Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 200.

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Dienstag, den 14. Oftober.

Nachdruck verboten.

Der Unkenteich.

Roman von Gertrud Franke- Schiebelbein. Immer wieder, während Richard unterrichtete, mußte er an die Begegnung mit Stornelie denken. Was wollte Stornelie von ihm? Warum sprach sie ihn an? Warum hatte sie ihn immer deut­lich ausgezeichnet vor den Kollegen? War's wirklich wahr, was ihm immer von allen Seiten, offen und versteckt, bald neckend, bald neidisch zugesteckt worden war: daß sie seit Jahren eine stille Liebe für ihn hegte?

" Dummes Zeug!" sagte er sich. Was hätte sie an mir? Ich habe ja immer bloß Augen für die Lene gehabt. Und jest, wo ich verheiratet bin Unsinn!"

Während der Frühstückspause ging er wie gewöhnlich mit Rober und Bittrich, seinen nächsten Kollegen, auf dem mächtigen, mit Akazien bepflanzten Schulhof spazieren.

Es war heller Sonnenschein. Von den mit weißen Blütentrauben überschütteten Bäumen drang der feine, füße, ätherische Duft in großen Wogen auf sie ein. Die Luft war warm und würzig. Und die Jugend genoß dies Viertel stündchen Freiheit in allen Schattierungen einer gemäßigten Heiterkeit.

Bierfüßige und geflügelte Gäste hatten sich wie immer eingestellt: ein paar Hunde aus der Nachbarschaft, die sich durch das Gitter zu zwängen verstanden, um sich die abfallenden Brocken zu erbetteln, ein Schwarm Tauben und ein Volk dreister Spaßen.

Manch gutmütiger Junge verfütterte sein halbes Früh­stück und saß dann mit knurrendem Magen bis zum Mittag. Richard ertappte seinen Lieblingsschüler Hans Martin, als er eben seinen letzten Brocken der braungetigerten Dogge in den großen Rachen warf.

Er ging an ihn heran.

Hast Du noch Vorrat, Jung?"

Hans Martin schüttelte lachend seine dichte Mähne, Nein, Herr Doftor. Der Kerl hat ja heut nen wahren Wolfs hunger. Da, sehen Sie, er ist noch nicht satt."

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Na,

sollen 1902

widerte. Er lächelte. Immer noch dachte er an das glückliche Gesicht Hans Martins.

Habt ih r's denn zu stande gebracht mit eurer Strenge und Launenhaftigkeit, eurer Pedanterie, eurem Formelkram, euch ein junges Herz zu gewinnen? dachte er stolz und zu­frieden. Er wußte noch selber, wie er die meisten seiner Lehrer wie seine Feinde gehaßt hatte. Es war ihm ein Spaß ge­wesen, sich durch kleine Bosheiten und schadenfrohe Streiche an ihnen zu rächen.

..Ueberhaupt, wissen Sie, Kollege," begann Jeremias" wieder im Tone schmerzlichen Vorwurfs," Sie haben da aller­Sie mit der ganzen Klasse Wettschwimmen veranstalten und hand Neuerungen eingerichtet. Spiele und Sport und daß Dauerläufe und überhaupt Ihre ganze freie Zeit schlagen Sie mit solchen überflüssigen Sachen tot

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" Das muß ich nun auch sagen," schrillte der kleine, dicke Bittrich cholerisch dazwischen, angenehm kann das Ihren Kollegen durchaus nicht sein. Mich wundert bloß, daß der Alte" er liebt's doch sonst nicht, daß einer allzu selbständig vorgeht. Nergeln und frifteln thut er zwar genugaber­er läßt Sie doch machen. Gudt zu, als wollte er im nächsten Augenblid losspringen, und verlangt nachher von uns das­selbe. Proste Mahlzeit! Nicht eine Minute übers Pensum! Man ist nicht bloß Schulmeister, man ist auch Mensch." Man ist auch Bater," sagte Rober vorwurfsvoll. Achtfacher sogar!" trompete Bittrich, aggressiv lachend. Und es ist noch nicht aller Tage Abend

"

Der reiche Kindersegen Robers, des armen Schluckers, war dem vermögenden Bittrich, der eine ältere, kränkliche Frau geheiratet hatte wie man sich in die Ohren flüsterte: durch die Zeitung, stets ein Gegenstand des Spottes.

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Ach- Sie!" Rober drehte dem frechen Kollegen, mit dem er immer im Kampf lag, verächtlich den Rücken. Sehen Sie mal, Sollege," wandte er sich wieder vorwurfs­voll an Volkmar, ich brauche mein bißchen Zeit doch not­wendig für meine Bibliographie. Ich könnte ja unmöglich wer bezahlt's einem denn?"

Die Dogge stand, mit dein furzen Schweif wedelnd, die Doppelnase begehrlich emporgeredt, vor ihrem Freunde. wird's mun bald? fragten die runden, klugen Augen. Richard Volkmar brach sein Frühstück durch und bot. Martin die Hälfte. Da nimm. Aber gieb's nicht wieder

dem Köter."

Doktor

danke

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H

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"

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Hans Martin sah ihn einen Augenblick an, als begriffe er nicht. Dann aber schoß ihm das Blut ins Gesicht. Herr ich- ich ich werde doch nicht nein, ich Eine Berklärung lag auf den jünglingshaften Zügen, eine schamhafte, feusch- stolze Befangenheit. Nie glaubte Richard, auf einem menschlichen Antlig einen Ausdruck reinerer Riebe gesehen zu haben. Ihm selber schwoll das Herz. Nimm nur, Jung!" sagte er furz. Zum Kudud! Zier Dich nicht wie' n Badfisch! Ich hab' genug. Laß Dir's schmecken."

Er drehte sich kurz und energisch um und ließ Hans Martin mit seiner Semmel stehen.

Als er nach einer Weile zufällig die Blide wieder nach der Richtung wandte, sah er Hans Martin ganz allein au einen Baum gelehnt und so andächtig in das Butterbrot beißen, als sei es vom Himmel herabgefallene Manna. Hören Sie mal, Sollege," meinte Rober, der die kleine Scene mit angesehen hatte, alles was recht ist aber Sie verwöhnen die Bengels."

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Er hatte eine Art, sein langes, graues Gesicht mit den immer thränenden Augen in die Falten tiefer sittlicher Ent­rüstung zu legen, die ihm den Beinamen Jeremias verschafft

hatte.

Seine Stimme kam dabei wie aus einem Keller hervor. Wo bleibt da die Disciplin?" fuhr er in Grabes­tönen fort. a, wo bleibt die Disciplin?" segte feck und schnauzig Bittrichs scharfer Tenor ein. Sie verwöhnen die Bengels, und wir müssens ausbaden!"

Na, na," war alles, was Richard Volfmar darauf er

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So redeten sie beide auf ihn ein, höchst bedenklich über das Beispiel, das er gab, und aus allen Reden klang's hervor, daß sie ihn für einen ehrgeizigen Streber hielten. Er schwieg dazu. Wenn ihr wüßtet, dachte er, warum ich mehr thue, als die Pflicht mir vorschreibt! Es war doch ein dunkles Gefühl in ihm wie er meinte, ein Rest anerzogener, engherziger Begriffe, das ihn trieb, herzugeben, was er an Kraft in sich hatte, um die Gesellschaft, in deren Dienst er stand. die ihm Lohn und Brot gab, zu ver­söhnen. Dann horchte Volkmar plötzlich auf. Ein Frauen­name schlug wie eine Weckglocke in seine Versonnenheit hinein. Schnappt noch mal über, die heilige Kornelie"," trompetete Bittrich in seinem Unfehlbarkeitston. Rober schwoll auf. Hören Sie mal, das ist denn doch. Kirche, Ph ! War ja schon immer eraltiert Betſtundenlaufen! Und nu plötzlich: werkthätige Liebe" Suppenfüchen, Flickkränzchen. Ja, was denken Sie? Gestern schleppt sie meine Frau mit- Rabache- Speckstraße drei Kinder Masern -! Und ich habe die Mafern noch nicht gehabt!"

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Vor Kinderkrankheiten müssen Sie sich freilich besonders hüten," spottete Rober anzüglich.

Bittrich lachte. Mit einem Seitenblick auf Volfmar meinte er ironisch:" Weiber! Ohne Liebsten" kommen sie nun mal nicht aus. It's mit dem irdischen vorbeigelungen, sehen sie sich nach dem Himmelsbräutigam um."

Rober, rot vor Zorn wie ein Puter, wollte eben in höchster Entrüstung losbullern, da stieß ihn Bittrich leise an. Bst! Horstmann!"

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Eine Gruppe von älteren Herren begegnete ihnen. Ein feiner, schöner Mann mit weißen Haaren und idealem Aus­druck, Professor Horstmann, rief Voltmar an:" Einen Augen­blick, Kollege!"

Er hatte mit ihm über sein Steckenpferd, Volksbildung, zu reden. Richard sollte einen Vortrag übernehmen.

Alle blieben stehen, und im Augenblick waren sie in Ver­einsangelegenheiten verwickelt. Jeder dieser Männer war er