Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Mz. 1.

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Mittwoch. den 1. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Foma Gordjcjew.

Roman ven Magim Gorki. Deutsch von Klara Brauner. Erstes Kapitel.

Vor ctiva sechzig Jahren, als an der Wolga mit märchen­hafter Schnelligkeit Millionen erworben wurden, diente auf einer der Barken des reichen Kaufmanns Sajew ein junger Bursche, Ignat Gordjejew, als Wasserschöpfer.

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Reckenhaft gebaut, hübsch und nicht dumm, gehörte er zu jenen Menschen, denen immer und überall das Glück hold iſt nicht weil sie begabt und fleißig sind, sondern mehr deshalb, weil sie über einen riesigen Energieborrat verfügen und auf dem Wege zu ihren Zielen, sich über die Wahl der Mittel keine Gedanken zu machen pflegen, ja es selbst nicht können; sie feinen außer dem eignen Willen kein andres Gesez. Manchmal sprechen sie voll Angst von ihrem Gewissen, zeitweise quälen sie sich aufrichtig im Kampfe damit ab. doch das Gewissen ist nur für schwache Seelen eine unbesiegbare Macht; die Starken bezwingen es bald und machen es ihren Wünschen dienstbar, denn sie fühlen unbewußt, daß, wenn sie ihm Freiheit und Un beschränktheit einräumen, es ihnen das Leben verstümmeln würde. Sie opfern dem Gewissen nur Tage; sollte es aber vorkommen, daß ihre Seelen von ihm unterjocht werden, so fühlen sie sich, trotzdem sie besiegt sind, doch niemals als ver­nichtet und leben ebenso gesund und kräftig unter seiner Ober­Herrschaft, wie sie ohne sie gelebt haben.

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1902

und schaute durchs Fenster zu, wie die Trümmer der Bojaren­frau" mit dem Eis auf dem Wasser trieben.

" Thut's Dir leid um das Zeug, Ignat?" fragte Majakin.

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Was soll mir denn da leid thun? Die Walga hat's ge geben, die Wolga hat's auch genommen... Ich bin doch nicht um meine Hand gekommen..

Aber doch.

"

Was doch? Wenigstens hab' ich geschen, wie das alles zuging... ich hab' für die Zukunft gelernt. Schade, daß ich nicht gesehen hab', wie mein Wolgarj" verbrannt ist. Wie schön das sein muß, wenn auf dem Wasser, in dunkler Nacht so ein Scheiterhaufen flacfert, was? Das war ein riesengroßes Dampfschiff.

Als ob's Dir da auch nicht leid gethan hätte?" Um das Dampfschiff? Um das Dampfschiff war's schade, das stimmt... Das war doch aber nur dumm. Was hat man davon? Man kann schon weinen: die Thränen löschen kein Feuer. Laß die Dampfschiffe mur verbrennen... und wenn auch alles verbrennt ich pfeif' drauf! Wenn nur das Herz nach Arbeit brennt, dann wird alles wieder auferstehen. ist's so?"

" Ja- a," sagte Majakin lächelnd. Das sind starte Worte, die Du sprichst. Und wenn jentand so spricht, kann man ihn bis aufs Hemd ausziehen, er wird doch reich sein.

Judem Ignat den Verlusten von Tausenden so philo. sophisch gegenüberstand, kannte er doch den Wert einer jeden Stopete; er selbst gab den Armen selten etwas und nur den jenigen, die ganz arbeitsunfähig waren. Wenn aber ein halb wegs gesunder Mensch bettelte, sagte Ignat streng:

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Mach, daß Du weiter fomst! Du kannst noch arbeiten .. geh und hilf meinem Hausknecht den Dünger einfahren, friegst dann einen Siebziger

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Mit vierzig Jahren war Ignat Gordjejew selbst Besizer von drei Dampfschiffen und zehn Barken. Er wurde als reicher und kluger Mann an der Wolga geachtet; doch er erhielt den Beinamen der Zolle ", denn sein Leben floß nicht in gleichmäßigem Fahrwasser hin, wie bei andern Menschen, In den Zeiten seines Arbeitseifers war er den Mitmenschen die feinesgleichen waren, sondern es schäumte ohne Unterlaß gegenüber hart und erbarmungslos, er gönnte auch sich rebellisch auf und stürzte aus seinem Bette heraus, weitab selbst bei der Rubeljagd keine Ruhe. Und plöhlich vom Hauptziel des Daseins dieses Menschen, dem Geldgewinn. wöhnlich geschah das im Frühling, da alles auf der Erde so Man hätte glauben können, es gäbe drei Gordjejews, oder berückend schön wird und der flare Himmel die Seele so drei Seelen in Ignats Körper. Die eine davon, die mächtigste, vorwurfsvoll- freundlich amveht bekam gnat Gordjejew war nur gierig, und wenn Ignat sein Leben ihren Befehlen das Gefühl, er sei nicht der Herr seiner Arbeit, sondern unterordnete, so war er einfach ein von einer unbezähm- ihr niedriger Sklave. Er wurde nachdenklich, blickte unter den baren Leidenschaft zur Arbeit erfaßter Mensch. Diese dichten, gerunzelten Brauen forschend um sich und ging ganze Leidenschaft brannte Tag und Nacht in ihm, er gab Tage lang finster und gereizt herum, als frage er schweigend fich ihr gänzlich hin, riß überall Hunderte und Tausende irgend etwas und fürchte sich, laut zu fragen. Dann erwachte von Rubeln an sich, und doch schien es, als würde in ihm seine zweite Seele, die wilde und wollüstige Seele er sich niemals amn Rascheln und Klimpern des Geldes sättigen. eines ausgehungerten Tieres. Er war dann allen gegenüber Er stürmte die Wolga anf und ab, indem er Nezze anlegte frech und chnisch, trant, führte ein ausschweifendes Leben, ver­und festigte, mit denen er nach Gold fischte: er kaufte in den führte andre zum Trinken und gelangte bis an die Grenzen Dörfern das Korn zusammen und führte es in seinen Barken des Wahnsinns ; in ihm schien ein Bulkan seinen Schmutz nach Ribinst; er plünderte und betrog, manchmal ohne es auszuspeien. Er schien wild an den Ketten zu reißen, die er selbst zu merken; manchmal merkte er's und lachte trium sich selbst geschmiedet hatte und die er trug; er riß an ihnen phierend die von ihm Betrogenen offen aus und wuchs im und war zu kraftlos, sie zu zerreißen. Wahnsinn seiner Geldgier bis zur Poesie. Doch indem er der Zerrauft, schmutzig, mit vor Trunkenheit und schlaflosen Jagd nach dem Rubel so viel Straft widmete, war er nicht Nächten verschwollenem Gesicht, mit wahnsinnigen Augen und im engen Sinne des Wortes gierig, und legte sogar manch- heiser brüllender Stimme stürmte er mit seiner riesenhaften mal eine unverständliche, aber aufrichtige Gleichgültigkeit gegen Gestalt durch die Stadt, aus einer Spelunke in die andre, seinen Besitz an den Tag. Einmal stand er während des Eis- warf das Geld hinaus, ohne es zu zählen, weinte beim Singen ganges auf der Wolga am Ufer, und als er sah, wie das Eis von melancholischen Volksliedern, tauzte, schlug um sich, doch seine neue fünfundvierzig Faden lange Barke zertrümmerte, er fand nirgends und in nichts Ruhe. indem es sie ans steile Ufer preßte, brumnite er durch die Einmal geschah es, daß sich gnats Trinkfumpanen ein Zähne:. verabschiedeter Diaton anschloß; es war ein kleiner, dicker Mensch in einem durchlöcherten Meßgewand mit einem Kahl­topf. Er war ein häßliches, widerwärtiges Wesen ohne jede Persönlichkeit und spielte die Rolle eines Narren. Man schmierte ihm die Glaze mit Senf ein, ließ ihn auf allen Vieren herumfriechen, ein Gemisch von verschiedenen Schnäpsen trinken und cynische Tänze tanzen; er führte das alles schweigend aus, mit einem idiotischen Lächeln auf dem ver kommenen Gesicht, und nachdem er alles, was ihm be­fohlen wurde, gethan hatte, sagte er regelmäßig, indem er die Hand mit nach oben gekehrter Handfläche vorstreckte: ,, Verabreichen Sie mir ein Rubelchen."

" So ist's recht... mur zu... drück und quetsch' sie! Nun, noch einmal! rr...!

..Wie steht's, Ignat?" fragte ihn sein Gevatter Majakin, der zu ihm trat, das Eis preßt Dir wohl gute Zehntausend aus dem Beutel, nicht wahr?"

,, Macht nichts! Ich werde andre Hunderttausend heraus­bringen...sieh doch, wie die Wolga arbeitet! Was? Die versteht es? Sie, das Mütterchen, kann die ganze Erde durch rühren, wie ein Messer den Quart... schau nur, schau! Da hast Du meine Bojarenfrau"! Sie ist nur einmal im Wasser gewesen... Nun, wollen wir ihr eine Gedenkfeier Halten?"

Man lachte schallend über ihn und gab ihm manchmal Die Barke wurde zu Spähnen zersplittert. Ignat faß zwei Groschen, manchmal bekam er nichts, es kam aber vor, mit seinem Gevatter in einer Schenke am Ufer, trant Schnaps daß man ihm zehn Rubel und noch mehr hinwarf.