Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Str. 10.

Freitag, den 13. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Herrn Bickendrath's Pensionäre. Roman von O. Eugen Thossan.

10]

VI.

1899

" Ich kriege jede Woche einen Thaler Taschengeld," ant­wortete Emil, zwischen Verlegenheit und Stolz schwankend.

Frize ließ vor Erstaunen den kleinen Back wollener Hemden fallen, den er gerade in den Händen hielt.. Menschenskind, was machst Du denn mit dem sündhaft vielen Gelde?"

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,, Ach. ... meistens pumpen's mir die Schmidt's ab." " So!... Das sind mir ja schöne Geschichten. Ich will Dir mal was sagen: Das hört von heute an auf wenn Wenn Du Dein wir zwei gute Freunde bleiben wollen. Geld mit Gewalt Jemandem pumpen mußt, dann pumpst Du es mir. Verstanden!?" Emil nickte.

Kurz vor Weihnachten erhielt die Penfion einen unerwarteten Zuwachs. Friße Weinold wurde eingereiht. Er war Primaner und dachte zu Ostern sein Abiturienteneramen zu machen. Des­halb hatten ihn Zickendrath's erst gar nicht aufnehmen wollen. Es lohnte nicht um die paar Monate. Aber er versicherte, daß er ja das folgende Jahr auch noch da bliebe. Eine Stelle hatte er fich schon ausgemacht, eine Stelle als Volontär in einer Schlosserei, wo sie hauptsächlich Feuerspritzen herstellten. ,, Und außerdem wirst Du, als kleiner Millionär, Dir Fatte sich vorgenommen, ein ganzes Jahr darin zu arbeiten, eine Ehre daraus machen, heute Abend zur Feier meines Er­unt ganz firm in all' den praktischen Hand- und Kunstgriffen scheinens einen solennen Einzugsfnipp zu schmeißen. Verstanden? zu werden. Nachher sollte das Polytechnikum kommen, wo... Eigentlich wäre das ja meine Sache. Aber was Du zu er sich auf die Elektrizität werfen wollte. Das war die beste viel hast, hab ich zu wenig. Und dieses Mißverhältniß muß Karriere, die man heutzutage machen konnte, die praktische ausgeglichen werden.... Nanu, Du willst wohl nicht? Oder Wissenschaft der Zukunft. weshalb frazest Du dich am Kopfe?"

Das Haus Zickendrath sperrte Mund und Nase auf, als er das so ruhig und bestimmt auseinanderseite, wie ein fertiger Mann, der ganz genau weiß, was er will. Dabei war er eben neunzehn Jahre alt. Das sah man ihm zwar nicht an, groß und breitschulterig, wie er war, und mit Fäusten wie ein Drescher.

" Ach, ich will wohl, aber wenn's der Alte unten

merkt!"

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" Der Alte? Was geht denn das den Alten an? Wenn ich auf meiner Bude für mein Geld oder für Deins, das kommt auf dasselbe raus Bier trinke? Meinetwegen kann er ja unten auch faufen, soviel er will, meinetwegen Kümmel­da werde ich ihn auch nicht stören. Das scheint mir eine merkwürdige Zucht hier bei Euch zu sein. Ihr habt Euch wohl ganz unterkriegen lassen?... Na, ich krieche nicht mit unter. Und heut Abend wird gefneipt. Dabei bleibt's. Auf

Johannes, der schon lebhaft nach der Studenterei hinüber schielte, dachte bei sich, es wäre eigentlich schade um den Kerl. Der mußte eine feudale Klinge schlagen, mit den Armen. Und nun wollte er ein ganz gewöhnlicher Schlosser werden, vorläufig. Komisch! Nach dem Abiturienteneɣamen, wo einem meine Verantwortung." die Welt offen stand, wo man Korpsstudent werden konnte! Wenn man das nöthige Geld dazu hatte!

Das schien er allerdings nicht zu haben. Der große schwarze Holzkoffer mit den Eisenbeschlägen, den er mit gebracht hatte, sah wenigstens nicht danach aus. Und sonst hatte er überhaupt nichts, nicht einmal ein Bett. Allerdings auch keine Eltern mehr. Ein Onkel bezahlte die Pension, monatlich fünfunddreißig Mart, und keinen Pfennig mehr. Powere Gesellschaft!

Da die Schmidt's Wohnzimmer und Kabinet für sich beanspruchten, mußte Frike Weinold mit Emil zusammen quartiert werden. Emil war entzückt von der Aussicht, mit einem Primaner zusammenzuwohnen. Und Friße Weinold konnte nichts dagegen haben. Er mußte sich für seine fünf­unddreißig Mark schon einige Einschränkungen gefallen lassen. Er nahm die Ankündigung auch mit aller Ruhe hin und machte sich alsbald an die Einrichtung.

Emil wagte nicht mehr zu widersprechen. Aber er beschloß im Stillen, sich höllisch in acht zu nehmen.

"

Als sie vom Abendessen wieder in ihre Stube tamen, rief Frize: Na, Fuchs, nu zittre los und schleif Stoff an!" Schrei doch nicht so!" machte Emil ängstlich. Ich bin ja schon dabei, mich anzuziehen." Nach ein paar Minuten tam er hinter der Thüre seines Kleiderschranks hervor, wo er sich zu schaffen gemacht hatte. Er sah aus, wie ein Räuberhauptmann, der auf Beute ausziehen will. Ein unförmlich weiter und langer Kaisermantel umhüllte seine zarte Gestalt bis auf die Knöchel; auf dem Kopf aber trug er ein Monstrum von Hut, das aus dem Nachlaß eines seit Jahren reisenden Kunden zu stammen schien und dessen Strempe er zum Ueberfluß noch rund um den Schädel herum herabgezogen hatte.

,, Sterl, wie siehst Du denn aus?"

" Na ja," antwortete Emil trogig, ich will doch nicht mit den Bierpullen unterm Arm dem Alten in den Rachen laufen. Du kannst Dich drauf verlassen, er kann sehr merkwürdig sein."

Ein Bett wurde vom Spizboden heruntergeholt und auf geschlagen. Es war augenscheinlich nicht übermäßig lang im Verhältniß zu dem, der es beziehen sollte. Aber Frizze erklärte mit guter Laune, er werde sich Knoten in die Beine Frike wurde roth vor Aerger. Ich kann die verfluchten machen, dann würde es schon gehen. Darüber wollte sich Heimlichkeiten nicht leiden. Wenn der Alte was dagegen Emil vor Lachen ausschütten. Dann durfte er beim Aus- hat, dann kann er's ja ruhig sagen. Ich will mich schon mit packen des Koffers helfen. Es war eine ziemlich ungewöhn- ihm aussprechen... Also runter mit dem Deckel und raus liche Pennälerausstattung, die da zu Tage fam: wenig aus der Kutte:" Garderobe, viel Bücher und eine ganze Menge Apparate, ,, Dann geh' ich eben überhaupt nicht." eine elektrische Batterie, wer weiß, wie viele Meter Frize überlegte eine kleine Weile. Dann gab er Emil Draht, Glühbirnen, Handwerkszeug, elektrische Klingeln einen Schubb, der ihn bis zur Thüre beförderte, und sagte: und sonst allerlei Trödel, dessen Bestimmung für Emil Na, denn lauf, Engel, und folg' Deiner Natur!" vorläufig räthselhaft war. Ein Gedanke aber ließ ihn Während Emil weg war, tamen Johannes und Gustel, nicht los, seitdem all diese schnurrigen Dinge aus der die Frige großmüthig eingeladen hatte, und machten sich's be Tiefe des Koffers aufgetaucht waren. Endlich platte er damit quem. Johannes, der sich einigermaßen entthront fühlte, heraus: weil ein Höherer über ihn gekommen war, wollte seinen Ver luft durch verdoppelte Schneidigkeit womöglich wieder ein­bringen, schaute sich hochnäfig im ganzen Lofal um und sagte mit vollendetem Sekundanertakt: Wo habt Ihr denn die Zigarren?"

Du, sag' mal, fannst Du eine Telephonanlage machen?" " Ja; warum denn nicht?"

Emil klatschte in die Hände. Du, dann legen wir eine hinüber zu Schmidt's in die Stube und reden mit ihnen durch's Telephon. Das wird großartig."

Friz lachte. Nöthig scheint mir das gerade nicht. Die Wände sind ja so dünn, daß man so wie so jedes Wort hört." Emil wurde traurig. Ach nee Du, das mußt Du machen." Er zögerte einen Augenblick, dann sette er heldenmüthig hinzu: ch bezahr's."

Frize drehte sich um und maß den kleinen mit forschenden Blicken. Du hast wohl einen reichen Vater?"

"

"

,, Ach verwünscht! Das hab ich zu bestellen vergessen. Am Ende bringt er sie von selber mit."

Der wird sich hüten," griente Gustel. Der ist zach wie Hosenleder."

,, Das wäre noch schöner," entgegnete Frige mit Würde. " Ich werde ihm schon Erziehung beibringen."

,, Er kann ja seine Bibliothekstasse plündern," schlug Johannes vor.