Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Mr. 18.

18]

Sonntag, den 26. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Joma Gordjejew.

1902

Er seufzte bange und schaute um sich. Die Blätter auf den Bäumen bebten unter dem Regen, und die Luft war mit traurigen Lauten erfüllt. Der graue Himmel schien zu weinen, und auf den Bäumen zitterten kalte Thränen. Und in Fomas Seele war es öde und dunkel; sie war von einem bangen Gefühl der Verwaistheit erfüllt. Doch aus diesem Gefühl erstand schon die Frage:

Wie soll ich leben? Jezt bin ich allein."

Roman von Maxim Gorki . Deutsch von Klara Brauner Im Saal war ein Lärm wie auf einem Markt; es war eng und schwül. Foma trank schweigend ein Glas Schnaps, dann ein zweites und drittes. Man schnalzte um ihn her mit Der Regen hatte seine Kleider durchnäßt, und als er den Lippen, der Schnaps gluckste, während er aus der Flasche den Schander der Stälte spürte, erhob er sich und ging ins gegossen wurde, die Gläser flangen Man sprach Haus.. von dem geräucherten Störrücken, von den Baßtönen des Solisten im erzbischöflichen Chor und dann wieder vom Stör­rücken und davon, daß der Bürgermeister auch eine Rede hatte halten wollen, es aber nach dem Erzbischof nicht mehr gewagt hatte, da er schlechter zu sprechen fürchtete.

Jemand erzählte voll Rührung:

Das Leben zupfte ihn von allen Seiten und ließ ihn nicht. bei den Gedanken und der Trauer um den Vater verweilen; am vierzigsten Tag nach dem Tode Ignats fuhr er in vollem Staat und mit einem angenehmen Gefühl in der Brust zur Feier der Grundsteinlegung des Nachtasyls. Am Tage vorher hatte ihn Medinskaja durch einen Brief benachrichtigt, daß Der Verstorbene machte es immer so: er nahm eine er zum Mitglied des Baukomitees und zum Ehren­Schnitte Lachs, pfefferte sie start, legte eine zweite Schnitte mitglied des Vereins, in dem sie Vorsitzende war, gewählt drauf und das auf den Schnaps." worden war. Das gefiel ihm, und er war bei dem Gedanken an die Rolle, die er heute bei der Grundsteinlegung zu spielen hatte, fehr aufgeregt. Während der Fahrt dachte er darau, wie das alles sein würde, und wie er sich zu benehmen hätte, um vor den Menschen nicht verlegen zu werden.

" Folgen wir seinem Beispiel tiefer Baß.

"

.

dröhnte ein Foma blickte finster, mit Kränkung im Herzen auf die fetten Lippen und Kiefern, die die wohlschmeckenden Speisen fauten, und er bekam Lust aufzuschreien und alle diese Menschen fortzujagen, deren Gesetztheit noch vor kurzem seine Achtung hervorgerufen hatte.

Sei freundlicher... gesprächiger!" sagte Majakin halb­Laut, der in seiner Nähe auftauchte.

Was fressen sie hier? Sind sie denn in ein Gasthaus gekommen?" fagte Foma laut und zornig.

Pst!" bemerkte Majakin erschrocken und wandte sich schnell mit einem liebenswürdigen Lächeln um.

Es war aber zu spät: sein Lächeln half nicht mehr. Fomas Worte waren gehört worden der Lärm und das Sprechen im Saal verstumniten, manche von den Gästen Tiefen unruhig hin und her, manche furchten gekränkt die Stirne, legten Gabel und Messer hin, gingen vom Imbißtisch fort und blickten Foma schief an.

Er begegnete ihren Blicken, ohne die Augen zu senken, zornig und schweigsam.

" Ich bitte zu Tische!" schrie Majakin, der wie ein Funke in der Asche in der Menge auftauchte. Bitte, nehmen Sie Play! Gleich werden die Pfannkuchen aufgetragen."

Foma zuckte die Achseln und ging zur Thür, indem er Laut sagte:

" Ich werde nicht essen."

Er hörte feindselige Worte hinter sich und die ein schmeichelnde Stimme des Paten, der zu jemand sagte: Das ist aus Gram. Iguat war ihm ja Vater und Mutter."

,, He! Halt!"

Er blickte sich um, Majakin in einem bis zu den Füßen reichenden Rock, eine hohe Müze auf dem Kopf und einen mächtigen Regenschirm in der Hand, lief vom Trottoir schnell auf ihn zu.

"

Nun, nimm mich ein Stück mit," sprach der Alte, indem er geschickt wie ein Affe in den Wagen sprang. Die Wahr­heit zu sagen, habe ich auf Dich gewartet... habe nach Dir ausgeschaut; ich habe gedacht, es ist Zeit, daß er jetzt hinfährt." Gehen Sie hin?" fragte Foma.

"

Gewiß! Ich muß doch sehen, wie man das Geld meines Freundes in die Erde vergraben wird."

Foma blickte ihn von der Seite an und schwieg. ,, Was schielst Du? Du wirst ja auch ein Wohlthäter der Menschen werden."

" Wieso denn?" fragte Foma zurückhaltend.

Ich habe heute in der Zeitung gelesen, man hat Dich zum Vereinsmitglied des Hauses da gewählt und dann noch zum Ehrenmitglied des Vereins von der Sofja."

" Ja."

" Diese Mitgliedschaft wird Deiner Tasche schon fühlbar werden," seufzte Majakin.

"

und

Ach, Du Krautkopf Du!" sagte Majakin lächelnd. Komm cinmal zu mir, ich werde Dir über alles das die Augen öffnen... Man muß Dich lehren. Kommst Du?" Gut!" willigte Foma ein.

"

Das wird mich wohl nicht zu Grunde richten." Das weiß ich nicht," sagte der Alte boshaft. Ich meine eigentlich, daß diese Wohlthätigkeit gar nicht flug ist Foma ging in den Garten, auf den Platz, wo der Vater ich sage fogar, daß das nichts Rechtes ist, sondern nur schäd­gestorben war, und setzte sich dort. Das Gefühl der Einsamtlicher Unsinn." feit und Bangigkeit bedrückte ihm die Bruft. Er machte den Es ist also schädlich, den Menschen zu helfen?" fragte Hemdkragen auf, um sich das Atmen zu erleichtern, stützte Foma herausforderud. sich auf den Tisch, preßte den Kopf Stopf mit den Händen zusammen und erstarrte regungslos. Ein feiner Regen tröpfelte herab, und das Laub des Apfel­baumes rauschte melancholisch. Er blieb lange ein­sam ſizen, ohne sich zu rühren und sah zu, wie" Nun also. Und für jezt sich zu, daß Du Dich bei dieser vom Apfelbaum kleine Tropfen auf den Tisch fielen. Vom Grundsteinlegung stolz hältst... steh' so, daß alle Dich sehen. Schnaps war ihm wüst in Stopf, und am Herzen nagte die Wenn man Dir das nicht sagt, wirst Du Dich hinter irgend ihm von den Menschen zugefügte Kränkung. Unbestimmte, einen Rücken verstecken." unpersönliche Gefühle und Gedanken feimten in ihm auf und verschwanden; vor ihm flimmerte der nackte Schädel des Paten in einem Kranz von Silberhaaren und mit einem dunkeln Gesicht, das den alten Heiligenbildern ähnlich sah. Dieses Gesicht mit dem zahnlosen Mund und dem tückischen Lächeln erregte in Foma Abneigung und Besorgnis und ver­stärkte in ihm noch mehr das Gefühl der Einsamkeit. Dann tauchten vor ihm die sanften Augen der Medinstaja und ihre kleine, schlanke Gestalt auf, und neben ihr erschien auf ein­mal die stattliche, große, rotwangige Ljubowj Majakina mit den lachenden Augen und dem riesengroßen, goldblonden Zopf. Hoffe nicht auf die Menschen... erwarte nicht viel von ihnen," erklangen in seiner Erinnerung die Worte des Vaters.

"

Warum sollte ich mich verstecken?" sagte Foma unzu

frieden.

" Ich sage ja auch, daß das ganz unnötig ist. Denn das Geld hast Du von Deinem Vater, und die Achtung muß erblich auf Dich übergehen. Die Achtung ist wie Geld. Mit ihr hat der Staufmann überall Stredit und findet überall seinen Weg... Dränge Dich also vor, daß Dich jeder sieht, und daß man Dir einen Rubel wieder giebt, wenn Du etwas ge­leistet hast, was fünf Ropeten wert ist. Wenn Du Dich aber versteckst, wird das sehr unvernünftig sein."

Sie kamen, als alle Personen von Bedeutung schon ver­sammielt waren und eine Riesenmenge von Menschen die Haufen von Holz, Ziegel und Sand umringte. Der Erz­