" Beige mir einmal die Bunge, Rosel," sagte der Arzt.

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" Der Engel ist so wohlerzogen," erklärte die Mama, indem sie fich mit dem Taschentuch über die feuchten Augen wischte, dazu wird fie nie und nimmer zu bewegen sein. Bevor Sie Gewalt anwenden, Herr Doktor, will ich mich aber entfernen. Ich kann es nicht mit­anschauen."

Sie sehen, Ihre Besorgnis ist unbegründet, gnädige Frau." Die Rosel streckte nämlich schon das Bünglein aus dem Munde, und zwar bedeutend weiter, als man es von einem ungeübten, zarten Kinde billigerweise zu erwarten berechtigt ist. Sie that sogar noch ein übriges, fie drehte dem Doktor eine lange Nase.

"

So klug ist sie," bemerkte die Mama ergriffen lächelnd, weit über ihr Alter hinaus!"

Wann zeigte sich das Unwohlsein?" erkundigte sich der Arzt. Vor kaum einer halben Stunde," ergriff der Papa das Wort, und ganz plöglich; das macht uns eben so außerordentlich besorgt. Ich will natürlich Ihrer Diagnose nicht vorgreifen, Herr Doktor, aber ich befürchte, es sind die echten Blattern und Typhus zu erwarten. Was denken Sie?"

Man muß nicht sofort das ergste annehmen. Besteht der Widerwillen gegen Speisen schon längere Zeit?"

,, Nicht, daß ich wüßte."

" Hatte den Madel noch nach Mittagmahl Speckschivartel, Stickel von wachsenen Christkindl aus Burjahr und Häfel voll warmen Gansschmalz mit Gusto g'geffen", lautete die Auskunft der Marianka. " Hm!"

Dieser ärztliche Naturlant hat immer etivas Beklemmendes. Meistens bedeutet er, daß die Sachlage noch der völligen Klarheit entbehrt. Der Doktor traf einige diätetische Anordnungen und wollte fich würdevoll entfernen, wie er gekommen.

Die Eltern eilten ihm erschrocken nach, als ihnen feine ftrafwürdige Bergeßlichkeit und Unterlassungssünde flar ge­

worden.

Das Rezept, Herr Doktor!" rief die Mama. Mindestens zwei Rezepte!" rief der Papa.

So verschrieb er denn zwei Heilmittel; eines zum Trinken, das zweite zum Schmieren der Fußsohlen.

" Für die Fußsohlen!" riefen die Eltern, wie aus einem Munde.

Das muß etivas Ungeheuerliches sein." " Ich werde sofort nachschlagen."

Und der Papa schlug sofort nach. Das war keine so einfache Sache mit diesen vertradten Symptomentomplex". Schließlich fonstatierte er, die Rosel sei nahezu gewiß" von einem Leiden be­fallen, das bisher nur bei den Ureinwohnern Sumatras zur Beob­achtung gelangte.

Die Schmiere war der kleinen Patientin egal, aber die inner­liche Stur betrieb sie mit einer gewissen Leidenschaft. Es schmeckte wie Himbeerwasser, und da der Doktor gegen reichlichen Gebrauch nichts einzuwenden hatte, kneipte sie gleich direkt aus dem Fläschchen. Auch den Hansel, den älteren Bruder, ließ sie fosten. Es schmeckte ihm nicht minder, und er beschloß, daraus seine Konsequenzen zu ziehen.

Am nächsten Tage meinte der Doktor, die Rofel könnte eigentlich schon wieder das Beit verlassen.

Aber sie hat sich so seltsam benommen," bemerkte der Papa bedenklich. Das Kind war doch krank, nicht wahr, sonst hätten Sie ja nichts verschrieben?"

Natürlich."

"

"

Nun und sie hat gegessen wie zwei Jagdhunde." Aber, Mann

Es ist doch so. Das scheint mir für einen Patienten tein normaler Zustand zu sein. Vielleicht lauert da noch irgend eine Krankheit heimtückisch im Hintergrunde."

Der Arzt meinte nun doch, statt der fanguinischen Miene eine gewissermaßen melancholisch- nachdenkliche aufsetzen zu sollen. " War sie unruhig, hat sie geflagt?"

ernst. Ganz entschieden." Er hätte auch ein billigeres und mindestens ebenso sicher wirkendes Hausmittel vorschlagen können. Aber das ist nur für minderbemittelte Familien. In besseren Häusern und bei so vielfach komplizierten Erziehungsmethoden kennt man den therapeutischen Wert des spanischen Rohres nicht genügend.

Der Hansel, der eine Weile jinnend im Winkel gestanden, mengte sich in die Konversation.

" Ich bin auch krant. Mir fehlt dasselbe wie der Rosel."

"

Eine häusliche Epidemie!"

" Na, na, nur nicht übertreiben. Also der Hausel wird ebenfalls zu Bette gebracht, und die beiden bekommen eine andre Medizin." Er lätschelte dem Hansel, der einwendete, daß er schon auf die rote" gefund werden würde, freundlich die Wangen, setzte sich an den Tisch und schrieb. So. Ich mache darauf aufmerksam, daß die Kinder davon nehmen dürfen, jo viel sie wollen."

Die Rosel und der Hansel warfen sich einen fidelen Blick des Einverständnisses zu.

Am nächsten Morgen wurde der Arzt von der ganzen Familie frostig empfangen. Die Kinder waren schon außer Bett und balgten sich wegen des neuen Huischenpferdes.

Geholfen hat's," sagte der Papa, aber wenn ich mir eine persönliche Meinung gestatten darf, so muß ich sagen, daß es doch eine etwas heroische und und gewissermaßen nicht ganz standes­gemäße Kur war."

Wieso, wieso?"

-

" In der Apotheke erklärte man mir," sagte die gnädige Frau stockend und leicht errötend," Asa foetida, das heiße so viel wie..." Sie wendete sich ab und der Herr des Hauses ergänzte:

"

Wie Teufelsdreck, mit Respekt zu melden. Die Kinder haben fich, ohne eine Ahnung hiervon zu besigen, bloß infolge ihres natürlichen Taktgefühles, geweigert, einen zweiten Löffel davon zu nehmen." Sie sehen, daß der erste geholfen hat. Asa foetida ist die neueste Kinderarznei und wirkt Wunder in allen besseren Häusern"

Er hatte recht.

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Als der Geburtstag der Rosel näher kam und die Mama sich um ihre geheimen Wünsche erkundigte, da lispelte sie ihr ins Ohr: " Ich möchte gern' wieder frank werden. Aber der Papa muß einen andren Doktor holen, sonst freut's mich nicht!"

Kleines Feuilleton.

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p. Der Einzug. Es war ein gar merkwürdiges Gefährt, das langsam auf der Chaussee dahergewadelt kam: auf fleinen, plumpen Rädern faß ein langer und hoher, rechteckiger Kasten, dem man es auf ziemlicher Entfernung anfah, daß kein Fachmann ihn gezimmert. Aus meist alten, schlecht gehobelten Brettern roh zusammengehauen, von dicken Querlatten und eisernen Krampen vor dem Auseinander­fallen gesichert, machte der eigenartige Wagen den Eindruck eines für die Ewigkeit berechneten Gefährtes. Seine Last war nicht gering: eine ganze, wenn auch sehr mangelhafte Wohnungseinrichtung war in und auf ihm untergebracht; ein Kleiderschrank, eine Kommode, eine Bettstelle, ein Tisch nebst Stühlen und diverse Kisten und Batete waren mit staunenswerter Praktik verstaut. Alte Lappen, Säcke und Tücher schütten das Aeußere der polierten, noch fast neuen Gegen­stände vor Beschädigung und derbe Stride hielten das Ganze z11= sammen.

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Derb auch waren die Menschen sowie der große, zottige Hund, welche das Gefährt in Bewegung hielten. Der lange, fnochige Mann noch jung, im Anfange der Dreißig- mühte sich mit dem ächzenden Hunde vorn an der Deichselstange, während die kräftige, junge Frau mit gestrafften Armen am hinteren Ende des Wagens nachhalf. Obenauf, in einem sicher angebrachten Wäschekorb, der mit Betten ausgepolstert war, frähte munter ein Einjähriges; ein kleiner Bengel von ungefähr sieben Jahren lief nebenher und vergnügte sich

" Geklagt, das ist viel zu wenig gefagt. Gefchrieen hat sie, zum von Zeit zu Zeit damit, Steine in die Kastanienbäume zu werfen, Steinerweichen."

" Weshalb ließen Sie mich nicht sofort holen?"

"

Es gab sich momentan, als wir ihr ein Tintenzeug, das sie haben wollte, zum Spielen überließen."

Der Doktor, dessen Herz- und Fühllosigkeit schon genügend stigmatisiert wurde, beharrte nichtsdestoweniger auf seiner ursprüng­lichen Anordnung.

Du wirst aufstehen, Rosel, aber brav sein und wenigstens drei Tage lang teine Speckichwartel essen oder vom wächsernen Christkindl abbeißen, verstehst Du?"

"

Ich mag nicht aufstehen," entschied fie furzweg.

Es gewinnt den Anschein, als wäre das subjektive Wohl­befinden " Ich danke," unterbrach der Doktor den Papa verbindlich und wendete sich wieder zu der kleinen Oppositionellen:" Du bist ja gesund, Rosel."

" Ich mag nicht gesund sein. Ich brauch' noch viel von der roten Medizin da, und ein Hutschenpferd muß ich auch kriegen, sonst schreie ich so lang', bis ich tot bin."

"

Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, so möchte ich die Frage aufiverfen, ob die eigenartige Natur dieser Krankheit es nicht doch erfordert, daß..."

Daß ein Hutschenpferd gekauft wird?" meinte der Arzt

sehr

welche die Straße säumten.

-

GO

Vor den Daherziehenden stiegen nur erst verschwommen die ersten Häuser der Großstadt auf. " Hol' an!" rief der Mann. Marie, nu is et bald geschafft!" Das Gefährt stand. Die Frau kam hinter dem Wagen hervor und folgte mit dem Auge der Nichtung, in welche der ausgestreckte Arm des Mannes wies: Dat is Berlin !"

,, Dat is Berlin !" Sie wiederholte es mit einer gewissen Ehr­furcht und einem merkwürdigen Klang in der Stimme, aus dem Hoffnung und Befürchtung zugleich sprach.

" Ja!" Er sagte es mit einem Anflug von Stolz und betrachtete feinen Wagen, an den unnachgiebigen Wänden rüttelnd: Dat is noch so fest! Da könnt wi noch bis nach Amerika mit, wenn et sien mut." Er lachte." Wat, Marie? Dat hew't fein tufammen timmert."

"

Ich wull dat doch binah nich glöwen," lachte die Frau. Twölf Meilen mit dat Ding tau reisen!" " Ja." Er flopfte dem Hunde den Rücken. Denn wöllt wi mol frühstücken, was Hektor ?"

Hektor winselte. Sie transportierten den Wagen möglichst an die Seite der Straße. Jm Chausseegraben, beschattet von den breiten Aeften eines Baumes, ward das Frühstück ausgepackt: Schwarzbrot mit Sped. Das Einjährige ward aus seinem Korbe befreit und