Interhaltungsblatt des vorwärts Nr. 156. Mittwoch, den 13. August. 1902 Machdruck verdaten.> 70] Dev WlAnksntAnn. Roman von Hall Caine . Autorisierte Uebcrsetzung. XXIV. „Wir wollten soeben eine kleine Jolle nach Ihnen aus- schicken, Deemstcr, als wir Sie seitwärts vom Ende der Bucht zurückkommen sahen.„Er läßt sich von der steigenden Flut heimtreiben," sagte ich, und so war's auch. Muß trotz allem eine recht mißliche Fahrt gewesen sein. Wir fürchteten eine Zeitlang sogar, Sie wären verloren." „Es fehlte nicht viel daran; aber Gott sei Dank! ich bin wieder hier," sagte Philipp. Er sprach heiter und ging mit leichtem Schritte davon. Es war jetzt tiefe Nacht. In den erleuchteten Straßen ließen wandernde Musikanten ihre Banjos und Harfen er- klingen. Philipp fühlte sich körperlich und geistig wie neu ge- boren, seine Jugend schien zurückgekehrt, sein Herz und seine Hoffnung wieder belebt und erneuert. Wie ein Fieberkranker, der aus einen: grauenvollen Traum erwacht, glaubte er sich noch nie im Leben so leicht, so thatkräftig, so glücklich gefühlt zu haben. Die Zukunft war unsicher. Er wußte noch nicht, was er thun lvollte; jedenfalls aber etwas Durchgreifendes, das seine Lage von Grund aus umwandelte. O, er joollte sich stark und entschlossen zeigen; er wollte seine Schuld bis auf den letzten Heller zurückzahlen, ohne zu berechnen, was es ihn kosten könne. Und sie— sie würde fortan mit ihm leben. Er vermochte nichts ohne sie. Die Teilhaberin seiner Schuld würde auch seine Sühne teilen. Er öffnete sich selber das Haus und schloß die Thür fest hinter sich zu. Die Lichter brannten noch im Vorsaal; es war also noch nicht zu spät. Er stieg mit lautem Schritte die Treppe hinauf und trat in sein Zimmer. Die brennende Lampe stand auf dem Tisch, und innerhalb des Kreises, den der blaue Lampenschirm warf, lag ein Brief. Bestürzt hob er ihn auf. Es war Käthes Handschrift. „Vergieb mir. Ich gehe fort. Es ist alles meine Schuld. Ich habe das Herz des einen Mannes gebrochen und ver- derbe jetzt die Seele des andern. Wenn ich länger hier bleibe, so bist Du verloren und gehst zu Grunde. Ich sehe es— ich fühle es. Und doch habe ich Dich so sehr geliebt, und ich wollte so stolz auf Dich sein l Laß Deinen wackern Mut nicht sinken, wie tief ich Dich auch zu Fall gebracht. Du wirst leben, um stark und gut und wahr zu sein, was nicht möglich ist, so lauge ich bei Dir bin. Ich stand von Aufaug zu tief unter Dir. Die ganze Zeit über habe ich nur daran gedacht, wie sehr ich Dich liebe, Du aber hattest noch so vieles andre zu bedenken. Mein Leben ist nichts gewesen als ein langer Kampf um meine Liebe— ein recht grausamer Kampf, wie mir scheint. Jedenfalls bin ich geschlagen und ach! so todmüde! „Folge mir nicht. Versuche nicht, mich zu finden. Dies ist meine letzte Bitte. Denke an mich, als ob ich auf einer langen Reise wäre. Vielleicht trete ich sie wirklich an— Gott im Himmel weiß das allein. „Ich nehme das kleine, zerbrochene Medaillon mit, das auf dem Boden des eichenen Kästchens lag. Es ist- das einzige Bild von Dir, das ich finden kann, und es wird mich auch noch an jemand erinnern— an meine kleine Katharine, das mutterlose Kind. „Ich habe nichts, was ich Dir zurücklassen könnte, als dies."(Es war eine Locke ihres Haares.)„Zuerst dachte ich an den Trauring, den Du mir gabst, als ich hierher kam, aber er ließ sich nicht abziehen, und ich konnte mich auch nicht von ihm trennen. „Leb wohl! Ich hätte dies schon längst thun solle». Aber, nicht wahr, Du wirst mich jetzt nicht hassen. Wir hätten doch nie wieder zusammen glücklich sein können. Lebe wohl!" Sech st er Teil. L Der Sommer war vorüber, der Ginster verdorrt, der Heriugsfang beendet, und Pete war arm geworden. Seine Nickey hatte ruhig im Hafen gelegen, die letzten hundert Pfund waren ausgegeben, und seine Gläubiger, die sich bisher mäuschenstill verhalten hatten, hetzten ihn jetzt wie die Bluthunde. Er verkaufte sein Boot und befriedigte jedermann, doch büßte er trotzdem seine ftühere Stellung ein und verlor An- sehen und Kredit. Im Munde des Volkes hieß er jetzt statt „Kapitän Pete" nur noch Peter Bridget. Wenn er die Reichen mit einem„Wie geht's?" begrüßte, so starrten sie ihn an, warfen sich in die Brust und sagten:„Wir kennen Euch nicht, guter Mann!" worauf er den Kopf zurückwarf und mit lautem Lachen erwiderte:„So, wirklich nicht? Nun, im Tode sind wir alle gleich." In der Ballajorakapelle war drei Monate lang die Kinder- kantate„Unter den Palmen" einstudiert worden, und man hatte auf einer erhöhten Tribüne eine Laube von Palmzweigen errichtet, in der Petes kräftige Gestalt Platz nehmen sollte— nun aber saß Cäsar statt seiner darin. Die auf Ballawhaine geliehenen sechstausend Pfund ge- hörten Pete noch immer; doch das wußten außer ihm nur drei Personen— Cäsar, der seine besonderen Gründe hatte, nichts davon verlauten zu lassen; Peter Christian selbst, der es natürlich für sich behielt, und der Bürgermeister,*) der ein Hagestolz und ein Geizhals war und alle Geschäftssachen so heilig hielt, wie es sonst nur Beichtgeheimnisse sind. Als Petes böse Tage kamen und die Welt kein Mitleid gegen ihn zeigte, ward es Cäsar angst. „Ich würde die Hypothek jetzt noch nicht verkaufen," sagte er.„Warten Sie wenigstens bis zum Martinstag. Dann werden die ersten Halbjahrzinsen fällig. Und man kann nicht wissen, was bis dahin geschieht. Heißt es doch: „Er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen". Der Alte hat, wie man mir sagt, einen Schlaganfall gehabt. Ja, die Barmherzigkeit des Herrn währet für und für." Pete fing an, seine Hauseinrichtung zu verkaufen. Er räumte das Besuchszimmer bis auf die nackten Wände auS. „Es war auch Zeit," sagte er.„Ich brauche die Stube zur Werkstätte." Der Martinstag kam, und Cäsar kehrte in gehobener Stimmung zurück.„Keine Zinsen!" sagte er.„Geben Sie dem Ballawhaine noch einen Monat Gnadenfrist und schränken Sie sich ein, bis er vorüber ist. Der Herr wird schon sorgen. Steht nicht geschrieben:„In der Welt habt ihr Angst?"— Auch geschehen Wunder und Zeichen. Als ich vorige Nacht von Ballajora nach Hause ging, sah ich die Totenlichtcr von dem großen Hause her nach dem Kirchhof von Kirk Christ gehen, den Pfarrer singend voran. Der Alte wird bald sterben— ich habe seine Seele gesehen. Nur deinem Namen allein, o Herr, sei Ruhm und Ehre." Pete verkaufte alle Möbel aus der zweiten Stube und schloß dann die Thüre ab.„Die häßliche große Wohnung ist nun ganz klein und behaglich geworden, Nancy, " sagte er. Die Gnadenfrist verstrich; Cäsar kam wieder nach dem Ulmenhaus und rieb sich die Hände.„Werfen Sie ihn jetzt über Hals und Kopf hinaus. Der Mann hat keinen Penny mehr," und vor sieben Monaten hat man ihm doch sechs- tausend goldene Pfund in die Hand gezählt. Zu verwundem ist's freilich nicht. Ist doch Roß wieder da samt einer Schar guter Freunde, mit denen er das Geld wie Dreck zum Fenster 'nauswirft. Ihr Geld wird verthan, Ihr Geld. Und Ihnen selbst macht die Welt nur noch ein finsteres Gesicht. Aber das darf Sie nicht anfechten. Die Sanftmütigen tverden das Erdreich besitzen. Ja, Gottes Wort geht niehr und mehr in Erfüllung. Auch der schwarze Tom wird's jetzt inne werden. Er hat noch vor kurzem das große Wort geführt; diesen Morgen aber wurde er wegen Zauberei und Betrug vor den Bürgermeister geführt und ist dem Dcemster über- wiesen worden. Der Herr behüte ihn vor dem Galgen und dem höllischen Feuer. O, es ist eine herzerquickende Zeit! Es war ein Wink der Vorsehung, der mich trieb, Ihnen zu raten, Geld auf diese Hypothek zu leihen. Was sagt die ') Der HigK belli ik— jede der vier größeren Städte der Insel besitzt einen solchen Beamten, der sowohl das Amt eines Bürgermeisters als das eines Siadtrichters bekleidet. Alle Woche halle » die vier Bürgermeister abwechselnd einen Gerichtstag ab.
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19 (13.8.1902) 156
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