Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 183.

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21900

Die Stadt.

Freitag, den 19. September.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Nicolaus Krauß.

An allen Tischen war es still geworden. Die Augen glänzten; Schadenfreude und hie und da Raufluft schauten aus ihnen.

Der Wirt tam heran, machte mit beiden Armen eine Be­wegung, als wollte er schwimmen und sagte:

Seit 1523 sind die Funken ortskundig. Und alles Schuster gewesen bis auf den heutigen Tag..."

Sehen Sie!... Wenn's der Toffel sagt..." Laß' s aus sein, Funk! Zu was denn das dumme

1902

Er begnügte sich mit einem kurzen Nicken. Deu Gästen mußte das genügen. Sofort that einer er zeigte ein offenes, freundliches Gesicht recht herab­Lassend:

Alsdann zwei Paar, Herr Wurstmann!" Der Händler rührte sich nicht. Mit verzogenem Munde, als hätte er etwas Bitteres geschluckt, greinte er:

Sie

Soll ich Totenvogel zu Ihnen sagen, Herr Löw, weil eine Beerdigungsanstalt haben?"

,, Aber, Sie sind doch Wurstmann!"

"

Quarfjpigen!... ... Der Würstel- Bub bin ich." Recht hast!... Necht hast!..." schrien einige. hast!..." und nun ging's los. Zuerst, wie ein Vorbeter, der Würstel- Bub, dann lachend einfallend der Chor: Wer hat die besten Würstel in der Stadt?"

Geſtreit?!... Sag' lieber, wie bist denn mit den eigen" Der Würstel- Bub!"

auseinander gekommen?...

"

Schüßen

Der Schuster lachte und legte sofort mit der Prahl­freudigkeit eines Jungen los:

"

Wer von allen Wurstmännern hat allein einen festen Stand, draußen bei der Post?"

dem

"

Der Würstel- Bub!"

Wer darf auch ein Stamperl Schnaps verkaufen?" " Der Würstel- Bub!"

" Ofenschirm wuschern" und Komödie spielen?" ,, Wer darf allein im Winter in den Wirtshäusern hinter

Der Würstel- Bub!"

Wer ist der einzig privilegierte Würstel- Bub?" " Der Hans, der Hans, der Hans, und allweil nur der

Hans!"

Ausg'schloffen haben sie mich, die Krippenreiter, weil ich ihnen das G'wehr hing'schmissen hab! Vorgestern haben sie mir einen Brief g'schrieben, ich soll die Patrontaschen, den Säbel und' s Bajonett abliefern, weil das ihnen ge­hören thät. Ich hab' ihnen zurückg'schrieben, sie hätten den­felben Weg zu mir, wie ich zu ihnen; wenn sie etwas von inir haben wollten, sollten sie nur tommen. Heut' früh steht auf einmal mein Vereinsdiener da. Ich soll auf der Stell das Zeug hergeben, sonst würd' geflagt. Was?" fag ich, Die letzte Antwort wurde gesungen. Alles lachte. Klagen auch noch, wo ich meinen Beitrag bis zum neuen backenen fleinen Wecken", die der Händler in einer Leder­Die Würstchen waren im Nu weg, ebenso die resch ge­Jahr zahlt hab? Aussi, du Taglöhner! Er will net Bis ich nach dem Hammer lang'. Da hat er sich ver- tasche mitführte, weil es beim großen Christof" oder wie zogen, wie's böse Wetter. Ich reiß'' 3 Fenster auf und wart', andre fagten- beim langen Haren " außer Bier nichts bis ich ihn unten seh'. Dann hab' ich den ganzen Stram hinuntergeschmissen. Er hat sich net drum kümmert, ich auch Er griff nach dem Wurstkessel. net... Von meinem Schüßenmantel reiß' ich die Aufschläg' " In einer Stund' bin ich wieder da Herunter und steig mit ihm den ganzen Winter umeinand. Ehre zu haben!..." Ich hab' ihn von meinem Geld gekauft... Wart', ich werd'

sie schon noch ärgern!..."

' s

andres gab.

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Authentisch, die

Der Wirt hatte am Tische bei dem alten Klarner Platz

genommen, nachdem er auch die oberen Flügel des zweiten An den Tischen erhob sich wieder der Biertumult. Zinn - Fensters aufgestoßen. Jezt mußte jeden Augenblick das Waberl krüge wurden gehoben, Deckel klappten. kommen. Alsogleich wurde es ruhiger.

Recht hat D'g'habt!..."

Auf's Wohl, Funk!...

"

Bedank mich!... Auch so viel!..." ,, Laß Dich bei der Gemeindewahl aufstellen!... Das ganze' wert ist Dir sicher!..."

"

Thu ich!... Den Kerr'n werden wir's schon zeigen!" Um den Beamtentisch, der im Hintergrund des Zimmers stand und über den bereits eine Gasflamme flackerte, lief ein Murmelu:

Authentisch, die Ehre zu haben!... Na, wolln ma a

Paar?"

Während des Schusters Schüßenrede war ein klappriger, schmächtiger Mann hereingekommen, hatte seinen Blechkessel bei der Thüre niedergesetzt und die Kohlen zur hellen Glut gebracht. Jetzt kochte das Wasser, er häufte die Würstchen mit einem Hafen auf den umgekehrten Kesseldeckel, ging herum und bot sie mit seiner medkrigen Stimme an, wobei er jedesmal mit dem Zeigefinger nach der rechten Schläfe fuhr und eine Verbeugung machte.

Und sie tam, frisch und gesund wie ein Haselnußkern. Die braunen Augen, das hellere, etwas widerspenstige Haar, das runde, gebräunte Gesicht, das schwarze Leibchen mit dem bunten Seidentuch darüber, die bloßen, runden Arme mit den furzen, bauschigen Hemdsärmeln, der dunkle Rock mit der blauen Leinwandschürze, alles paßte zu einander, daß Alten und Jungen das Wasser im Munde zusammenlief. Sie hatte beide Hände voll Zinn- Bleschel und stellte jedem seine Kanne hin, daß der weitausladende Henkel direkt auf die Nase wies. Wohl bekomm's!"

"

Dank schön!"

,, Ah,' s Waberl!"

"

,, Schön willkommen, Fräulein Betty!"

Als alle versorgt waren, trat sie zu ihrem Onkel.

"

' s Korn ist schön' rein kommen. Schönes Stroh giebt's, hat der Vater g'sagt, und große Körner, aber viel schütten" wird's nicht.". Der Wirt nickke. ,, Wär' auch ein Wunder, wenn's Deinem Vater einmal wirklich ganz zusammengänge. Etwas muß doch immer

,, Authentisch, die Ehre zu haben!... Na?..." Sind ja Pferdewürstel!" knurrte ein baumlanger Zinn - fein!

gießer.

Was?"

Um den Mund des Mädchens zuckte es. Sie wußte, daß man in der ganzen Stadt ihren Vater den Unglücks­

Der Händler schrie es im höchsten Falsett und schielte vogel" nannte, weil ihm nichts, aber auch rein gar nichts auf einmal nach beiden Seiten.

Dann wandte er sich um.

Da... da sitt mein Meister!... Mag reden!"

der

Die Augen flogen nach dem Tisch an der Thür. Da saß der Ruppert Fleischer und sah mit seinen rotgeränderten, wässerigen Augen gleichmütig vor sich hin. Die Stirn begann ihm im Nacken, in dem roten Stoppelgesicht stand eine mächtige Hakennase, weiter unten sah man ein scharf an­gezogenes, schwarzes Halstuch und eine altväterliche Klapp­weste, das reine Blech.

gelang. Einmal waren sie sehr wohlhabend gewesen, aber immer mehr war es rückwärts gegangen, obgleich der Vater und die Mutter und all die Kinder sich von früh bis in die späte Nacht plagten und racerten. Er könne nicht handeln und sei zu grundehrlich, sagten die Leute von dem Vater. Jetzt war es soweit, daß er selbst nicht mehr schlachten konnte, weil das Geld fehlte; bald bei dem einen, bald bei einem andren reichen Fleischer borgte er ein Viertel und bezahlte es erst, nachdem er es pfundweise ausgehackt. Und bei der ganzen Verwandtschaft hingen" sie, am meisten beim Onkel Christof.