Unterhaltungsblatt des Vorwärts

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Nr. 242. Dienstag, den 12. Dezember. bollo 1899

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( Nachdrud verboten.)

Von Alexander 2. Kielland. Aus dem Norivegischen von Leo Bloch. biljour, and mi

Mädchen, das" Floh" genannt wurde. Madam hatte sie zu fich genommen, nachdem sie sie von einem schliminen Augen­leiden furiert hatte.

Floh hatte keine Eltern. Sie hieß Else.

Einen Nachnamen, glaube ich, hatte sie niemals gehabt. Denn sie war vermutlich die Tochter eines der feinsten Herren der Stadt, dessen Namen auf diese Art nicht ins Kirchenbuch tommen durfte.

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Madam Späckbom besaß ein Haus, das man" Arche Noah" nannte. Unten in den warmen, gemütlichen Zimmern In einem Pflegestift für Kleine Kinder war Floh auf­nach der Sonnenseite wohnte sie selbst; darüber wohnte gewachsen, nachdem ihre Mutter- ein Dienstmädájen Fräulein Falbe mit ihrem Bruder, und oben auf dem gestorben war. Und hier hatte sie auch ihren Beinamen er­Boden es gab bloß zwei Etagen lebte in Giebelstuben, halten. unter Treppen und hinter Schornsteinen ein Teil unreines Er kam von einem dunkelbraunen Mantel, welchen sie Getier, das unter der allgemeinen Bezeichnung die Bande" bei einer Weihnachtsbescheerung bekommen hatte. Anfangs ging. war er so lang und reichlich, daß das Kind, wenn es darin Madam Spädbom war nicht bloß eine luge Frau, fie herumhüpfte, so sehr einem Floh glich, daß schließlich einer wurde auch buchstäblich kluge Frau" genannt; denn sie war wikig genug war, ihr den Namen zu geben. Doktor oder Quadsalber. wie der richtige Dottor sie nannte. is on sim Dibl150

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Aber das focht Madam nicht groß an; sie hatte ihre gute, fichere Praxis, und ihre Kunst brachte ihr sowohl Geld als wissenschaftliche Triumphe.

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Der Teil der Bevölkerung, welcher Madam Spädbom aufsuchte, war nicht der feinste, aber ohne Vergleich der zahl­reichste. Es fonnte passieren, daß sie fünf, sechs Patienten in Behandlung liegen hatte- in fleinen Alkoven und Verschlägen, deren es eine unglaubliche Menge in dem alten Hause gab; und besonders am Abend nach der Arbeitszeit war sie vollauf dantit beschäftigt, Krantenbesuche zu machen oder Patienten jeder Art zu empfangen.

Und dieser Mantel war von einem so unverwüstlichen Stoff, daß er sie in ihrem ganzen Wachstum begleitete- erst als Mantel, dann als Jacke, darauf als Taille und schließlich als Müze mit rosenroten Kinnbändern.

Sie steckte noch in dieser Kindermüße mit rosenroten Kinnbändern, als sie das Augenleiden bekam. Benben als der Stiftsarzt, stümperte ein halbes Jahr lang an ihr herum, bis sie wie ein fleines Tier in einem dunkeln Winkel lag und schrie, wenn man sie nach dem Licht drehte.

Aber da brachte Fräulein Falbe sie heimlich in Madam Späckboms Behandlung, und ob es nun daher kam oder nicht: das Kind erholte sich.

guin im Doktor Benzen triumphierte: endlich war es ihm geglückt, Wenn dann unter diesen einer kam, der in Behandlung diefe hartnäckige Entzündung zu bewältigen.out thi bei dem richtigen Dottor Kreisphysikus Benken ge­ge- Aber da konnte Madam Späckbom nicht länger schiveigen, wesen war, da leuchtete es in Madam Späckbomis fleinen und es gab einen großen Skandal. Fräulein Falbe mußte braunen Augen, und sie schüttelte die drei grauen Hänge- aus der Stiftsdirektion austreten, wo sie übrigens schon vor locken, welche auf einem Stamm über jedem Ohr hingen, her herzlich verhaßt war; Doktor Bengen war rasend, und indem sie sagte: Wenn Sie von solch gelehrtem Herrn selbst die kleine Else mußte für ihre neuen blanfen Augen kommen, da kann Ihnen so ein altes zahnloses Weib gewiß büßen. nicht helfen." todnih pillour bid silo un r

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Dann mußte man lange unterhandeln, bis sie sich des Patienten erbarmte; aber nahin sie ihn erst in Behandlung, fo zeigte sie eine ganz besondere Sorgfalt für diejenigen, welche der richtige Doktor aufgegeben" hatte. Sund unter den Stadtleuten selbst bis hinauf zu den feineu gingen unzählige Geschichten von Madams wunder­baren Sturen; und man brauchte ihren Namen bloß vor Doktor Benzen zu nennen, da fuhr der alte Herr auf, fluchte und schimpfte mit feuerrotem Kopfgriff nach seinem Hut und lief davon. dolorem

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Aber da nahm Madam Späckbom das Kind zu sich,- teils weil sie wohlhabend und gutherzig war, teils, weil Eljes klare Angen ihr ein Zeugnis als Augenarzt ausstellten, und endlich brauchte sie das Kind, um Doktor Benzen damit zu ärgern.

Nie konnte er an der Arche borbeigehen und sein Weg führte ihn oftmals am Tage dort vorbei ohne daß Madam Späckbom das Kind ergriff, es am Fenster aufsetzte und in den Nacken puffte, damit es dem Doktor zunicken sollte. Und wenn sie ihn so dazu befommen konnte, daß er mit seiner erbosten Fraze hineinsah, da schüttelte Madam Spädbom ihre sechs Hängeloden und gab Floh ein Stückchen Zuder. ming yill

Die Sache war die, daß Dr. Benken, wenn er zu ein­fachen Leuten fant, sich nie herabließ, irgend eine Erklärung zu geben; dazu verachtete er die Unwissenheit allzu tief. Als Else Heranwuchs, wurde sie ein feines, schlankes Er fagte bloß: so und so sollst Du es machen, und da ist die Mädchen- blond und etwas blaß, aber troßdem gejund. Medizin. Sie war munter und behende und hatte ein eigenes Aber wenn nun die Medizin nicht sofort half und Geschick, sich selbst und alles un fich herum nett und in das kann mit der besten Medizin passieren, dann bekamen Ordnung zu halten. Aber als Madam Späckbom anfangen die Leute das teure Apothekerwasser satt und ebenso den wollte, sie waschen, scheuern und nähen zu lassen und sich strengen Doktor, welcher sich bloß auf der Diele umdrehte, nüklich zu machen", zeigte sich der Floh völlig untauglich einen Befehl gab und ging. dazu; da that es ihr weh, bald hier, bald dort, und alle guten Ratschläge und bitteren Tropfen von Madam blieben ohne Wirkung.

Und dann kam Madam Späckbom.

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Sie setzte sich nieder und erklärte ordentlich, was dem Patienten fehlte. Das konnte nun eine Art Gust" sein; 3. B. Erdgust, oder Wassergust, oder vielleicht Leicheugust, oder ein Blutstropfen, der sich festgesetzt hatte," oder etivas dergleichen.

So, das fonnte man doch verstehen; und wenn man dann Medizin von Madam bekam, so waren das Sachen, welche sowohl rochen als Schweiß trieben, so daß man merken tounte, es war doch nicht reiner Humbug.

Und half das auch nicht immer, so war es doch allen bekannt, daß selbst Madam Späckbom nicht über Leben und Tod gebietet aber dann war doch gethan, was gethau werden konnte, und das war immerhin noch besser als von des Doktors verdächtiger Gelehrsamkeit ins Grab gebracht zu werden, wie es schon so vielen passiert war. Und außerdem war Madam viel viel billiger.

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Madame Späckbom war, wie gesagt, auch eine finge Frau. Sie kannte diese Krankheit gut, die gerade au Scheuer­tagen tam und immer wie durch Zauberei am Sonntagmorgen verschwand. Aber da sie einfah, daß die Krankheit hier in einer unheilbaren Form auftrat, beschränkte sie sich darauf, ihre Hängelocken zu schütteln und etwas von diesem verflucht feinen Blut" zu murmeln.

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Aber die Kranken liebten Floh, obgleich sie eigentlich feine treue oder aufopfernde Kraufenpflegerin war. Aber sie brauchte bloß durch die Stube zu gehen oder den Kopf in die Thüre zu stecken, so war das, als ob es Schmerzen und Langeweile erleichterte, und Madam Spädbom war sich wohl bewußt, welchen Anteil an ihren Sturen sie Flohs lustigem Lachen schuldete.

Denn das war ein Lachen von anderer Art, als all das Zur Mithilfe in ihrer Praxis hatte sie ein junges Lachen, welches man sonst je in der Arche Noah gehört hatte.