Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 141.
78]
Arbeit.
Dienstag, den 23. Juli.
( Nachdrud verboten.)
1901
Auch Lucas war in tiefster Seele aufgerührt durch die Erinnerung der Vergangenheit. Er hatte gesehen, wie unglücklich sie war, welche Schmach sie erdulden mußte von der Maitresse, der Verderberin, die fast als Herrin in ihrem
Roman in drei Büchern von Emile Zola . Aus dem Französischen Hause schaltete. Er hatte gesehen, wie sie voll Würde und
übersetzt von Leopold Rosenzweig.
Als Suzanne daran ging, den Brief an Lucas zu schreiben, zitterte ihre Hand. Sie schrieb mur zwei Zeilen: Lieber Freund, ich bedarf Jhrer, kommen Sie sogleich." Sie mußte zweimal innehalten, fast hatte sie nicht die Kraft, diese wenigen Worte zu vollenden, so viel Erinnerungen riefen sie in ihr wach, an ihr verlorenes Leben, an das Glück, das nahe an ihr vorbeigegangen war, und das sie niemals, niemals kennen lernen sollte. Es war kaum zehn Uhr morgens, als ein Laufbursche sich mit dem Brief nach der Crêcherie auf den Weg machte.
Heldenmut auf ihrem Playze ausharrte und hocherhobenen Kopfes die Ehre ihres Namens bewahrte, um ihres Sohnes, um ihrer selbst willen. Trotz der langen Trennung war daher ihr Bild weder aus seinen Gedanken noch aus seinem Herzen geschwunden, er hatte ihr hohe Verehrung bewahrt und hatte innig mit ihr gefühlt, so oft ein neuer Kummer sie betraf. Oft hatte er sich gefragt, ob er ihr nicht beistehen, nicht irgendwie hilfreiche Hand bieten könnte. Es hätte ihn so glücklich gemacht, ihr beweisen zu können, daß er sich in nichts geändert hatte, daß er noch immer der Freund von einst geblieben war, der diskrete Mitwisser ihrer guten Thaten! Daher war er so schitell auf ihren ersten Ruf herbeiLucas hatte eben seinen Morgenrundgang beendet und geeilt, erfüllt von liebevoller Teilnahme, und er sagte nun befand sich vor dem Gemeinhause, als der Brief ihm über- mit überströmendem Herzen: geben wurde; und ohne einen Augenblick zu verlieren, folgte" Ja, Ihr Freund, der nie aufgehört hat, Ihr Freund zu er dem Laufburschen. Auch er war tiefbewegt, sein Herz war sein, der nur auf diesen Ruf gewartet hat, um zu Ihnen zu hingeschmolzen, als er die einfachen rührenden Worte. las: eilen." ,, Lieber Freund, ich bedarf Ihrer, kommen Sie sogleich." Zwölf Sie waren Geschwister geblieben, und das Gefühl dieser Jahre waren es her, seit die Ereignisse sie getrennt hatten, unwandelbaren Geschwisterliebe überkam sie mit solcher Macht, und sie schrieb ihm, als ob sie sich gestern zum letztenmale daß sie einander in die Arme sanken. Sie füßten sich auf die gesehen hätten, überzeugt, daß er ihrem Rufe folgen werde. Wangen , als Kameraden, die nichts mehr von den menschSie hatte keinen Augenblick an dem Freunde gezweifelt, und lichen Thorheiten fürchteten, die sicher waren, daß sie einander er war zu Thränen gerührt, als er sah, daß sie noch immer nie Leid zufügen, daß sie einander nur Frieden und Stärkung dieselbe war, ihm noch immer in schwesterlicher Zuneigung bringen konnten. Alles, was die Freundschaft zwischen einem verbunden wie einst. Die schrecklichsten Dramen hatten sich Manne und einer Frau Starkes und Bartes enthalten kann, rings um sie abgespielt, alle Leidenschaften hatten entfesselt lag in dem Kusse, den sie tauschten.
ruinieren! Wie stark mußte der Glaube meiner Seele sein, daß ich durch diesen Gedanken mich nicht aufhalten ließ! Oft war ich die Beute tiefer Traurigkeit, ich dachte, Sie müßten mich verwünschen, Sie könnten mir nie vergeben, daß ich der Urheber der schweren Sorgen bin, unter denen Sie heute seufzen!
getobt, hatten Menschen und Dinge hinweggefegt, und sie ,, Ach, teure Freundin, wenn Sie wüßten, was ich gelitten fanden sich nach so vielen Jahren der Trennung ganz habe, als ich sehen mußte, daß das Unternehmen Ihres von selbst wieder, Hand in Hand. Dann fragte er sich, Mannes unter meinen Streichen fallen mußte! Ich Sie während er rasch der Guerdache zuschritt, warum sie ihu rufen mochte. Es war ihm nicht unbekannt, daß Boisgelin beabsichtigte, ihm die Hölle so teuer als möglich zu verkaufen, indem er von den Umständen Nugen zog. Jedoch war sein Entschluß gefaßt: er wollte die Werke unter feiner Bedingung kaufen. Der einzige Weg, den er der Hölle eröffnen konnte, war, der Association der Crecherie beizutreten, so wie die andren, kleineren Fabriken ihr beigetreten waren. Einen Augenblick tauchte der Gedanke in Lucas auf, daß Boisgelin seine Frau vielleicht dazu gedrängt hatte, die Unterhandlungen mit ihm einzuleiten. Aber er fante sie zu gut, um nicht zu wissen daß sie sich zu ciner solchen Rolle niemals hergeben würde. Nein, sie mußte von etwas Schwerem bedrückt sein, ſie bedurfte seiner offenbar infolge irgendwelcher unglücklicher Umstände. Er suchte nicht länger, sondern eilte, um von ihr selbst zu erfahren, was sie von seiner Freundschaft begehrte.
Suzanne erwartete Lucas in dem kleinen Salon, und als er eintrat, glaubte sie umsiuken zu müssen vor über mächtiger Erregung. Aud) er war tief erschüttert, und eine Weile konnte feines sprechen, konnten sie einander nur schweigend ansehen.
,, Lieber, lieber Freund!" flüsterte sie endlich.
In diesen wenigen Worten drängte sich die Erinnerung an alles, was in diesen zwölf Jahren geschehen war, an ihre lange, nur von wenigen stunimen Begegnungen unterbrochene Trennung, an ihr eigenes schreckliches Leben in ihrem entehrten, befleckten Hause, und besonders an das große Werk, das er mittlerweile vollbracht hatte, und dem sie aus der Ferne mit begeisterter Seele gefolgt war. Er war zum Helden in ihren Augen geworden, sie sah bewundernd zu ihm auf, sie hätte mögen vor ihm niederknieen, seine Wunden verbinden, seine Gefährtin, seine Trösterin und Helferin sein. Aber eine andre war gekommen, Josine, und sie hatte dadurch so viel gelitten, daß die Liebe in ihrem Herzen erstickt war, jenes Gefühl, von dem niemand etwas wußte, und von dem sie selbst nicht mehr wissen wollte, ob es je eriftiert habe. Aber als sie nun den verehrten Mann vor sich sah, da stiegen alle diese Empfindungen wieder empor aus den Tiefen ihres Wesens, ihre Augen füllten sich mit Thränen, ihre Hände zitterten.
,, mein teurer Freund, da sind Sie also wieder, ich habe Sie nur rufen brauchen!"
" Ich Sie verwünschen, teurer Freund! Ich war ja auf Ihrer Seite, ich habe für Sie gebetet, Ihre Erfolge waren meine einzigen Frenden! Es war mir ein so süßes Bewußtsein, inmitten dieser Welt, in der ich leben mußte, und die Sie verabscheute, daß ich Sie begriff und Sie liebte, daß ich Ihnen in verborgensten Winkel meiner Seele ein Heiligtum errichtet hatte, von dem niemand etwas ahnte."
Was
Gleichwohl habe ich Sie ruiniert, Suzanne. werden Sie anfangen, Sie, die Sie seit Ihrer Kindheit an die Behaglichkeit des Reichtums gewöhnt sind?"
,, O, der Ruin wäre auch ohne Sie unvermeidlich gewesen. Mich haben andre ruiniert. Sie werden sehen, ob ich Mut habe, wenn Sie mich auch für verweichlicht halten." " Und Ihr Kind, und Paul?"
"
Paul? Kein größeres Glück hätte ihm widerfahren können, als daß er wird arbeiten müssen. Sie sehen, was der Reichtum aus uns gemacht hat."
Hierauf teilte sie ihm mit, warum sie ihn so eifrig hatte rufen lassen. Monsieur Jérôme, von dessen beängstigendem Wiedererwachen sie ihm erzählte, wollte ihn sehen. Es war der Wunsch eines Sterbenden, der Doktor Novarre sah ein baldiges Ende voraus. Erstaunt gleich ihr, und gleich ihr von unbestimmtem Schrecken ergriffen über diese wunderbare Auferstehung, erwiderte er. daß er ihr ganz zur Verfügung stehe, daß er alles thun wolle, was sie wünsche.
,, Sie haben Ihrem Mann von dem Wunsch Ihres Großvaters und von meinem Besuch unterrichtet?" fragte er. Sie sah auf und zuckte leicht die Achseln.
,, Nein, ich habe gar nicht daran gedacht, und es ist auch überflüssig. Seit langer Zeit scheint der Großvater nicht mehr zu wissen, daß mein Mann eriſtiert. Er spricht nicht zu ihm, er sicht ihn nicht. Uebrigens ist auch mein Mann heute zeitig morgens auf die Jagd gegangen und ist noch nicht zurückgekehrt."
Dann setzte sie hinzu:
„ Wenn Sie mir folgen wollen, führe ich Sie sogleich hin."