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liste bass er fich in
Augen; aber diese Erscheinung war zu schrecklich; er bemühte daß er sich in Wirklichkeit gebunden und mit ihr verlobt fich, sie zu vertreiben.
hätte. Und dabei fühlte er heute mit seinem ganzen Wesen, Sofja Wassiljewna maß ihn mit den Augen. daß er sie nicht heiraten könnte.„ Schändlich, häßlich; häß„ Aber Missi erwartet Sie," sagte die Fürstin.„ Gehen lich, schändlich," wiederholte er nicht nur in Bezug auf sein Sie zu ihr, sie wollte ein neues Stück von Schumann mit Verhältnis zu Missi, sondern zu allem. Alles häßlich und Ihnen spielen... Sehr interessant." schändlich," sagte er und betrat seine Haustreppe.
,, Gar nichts wollte sie spielen. Alles das lügt sie in irgend einer Absicht," dachte Nechljudow. Damit stand er auf und drückte Sofja Wassiljewna die durchsichtige, knöcherne, mit Ringen bedeckte Hand.
Im Gastzimmer kam ihm Jekaterina Alexejewna entgegen und begann sofort:
Ich sehe, daß die Obliegenheiten eines Geschwornen niederdrückend auf Sie wirken," sagte sie, wie immer französisch.
" Ja, verzeihen Sie, ich bin heute nicht bei Laune und habe tein Recht, andern Trübjinn zu verursachen," antwortete Nechljudow.
Warum sind Sie denn nicht bei Laune?" ,, Erlauben Sie mir, darüber nicht zu reden," sagte er und suchte seinen Hut heraus.
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Aber wissen Sie noch, wie Sie sagten, man müsse stets die Wahrheit aussprechen, und wie Sie uns allen damals folch grausame Wahrheiten sagten. Warum wollen Sie sie jetzt nicht sagen? Weißt Du noch, Missi?" wandte sie sich an die zu ihnen herausgetretene Missi.
" Deshalb, weil es ein Scherz war," erwiderte Nechljudow ernst." Jm Scherz fann man das wohl thun, aber in Wirk lichkeit sind wir so schlecht, das heißt, ich bin so schlecht, daß ich wenigstens nicht die Wahrheit sagen darf."
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Rechtfertigen Sie sich nicht, sondern sagen Sie uns lieber, weshalb wir so schlecht sind," spielte Staterina Alexejewna mit Worten und that, als bemerke sie den Ernst Nechljudows nicht.
Nein, nichts ist schlimmer, als sich nicht bei Laune erflären," ließ Missi fallen. Ich gestehe mir das nie ein und bin deshalb immer gut gelaunt. Ach was, tommen Sie zu mir. Wir werden uns schon Mühe geben, Ihre üble Laune zu bertreiben."
Nechljudow hatte ein Gefühl, ähnlich dent, welches ein Pferd haben muß, wenn man es streichelt, um ihm den Baum anzulegen und es einzuspannen. Und es war ihm heute un angenehmer als je, im Gespann zu laufen. Er entschuldigte sich, daß er nach Hause müsse, und begann sich zu verabschieden. Missi hielt seine Hand länger als gewöhnlich fest.
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Denken Sie daran, daß das, was für Sie wichtig ist, auch für Ihre Freunde wichtig ist," sagte sie. Werden Sie morgen kommen?"
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Wohl kaum," sagte Nechljudow und empfand dabei Scham, er wußte selbst nicht, seinet- oder ihretwegen. Er wurde rot und ging eiligst hinaus.
Was ist das nur? Wie mich das neugierig macht!" fagte Katerina Alexejewna, als Nechljudow fortgegangen war. Ich erfahre es sicher. Irgend eine affaire d'amour propre er ist sehr empfänglich, unser Mitja."
" Eher eine affaire d'amour sale," wollte Missi fagen und sagte es doch nicht, sondern schaute mit erloschenem, ganz andrem Blick vor sich hin, als der war, mit dem sie Nechljudow angesehen hatte. Sie teilte sogar der Katerina Alexejewna dieses unfeine Wortspiel nicht mit und sagte nur: „ Wir haben alle unsre guten und schlechten Tage."
" Ob mich auch dieser wirklich hintergeht?" dachte sie. Nach allem, was vorgefallen ist, wäre das sehr schlecht von feiner Seite."
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Wenn Missi hätte erklären sollen, was sie unter den Worten nach allem, was vorgefallen ist" verstände, hätte sie nichts Bestimmtes sagen können. Aber dabei wußte sie unzweifelhaft, daß er nicht nur Hoffnung in ihr erweckt, sondern ihr beinahe ein Eheversprechen gegeben hatte. Alles das waren nicht bestimmte Worte, sondern Blicke, Lächeln, Anspielungen, Schweigen. Aber sie hielt ihn trotzdem für den hrigen, und es wäre ihr sehr schwer geworden, ihn zu ver
lieren.
Achtundzwanzigstes Rapitel. Schändlich, häßlich; häßlich, schändlich, dachte inzwischen Nechljudow, der zu Fuß durch die bekannten Straßen nach Hause zurückkehrte. Das schwere Gefühl, das ihn infolge der Unterhaltung mit Missi befallen, verließ ihn nicht. Er fühlte, daß er formal, wenn man sich so ausdrücken durfte, vor ihr im Rechte war; er hatte ihr nichts gesagt, wodurch er gebunden wäre, hatte ihr keinen Antrag gemacht; aver er fühlte,
" Ich esse kein Abendbrot," sagte er zu Stornei, der zu ihm ins Eßzimmer trat, wo die Tafel gedeckt war und das Theegeschirr stand. Gehen Sie."
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" Zu Befehl," sagte Kornei, ging aber nicht und begann den Tisch abzuräumen. Nechljudow sah Kornei an und verspürte ein häßliches Gefühl gegen ihn. Er wünschte, daß alle ihn in Ruhe ließen, und dabei schien es, als ob jeder ihm zufekte. ( Fortsetzung folgt.)
Aus der musikalischen Woche.
Auch die musikalischen Osterglocken flingen jahraus jahrein in gewohnter Weise. Klingt es zu andrer, gewöhnlicher Jahreszeit doch manchmal mit neuen Tönen, so darf man sich wohl wundern, daß gerade diese großen jahreszeitlichen Feste so wenig Anregung zu fünstlerisch Neuem bieten, daß also die ihnen zu Grunde liegenden Kräfte so wenig schöpferisch sind. Ueber den musikalischen Werlauf dessen, was die päpstliche Kirche zu Rom felber in der Starwoche bietet, ist schon viel geschrieben worden; den Mittelpunkt bildet die von düstern Zeremonien begleitete Singung des aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammenden neinstimmigen Miserere" von Allegri. Bekannt ist die Erzählung, wie der 14 jährige Mozart dieses Stück, dessen Partitur nicht mitgeteilt werden durfte, nach ein- bis zweimaligem Hören genau aus dem Gedächtnis aufschrieb, wonach es veröffentlicht werden konnte; eine Erzählung, die nur versäumt, das Wunderbare dieser Leistung begreiflicher zu machen durch die schwer vermeidliche Annahme, daß unser Wunderfind von seinem erzmusikalischen Vater jahrelang im Musikdiftat" eingeübt worden sei. In unsern Städten werden der Osterwoche regelmäßige Wiederholungen bekannter Werke von passender Art ge= widmet, innerhalb wie außerhalb kirchlicher Räume. Von den diesbezüglichen Darbietungen, die uns in Berlin diese Woche brachte, wählten wir als ein Beispiel das Konzert des W. Freudenbergschen Chors, schon weil es in seinem Programm auch jenes Miserere hatte, dessen ganze Gewaltigkeit und wirksame Ein älterer Zeit, fachheit, neben andren ähnlichen Stücken aus um so mehr hervortrat, als das Programm auch neuere Stücke enthielt, die bei aller äußern Aehnlichkeit gerade von jenen Eigenschaften so wenig an fich haben. Unter ihnen war eine Mendelssohnsche Pfalmikomposition wohl das Wert, das sich am mutigsten in Selbständigkeit ergeht; die übrigen neueren Kompofitionen zeigten viel mehr die inselbständige Anschmiegung an das, was von den alten Mustern nachzubilden gelingt; und dieses Gelingen hinwider erschien bei einem Stück von Freudenberg selber noch am größten, bei einem von A. Becker wohl insofern am geringsten, als es am wenigsten von der sonst zu fühlenden Junens träftigkeit hatte. Daß diese Chorvereinigung ihre Aufgaben wacker löste, bedarf kaum einer eigenen Hervorhebung oder Vermutung. Von letterer sprechen wir aus einem bestimmten Grund. dem hier benügten Raum, der Gedächtniskirche, fiel uns diesmal und und häufig eine Unreinheit des Klanges auf. Ich möchte min vermuten, daß dies nicht an Unvollkommenheiten der Aufführung hängt, sondern an einer Eigenartigkeit der sonst jeden Wölbungen und Nischen scheinen nämlich gleichsam als Resonatoren Seine zahlreichen falls guten Akustik jenes prächtigen Raums. zu wirken, die auf einzelne Obertöne in den gesungenen Klängen verstärkend einwirken und dies in verschiedenen, namentlich in Seitenpartien des Raums verschiedentlich thun. Diese verstärkten Obertöne eines mehrstimmigen Gesangs geraten mum unharmonisch aneinander als„ Mischtöne", zumal wenn es sich um einen künstlerischen Tonsatz handelt. Jedenfalls muß diese Erscheinung schwächer auftreten, wenn die Sänger in„ reiner"( natürlicher) Stimmung, und stärker, wenn sie in temperierter" Stimmung fingen; und ich zweifle ein wenig an dem gewöhnlich angenommenen genaueren Einhalten der reinen Stimmung bei unfren Chören; find ja doch Specialbestrebungen zit Gunsten dieser Stimmung in Deutschland nicht wie bei den TonicSolfa- Vereinen in England vorhanden. Es wäre interessant, von einem eigens auf reine Stimmung eingeschulten Chor ein Stück singen zu lassen, nachdem man es eben von einem gewöhnlichen Chor gehört hat, und dieses Experiment zweimal anzustellen: einmal in einen: gut akustischen Raum mit flacheren Wänden( wie die Sing akademie einer ist) und dann in einem ebenso akustischen, nur aber wölbungs- und nischenreichen Raum, wozu natürlich auch derartige Experimente über einzelne Klänge und Alforde treten müßten. Der weltliche Teil der Osterwochen- Mufit war zum größten Teil von den, nunmehr zu Gunsten einer größeren Konzertreise beendeten populären Konzerten unsrer Philharmoniker ausgefüllt. Man thut gut, inner wieder die Verdienste dieser Konzerte hervorzuheben: vor allem die Verbreitung eines großen Schatzes guter Musik unter ein weites Publikum und die Firigkeit, mit der dieses Orchester sich in alles findet sie würden wohl auch, wenn ihnen der ttt rasch ein Stück eigenster Komposition in den Stimmen aufschriebe, es ohne
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