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Heilung zu bewirken. Die wohlhabenden Kotterisch beeilten sich, ein Die Fabel des Lustspiels liegt im Altertum. Amphitryon , der Opfer, bestehend aus goldnen Ohrringen, ebensolcher Brosche und Feldherr der Thebaner, befindet sich in der Schlacht, aus der er eben einem silbernen Löffel darzubringen; die frante Agnes als gekrönter Sieger heimzukehren gedenkt. Als er nun Theben ers nahm die Gegenstände in Empfang mit dem Bemerken, reicht und in die Arme seiner Altmene zu eilen gedenkt, findet er daß sich die Mutter Gottes gewiß sehr darüber freuen werde. in seinem Haus und in Alkenens Armen einen andern Ihre praktische Frau Mama versette freilich die wertvollen Amphitryon. Niemand anders als Jupiter, der heitere Götterbater, hat Stüde sofort in dem höchst profanen Leihhause. Nachdem der erste Amphitryons Gestalt geborgt, um in der Liebe Alfmenens die Schönheit Versuch so überraschend geglückt war, nahm der Schwindel bald die feiner eigenen Schöpfung zu genießen. Merkur , der seinen olympischen unglaublichsten Dimensionen an. Wer sich für die Einzelheiten Glanz in der niederen Gestalt des Dieners Sofias verborgen hat, interessiert, den verweisen wir auf einen im Verlage von Scholl in begleitet ihn, um über den glücklichen Ausgang des lustigen München erschienenen genauen Prozeßbericht, der zum Preise von Abenteuers zu wachen. Natürlich kommt es, als der wirkliche Feldvierzig Pfennigen zu kaufen ist und als Dokument menschlicher Dumm- herr mit seinem verschmigten Diener heimkehrt, zu tollen Verwechs heit seinen Wert besitzt. Hier wollen wir nur bemerken, daß durch lungen und Scenen von grotester Komit. Dann und wann aber Bermittlung der kranken Agnes Wolfart die Kotterischschen Eheleute wird die wilde Jagd verwegener Situationen unterbrochen, die Nuhe Nachricht von der Vermählung eines ihnen gestorbenen Kindes im fehrt in die Dichtung ein und die Poefte läßt ihre stille OpferHimmel erhielten, daß ihnen die Mutter Gottes als Lohn für ihre flamme leuchten. Als endlich die Verwicklungen den Höhepunkt starte Frömmigkeit nicht nur Briefe schrieb, mur Briefe schrieb, sondern auch erreicht habent, läßt Jupiter die irdische Maste fallen und zeigt sich Schinken und Rauchfleisch aus dem Himmel schickte usw. Behn- unter Donner und Blizz in der leuchtenden Majestät seiner Gött tausend Mark an Geld und Geldeswert hat das raffinierte Gauner- lichkeit. Der ganze irdische Handel wird von der göttlichen Ertrifolium seinen Opfern abgenommen, ehe es durch Bufall entlarvt habenheit verschlungen, und das leichtfertige Abenteuer verwandelt und vor dem Landgericht in Kempten zu mehrjähriger Gefängnis- fich am letzten Ende in eine göttliche Huldigung der Schönheit. strafe verurteilt wurde. Es soll nicht verschwiegen werden, daß die Wirkung des Das war im Ottober 1898. Man sollte nun meinen, daß ein Schlusses durch Kleist ein wenig getrübt ist. Nachdem Jupiter sich folcher Prozeß, der das gewaltigste Aufsehen machte, obschon ihn enthüllt und alles Jrdische aus dem Handel verschwunden natürlich die Kaplanspresse möglichst zu vertuschen suchte, auf lange war, führt Kleist nocheinmal sozusagen mit Gewalt die Ge Beit gleichsam wetterreinigend gewirkt hätte. Weit gefehlt! In danken ins Jrdische zurück. Amphitryon muß den Wunsch auss demselben Kempten , das vor einumdeinemhalben Jahre jenen Prozeß sprechen, daß Alfmene dem Jupiter einen Sohn gebären soll und mit ansah, wurde in diesen Tagen ein fast ganz gleicher un damit kommt etwas Familiäres in die Dichtung, das die dem verfrorener Schwindel aufgedeckt. Offenbar werden nicht modernen Bewußtsein doch peinlich ist. Es mußte für Kleist nur die Dummen nicht alle, sondern auch die Abergläubischen alles darauf ankommen, das allzumenschliche Abenteuer Jupiters find schwer aus der geistigen Finsternis zu befreien, um so schwerer, vom Glanz und der Allmacht des Gottes verschlingen zu als bei ihnen die Grenze zwischen dem offiziellen katholischen lassen. Nachdem er das auch in großartiger Weise gethan hat, Christenglauben und den Ausgeburten ihrer eigenen pseudoreligiösen reißt er uns in eigensinniger Weise wieder ins kommune Leben Phantastit nur sehr schwer zu ziehen find. Schon vor Jahren machte in zurück, indem er von Kindergebären und ähnlichen nichts weniger Kempten die jetzt 45 Jahre alte Frau Victoria Leiprecht an sich selbst als göttlichen Dingen zu reden beginnt. die Entdeckung, daß sie ungewöhnliche Eigenschaften befize und mit dem„ Jenseits" in Verkehr zu treten vermöge. Wie sie diese Fähig feiten ausnutte, mag man daraus ersehen, daß fie ein förmliches himmlisches Korrespondenzbureau" eingerichtet hat, deffen Porto- und Spesensäge durchaus nicht niedrig waren. Die Ber mittelung der nach der Poststation: Himmel adressierten Sendungen übernahmen dort zwei gefällige Geister, nämlich die verstorbenen follte es den Vorhang fallen lassen. Dann hat er meines Er Schwestern eines bei der Leiprecht wohnenden Maurers Namens messens die wertvolle Dichtung nicht nur für sich, sondern überDreß. Dreß soll bei den Geistern in hohem Ansehen gestanden haupt für die deutsche Bühne erobert. Bisher ist nämlich das und mit der Zeit eine wahre Virtuosität in dem Herbeibringen nach frische und anmutige Lustspiel noch von keiner öffentlichen Bühne in himmlischen Neuigkeiten Lechzender entwickelt haben. Es dürfte Deutschland gegeben worden. Es hat also etwa 100 Jahre alt interessant sein, zu erfahren, wie sich die„ Himmelsforrespondenz" ab- werden müssen, um aufgeführt zu werden. wickelte. Erhielt z. B. der Sendbote Dreß davon Wind, daß irgend Die Aufführung gehörte zu den besten, die das Schiller- Theater" eine harmlose Seele- eine andre konnte man da nicht überhaupt geboten hat. Der schwierige Stil des Stücks, brauchen gerne über die Zustände und Begebenheiten im in dem Hoheit und ausgelaffener Scherz so dicht neben Jenseits oder über das Befinden lieber Angehörigen dortselbst einander liegen, wurde von allen Darstellern gut getroffen. Ju etwas erfahren möchte, so wies der Biedermann die Wißbegierigen erster Linie find Frau Wiede, Schmasow und Gregori zu an die Adresse der Frau Leiprecht. Diese soll sich dann, nachdem nennen, die in führenden Rollen drei ebenbürtige Leistungen schufeit. sie den Himmlischen ein Opfer gebracht, in einem stillen Gemach in Frau Eysoldt war im Spiel intelligent und fein; ihr Organ reicht einen schlafartigen Zustand versetzt und den ihr erschienenen Geistern aber für den ganzen Ton des Stüds nicht aus. Herr Bäschte ihren Wunsch geoffenbart haben. Nach kurzer Zeit kamen die Nach- war als Merkur sehr lustig, während Patry als Jupiter zu sehr richten aus allen, selbst den entferntesten Teilen des Himmels" moderner und zu wenig göttlicher Bonvivant war. Schließlich gab herbei und wurden durch die bekannten zwei Geister prompt der es noch den Berbrochenen Krug", in dem Thurner als Frau Leiprecht, die sich mediumistische Veranlagung und Eigenschaften Dorfrichter eine lebensvolle Leistung bot.- E. S. zuschrieb, in die Feder diftiert.
Theater.
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Das Schiller Theater" follte zu dem großen Verdienst, die Dichtung auf eine öffentliche Bühne gebracht zu haben, noch ein weiteres fügen. Nach den Worten des Amphitryon: Im Staub! Du bist der große Donnerer Und Dein ist alles, was ich habe
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Das Geschäft war offenbar recht einträglich der Frau Leiprecht oe. Das Carl Weiß- Theater fährt fort, sich dem Auswenigstens hat es ein Haus in Kempten eingebracht! Die Polizei stattungsstück der schander- und mitleiderregenden Richtung zu opfern. war schon längere Zeit auf das Treiben aufmerksam gemacht worden, Die Direttion mag ihr Bublifum lennen. Während die auf größere weil die Kundschaft gar zu groß wurde. Aber es gelang erst in Bahlungsfähigkeit der Besucher gegründeten Schantempel in ihren diesen Tagen, den schlauen Betrügern beizukommen. Was wird nun Darbietungen mehr auf Ballett und Fleischschau halten, geht es auf die Folge sein? Ein neuer Prozeß wird gemacht werden, die In- der Bühne des Ostens nicht ohne schwere Verbrecherthaten ab. Der haber des himmlischen Korrespondenz- Bureaus" werden ins Ge- Kerl mit der unglaublich schwarzen Seele stiehlt in der als realistisch fängnis wandern... Aber dreihundert Jahre nach Giordano Bruno bezeichneten Neuheit wird der Aberglaube weiterblühen und zahllose unglückliche Opfer gewiegter Finanzier, wirft dann auf einem Dampfer des ostasiatischen Die Jagd nach dem Glück" wie ein in seinen Banden halten, bis es der unendlich schweren Aufklärungs- Lloyd mit dem Mute der Kaltblütigkeit einen Familienvater über arbeit gelungen ist, hier ein Erlöserwerk zu vollbringen.Bord, erkühnt sich, in Japan dessen reiche Erbschaft anzutreten, stürzt auf dem Vesuv seine Frau in den Feuerschlund und führt endlich in Berlin , angeblich zur Beschwichtigung seines erwachten Gewissens Schiller Theater: Amphitryon." Gin Lustspiel eine ebenso reiche wie unschuldige Jungfrau an den Altar. nach Molière von H. v. Kleist . Der ganze Glang meiner Seele etwas kann erklärlicherweise nicht gut gehen und daher bricht dam liegt in dem Stüd, schrieb Kleist einmal von seiner„ Benthesilea". Er spät, aber um so nachdrücklicher das Verhängnis über den Bösewicht hätte das Wort auch von seinem„ Amphitryon " sagen können. Auch herein. Alle Opfer des abscheulichen Menschen haben selbstverständ diese Dichtung ist mit dem ganzen Glanz seiner reichen Seele lich durch eine wunderbare Fügung des Dichters ihr Leben gesegnet. Das hohe Lied von der schönen und teuschen gerettet, spielen am Schlusse des Stüdes Wenn Alfmene ist in gewissen Momenten von priesterlicher Weihe. Toten erwachen" und jagen den Intriganten durch ihr Nie strahlte bei einem Dichter die die sinnliche Liebe reiner plötzliches Aufmarschieren so in Angst, daß er sich aus dem und heller als hier bei Kleist . Die erste Scene, in Fenster der dritten Etage topfüber auf das Berliner Straßender Alkmene von dem Geliebten Abschied nimmt, wirkt in ihrer Glut pflaster hinabstürzt. Ein Drama von so kosmopolitischer Allgewalt so berauschend, daß man etwa einem autiken Gottesdienst, einem Fest wäre an sich schon eines rasenden Beifalls sicher; um wieviel höher der Schönheit beizuwohnen glaubt. Dazu kommt, daß die Dichtung von Kleistens Seele nicht nur den Glanz, sondern auch viele andre Güter geliehen hat. Von allen Grazien ist Amphitryon " beschenkt. Die Hoheit hat das Stück gesegnet und Frohsinn und Laune haben es mit einem holden Blütenregen bedacht. Wie ein Märchen, das aus Reichtum und Glanz gewoben ist, zieht es über die Bühne, die an diesem Abend eine weite und frohe Welt bedeutet.
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wir
muß es vom Kennerpublikum des Ostend - Theaters eingeschätzt werden, nachdem es mit einer Schiffsdekoration, einer japanischen Landschaft, einem originell brennenden Leuchtturm, einen leibhaftigen feuerspeienden Berg und am Schlusse noch mit einem lebenden Bilde ausgestattet ist! Wir waren erschüttert, als wir bei dieser Gelegenheit von neuem sahen, wie es mit dem Kunstempfinden weiter Bevölkerungsschichten heutigen Tages noch bestellt ist!-