Zlnterhaltungsbtatt des Worwärts N?. 223. Donnerstag, den 14. November. 1301 (Nachdruck verboten.) isi Crepsy. Roina» von Bret Harte . VI. Als die Thür sich hinter Rupert geschlossen hatte, ließ der Lehrer den Porhang herab, zündete die Lampe an und der- iuchte zu lesen. Draußen hüllte sich der große Tag für Jndianerbnnm langsam in die dichten Nebel vom Flusse her und die Feststimmung gab sich nur noch durch vereinzelte bengalische Flammen und Raketen kund. Zeitweise ließ sich Geräusch von den Zechern im unteren Räume und die taumelnden Schritte eines heimwärts Wankenden vernehmen, was die ländliche Stille noch erhöhte. Denn die Zukunft JndianerbrunnS lag noch so weit, daß die Natur wieder in ihre Rechte trat, und Herr Ford hob den Kopf von dem Zeitnngsblatte und horchte auf den Ruf eines Vogels vom jenseitigen Ufer. So fühlbar machte sich die eingetretene Ruhe, daß selbst die Erinnerung an die gefundenen Myrtenzweige ihr keinen Eintrag zu thnn vermochte. Er versuchte zu arbeiten, doch auch das wollte ihm nicht gelingen. Dann überkam ihn ein Gesühl der Reue darüber, daß er gegen Rupert in seinem thörichten Liebeskummer nicht freundlich genug gewesen. Ein halb rührendes, bald heiteres Bild trat ihm vor Augen, wenn er an den unglücklichen Rupert dachte, wie er unter der doppelten Bürde seines schlafenden Bruders und einer übel angebrachten Liebe dahinwankte oder vielleicht in eincui Anfall knabenhafter Tollheit eines oder beides in den nächsten Graben warf und für immer von Hause fortging. Er griff nach seinem Hut in der Absicht, ihn zu suchen oder ihn über andren Be- gegnisscn zu vergessen. Als er über den Flur schritt, traf er auf Frau Tripp, welche ihm in elegantem Vallkostürn entgegentrat, das ihr aber nach seiner Meinung weniger gut stand als ihr gewöhn- liches Kleid. Mit einer Verbeugung wollte er vorüber, doch sie hielt ihn mit den Worten fest: „Gehen Sie heute nicht zum Ball?" Nun entsann er sich, daß ein..Eröffnnngsball" im Gerichtshause einen Teil der festlichen Veranstaltungen aus- machte.„Nein," entgegnete er lächelnd,„aber es ist schade, daß Rupert Sie in Ihrem reizenden Kostüm nicht hat sehen können." „Rupert," lachte die Dame ein wenig kokett,„Sie haben ihn zu einem ebensolchen Weiberfeind gemacht, wie Sie es sind. Ich wollte ihn mit in unsre Gesellschaft nehmen, aber er rannte fort zu Ihnen." Sie hielt inne, betrachtete ihn nrit einem verstohlen kritischen Blick und sagte mit einem Gemisch von Zutrauen und Dreistigkeit:„Warum gehen Sie nicht? Es thnt Ihnen keiner'was." „Das ist doch nicht ganz sicher," entgegnete er galant.„Mir steht Ruperts trauriges Beispiel immer vor Augen." Frau Tripp schüttelte ihr Chignon und stieg ein paar Sülsen die Treppe hinab.„Sie sollten doch gehen," meinte sie mit einem Blick nach oben.„Sie können ja zusehen, wenn Sie nicht tanzen können." Nun konnte aber Herr Ford tanzen, und sogar ziem- lich gut. In diesem Bewußtsein blieb er halb unwillig oben stehen, während sie verschwand. Warunr sollte er nicht gehen? Allerdings hatte er ihre Annahme stillschweigend zugegeben und hatte sich an den gesellschaftlichen Zusammenkiinften in Jndiancrbrnnn niemals beteiligt— aber das war kein Gnrnd. Er konnte sich wenigstens ankleiden, nach dem Gerichtshause gehen und— zusehen. Ein schwarzer Rock und ein weißes Hemd waren äv rigueur für Jndianerbrunn. Als überflüssige Eleganz fügte er noch eine zufällig vorhandene weiße Weste hinzu. Als er das Gerichtshaus erreichte, war es erst neun Uhr, allein die Fenster flimmerten schon wie ein gestrandeter Dampfer auf dem Riff, auf welchcnl er festsitzt. Auf dem Herwege war er ein paar- mal daran gewesen, seineil Entschluß zu ändern, und selbst an der Thür zögerte er noch. Allein die Furcht, daß sein Zögern von den Personen an der Thür bemerkt werden könnte. und der Umstand, daß diese ihm bereits schüchtern Platz machten, veranlaßten ihn, einzutreten. DieBureausundTerminzimmer im unteren Stockiverk waren in Garderoben und Büffctträume umgewandelt worden, für den Tanz aber war der oben belegene Sitzungssaal bestimmt, der noch nicht ganz vollendet war. Flaggen, Gnirlanden und auf daS Ereignis bezügliche Inschriften verhüllten die kahlen Wände; doch das über der Estrade für die Richter bereits angebrachte Wappen des Staates mit seinem goldenen Sonnenuiltergang, der emporsteigenden Göttin und dem harten Grau der Farben schien die Veranstaltung besser zu kennzeichnen als die In- schriften. Der Raum war enge und dicht ge- füllt. Die flackernden Kerzen, die in Zinnleuchtern an den Wänden angebracht waren oder in rohen Krön- lcuchtern aus Tonnenreifen von der Decke heraö- hingen, beleuchteten eine Mannigfaltigkeit weiblicher Kostüme, wie sie der Lehrer noch nie gesehen: Kleider nach alter Mode, zerknittert und fleckig vom langen Liegen, Toiletten von längst vergcffeucn Festlichkeiten mit modernen Zuthatcn aufgefrischt: für die Jahreszeit paffende und nicht passende Roben, ein Jackett mit Pelzbesatz und dazu ein Tüll- rock. ein Sammetklcid unter einem pigue sacque; jugendfrische Gesichter unter altmodischem Kopfputz, reife und üppige Schönheiten in jungfräulichem Weiß. Der kleine Raum für die Tänzer wurde beständig von den Zuschauern betreten, welche in drei Reihen die Wände des Saales ein- faßten. Während er sich nach vorn durchdrängte, hatte ein junges Mädchen. welches eben zur Quadrille antrat, sich mit wunderbarer Schnelligkeit in die Menge hineingeschoben und war verschwunden. Ohne das Gesicht sehen zu können. glaubte Herr Ford doch an den schnellen, ungestümen Be- wegungen Eresst) zu erkennen; eine bedrückende Ahnung, für die er sich keine Erklärung wußte, sagte ihm. daß sie ihn ge- sehen habe und aus irgend einem ihm unverständlichen Grunde er die Ursache ihres plötzlichen Vcrschwindens sei. Doch das dauerte nur einen Augeitblick. Während er noch die Menge betrachtete, erschien sie wieder und nahm den Platz neben ihrem erstaunten Tänzer ein— dem bezaubernden Fremden, der stHans Betvnnderung und Rupert Verachtung ein- geflößt hatte. Sie tvar bleich; nie hatte er sie so schön ge- sehen. Alles, was er übel und linpassend an ihr gefunden hatte, erhöhte nur ihren Liebreiz in diesem Augenblick, in dresem Lichte, dieser Atmosphäre und dieser seltsamen Ver- sammlnug. Selbst ihr blaßrotes Gazekleid, aus welchem ihre jugendlich schönen Schultern hervorsahen tvie ans einer von der scheidenden Sonne gefärbten Wolke, schien nur den Ein- druck jungfräulicher Unschuld zu erhöhen. DaS Fehlen der Farbe in ihrem sonst frischen Gesichte wurde durch einen zauberhaften Schimmer ersetzt, welcher halb geistiger Natur zu sein schien. Er vermochte seine Augen nicht von ihr zu wenden; er konnte nicht glauben, was er sah. Und doch war das Cressy Mc Kinstry— seine Schülerin l Hatte er sie über- Haupt schon je gesehen? Kannte er sie nur? 5lein Wunder. daß aller Augen auf ihr ruhten, daß ein Murmeln stummer Bewunderung durch die Menge lief. Hastig blickte er um sich und empfand es seltsamerweise als Erleichtenmg, daß seine Regung anscheinend geteilt wurde. Nun tanzte sie mit der nämlichen Zurückhaltung und seltsamen Ruhe, welche ihn so heftig ergriffen hatte. Noch hatte sie nicht nach ihm hingesetzt doch dasselbe Gefühl, welches vorher bereits in ihm sich geregt hatte, sagte ihm, sie wisse, daß er da sei. Sein Verlangen, ihren Blick ansznfangcn, mischte sich mit einer gewissen Besorgnis, als könnten in einem bloßen Blickewechsel» die Illusionen des Augenblickes ent- schlvinden oder unwiderruflich bleibend werden. Als der Tanz beendet war, zwang er sich zum Fortgehen, teils um die Berührung mit Bekannten zu vermeide� die er vor sich sah und die er aus Höflichkeit um einen Tanz hätte bitten müssen, teils um seine Gedanken zu sammeln. Er beschloß. einen Gang durch die Zimmer zu machen und dann nach Hause zu gehen. Wer ihn erkannte, machte ihm voll stummer Neugier Platz, die Aelteren offenbar mit der Empfindung, daß er in gleicher Lage wie sie, was ihn entschieden ärgerte. Einen Moment lang dachte er schon daran. Frau Tripp auf- zusuchen und zu einem Tanze aufzufordern, lediglich um ihr zu zeigen, daß er tanzen könne. t Fast hatte er schon alle Räume durchstrichen, als die
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18 (14.11.1901) 223
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