Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 161.

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Arbeit

Dienstag, den 20. August.

( Nachdruck verboten.)

Noman in drei Büchern von Emile Zola . Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig.

1901

enger, immer ausschließlicher auf den Buchstaben des Dogmas zurückgezogen, um sich den Wahrheiten der Wissenschaft zu verschließen, die sich, wie er fühlte, zum legten, ent scheidenden Sturm bereitete, der den Jahrhunderte alten Die Wissenschaft drang unwiderstehlich vor, das Dogma war end­Bau des Katholizismus in Trümmer legen mußte. gültig besiegt, das Reich Gottes wurde auf Erden errichtet So zog der schreckliche Tod lautlos, von Finsternis unthüllt, im Namen der triumphierenden Gerechtigkeit. Eine neue an dem köstlichen, lebenspendenden jungen Frühling vorbei. Religion, die Religion der bewußt, frei und Herrin ihres Ueberall schienen Liebende aus dem Boden zu wachsen, an Geschickes gewordenen Menschheit scheuchte die alten Mytho­jeder Wegkreuzung, bei jeder Biegung um ein Ge- logien von dannen, die Symbolismen, zu denen sie in ihrem büsch tauchten neue Paare auf. Die erbebte langen, schreckensvollen Kampfe mit der Natur ihre Zuflucht wonnig unter der Regung der zahllosen Reime in genommen hatte. Nach den Tempeln der alten Götterreligionen ihrem Schoße, Blumenduft erfüllte die Luft, die verschwand nun auch die katholische Kirche von der Erde, da Hände suchten sich, die Lippen vereinigten sich mit dem leisen ein brüderliches Volf sein festbegründetes Glück bloß in der Geräusch springender Knospen. Ein neuer Fluß ergoß sich in lebendigen Kraft seiner Gemeinsamkeit suchte und fand, den mächtigen Strom der Lebewesen, unaufhörlich wurde der ohne eines ganzen wohlausgedachten Systems von Strafen Tod besiegt, die Zukunft sproßte unaufhaltsam weiter, immer und Belohnungen zu bedürfen. Und seitdem der Beichtstuhl vollkommenerer Wahrheit und Gerechtigkeit, immer größerem und der Tisch des Herrn verlassen, das Schiff der Kirche Glücke entgegen. menschenleer geworden war, sah der Priester bei jeder Morgen­Vor der Thür ihres Hauses stand Suzanne wartend und messe die Nisse in den Mauern sich erweitern, hörte er jeden sah angstvoll in die Nacht hinaus. Als sie die Tragbahre Tag das Dachgewölbe stärker knacken und knistern. Es war erblickte, wußte sie alles, und sie stöhnte schmerzlich auf. ein langfames Abbröckeln, eine allmähliche, unablässige Und als Lucas ihr von dem elenden Ende des nuglosen Zerstörungsarbeit, deren leiseste Anzeichen er bemerkte und Menschen berichtete, dessen Reste auf dieser Tragbahre ruhten, beobachtete. Da es ihm nicht möglich gewesen war, die konnte sie, indem sie sein ganzes leeres, vergiftetes und ver- Mittel auch nur für die notwendigsten Ausbesserungen giftendes Leben überblickte, das ihr so viel Leid bereitet hatte, aufzutreiben, so blieb ihm nichts andres übrig, als thatlos nur wieder ausrufen: und ergeben die Zerstörung ihren Weg zum unvermeidlichen Ende aller Dinge nehmen zu lassen. Allein bei seinem verlassenen Gotte ausharrend, ein Held des Glaubens, fuhr er fort, täglich die Messe zu lesen, während die Decke über dem Altar auseinanderklaffte.

Ach der Unglückliche, das alte Stind!-"

Noch manche andre Statastrophe begleitete den unaufhalt famen Zerfall der alten, verrotteten, zum Verschwinden ver­urteilten Gesellschaft. Aber die erschütterndste ereignete sich im nächsten Monat: das Dach der alten Kirche Saint- Vincent Eines Morgens bemerkte der Abbé, daß während der stürzte eines sonnenhellen Morgens ein, als der Abbé Nacht ein neuer gewaltiger Riß im Gewölbe des Kirchen­Marle eben am Altar stand und die Messe las, ohne andre schiffes entstanden war. Er sah, daß der seit Monaten er­Zuhörer als die Sperlinge, die durch das leere Schiff der wartete Einsturz nun erfolgen werde, und in seine reichsten Kirche flatterteit. Priestergewänder gekleidet, trat er vor den Altar, um

Seit langer Zeit wußte der Pfarrer, daß seine Kirche seine letzte Messe zu lesen. Seine fräftige, hohe Ge­eines Tages über ihm zusammenstürzen würde. Sie stammte stalt war noch gerade und aufrecht, trop feines großen noch aus dem sechzehnten Jahrhundert und war schon sehr Alters. Wie seit langem schon, ließ er sich nicht assistieren, schadhaft und rissig. Vor vierzig Jahren war der Turm re- er verrichtete selbst alle Dienste der heiligen Handlung. als ob eine pariert worden, aber aus Mangel an Geld hatte die Er- sprach die Worte, machte die Gebärden, neuerung des alten Kirchendaches, dessen morsche Balken große Menge sich hinter ihm drängte und sich mit sich schon bogen, verschoben werden müssen, und seit der ihm im Gebete vereinigte. In der verödeten Kirche lagen Zeit waren alle Versuche, die nötigen Mittel zu erlangen, zerbrochene Stühle auf den Fliesen, traurig anzusehen, gleich vergeblich gewesen. Der Staat, von seiner Schuldenlast erdrückt, Gartensesseln, die über Winter draußen vergessen wurden. überließ diese in einem entfernten Winkel des Reichs liegende Gras wuchs am Fuße der Säulen, die mit Moos überzogen Kirche ihrem Schicksale. Die Stadt verweigerte jeden Beitrag, waren. Alle Winde bliesen frei durch die zerbrochenen denn der Bürgermeister Gourier war nie ein Freund des Pfaffen Fenster und die halb aus den Angeln hängende Thür gewesen, so daß der Pfarrer, auf sich selbst angewiesen, gezwungen wehrte den Tieren der Nachbarschaft den Eintritt nicht. Aber gewesen war, sich persönlich aufzumachen, um die nötige große an diesem schönen, klaren Tage drang besonders die Sonne Summe herbeizuschaffen, wenn er nicht wollte, daß ihm das siegreich herein; es war, als ob das Leben triumphierend Gotteshaus überm Kopfe zusammenstürzen sollte. Aber ver- Bejiz ergriffe von dieser tragischen Ruine, durch welche geblich klopfte er an die Thüren seiner reichen Pfarrkinder; die Vögel flatterten und wo wilder Hafer bis an die steinernen die Gläubigen wurden immer seltener, ihr Eifer erkaltete. Mäntel der alten Heiligen wuchs. Oberhalb des Altars Solange die Frau des Bürgermeisters, die schöne Leonore, noch hing noch ein bemaltes, aus Holz geschnittes, großes lebte, deren große Frömmigkeit für den Atheismus ihres Christusbild. Der Gekreuzigte neigte mit schmerzlichem Aus­Mannes entschädigte, hatte er in ihr eine wertvolle Unter- druckt sein Dulderhaupt, und aus den Wunden seines bleichen stützung gefunden. Dann war ihm nur noch Madame Leibes rieselte das Blut gleich schwarzen Thränen. Mazelle geblieben, die aber von Natur nicht sehr freigebig war und deren Religiosität merklich nachließ. Als dann die Verminderung ihrer Renten sie vollends aus dem Gleich gewicht brachte, kam sie immer seltener zur Kirche, und der Pfarrer verlor in ihr sein letztes Beichtkind von Stand; nur noch einige arme Weiber waren dem Glauben treu ge­blieben, die sich infolge ihres Elends an die Hoffnung auf ein besseres Jenseits flammerten. Und seitdem es endlich keine Armen mehr gab, blieb seine Kirche vollkommen leer,

Während des Evangeliums hörte der Abbé Marle ein stärkeres Krachen. Staub und Mörtel fielen auf den Altar herab. Beim Offertorium wiederholte sich das Geräusch, durch­dringend, unheilverkündend, und ein Beben ward fühlbar, als ob das Gebäude erzitterte, ehe es einstürzte. Da nahm der Priester in der Wandlung alle Kraft seines Glaubens zu­sammien und flehte mit inbrünstiger Seele zu Gott, daß er das Wunder wirke, dessen rettende, glorreiche Erscheinung er feit so langer Zeit erwartete. Wenn Gott es wollte, dann erhielt die Kirche mit eins ihre kraftvolle Jugend wieder, und Da sah der Abbé Marle, daß eine Welt um ihn zu Ende unerschütterliche Säulen stüßten ihre mächtigen, steinernen ging und rettungslos dem Untergang auheimfiel. Alle feine Wölbungen. Es bedurfte keiner Handwerker, der Wille der nachsichtige Duldung hatte die lügnerische, verrottete Bürger- göttlichen Allmacht genügte, und ein herrliches Heiligtum Klasse, die vom Uebel der Ungerechtigkeit verzehrt wurde, nicht entstand mit goldenen Kapellen, mit leuchtenden Fenstern, retten können. Vergeblich hatte er ihren Todeskampf mit dem reichen Schnißereien und kunstvollen Marmorgebilden, Mantel der Religion bedeckt, sie war unter einem letzten während ein Volk von Gläubigen auf den Fliesen kniend Skandal gestorben. Und ebenso vergeblich hatte er sich immer Psalmen der Auferstehung sang, unter den Flammen Tausen

er war allein.