wurde dann aber sofort Herrn Kreiser hinaus­weisen und sämmtliche Bilder verbrennen ließ, die Szene war grotest.

Ein Trauermagazin ist schon seinem Namen nach kein Ort des Vergnügens, speziell in Schweder's Magazin aber hielt Merger aller Art unverhältnißmäßig häufig Einzug. Vielleicht lag das daran, daß die Tante eine cholerische Natur war und die Kümmernisse des Lebens sehr schwer nahm. Sie konnte über jegliche Person in Aufregung gerathen: über den Agenten, über ihre Schwägerin, des Agenten duldende und immer traurige Mutter, über das Lehrmädchen Jettchen und vor allem natür lich über Herrn Kreiser.

Meine Geduld ist jetzt am Rande," sagte sie, ich ertrage das nicht mehr, ich halte das nicht mehr aus. Dieser Kreiser ist ein Nagel zu meinem Sarge."

Ihre Schwägerin suchte sie zu beruhigen, und der Theologe Christian hatte einige fromme und freundliche Trostworte. Aber die gossen nur Del ins Feuer.

" Lieber," sagte die Tante, sollen mein eigenes Haus und das ganze Trauermagazin zusammenstürzen, ehe ich das länger mit ansehe. Habe ich noch Ruhe, seit dieser Mensch hier wohnt? Habe ich an meinem eigenen Hause noch Freude? Ich werde mit dem Justizrath sprechen. Wenn es Gerechtigkeit je ge­geben hat, so muß diefer Schurke aus dem Hause. Ich denke christlich und bin in allen Dingen duldsam, aber das geht über das Maß."

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Seit jener Zeit lebten Herr Kreiser und die Tante auf dem Kriegsfuße. Die erste Nache des Ateliers war die, daß eines Tages das Bild der Tante unten im Photographen­Kasten hing und aus der ganzen Nachbarschaft Lachluftige herbeizog.

Die Tante strengte eine Klage an, und nach langen Ver­handlungen wurde das Bild entfernt.

Ein anderes Mal stellte Herr Kreiser in seinem Kasten Bilder vom Ballet aus, nette kleine Mädchen in kurzer Gaze. Da aber der Kasten kontraktmäßig am Eingange des Trauer magazins hängen durfte und hing, so war die Tante mit Recht darüber empört.

Dergleichen Scherze wechselten hin und her, und erst nach Herr Kreiser, der Gegenstand dieser Erörterungen, war sechs verbitterten Monaten fand der Krieg seinen Abschluß. Photograph und wohnte im Hinterhause seit bald zwölf Mo- Herrn Kreiser's glänzende Lebensepoche war zu Ende, Gerichts­naten. Gelegentlich einmal hatte die Tante oben im vierten vollzieher nahmen im Auftrag der Lieferanten sämmtliche Stockwerk der besseren Ausnutzung halber ein Photographen Sachen in Beschlag, und die Tante hatte das Nachsehen. Das atelier bauen lassen, das mehr als sechstausend Mark Unkosten Atelier war verwüstet, die Tapeten befleckst, Glasscheiben zers verursacht hatte und allen Hoffnungen zuwider beständig leer brochen und Delfarbenflecke an den unmöglichsten Drten. stand. Als nun etwa zwei Jahre nach dem Umbau sich end- Herrn Kreiser's Nachbarschaft aber wurde die Tante damit lich ein Miether in Gestalt des Herrn Kreiser gefunden hatte, feineswegs los, denn die Wohnung im Hinterhause hatte er, erhielt er das kostbare Atelier ohne weiteres zugesprochen und wie bereits erwähnt, auf ein ganzes Jahr erhalten. Nie war zwar unter der glänzenden und beispiellosen Vergünstigung, eine geschäftskluge Frau so schmählich über's Ohr gehauen, daß die Miethe für seine Wohnung im Hinterhause jährlich, und alle Ladenfräulein des Magazins, vor allem der Tante die für das Atelier halbjährlich, beide aber erst postnumerando Todfeindin, das Lehrmädchen Jettchen, verfolgten den Kampf zu zahlen seien. mit Wonne.

Herr Kreiser war in seiner Art ein Original. Er hatte Natürlich ging es jetzt mit Kreiser schnell abwärts. Arbeit vom Photographiren nur eine schwache Ahnung, verfügte aber zu suchen war er zu faul geworden, und seine Tochter Anna, zum Unheil aller Leute, die je mit ihm in Berührung tamen, die ihm bisher die Wirthschaft geführt hatte, mußte sich eines über ein starkes Rednertalent. Ohne Möbel, Koffer oder Tages so weit erniedrigen, im feindlichen Lager um ein Al­irgendwelches Eigenthum hielt er mit seiner Tochter in dem mosen zu flehen. Glühende Kohlen auf anderer Leute Haupt Atelier Einzug, aber der Miethskontrakt verschaffte ihm allent- zu sammeln, ist eine der angenehmsten Handlungen auf weiter halben einen weitgehenden Kredit. Es wurden Apparate, Erde, und die Tante gab deshalb Ordre, daß dem vor Kälte Möbel, Teppiche und eine ganze Einrichtung der Reihe nach und Hunger zitternden Mädchen warmes Essen verabreicht entlichen, ein Gehilfe wurde angestellt und das eigenartige Ge- werden sollte. schäft ziemlich stilvoll eröffnet. Man mochte das siebzehnjährige Ding im ganzen Hause Schon damals," sagte die Tante, hätte ich diesen gern leiden; sie hatte etwas Weiches in ihrem Wesen, das sich Menschen durchschauen und merken müssen, daß alles Lug rasch schmiegt und unterduckt. Ihr Gesicht war nicht schön, und Trug war. Ich muß völlig besinnungslos gewesen aber rund und niedlich, und da in allen Küchen erzählt wurde, sein. Ich war mein Leben hindurch eine streng und rechtlich daß Papa Kreiser sein Töchterchen bisweilen bösartig prügle, denkende Frau, solche Gemeinheit hätte ich nie für möglich so wurde sie allgemein bedauert. gehalten."

In einer großen Stadt finden sich immer viele Leute, die für ihr Konterfei Geld auszugeben geneigt find, und da die Geschäftslage für das Atelier eine gute war, ließ sich die Sache zuerst leidlich an.

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Mit diesem Prügeln war das freilich nicht gar so schlimm. Der Photograph führte seiner Tochter gegenüber wie man optimistisch sagt allerdings eine ziemlich leichte Hand, aber neben seinen minderwerthigen Eigenschaften hatte er doch auch ganz wackere Absichten, und eine derselben war die, aus seinen Kindern bessere Leute zu machen als er selbst war.

Mit der Zeit aber lernte Herr Kreiser selbst photo­graphiren, und das war des Ateliers Ruin. Er hatte feinen Geschmad. Er nahm ältere Damen in ganz falschen Stellungen Als die noch klein waren, ging er mit ihnen Sonntags auf und konterfeite Brautpaare in Positionen, die ästhetisch spaziren, fing für Aennchen Schmetterlinge und ließ mit dem unschön waren. Jungen Drachen steigen, sparte in der Woche, um mit Frau und Kindern bisweilen in den Zoologischen Garten zu gehen, und war alles in allem eine Art von Jdealvater. Aber die Frau starb, der Junge kam in die Lehre als Kellner. und ließ

Einmal ließ sich auch die Taute bei ihm photographiren, vielleicht nur deshalb, um auf einen Theil ihrer Kosten zu tommen. Natürlich glaubte Herr Kreiser in diesem Falle be­