Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 54. Donnerstag, den 17. März. 1898. <Nachdrurl verboten.) is] Nm häuslirhetr Roman von Iwan Franko . „Nun, sehen Sie, die höhere Instanz hat entschieden!* rief der Hauptmann, voll Freude darüber, daß seine Frau, die anfangs geschivankt hatte, nun auf seine Seite trat.„Er- landen Sie/ fügte er hinzu, Julie den Arm reichend und dann, als er sie von der Seite anblickte und auf ihrem Ge- sichte den Ausdruck der Unzufriedenheit und des Verdrusses sah, fuhr er fort: „Warum spielen Sie die bedrückte Unschuld? Ist Ihnen meine Gesellschaft wirklich so unerträglich „D, Herr Hauptmann scherzen ivohl/ sagte Julie, sich zu einem fröhlichen Lächeln zwingend.„Aber bei mir zu Hause..." „Was zu Hause"— unterbrach er—„die Kinder weinen nicht, und die Kätzchen, Hündchen und Kanarien- vogclchcn werden wohl vor Sehusuchr nicht vergehen." Julie wendete, wie verschämt, den Kopf zur Seite. Sie kamen ins Speisezimmer. Angela machte sich mit der Suppe zu schaffen. Die Kinder saßen auf ihre» Plätzen, ruhig, aber heiter mit lachenden Augen. „Mnndi," fragte der Hauptmann, mit Julie auf den Knaben zukommend,„wolltest Du diese Dame da gestern zur Verantwortung ziehen?" Mnndi erhob sich vom Stuhl, reichte Julie die Hand und sagte:„Guten Tag, Tante Julie! Aber gestern wollte ich Ihnen sagen, daß Sie schlimm sind." „Ich schlimm, Mnndi, warum denn?" fragte Julie ver- wundert. „Ja, Sie," antwortete Mundi resolut.„Sie haben uns eingeredet, daß der Vater erst nachts kommen wird, und er ist doch früh gekommen, und wir waren in der Schule und konnten nicht auf den Bahnhof fahren, um ihn zu be- grüßen." „Was kann ich dafür Mnndi? Vater hat ja selber so telegraphirt!" „Was heißt das!" erwiderte Mnndi:„Im Briefe stand doch, daß er früh kommt, vielleicht war das Telegramm falsch?" „Ha, ha, ha! Das ist ein schneidiger Junge!" lachte der Hauptmann,„der kann Einem zusetzen!" „Aber Mnndi, bin ich denn Schuld daran, wenn das Telegramm falsch war?" „Sie hätten ihm nicht trauen sollen!" erwiderte der Knabe. „Du bist mir also böse?" „Gestern war ich's, aber heut' nicht mehr," sagte Mnndi. „Du bist mein goldener Jnnge!" rief der Hauptmann, ihm die Stirn küssend.„So sollst Du's immer halten! Hat Dir jemand Unrecht gethan, so sage ihm die Wahrheit offen ins Gesicht,— sag' unverhohlen alles, was Du denkst, aber höre nicht auf, ihu zu lieben. So wirst Du nie vom rechten Weg abweichen!" „Genug der guten Lehren! Bitte zuzugreifen, sonst wird die Suppe kalt!" sagte Angela. Eine Pause von einigen Minuten trat ein, während der nur das Klirren der Silberlöffel ans den Tellern und das Geräusch des Schluckens zu vernehmen waren. Die gezwungene und gespannte Stimmung, die zu An- fang des Mittagessens herrschte, und die alle um den Tisch sitzenden Personeir sorgfältig zu vertuschen suchten, begann langsam zu iveichen. Das heilere Geplauder der Kinder zer- streute ,vie ein erfrischender Wind die Wolken, die gleichsam ans dunkeln Schlünden immer wieder hervorkrochen und den Horizont dieses glücklichen häuslichen Herdes zu verdunkeln drohten. Unter dem Einflüsse dieser gesunden unschuldigen Kinderseelen wurde sogar Julie, die neben dem Hauptmann saß, heiterer, und begann sich freier zu bewegen. Nur Angela, die trotz sichtlicher Anstrengung die Folgen ihres nervösen Anfalls nicht zn bemeistern vermochte, crbleichtenochimmervonZeit zu Zeit und blickte ängstlich nach derThüre, als wenn dortjedcn Augenblick eiil Unglücksbote erscheinen sollte. Als daher wirklich, schon gegen Ende des Mittagessens sich an der Eingangsthüre ein lautes energisches Klopfen vernehmen ließ, schrie Angela bei- nahe auf vor Schreck, eilte zum Fenster, damit der Haupt- mann ihr bleiches Gesicht nicht sehe, und preßte die Hand ans Herz, um das heftige Pochen zu beschwichtigen. In der Thüre erschien die in diesem Hause lange nicht mehr gesehene militärische Gestalt Redlich's. Der kalte Luftzug von draußen verdichtete die erwärmte Zimmerluft zu einem Nebel. Freudig eilte der Hauptmann Redlich entgegen und drückte die ihm dargereichte Hand. „Guten Tag, Hauptmann!" sagte Redlich.„Guten Tag, meine Herrschaften!" wandte er sich an die Anwesenden, die er jedoch durch die feuchte Brille nicht recht sehen konnte. „Im Vorbeigehen trat ich bei Dir ein," sagte er wieder zum Hauptmann, wobei er die Brille abnahm und sie abwischte. „Ich habe Dienst, doch vorher kann ich noch einige Minuten mit Dir plaudern. Störe ich nicht?" fügte er, die Brille wieder aufsetzend, hinzu, als er die Mittagsüberreste auf dem Tische erblickte. „O nein, durchaus nicht!" protestirte Angela,„wir sind gleich fertig. Wollen Herr Lieutenant für einen Augenblick im Salon Platz nehmen." „Oh, mein Kompliment, gnädige Frau!" sagte Redlich, sich vor Angela verbeugend.„Entschuldigen Sie, daß ich Sie vorher nicht begrüßte, aber meine unselige Brille--* „O ja, ich weiß schon", nnterbrach ihn Angela lächelnd und bestrebte sich dabei, so höflich und so eilig als möglich Redlich in den Salon hinauszukomplimentiren. Dieser jedoch blieb noch immer stehen. Er hatte Julie erblickt, die bei seinem Eintritt ans Fenster geeilt war und dort eine Stellung einnahm, bei der sie der Aufmerksamkeit am leichtesten entgehen konnte. Redlich hatte sie jedoch erkannt und war sichtlich erstaunt näher getreten. Eine verhängniß- volle Macht nöthigte sie, ihr Gesicht nach ihm umzuwenden. Nachdem er sich überzeugt, daß sie es wirklich war, blieb Redlich ganz verblüfft und verlege» stehen, ohne die geringste Begrüßungsformel vorbringen zu könne». Juli« verbeugte sich leicht. „Sie hier?" sagte er endlich mit erstickter Stimme. „Meine Schulkollegin Julie Szablinska!" stellte Angela vor.„Kennen die Herrschasten einander?" „O nein!" sagte Julie eilig. „O ja, ein wenig!" antwortete gleichzeitig und ebenso eilig Redlich. Der Hauptmann blickte erstaunt auf diese Szene. Er wollte schon ein Lachen anschlagen und nach seiner Art mit den Beiden ein„Protokoll aufnehmen", als plötzlich Redlich, sich von Julie wegwendend, zum Hauptmann trat und eilig sagte: „Entschuldige Hauptmann, aber ich muß gehen!" „Was, was, was?" rief mit ungeheurem Erstaunen der Hauptmann und versuchte, seinem alten Freund in die Augen zu blicken. „Ich muß gehen!" wiederholte Redlich, verlegen ans die Uhr schauend. Ich habe mich verrechnet. Ich habe noch etwa? zu besorgen.." „Redlich!" rief der Hauptmann streng,„wie soll ich daS verstehen? Du kommst zu mir, um zu plaudern, sagst im Vorhinein, daß Du etwas freie Zeit übrig hast und jetzt willst Du plötzlich davonlaufen?!" „Verzeihe mir, aber in der That... es ist mir unmög- lich zu bleiben." „Aber warum denn? Sag' die Wahrheit!" „Ein ander Mal, ein ander Mal will ich's Dir sagen, aber jetzt muß ich gehen!" wiederholte Redlich beinahe flehent« lich, dabei immer der Thüre näher rückend. „Nein, das kann nicht sein! Redlich!" sagte mit großem Nachdruck der Hauptmann, dem das Blut zu Kopfe stieg.„Du kannst mir das nicht anthun!" „Kapitän," entgegnete energisch und entschieden Redlich, alS er sah, daß ihm jener den Weg verstellte,„ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß ich nicht einen Augenblick länger hier bleiben kann." „Was heißt das?" rief der Hauptmann, nicht mehr im stände, sich zu beherrschen.„Du sprichst in einem Tone, als wolltest Du mir in meinem eigenen Hause einen Affront bereiten?!"
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15 (17.3.1898) 54
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