Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 208. install P

Dienstag, den 25. Oktober.

( Nachdruck verboten.)

16] Neu- Karthago .

Roman von Georges Eethoud.

IX.

1898

ihn nicht die wichtige Repräsentationspflicht auf dem Lande zurückhielte, denn in Erwartung der Ankunft seines Herrn erwächst ihm die Aufgabe, die Herrschaften zu be­grüßen, die Damen im Zelt unterzubringen und im Nothfalle den Polizeidienst wahrzunehmen und das zu­dringliche Volk der Unbefugten zurückzuweisen. Der freuden­Auf dem Werftplatz der Schiffsbaugesellschaft Fulton strahlende Dupoissy ist sich seiner Bedeutung und Würde gar u. Komp. herrscht fieberhafte Thätigkeit. Man beschäftigt sich wohl bewußt, während er die Damen Vanderling um das mit den letzten Vorbereitungen für den Stapellauf eines neuen Schiff führt und ihnen die Einzelheiten des Baues mit einem Schiffes, das für Rechnung des Südkreuzes", der zwischen großen Aufwand von technischen Fachausdrücken erläutert. Antwerpen und Australien verkehrenden Schiffslinie, hier Ganz im Vertrauen macht er ihnen mit geheimnißvoller erbaut wurde. Der Beginn der Feierlichkeit ist für elf Uhr Miene dann auch die Mittheilung, daß er für die Feierlichkeit angefekt. Man ist gerade dabei, die letzte Hand anzulegen. ein paar gefühlvolle Strophen gedichtet hat, mit denen er Wie ein Riesenschmetterling, der lange in seiner Puppenhülse nachher aufzuwarten gedenke. Der Chefredakteur des großen eingezwängt war, dehnt sich das vom Gerüst befreite, fertige Handelsblattes hat sich, um den lästigen Schwäger los zu Schiff auf der Helling. werden, schon bereit erklärt, diese Verse in seinen Bericht mit aufzunehmen.

Der Werftplatz ist mit Masten und Triumphbogen reich geschmückt und verschwindet fast unter dem wogenden Meer Zur Seite des Schiffes harrt ein Trupp Arbeiter, die bon Signalflaggen und Fahnen aller Farben und Nationali- unter den kräftigsten und schmucksten Leuten der Werft aus­täten, unter denen die belgische roth- gelb- schwarze Trikolore gewählt wurden, des Augenblicks gewärtig, dem von den vorherrscht. Kunstvoll verschlungene Monogramme verbinden Steifen gehaltenen Koloß die Freiheit zu geben. Man er­die Namen des Schiffes, des Erbauers und des Rheders: wartet nur noch die Würdenträger und die Hauptmitwirkenden, Gina, Fulton, Béjard, denen sich die Jahreszahlen der Kiel - denen bei der in Aussicht stehenden Zeremonie die ersten Nollen Tegung und der Fertigstellung des Schiffes anreihen. zugedacht sind. Außerhalb des Werftplages drängen sich auf den Uferstraßen, die stromabwärts nach der Stadt führen, tausende von Zuschauern, die gekommen sind, ihr bescheidenes Theil von dem Schauspiel zu genießen.

Nahe bei der Helling ist eine Tribüne errichtet, deren Beltdach bon grauer Segelleinwand die steife feuchte Seebrise flatschend aufbläht.

In unmittelbarer Nähe des Wassers ruht wie ein auf Achtung! Dupoissy hat mit dem am Ende seines Spazier­Land gerathener Walfisch das Schiff auf seinen Stapeltlöken. stockes befestigten Taschentuch den Artilleristen, die hinter den Sein mächtiger, abgefteifter Riefenleib hat einen schwarz- Schuppen bei ihren Kanonen stehen, das verabredete Zeichen rothen Anstrich erhalten, der farbenfrisch glänzt. Am Hinter- gegeben. Das Krachen der Geschüßsalve steigert die Spannung theil liest man im Rahmen einer von einer geschnitten Sirenen- der aufgeregten Menge zur Fieberhige, und die jungen Saint­figur überragten Muscheleinfassung in leuchtenden Goldbuch- Fardier's machen sich über Angela und Cora lustig, die bei staben den Namen Gina". Sem jonneins spider Schießerei erschrocken in die Höhe gefahren find. Ein Musikkorps stimmt die Nationalhymne an.

Seit dem Frühmorgen ist der Werftplatz von Neugierigen umlagert. Die mit Karten versehenen Eingeladenen nehmen auf den Stufenfißen der Tribüne Plak. Die erste Reihe der mit Utrechter Sammt bezogenen Fauteuils ist für die Würden­träger, die Pathin und ihre Familie reservirt. Die unbedeuten­deren Gaffer und die Arbeiter sehen zu, wo sie in der Nähe des Schiffes einen günstigen Platz auftreiben.

Die Sonne meint es heute ebenso gut wie voriges Jahr beim Ausflug nach Hemirem. Alles, was Anspruch darauf macht, in Mode, Gesellschaft und Politik den Ton anzugeben, hat sich heute hier ein Stelldichein gegeben. Die Leute, die etwas gelten, sind alle zur Stelle und spreizen sich im Voll­bewußtsein ihrer Machtstellung. Die Saint- Fardier's, Janssen's, Vanderling's, Dezader's, Fuchskop's, Verhulst's. Peeter's und alle die Von und Van, denen wir bereits im Hause Dobouziez begegneten, find vollzählig vertreten. neid pillathas thus Dupoissy strahlt vor Glück und giebt sich ein Ansehen, als wenn er in eigener Person Erbauer, Eigenthümer und Kapitän des Schiffes wäre.iss

Sie kommen! Sie kommen!"

Sie kommen in der That! Dem ersten Wagen entsteigt der Bürgermeister, der Taufpathe des Schiffes, der der Pathin Gina, die in ihrer aus Tüll und rosa Seide zusammengestellten Toilette berückend aussieht, den Arm reicht; dann folgt Herr Béjard, der Frau Dobouziez führt, die sich heute mehr als je aufgedonnert hat, dahinter tommt Herr Dobouziez mit Frau Fulton am Arm. Die Menge, die die Polizei mit Noth und Mühe von der Um­friedigung des Plazes zurückdrängt, staunt das schöne Fräu­lein Dobouziez an, jubelt Door den Berg zu und läßt bei Béjard's Vorbeischreiten ein dumpfes, wenig schmeichelhaftes Murren hören. Unter den Leuten, die sich hier versammelt haben, finden sich ebenso wie auf den Siken der Tribüne gar biele, die bergleichende Betrachtungen zwischen der heutigen Feier auf der Fulton'schen Werft und den widerlichen Vor­gängen anstellen, die sich vor fünfundzwanzig Jahren an der felben Stelle unter der Verantwortlichkeit des alten und der hodom Beihilfe des jungen Béjard abgespielt hatten. Aber die schüchternen Die Damen stellen prächtige, eigens für den gwed ge- Pfiffe und das Murren gehen in dem überlauten Jubelber großen fertigte Toiletten zur Schau. Angela und Cora Vanderling Masse unter. Als die Herrschaften ihre Pläge eingenommen haben, machen ihre verzierten Mäßchen und schmiegen sich eng an beginnt die Schießerei von neuem und die Musik läßt thre ihre Verlobten, die beiden Saint Fardier's, die in einem Weisen wieder erklingen, wird aber durch eine wüthende eleganten, die Uniform der Schiffsoffiziere glücklich nach Handbewegung Dupoissy's sofort zum Schweigen gebracht, der äffenden blauen Negligee- Anzug mit goldenen Knöpfen prunten. vor der Tribüne Aufstellung nimmt und ein rosafarbenes Auch Door Bergmans befindet sich in Gesellschaft seiner Papier aus der Tasche zieht. Nachdem er sich geziemend ver­Freunde, des veristischen Malers Willem Marbol und des beugt und geräuspert hat, beginnt er mit seiner meckernden Musikers Rombaut de Vyveloy, unter den Festtheilnehmern. Bockstimme einen aus ranzigen Alexandrinern zusammen­Die lekten Vorbereitungen für den feierlichen Aft sind gestoppelten langathmigen Hymnus herunter zu fchnarren, auf inzwischen beendet. Die Schiffsbesatzung ist dem Herkommen den im übrigen fein Mensch hört. Man läßt sich in der entsprechend auf der Kommandobrücke angetreten. Die Matrosen Unterhaltung nicht weiter stören, und hier und da schlägt ein in ihrem sauber geputzten Sonntagsanzug, lauter frische, gut- Halbvers Du Sohn der Erde, stolzes Schiff"," der Wogen müthig dreinschauende Gefellen, würden Laurent, wenn er zur fühner Bezwinger", am fernen Strand"," grüß sie in Stelle wäre, an seinen braven Vincent Tilbac denken lassen. unserm Namen"," Sinnbild des heimischen Rechts", der Die Burschen wissen mit ihren Gliedmaßen nichts Rechtes an- Amphitrite Reich" und ähnliche Floskeln an das Ohr der zufangen und zeigen in ihren unsicheren, linkischen Be- unaufmerksamen Zuhörerschaft. wegungen, daß diese Art, auf einem nicht in seinem Element Er schenkt uns auch nicht ein Wort," flüsterte Frau befindlichen Schiffe zu paradiren, ganz und gar nicht nach Vanderling Gaston Saint- Fardier ins Ohr:" Der Mann ist der ihrem Geschmack ist. Der Bejagung hat sich auch eine hand- wahre Musenalmanach!" boll Neugieriger zugesellt, die sich das Vergnügen nicht ver- Der Redner ist endlich zum Schluß gekommen. Man hört sagen können, mit dem Schiff ins Wasser hinabzugleiten. Der ein paar distrete Bravo's und halblaute" Nicht übel!", Leisetreter Dupoissy würde sich ihnen gern anschließen, wenn während die Mehrzahl der Hörer mit einem leisen Stoßseufzer

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