Dnterhaltungsblatt des Vorwärts 17. Freitag, den 24. Januar. 1902 Nachdruck vnboten.! \7] Govdjejem. Roman von Mozlm Gvlti. Deutsch von Klara Brauner Ioma wurde von rückwärts und von den Seiten gestoßen; er ging, ohne etwas andres als den grauhaarigen Kopf des Vaters zu sehen, und der klagende Gesang fand ein wehmutsvolles Echo in seiner Brust. Majakin, der neben ihm ging, flüsterte ihm ausdringlich und unaufhörlich in die Ohren: ..Sieh mal. Taufende von Menschen drängen sich um Dich! Sogar der Gouverneur ist gekommen, um Deinem Vater das Geleit zu geben... der Bürgermeister... fast der ganze Gemeinderat... und hinter Dir— dreh Dich mal um I— geht Sofja Pawlowna.... Die Stadt ehrt Jgnat." Zuerst hörte Foma das Nüstern des Paten nicht, doch als dieser MedinSkaja erwähnte, wandte er sich unwillkürlich um und erblickte den Gouverneur. Ein kleiner Tropjen von etwas Angenehmen ergoß sich in seine Seele beinr Anblick dieses angesehenen Mannes, der ein grelles Ordensband um die Schulter und Orden aus der Brust trug und mit Trauer auf dem strengen Gesicht dem Sarg folgte. „Selig ist der Weg, den Du Seele heute betrittst", sang Jakow Tarassowitsch leise mit, schnupperte mit der Nase und flüsterte wieder seinem Taufkind ins Ohr: „FUnfundsiebzigtausend Rubel, das ist eine Sumnie, für die man ein solches Geleite schon beanspruchen darf... Hast Du gehört, daß die Sonjka die Grundsteinlegung auf den Fünfzehnten festgesetzt hat? Es fällt grade auf den Tag der Gedächtnisfeier..." Foma wandte sich wieder um, und seine Augen begegneten den Augen der Medinskaja. Er seufzte bei ihrem liebkosenden Blick tief auf, und ihm wurde auf einmal leichter, als sei ein heißer Sonnenstrahl in seine Seele gedrungen und habe dort etwas zer-schmolzen. Und zugleich fiel ihm ein, daß es für ihn unschicklich war, den Kopf hin und her zu wenden. In der Kirche bekam Foma Kopfweh, und ihm war, als ob alles um ihn und unter ihm wanke. In der schwülen Luft, die niit Staub, Menschenatem und Weihrauch gesättigt war. zitterten leise die Flamnien der Kerzen. Das sanfte Antlitz des Heilands blickte ihm aus einem großen Heiligen- bild entgegen, und die Kerzcnflammen, die sich im matten Gold der Dornenkrone des Erlösers widerspiegelten, erinnerten an Blutstropsen. Fomas erivachte Seele trank gierig die feierlich düstere Poesie der Messe, und als der rührende Ruf erklang: „Kommt, laßt uns den letzten Stuß ausdrücken," entrang sich Fomas Brust ein so lautes, heulendes Schluchzen, daß in die Menge in der Kirche bei diesem Schrei des Grams Be- wegung kam. Nach diesem Aufschrei wankte er. Der Pate faßte ihn gleich bei den Annen und stieß ihn zum Sarg hin, indem er ziemlich laut und mit einem gewissen Eifer sang: „Küßt den, der nur eine Weile mit uns war... küß. Fonm, küß ihn!... Denn er wird dem Grab übergeben, mit Stein bedeckt... er siedelt in das Duirkel über und wird mit den Toten begraben." Foma berührte die Stirn des Vaters mit den Lippen und prallte entsetzt vom Sarg zurück. „Vorsichtig! Du hättest mich sast umgeworfen." bemerkte Majakin halblaut, und diese einfachen, ruhigen Worte gaben Foma mehr Halt, als die Hand des Paten. „Die ihr mich hier stumm und entseelt vor euch liegen seht, weint um mich, Brüder und Freunde", bat die Kirche in Jgnats Namen. Doch sein Sohn weinte nicht mehr: das schwarze, geschwollene Gesicht des Vaters hatte ihm Entsetzen eingeflößt, und dieses Entsetzen ernüchterte ein wenig seine Seele, die von der wehmütigen harmonischen Klage der Kirche um ihren sündigen Sohn berauscht war. Die Bekannten um- ringten ihn und suchten ihn eindringlich und freundlich zu trösten; er hörte ihnen zu und begrifj. daß sie ihn alle be- mitleidcten und daß es ihnen allen nahe ging. Und der Pate flüsterte ihm ins Ohr: „Paß auf. wie sie Dir schmeicheln... Die Katzen riechen das Schmalz.. Diese Worte waren Foma unangenehm, doch sie hatten eine tmte Wirkung, indem sie ihn zwangen, sich ihnen gegen- über a�f die eine oder andre Weise zu verhalten. Auf dem Friedhof bei der Seelenmesse schluchzte er wieder bit�rlich und laut auf. Der Pate faßte ihn sogleich beim Arm uNP führte ihn vom Grabe fort, indem er zornig sprach: „Wie kleinmütig Du bist, Bruder I Thut es mir denn nicht leid um ihn? Ich habe ja seinen vollen Wert gekannt, und Du warst nur setsz Sohn... Und trotzdem weine ich nicht... Wir waren mehr als dreißig Jahr lang ein Herz und eine Seele... Wie viel da gesprochen und gedacht wurde... Wie viel Leid wir dagegen durchgekostet haben... Du bist jung, was hast Du Dich zu grämen? Dein ganzes Leben liegt vor Dir. und Du wirst noch an vielen Freundschaften reich sein. Und ich bin alt und habe jetzt den einzigen Freund begraben... jetzt bin ich wie ein Bettler... ich werde keinen Freund für die Seele mehr finden!" Die Stimme des Alten zitterte und knarrte seltsam. Sein Gesicht verzerrte sich, die Lippen zogen sich zu einer breiten Grimasie auseinander und bebten, die Hautfalten schrumpften zusanmien, und aus den kleinen Augen flössen ununterbrochen feine Thränen darüber hin. Er war so rührend jämmerlich und sah sich so gar nicht ähnlich, daß Foma stehen blieb, ihn mit der Zärtlichkeit des Starken an sich preßte und bange ausrief: „Weinen Sie nicht, Vater... mein Täubchen, weinen Sie nicht." „So ist's also," sagte Majakin mit schwacher Stimme. seufzte tief auf und verwandelte sich wieder in den charakter- festen, klugen Alten.„Du darfst nicht flennen," fuhr er ge- heimnisvoll fort, indem er sich neben sein Taufkind in den Wagen setzte.„Du bist jetzt ein Feldherr im Krieg und mußt Deine Soldaten mutig kommandieren. Deine Soldaten sind die Rubel, und Du hast eine große Armee davon... Du hast nur zu kämpfen!" Foma, der von der Schnelligkeit dieser Verwandlung er- staunt war, hörte seinen Worten zu, und sie erinnerten ihn an das Fallen der Erdklumpen, die von den Anwesenden in Jgnats Grab, auf seinen Sarg geworfen wurden. „Mit wem soll ich kämpfen?" fragte Foma seufzend. „Ich werde Dir's schon beibringen. Hat Dir der Vater gesagt, daß ich ein kluger Alter bin. und daß man aus mich zu hören hat?" „Ja. das hat er gesagt..." „Also höre aus mich I Wenn man meine Klugheit zu Deiner jungen Kraft hinzufügt, kann man einen schönen Sieg erringen... Dein Vater war ein hervorragender Mensch ... doch er verstand nicht in die Zukunft zu schauen und auf mich zu hören... Er hat im Leben nicht durch seinen Verstand, sondern durch sein Herz Erfolg gehabt... Ach, was wird noch aus Dir werden... Ziehe zu nur, es wird Dir allein im Hause bange sein..." „Die Tante ist dort..." „Die Tante ist krank. Auch sie hat nicht mehr lange zu leben." „Sprechen Sie nicht davon," bat Foma leise. „Ich werde doch sprechen. Du hast den Tod nicht zu fürchten,— Du bist kein altes Weib, das ans dem Ofen liegt. Lebe ohne Furcht und thuc das, wozu Du bestimmt bist. Und der Mensch ist dazu bestimmt, das Leben auf der Welt im Geleise zu halten. Der Mensch ist ein Kapital, er setzt sich wie ein Rubel aus elenden Kupfergroschen und Kopekeir zusammen. Es heißt, er wird aus Erdenstaub geboren... Und in dem Maße, wie er durch das Leben in Umsatz gebracht wird, Schmalz und Butter, Schweiß und Thränen einsaugt. bildet sich in ihm eine kleine Seele und ein kleiner Verstand... Und dann beginnt er in die Höhe und in die Tiefe zu wachsen; wenn man Hinsicht, ist er einen Groschen wert oder fünfzehn Kopeken oder hundert Rubel... oder er steht über jedem Preis. Er ist in Umsatz gebracht und muß für das Leben Prozente bringen. Das Leben kennt den Wert von uns allen und wird unjreu Marsch vor der
Ausgabe
19 (24.1.1902) 17
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten