Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 188.
16]
Die Stadt.
Freitag, den 26. September.
( Nachdruck verboten.)
Roman von Nicolaus Krauß.
Den Stadt- Seff verließ beinahe seine Amtswürde. „ Das wissen Sie schon?... Da müssen Sie aber gute Freunde auf dem Stadthaus haben, Frau Försterin! Na ja, der Sturm- Toffel ist ja ins Feuer gangen wie net g'scheit...
"
„ Er ist sehr gescheit." .Hm!
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•
Warum ist er dann Wirt geworden,
"
1902
" Ja, Frau Försterin, wenn Sie so gut sein wollen Jch that schön bitten... und alles will ich abbitten. Lene sah sein Hemd, dessen Aermel an den Knöcheln ausgefranst waren... Er hatte es sicher schon über eine Woche auf dem Leibe! Wenn den Gruber gesehen hätte!... Nein!... Ich rühr keinen Finger!... Das kann niemand von mir verlangen..
Der Stadt- Funktionär knickte zusammen.
,, Dann ist es aus mit mir!... Die Schand' ertrag' ich nicht!... Ich hab's doch nur gut gemeint...
„ Mit Ihnen, was?"
Er gab keine Antwort. Sah sie nur bittend an
Da fühlte Lene ein menschliches Rühren, und sie schrie nach der großen Stube hin: „ Life!"
Mit dem sein Haus und dem vielen Geld wüßt' mit seinen trüben Augen, die fetten Wangen und das Kinn ich mir schon was andres.. Alsdann, auch der Herr zitterten. Bürgermeister war dafür. Ein paar von der Bürgerpartei" haben zwar getobt, aber... Ihrem Ansuchen ist mit großer Majorität stattgegeben worden... Ihre Pension beträgt vom 1. Juli an fortan zwanzig Gulden... Hier die Ausfertigung!..."
Er öffnete seine Amtstasche und legte das Dokument vor Lene hin. Dann stand er auf und streckte die Hand aus. Meine beste Gratulation!"
Auch Lene erhob sich.
Schön' Dank!"
Er behielt ihre Hand in der seinen und machte auf einmal ein Gesicht, wie ein Leichenbitter.
" Ich möchte Sie fragen, Frau Försterin, ob Sie noch immer net auf andre Gedanken kommen sind..."
Lene stuzte.
" Ja, ich hab' schon einmal, in Siechenhaus, wie das Schützenlager war, gefragt... aber damals hat der Herr Bürgermeister gerufen... und ich hab' Ihnen dann gesagt... daß ich wiederkommen werde
Lene schüttelte den Kopf.
Nein, Herr Bruckner!.. Es bleibt beim alten! ,, Aber, Frau Försterin!... Wenn Sie auch Ihre Pension verlieren durch die Heirat... ich habe fünfzig Gulden Gehalt und kann jeden Augenblick in Pension gehen, und fie müssen mir dasselbe auch weiter geben
Es geht nicht!... Ich will auch nicht!" Warum denn nicht!. Wenn Sie durchaus Studenten halten wollen... auch recht! Wenn ein Mann im Hause ist, haben sie noch mehr Respekt.
,, Lassen Sie mich aus!... Sie werden mich doch nicht zwingen wollen!..
Sie versuchte, sich umzudrehen. Dabei glitt ihr der Spenser Aermel bis über den Ellenbogen hinauf.
Ihm schoß das Blut ins Gesicht. Mit beiden Händen fuhr er ihr den prallen Arm entlang. Er feuchte:
" So riegelfam wie der alte Gruber bin ich immer noch..." nam
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Hat's was?"
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,, Komm' mal' raus! Es ist jemand da." Drinnen flog ein Besen auf die Dielenbretter, dann kam die Aufwartefrau hereingetapst. An der Alkoventhür blieb fie lehnen.
Na, wie
" Jessas, Jessas, der Herr Stadt- Seff! geht's denn?..". Noch immer auf Freiersfüßen?... Sie that, als fähe sie seinen Zustand erst jetzt. Ja... wie... in Hemdsärmeln?... Jst's denn heut' wirklich so heiß?... Oder hat man in aller Früh' schon wieder eine Halbe zu viel drinn'?"
"
Der Herr Bruckner ist auf einem Amts- Gang gefallen," sagte Lene. Und Du sollst ihm den Rock flicken."
"
„ Gefallen?... Und da ist der Rock auf dem Buckel zerrissen?... Man sieht doch auf den Knien nichts?... Herr Seff, das kommt mir verdächtig vor! Sind' s vielleicht wo' naus g'schmissen worden, weil S' zu feck waren?"
Der Stadt- Funktionär drehte sich bald zu Lene, bald zur Life. Den Rock hielt er noch immer am Henkel. Er war wie geistesabwesend. Das Unglück" schien ihn ganz zerschmettert zu haben.
"
So geh doch!" drängte Lene. Dort auf dem Fensterbrett ist das Nähzeug Der Herr hat noch mehr zu thun
"
Die Lise rührte sich nicht. Es war ihr ein Hochgenuß, ,, einen vom Stadthaus" ärgern zu können.
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Den Rock flicken?"... Sie verzog geringfchäßig den Mund. Der hält ja keinen Stich mehr, der stammt noch aus der Schwedenzeit!" „ Lise!.
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"
Wahr ist's! Und wie komm' ich dazu? Ja, wenn der Herr Seff schön bitten thät'.. Geehrte Frau, ich bitte Sie
Die Life tam sofort in Bewegung, holte das Nähzeug, Zu dumm!" this dad distclassnahm den Rock und setzte sich auf die Bank. Lene riß den Arm zurück und gab dem Zudringlichen mit der Linken einen Stoß.
"
Der Stadt- Funktionär" kam ins Wanken, wollte dem Kohlenkasten ausweichen und bog sich zusammen. Als er auf die Seite fiel, gab es Geräusch, als risse man ein Stück Kattun in zwei Teile.
Der Stadt- Seff war sofort wieder auf den Beinen, fühlte nach dem Rücken und riß den Rock herab. Er machte ein ganz dummes und unglückseliges Gesicht, als er die Bescherung fah. Als hätte er nach Streichhölzern gesucht und wäre mit der Hand in den Syruptopf gefahren.
Das mürbe Tuch des schwarzen Schwenkers war, vom Stragen angefangen bis hinab zu den Schößen, der Länge nach geplakt.
Da wandte er sich zu Lene herum, hielt ihr den Rod am Henkel hin, zog ihn auseinander und sagte:
geh
Es ist ganz unmöglich, daß ich damit auf die Gasse .. Die Buben laufen mir ja nach!..."
Lene wußte nicht, sollte sie lachen oder schelten. Aber der Zorn überwog noch.
Wenn Sie so zudringlich find..."
Aber, Frau Försterin, wir sind doch alle Menschen! Und selbst der Gerechte fündigt doch des Tages.
,, Und da soll ich Ihnen wohl den Riß noch flicken?"
"
Geehrte Frau.. Schön flingt's, und keiner hat mir's noch gesagt... Aber umsonst thu' ich's net. Was trieg ich?"
Der Stadt- Seff fuhr zurück.
" Ich hab' nichts eingesteckt..."
Aber Bier haben' getrunken! Man riecht es ja auf zehn Schritt!... Mein, die Männer! Sie stecken nie was ein; und dabei saufen sie wie die Bürstenbinder. Sie Bierträger, Sie
Ratlos wandte er sich an Lene. Diese nickte der Lise zu. Ja, wenn's die Frau Försterin zahlt.
Sie zog einen Faden in die Nadel und begann zu
sticheln.
Nach einer Weile faßte sie den Funktionär am Hemdsärmel und zog ihn zu sich heran. Da bleiben stehen!... Und jetzt sagen S' mir, S was haben die Großköpf auf'm Stadthaus schon wieder tentiert?"
Auf'm Stadthaus?"
" Ja, mit der Volkszählung. Dreitausend sollen in der Stadt sein, die net lesen und schreiben können.".
Er fiel eifrig ein:
" Da ist ein Fehler passiert. Man hat die Kinder, die noch nicht in die Schule gehen, mit hineingerechnet..."