Unterhaltungsblatt des Vorwärts

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Auferstehung.

Donnerstag, den 12. April.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Leo Tolstoj .

Neunzehntes Kapitel.

In dieser Seelenstimmung befand sich Nechljudow nach feinem Austritt aus dem Gerichtssaal. Er saß im Geschwornen zimmer am Fenster, hörte die Gespräche mit an, die um ihn geführt wurden, und rauchte ohne Unterbrechung.

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bisweilen ein wenig viel, aber wußte immer, was sie that. Ein ganz gutes Mädchen."

Katjuscha sah die Wirtin an, aber dann wandte sie plöt lich den Blick auf die Geschwornen und ließ ihn auf Nechljudow ruhen, und ihr Gesicht wurde ernst und sogar streng. Das eine Auge schielte. Ziemlich lange waren diese beiden selt­sam dreinschauenden Augen auf Nechljudow gerichtet; er aber konnte trop der Angst, die ihn ergriff, seinen Blick von den schielenden Augen mit hellweißer Augenhaut nicht abwenden. Ihm tam jene scheckliche Nacht wieder ins Gedächtnis mit dem Eisgange und dem Nebel.

Der luftige Kaufmann empfand augenscheinlich innige Teilnahme für den Kaufmann Smjelkow und seine Art des Sie hat mich erkannt!" dachte er und zog sich unwill­Zeitvertreibs.

Ei, Freund, der hat aber tüchtig gebummelt, auf sibirische Art! Wußte auch, wo Barthel den Most holt! Hat sich ein hübsches Ding ausgesucht!"

fürlich zusammen, als erwarte er einen Schlag. Aber sie hatte ihn nicht erkannt, sondern seufzte schwer und begann wieder den Vorsitzenden anzublicken. Nechljudow seufzte ebenfalls. Ach wenn es doch schneller ginge," dachte er und hatte Der Obmann gab irgend welchen Erwägungen Ausdruck, dabei ein Gefühl, wie auf der Jagd, wenn es einen an­daß alles auf das Urteil des Sachverständigen ankomme. geschossenen Vogel totzuschlagen galt; dann war ihm häßlich, Peter Gerassimowitsch amüsierte sich mit dem jüdischen weh und ärgerlich zu Meute. Nicht völlig getötet schlug der Stommis; beide lachten über etwas. Nechljudow antwortete Vogel in der Jagdtasche mit den Flügeln; und dem Jäger einfilbig auf die an ihn gerichteten Fragen; er wünschte nur ward widerwärtig und weh, und er wollte das Tier gern das eine, daß man ihn in Ruhe ließe. schnell töten und vergessen.

Solch gemischtes Gefühl empfand jekt Nechljudow während des Zeugenverhörs.

3wanzigstes Sapitel.

Als der Gerichtskommissar mit dem schiefen Gang die Geschwornen wieder in den Sigungsfaal rief, empfand Nechljudow Singst, als ob er nicht Recht zu sprechen ging, sondern als ob er vor Gericht geführt würde. Im Grunde seines Herzens fühlte er bereits, daß er ein Nichtswürdiger sei, der sich Aber wie um ihn zu ärgern zog sich die Verhandlung schämen müßte, den Leuten in die Augen zu sehen; einstweilen in die Länge. Nach dem Einzelverhör der Zeugen und der aber trat er gewohnheitsmäßig mit seinen selbstgewissen Allüren Sachverständigen und nach all den, wie gewöhnlich, mit auf die Estrade, sekte sich auf seinen Platz, den zweiten nach wichtiger Miene vorgetragenen, unnötigen Zwischenfragen des dein Obmann, schlug die Beine übereinander und spielte mit stellvertretenden Staatsanwalts nnd der Verteidiger, machte seinem Pincenez.

Die Angeklagten waren auch irgendwohin hinausgeführt und soeben wieder hereingebracht.

Im Saal waren neue Gesichter, nämlich die der Zeugen. Nechljudow bemerkte, daß die Maslowa einigemal hinblickte, als könnte sie die Augen von einem aufgedonnerten dicken Weib in Sammet und Seide gar nicht losreißen, die im hohen Hut mit breiter Schleife und eleganter Arbeitstasche an dem bis zum Ellbogen nachten Arm in der ersten Reihe vor der Barriere saß. Das war, wie er nachher erfuhr, eine Zeugin, und zwar die Wirtin des Hauses, in dem die Maslowa ge­wohnt hatte.

Es begann das Verhör der Zeugen: Name, Konfession und so weiter. Dann, nach Verhör der Parteien: wie sie die Vernehmung wünschten, ob unter den Eide oder nicht, kam wieder, mühsam die Beine bewegend, derselbe alte Geist­liche heran, legte wieder eben so das goldene Kreuz auf dem seidenen Brusteinsatz zurecht und nahm mit derselben Ruhe und Zuversicht den Zeugen und den Sachverständigen den Eid ab. Als die Vereidigung zu Ende war, wurden alle Zeugen, mit Ausnahme einer einzigen, der Kitajewa, der Wirtin Maslowas, fortgeführt. Man fragte sie, was ihr von der Sache bekannt wäre; die Kitajewa erzählte mit falfchem Lächeln, bei jeder Bemerkung den Kopf unter den Hut versenkend, mit deutschem Accent ausführlich und klar folgendes:

der Vorsitzende den Geschwornen den Vorschlag, einige wesentliche Beweisstücke in Augenschein zu nehmen, die aus einem Ring von ungeheurent Ümfange mit Brillantenrosette bestanden, der auf einem sehr dicken Zeigefinger gesessen hatte, und einem Reagensgläschen, in dem das Gift unter­fucht war. Die Gegenstände waren versiegelt und mit Eti­fetten versehen.

Die Geschwornen schickten sich schon an, die Dinge zu be fichtigen, als der Staatsanwalt wieder aufstand und vor der Inaugenscheinnahme der Beweisstücke die Verlesung des ärzt­lichen Obduktionsberichts verlangte.

Der Vorsitzende, der die Verhandlung wegen seines Rendezvous mit der Gouvernante möglichst beschleunigte. wußte zwar sehr gut, daß die Verlesung dieses Schriftstücks fein andres Resultat haben konnte, als daß man sich langweilte und das Mittagessen hinausgeschoben wurde, und wußte auch, daß der Staatsanwalt diese Verlesung nur des­halb forderte, weil er das Recht dazu hatte; aber er founte sich trotzdem nicht weigern und gab seine Einwilligung. Der Gerichtssekretär holte die Aften hervor und begann mit seiner verzagten, das" I" und" r" rollenden Stimme zu lesen, Die äußere Besichtigung ergab folgendes:

1. Größe Therapont Smjeltows: 2 Arschin 12 Werschok ( 1,95 Meter).

Ein ganz gesunder Junge," flüsterte der Staufmann Nechljudow wehurütig ins Ohr. 2. Das Alter, dem äußern Ansehen nach, etwa vierzig

Jahre.

3. Der Leichnam sah aufgedunsen aus.

Vor allem wäre der bekannte Korridorbediente Simon Kartikin zu ihr gekommen, um die Ljubjascha zu holen. Einige Zeit darauf sei Ljubjascha mit dem Kaufmann zurückgekehrt. Der Kaufmann war bereits in Efstafe sagte sie ein wenig 4. Die Epidermis überall grünlich, stelleniveise von dunkeln lächelnd und fuhr auch bei uns fort zu trinken und andre Flecken unterlaufen. freizuhalten. Aber da er nicht genügend Geld bei sich 5. Die Lederhaut ist an der Oberfläche des Körpers in hatte, schickte er die Ljubjascha, für die er ein ge- Blasen verschiedener Größe aufgetrieben, stellemveise hat sie wisses Vorliebe" empfand, in sein Zimmer, sagte sie und schaute sich gelöst nud hängt in großen Feßen herab. nach der Angeklagten hin.

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Es tam Nechljubow so vor, als wenn die Maslowa bei diesen Worten lächelte, und diefes Lächeln erschien ihm ab­scheulich. Ein seltsames, unbestimmtes Gefühl von Efel, unter mischt mit Mitleid, stieg in ihm auf.

Und welchen Eindruck haben Sie von der Maslowa er halten?" fragte errötend und verlegen ein Gerichtskandidat, der Maslowas vom Gericht ernannter Verteidiger war.

Den allerbesten," erwiderte die Kitajewa. Sie ist ein gebildetes Mädchen und hat Chic. Ist in feine Familie er­zogen und konnte französische Geschichten lesen. Trant fich

6. Das Haar ist dunkelblond, bei der Berührung löst es sich leicht von der Haut.

7. Die Augen sind aus den Höhlen getreten; die Horn­haut ist trübe.

8. Aus der Nasenöffnung, aus beiden Ohren und der Mundhöhle fließt eine schaumige, blutige Flüssigkeit; der Mund ist halb geöffnet.

9. Vom Halse ist fast nichts zu sehen infolge der Auf­blähung des Gesichts und der Brust.

10. Und so weiter, und so weiter. Auf vier Seiten in 28 Bunften folgte auf diese Weise