Mnierhaltungsblalt des Horwürts Nr. 96. Dienstag, den 17. Mai. 1898 (Nachdruck verboten.) Der SrhMsjttttge. 22� Eine Seegeschichte von Peter Egge . Einzig autorisirte Uebersetzung von E. Brausetvetter. Denke nicht mehr daran... Sie gerade haben mich ja so vertraulich gegen Dich gemacht und haben mich dahin ge- bracht, zu fühlen, wie sehr ich Dich im gründe genommen liebe." Sie ergriff seine Hand.Nun erst liebe ich Dich wirklich, Venn... ich weiß nicht, ob Du mich verstanden hast; aber so ist es." Ich verstehe Dich so gut... Du hast es allzugut mit mir gemeint." Sie blieb eine Weile stumm sitzen. Er starrte in frohen Gedanken vor sich hin. Dann rückte er dicht zu ihr hin. Sie tvandte ihm ihr Gesicht zu, und er sah ihre Augen vor Glück leuchten. Sie zog ihn auf ihren Schoß. Er fühlte, daß er zitternd in zwei bebenden Armen ruhte.... Sie gingen Arm in Arm die Straße entlang und stützten sich fest auf einander. Beide waren stumm. Die kalte Luft that ihnen wohl. Er genoß sie mit seinem ganzen Körper. Seine Seele war wie in seliger Ruhe; denn kein ängstlicher Gedanke an die Zukunft drang in diesem Augenblick bis zu ihm. Er schmiegte sich zärtlich an sie und sah zu ihr empor. Es war eine gegenseitige Liebkosung. Sie erschien ihm wie eine Beschützerin, eine Freundin, eine Mutter. Sie blieben eine Weile stehen, bevor sie die Hamilton- Avenue erreichten. Die Pferdebahnlinie sahen sie unten im Licht der elektrischen Lampen an der Ecke. Er hatte eine Hand in ihren Muff hineingesteckt, so daß sie dort auf die ihrige traf; so blieben sie stehen und warteten. Endlich hörten sie den Pferdebahnwagen. Mit der freien Hand hob sie nun den Schleier empor und reichte ihm ihren warmen, frischen Mund hin. Dann gingen sie.-- Merry und Beim trafen sich noch dreimal vor dem Ab- segeln. Bei dem ersten Zusammentreffen sprach sie nur von sich selbst. Es schien, als hätte sie den lebhaften Drang, sich ihm zu eröffnen. Er lernte ihre Kindheit und ihre Ehe kennen. Eine Jugend hatte sie nicht gehabt. Sie spürten beide bei dem anderen eine stille Traurigkeit. Sie lag unter jedem Lächeln, jeder Liebkosung. Selten sprachen sie davon. Es war, als ängstigten sie sich, ihre Ur- fache zu berühren: den Gedanken an die Trennung. Sie konnten lange Zeit zusammen spazieren gehen oder zusammen in ihrem Zimnier sitzen, ohne ein Wort zu reden, und Beide sagten sich selbst im Stillen: Nun denkt er(sie) daran, wie es uns gehen wird, wenn wir nach Europa zurückkommen." Ihre Liebkosungen konnten bald krankhaft matt, bald wild sein, als wäre jede einzelne die letzte, die des Ab- schiedes. Was sollen wir thun, wenn wir nach Europa kommen, Merry? Soll ich mich abmustern lassen? Was meinst Du? Ich kann ja deni Kapitän sagen, ich hätte mich anders be- sonnen." Ich weiß nicht, Benn. Vielleicht reise ich auch nach Nor- wegen." Dann bleiben wir ja einander näher und können jede Woche einen Brief wechseln." Ja, ja," sagte sie... um ihn zu beruhigen. Sie sah wohl, er war bleich, und sie hörte, wie viel Angst in seiner Stimme lag. Sie hatte nicht den Muth, an dem zu zweifeln, was sie selbst sagte. Mehr kani aus ihren wenigen Gesprächen über die Zu- kunft nicht heraus. Sie wird schon einen Ausweg finden, wenn wir erst in Europa sind; daran klammerte er sich fest. Er hatte die Empfindung, daß sie als die Aelterc, als die Einflußreichere von ihnen eine Art Verslichtung hätte, einen Ausweg zu finden. XVII. An einem Morgen in den ersten Tagen des März ertönte von der Bark derMerry Schnor" die Gangspillweise über das Wasser hin. Die Schute wurde von Long-Jsland durch das Fahrwasser hinausbugsirt, und bald lag das nnend- liche Meer offen vor ihnen. Der Himmel war leicht umzogen von kleinen, jagenden Wolken, die oft und plötzlich die Sonne verbargen. Die Brise war frisch, aber nicht stark genug für die Jungen an Bord. Das milde, frühlingsartige Wetter hatte sie unruhig gemacht, und die Unruhe des einen erhöhte die des anderen. Die erste Woche in See brachte nur wenig Wind, und man war sehr unzufrieden an Bord. Benn sehnte sich Tag und Nacht nach Havre , obleich er erbebte, wenn er daran dachte, was dann werden sollte. Er fühlte, es kamen trübe Tage für ihn, ob es nun von Havre heimwärts ging, oder ob er mitMerry Schnor" wieder in See stach. Am Steuer und auf Auslug in der Nacht dachte er sich Briefe an seine Mutter aus. Niemals Ivaren sie ihm gut genug. Niemals drückten sie schonend genug aus, daß er sich anders entschlossen hätte, daß er Seemann bleiben wollte. Manchmal sah er in Gedanken die Mutter über einen Brief von ihm sitzen und weinen und schmerzlich darüber grübeln, daß er sie so leicht vergessen konnte. Er wurde bleich und mager. Seine Augen bekamen wieder das Hohle und Kränkliche, das sie in jener Zeit gehabt hatten, als sie in der Nordsee lagen, und er trauerte und fror und litt unter dem ständigen Unwetter.--- Eines Tages war Benn auf Halbdeck beschäftigt. Braß- enden aufzuschießen. Der Kapitän ging, wie gewöhnlich, im Mittelschiff auf und ab, ohne ein Wort zu sagen. Benn folgte ihm mit den Augen, so oft ihm der Kapitän den Rücken kehrte. Wenn Benn auf Deck war, wollte er immer wissen, wo der andere sich befand und was er machte. Er war nicht ganz sicher, daß der schweigsame Mann nicht tief in seinem Innersten doch gegen ihn einen bitteren Groll hegte und nicht plötzlich und unerwartet auf ihn losspringen und ihn nieder» schlagen würde. Der Kapitän war zur Treppe hingekommen, spuckte über die Reeling und sagte, ohne Benn anzusehen: Du willst in Havre gern abgemustert werden?" Der Junge erbebte. War es nicht so?" Der Kapitän blickte auf. Ja... ja, Herr Kapitän, wenn Sie so freundlich sei» wollten, dann..." Der Mann machte Kehrt und setzte seine Promenade fort, und Benn hörte ihn murmeln:Das könnte sich wohl machen lassen." Und nun erst kam er so weit zur Be- sinnung, daß er begriff, wonach er gefragt worden und waS er geantwortet hatte.,. Herr Gott , daß Merry keine Ent- scheidnng traf l... Er dachte erbittert an den Zimmermann, der über eine Woche achter gelegen und gehämmert und gehämmert hatten so daß er und Merry nicht ein Wort mit einander hatte» reden können. Sein Athem ging schwer, und seine Arbeit verrichtete er rein mechanisch: er mußte wissen, was er thun sollte, ehe er nach Havre kam. Er mußte sie sprechen... Der Kapitän war abermals an der Treppe zum Halbdeck stehen geblieben. Er starrte hinaus und murmelte: Ja, es ist ein Elend Seemann zu sein I" M Dann ging er wieder. Benn blieb eine Weile stehen, als lauschte er. Dann fiel ihm plötzlich ein, daß die Worte, die er soeben gehört hatte, alles waren, was der Kapitän zu ihm außer dem rein Geschäftsmäßigen gesagt hatte. Er fühlte, der Andere war nicht glücklich und machte sich gerade jetzt schwere Gedanken, und Benn's Seele durchzitterte Mitleid, in dem etwas von Reue darüber lag, ihn betrogen zu haben. Er blickte auf das graue Meer und den grauen Himmel hinaus und dann auf den einsamen Mann hin, der geneigten HaupteS dort oben auf und ab ging und alles, alles, sei» eigenes Leben, das des Kapitän's, Merry's, ja selbst das der Kameraden wurde düster und grau, wie der Himmel und das Meer ringsum.-- Dann eines Abends stand er am Steuer, die Sonne war soeben untergegangen. Die Wolken lagerten licht und leicht am Horizont, und das Meer rollte ruhig in langen, perl» mntterblanken Schwellungen heran. Die schwache Brise war achterlich, so daß die Schute vor Segeln ging. Benn wartete ungeduldig auf Merry: nun war es so still.. der Ausluger konnte ihn nicht sehen.. der Steuer» mann war nicht auf Deck.. der Kapitän promenjxte im Mittelschiff.. nun mußte sie kommen..