Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 103.
Dienstag, den 30. Mai.
1899
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( Nachdruck verboten.) das war ihm übrigens gleichgültig, denn er dachte überhaupt nicht an sich, sondern war im Geiste immer nur mit ihr befchäftigt.
Der Schuldige? sic Stoman bon Sector Malot Die Eröffnung der Sigung war auf neun Uhr vormittags Obschon Mederic diese Vorsicht für unnük erachtete, so anberaumt, aber schon um acht Uhr früh war der Saal, als befolgte er den Rat doch. Am folgenden Tage ging er nach man die Doppelthüren öffnete, bereits bis auf den letzten Thuit, den Onkel Gibourdel zu bitten, sich nach Paris zu be- Platz gefüllt. Der Präsident hatte zwar keine Karten ausgeben, um Droche die Verteidigung seiner Nichte anzugegeben und jede Begünstigung verweigert, aber auf bertrauen. Verwendung der Richter, Anwälte, Geschworenen, ja
Aber schon nach den ersten Worten rief Gibourdel, der selbst der Angeklagten, waren immer mehr Leute auf sich gerade mit seiner Frau beim Mittagessen befand: Wenn die Person, von der Sie sprechen, gethan was man sagt, so ist sie nicht mehr meine Nichte, ich leugne fie."
Wenn sie es gethan hat, so muß sie geföpft werden," fagte die Frau in einem Zone, der verriet, daß ihr diese Aussicht nicht mißfallen würde.
dem Hinterwege des Zeugeneintrittes zugelassen worden. hat, Die ganze elegante Gesellschaft der Stadt, das„ Tout ver- Rouen" hatte sich Stelldichein gegeben und sah sich mit Vergnügen vereint, wie zu einer Première. Die helle Farbe der Und wenn sie es nicht gethan hat, muß sie nicht ver- Damenhüte orientierte die neugierigen Blicke, und verwundert teidigt werden?" erwiderte Mederic unwillig. grüßten die Bekannten einander mit Zurufen und Winken. Die Damen, wenn sie irgend einen Platz errungen hatten, brachten ihre Toilette wieder in Ordnung und beklagten sich dabei, wie sie von der eindringenden Menge gestoßen und Mederic mußte länger als eine Stunde unterhandeln und gequetscht worden seien; draußen lärmten übrigens noch immer plädiren, dem Mann, der schwanke, und der erbitterten Frau die Hunderte, die vergebens Einlaß zu erlangen suchten. antworten. Endlich erlangte er, daß ihn Onkel Benoit Unter den Bevorzugten im Saale fiel auf den ersten Blick ein am nächsten Tage nach Paris begleiten würde, und als Stell- brünetter ganz junger Mann mit blassen Zügen und ernſtem dichein wurde Sissel bestimmt, von wo aus man gemeinsam Gesichtsausdruck auf, der sorgfältig gekleidet dasaß und von fahren würde. allen mit Spannung gemustert wurde, sobald sein Name von Bank zu Bank lief: Mederic Artaut!"
Natürlich fam Mederic zuerst auf dem Bahnhof an, und als er Benoit Gibourdel erscheinen sah, ging er ihm entgegen, um ihm seine Fahrkarte zu übergeben.
" Sie müssen wissen, daß ich nur dritte Klasse fahre," sagte Benoit, feine Karte ansehend.
Ich fahre nur erste."
Nun, wenn es so ist..."
Und er steckte sein Billet ohne weiteres ein. Da der junge Mann einmal bezahlte, so wollte er weder feilschen, noch darauf bestehen, in einen Wagen dritter Klasse einzu steigen; das würde nicht höflich sein, und Gott sei Dant, er kannte die Höflichkeit!
In Paris wurden sie nach zweistündigem Warten in das Zimmer von Droche eingeführt und Mederic nahm zuerst das Wort: Das ist Herr Benoit Gibourdel, der Sie mit der Verteidigung feiner Nichte, Frau La Vaupalière, beauftragen möchte."
Und er legte die Sache so dar, wie er wünschte, daß Droche sie sehen sollte, und als der Advokat die Verteidigung angenommen hatte, legte er auf den Schreibtisch ein Päckchen Banknoten, die Gibourdel mit erstaunten Augen betrachtete.
,, Das ist ein Vorschuß," sagte er. Sobald sie draußen waren, glaubte Gibourdet eine Bemerkung machen zu müssen:
Wie? Ohne zu handeln, ohne sich eine Quittung geben zu lassen! Er hätte ja Lust zu der Sache haben können, er würde vielleicht noch etwas dafür bezahlt haben, um sie zu bekommen!"
Er beruhigte sich erst, als ihn Mederic cinlud, mit ihm zu Mittag zu speisen.
"
Allein er war so von seinen Gedanken eingenommen, daß er nichts sah und nichts hörte, und wie jemand, der schon vorher genau weiß, wohin er geht, lenkte er seinen Schritt nach den Bänken der Geschworenen, die sich der Anklagebank gegenüber befinden. Dort wurde ihm auch sofort vom Gerichtsdiener ein Sit angewiesen; offenbar hatte Mederic zeitig die nötigen Schritte gethan, um sich einen Platz gegenüber Hortensen zu sichern, so daß sie, wenn sie sich an die Geschworenen wandte, die Augen auf ihn gerichtet hielt und er mit einem unmerklichen Zeichen, mit einem Blick sie ermutigen und stärken konnte.
Bevor die Angeklagten in den Gerichtssaal eingeführt wurden, fand die Loosziehung der Geschworenen statt. Diese Formalität bot sofort für die beiden Verteidiger eine Gelegenheit zu zeigen, wie sie ihre Rolle auffaßten: während SaintHélier, der Anwalt La Vaupalières, diejenigen Geschworenen ablehnte, von denen er nicht annehmen konnte, daß sie eines vernünftigen Urteils fähig seien, wies Droche, der Verteidiger Hortenses, umgekehrt gerade diejenigen zurück, deren Lebensstellung oder Erziehung auf eine etwas höhere Intelligenz schließen ließ er gab die Erklärung dieser Taktik, indem er, als die Jury gebildet war, gegenüber seinem Kollegen bemerkte:
..Wie ich sehe, glauben Sie an die Kapacitäten; ich ziehe im Gegenteil die Dummköpfe vor und bin froh, daß Sie mir noch eine genügende Zahl von solchen übrig gelassen haben."
Als die Angeklagten in den Sizungsfaal eingeführt wurden, richteten sich augenblicklich alle Lorgnons und Operngläser wie die Gewehrläufe eines Regiments auf fie.
Beide waren schwarz gekleidet: La Vaupalière, in einem Auf der Heimreise wollte Gibourdel in Oissel aussteigen, Enapp anliegenden, zugeknöpften Rock, trug dunkelgraue Handallein Mederic, der durch ihn Nachrichten von Hortense zu erschuhe; Hortense erschien, wie gewöhnlich, in einem sehr einlangen wünschte, bestimmte ihn, bis nach Rouen mitzufahren. fachen Kleid, über dem sie einen Tuchmantel trug, und mit Das Gesuch Gibourdels, seine Nichte sprechen zu dürfen, wurde einem Rapotthut ohne Bindebänder, der ihr leichtgekräufeltes jedoch abgeschlagen, da der Gefangenen, so lange die Vorunter Haar sehen ließ. Der Notar schien durch die fünf Monate fuchung schwebe, keine Verbindung mit der Außenwelt gestattet Untersuchungshaft schwer niedergedrückt; sie hingegen sah werden dürfe. so jugendlich und frisch aus wie am Tage ihrer Verhaftung. Auch hatte sie bei den Herren einen lebhaften Erfolg. ,, Aber sie ist ja sehr niedlich!" hieß es. Einnehmend!"
Mederic grämte sich um so mehr über die Strenge der Haft, in der seine Freundin gehalten wurde, als er gleichzeitig den bittersten Vorwürfen seiner Angehörigen und dem Gespött aller seiner Bekannten ausgesetzt war.
Wissen Sie auch schon," hieß es, daß der junge Artaut Sterblich verliebt in die Giftmischerin von Dissel ist? Er thut unglaubliche Schritte zu ihren Gunsten."
,, Sie ist demnach sehr verführerisch?" ,, Sagen Sie lieber: er ist sehr einfältig." ,, Oder sehr verdorben."
Man genierte sich auch keineswegs, ihm gegenüber Er Staunen und Mitleid, ja bisweilen Verachtung fundzugeben;
"
Sehr chic!"
Die Frauen im Gegenteil bemerkten vor allem ihre Mängel und kritisierten dieselben mit unerbittlicher Sicherheit und Strenge. Eine Dame sagte zu den neben ihr sigenden Herren:
Was Sie einnehmend an ihr finden, das ist nur das Prestige, welches ihr das Verbrechen verleiht. Als ehrbare Frau würde sie Ihnen unbedeutend vorkommen; als Verbrecherin wird sie herausfordernd."