«mannte Frau Bohnnann, gab ihr eine» Kuß auf die Wange und sagte: „Sie tapfere Frau, und wie klug Sie sind! Es ist nur NUN noch einmal so lieb, daß ich nnt Ihnen gesprochen habe. Lor ihni hätte ich mich doch genieren müssen, und er würde wohl auch das Geld nicht haben... borgen wollen. Mit der Rückzahlung hat es natürlich keine Eile." Hilde blickte der reichen Frau auf die Hände. Gedanken- los sagte sie: „Wenn es mit der Rückzahlung keine Eile hat.. „ Bei mir brauchen Sie sich gar nicht zu bedanken. Ich kann ja nicht wie ich will. Mein Manu... Sie glauben gar nicht, was eine Frau wie ich oft leiden muß. Bei seinem kolossalen Einkommen rechnet er mir jeden Pfennig nach. Ausgeben kann ich sehr viel, aber jeden Pfennig muß er wissen. Aber da haben wir eine famose Person, eine steinreiche Witwe; 5lietz heißt sie, wenn es Sie interessiert." „Nein." „Auch gut. Also wenn man der sagt, soundso, und du thust ein gutes Werk, so kommt es ihr auf ein Darlehen von zweihundert Thalern nicht an. Und kurz und gut, sie weiß ganz genau, wofür es bestimmt ist. Sie hat es sogar ge- bucht, aber an Rückzahlung denkt sie nicht. Und kurz und gut, liebe Frau Bohrmann, hier bringe ich Ihnen so einen kleinen Check." Ohne zu denken und wie in Träume versunken, be- trachtete Hilde das Stück Papier . Sie sah deutlich die Ziffer: 600 Mark. Was sonst darauf gedruckt und geschrieben stand, ging sie ja nichts an. Sie ließ sich nur erklären, wo und wie sie für diesen Zettel bares Geld bekommen könnte. Dann steckte sie ihn gleichgültig in die Tasche des Rocks und schien aus die weitere Belehrung Maschas kaum zu achten. Bei dem und dem Schneider müsse sich Hans Bohr- mann einen hübschen Straßenanzug machen lassen und einen eleganten für große Gesellschaften, in der und der Handlung müsse sie für ihn die Wäsche besorgen. „Und nicht zu wenig, liebe Frau Bohrmann. Zum mindesten für... für ein Jahr soll es reichen. Und ver- gessen Sie nur ja nicht die Unterwäsche. Soll ich Ihnen einiges von meinem Mann zur Probe schicken? Es wird Ihnen schon gefallen." Mit Kennerschaft verbreitete Mascha sich über Herren- Wäsche. Auch Kinder, Mädchen und Knaben, niüsse man frühzeitig an feine Wäsche gewöhnen. Plötzlich unterbrach sie sich. Wo denn das liebe Kind sei, der Siegfried? „Ach so, der? Der wird wieder bei der Rehmond stecken." Ob sie ihn rufen solle? Nein. Mascha hatte es eilig; auch wäre es besser, wenn Hans von diesem Besuche nichts erführe. Er sei so komisch. Für den nächsten Sonntag werde sie ihn schriftlich einladen, und wegen des Danks für die reiche Witwe... „Das werden Sie ja schon besorgen, gnädige Frau," sagte Hilde gleichgültig.„Bon die Lebendigen muß man's nehmen. Die Toten geben einem doch nichts'raus. Und wenn es mit dem Stück was wird, so zahlen wir es ja zurück." Kaum war Mascha fortgegangen, als Hildef'wie ver- wandelt vor den Spiegel trat. Sie lachte sich an und rief dann Frau Spindler herein. Der schenke sie eine kleine Büchse mit eingemachten Kirschen und erzählte ihr, Bohrmann habe jetzt durch seine Schnftstellerei große Einnahmen, und sie werde sich neue Sache kaufen können. Frau Spindler nahm den größten Anteil an dem Glück ihrer Nachbarin, und so unterhielten sich die beiden Frauen, bis Lenchen aus der Schule kam. Sie sah verweint aus. Nein, nein, es wäre ihr nichts geschehen. Der Regen habe ihr nur so ins Gesicht geschlagen. „Möchtest Wohl einen Regenschirm haben, liebes Kind? Aber jetzt nur schnell in die Küche, das Mittag fertig niachen. Ich muß mich anziehen. Gleich nach Tisch gehen wir aus, Einkäufe niachen." Frau Spindler erbot sich, dem lieben Lenchen zu helfen. Sie habe schon gegessen. Die Rehmond habe dem Friede noch abgegeben. Sonc Teller voll habe die Reymond bei ihr. Als Bohrmann nach Hanse kam, fand er frohe Gesichter. Auch er hatte Gutes zu erzählen. Der Schulinspektor hätte ihn vor denr Rektor und einigen Lehrern gelobt. Fast in unverdiente»» Maße. So geduldig und pädagogisch wie er, »ehe niemand auf die Jndi... Jndividualitätei» der tndcr ein. Gleich nach Tisch setzte Hilde den Hut auf.„Ich habe mit Lenchen was zu besorgen." Als Hilde am nächsten Morgen den Papierzettel gegen bare sechshundert Mark umtauschte, war sie bereits den größten Teil des Geldes in allerlei Läden schuldig geblieben. etwa hundert Mark für Herrenwäsche, das übrige für Seiden» zeug. Sonnenschinne. Regenschirme, Damenhüte. Damenstiefel, Damenmäntel, für einen großen Ankleidespiegel und für Eß» waren. «•;:. XV. S> Als Hilde ihrem Manne die Sachen zeigte, die sie für ihn gekauft hatte, und ihm beinahe mit den Worten Maschas erklärte, warum das nötig sei, war er gerührt und beschämt. Wie gut sein verratenes Weib wart Er hatte ihr gleich am Sonntagabend den peinlichen Anstritt mit dem Assessor erzählt. Dadurch war sie gewiß auf ihren Einfall ge- kommen. Ueber die Mittel zu solchem Aufwände dachte er nach einer oberflächlichen Frage und Hildes flüchtiger Antwort nicht mehr nach. Rechnen war' seine Sache nicht. In der Schule freilich, da lehrte er die vier Species, aber doch nur an erdichteten Beispielen, an Aepfeln und Nüssen, an Metern und Hektolitern. Aber im eignen Leben rechnen? Er war doch nicht wie Herr Neumann. Mit Herrn Lose verglich er sich nicht, an den unglücklichen Gatten Maschas wagte er gar nicht zu denken. Am Dienstag, zu Mittag fand er eine Einladung vor. am nächsten Sonntag um ein Uhr zur Vorlesung zu erscheinen und dann unr drei Uhr gemütlich einen Teller Suppe mitzu- essen. Da ging er entschlossen zu dem vornehmen Schneider, den Hilde ihm empfohlen hatte, und ließ sich Maß nehmen. Noch in dieser Woche sollte der hübsche Straßenanzug fertig sein, nächste Woche das schwarze Paradekostüm. So sehr ihn die Aussicht freute, dem Assessor demnächst_ zu imponieren, er hatte gerade jetzt keine Zeit, an solche Dinge zu denken. Es war ja kurz vor den Ferien, und so hatte er mit der Vorbereitung zu den Schulstunden und mit dein Korrigieren der Hefte mehr zu thun als sonst. Das Lob des Schulinspcktors hatte ihn angefeuert. Sogar seine Aufsätze in der Allgemeinen Lehrerzeitung hatte dieser Gönner freundlich erwähnt. Wenn er erst vom Drama gewußt hättet In der Ansprache des Herrn Schulinspektors war freilich ein rätselhafter Satz vorgekominen. Herr Bohrmai, n solle es sich nicht zu nahe gehen lassen, wenn er seine eigne Muster- hafte Pflichttreue nicht in gleiche». Maß aus seine Kinder ver- erbt habe. Diese Erscheinung lasse sich in Lehrerfamilien häufig beobachten. Damit war Lenchen gemeint, die ja leider niemals gute Censuren nach Hause brachte. Wahrscheinlich hatte der Herr Schulinspektor vernoinnien, Lenchen würde zu Michaeli nicht versetzt werden. Das war schlimm, recht schlimm, aber sie hatte einen guten Kern, den Kern ihrer Mutter. Nur ein bißchen flüchtig war sie, und nicht ininicr aufrichtig; Bohr- mann wußte aus eigner Erfahrung, daß es oft Schuld der Lehrer ist, wenn solche Kinder keine rechten Fortschritte »lachten. Und dann, es war merkwürdig, Lenchens Fortschritte be- kümmerten ihn nicht so sehr. Wenn Siegfried erst in die Schule ging, dann sollte der Herr Schulinspektor sein Wort von den Lehrerskindern zurücknehmen. In diesen letzten Tagen vor den Sonnnerferien vergaß er auch den andren Gedanken, der ihn in der letzten Zeit nutunter vor dem Schlafengehen beunruhigt hatte. Seitdem er, einer Laune von Mascha zuliebe, ein be- sonderes Schlafzimnier für sich hatte, verband er ja seine Mühe und Sorgen vielfach mit der Erinnerung an Mascha. Nun hätte er den kleinen Aussatz über die Steilschrift am Montagnachnnttag z. B., während Hilde und Lenchen fort waren, ruhig zu Ende schreiben können. Davon verstand Mascha nichts, und darin hätte sie ihn auch nicht irre niachen können. In, Gegenteil, ihre eigne Handschrift war in der Schule offenbar vernachlässigt worden. Da war aber sein altes Versprechen, das Buch über das Verhältnis von Kirche und Schule anzuzeigen. Und da war neuerdings eine Relief- karte von Palästina, die ihm die Schriftleitung der All- gemeinen Lchrerzeitung" zugesendet hatte»nt dem Bemerken, er werde sicherlich Veranlassung haben, die Anschaffung dieses vortrefflichen Hilfsmittels zur Kenntnis des heiligen Landes auch der kleinste» Dorfschule zu enipfehlen. lFortsetzimg folgt.)
Ausgabe
18 (24.3.1901) 59
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