Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 240.
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Im Kreise.
Mittwoch, den 10. Dezember.
( Nachbruck verboten.)
Erzählung von Waclaw Sieroczewskt. Deutsch von Rosa Schapire . Alexander hatte in der That von solch einem Gerücht etwas gehört, aber da er es sich zum Princip gemacht hatte, mit officiellen Persönlichkeiten nicht über jakutische Angelegen heiten zu sprechen, antwortete er nicht. Aus einem Unwetter machte er sich nichts, obgleich es ihn thatsächlich auf halbem Wege ereilte.
Die Wolfen ballten sich immer mehr zusammen, der Wind wurde heftiger und das Unwetter brach los. Pfeifend erhoben sich Schneewolken, der Wind ergriff sie und schleuderte fie in Atome aufgelöst, gegen die Bäume, die sich stöhnend unter dieser Last bogen. Die ganze Gegend war in ein blendend weißes Laken gehüllt.
1902
blutete ihm beim Anblick dieser Leiden, um den Kopf lag es ihm wie ein eiserner Reifen. Immerfort sah er Julias totbleiches, verkrampftes Gesicht mit den blauen Lippen und den herausquellenden Augen. Er wußte nicht mehr, was er wünschen sollte.
Mit Schrecken schob er den Gedanken an das Ende von sich, das Ende, das Verzweiflung war und Gleichgültigkeit gegen alles. ,, Schwach bin ich, schwach wie ein Kind!"
Am nächsten Tage starb sie und er merkte nicht einmal ihren letzten Atemzug. Erschöpft war er eingeschlummert, die Stirn gegen ihre Kissen gelehnt. Plötzlich fühlte er sich an der Schulter gerüttelt.
Sie ist tot!" flüsterte die erschrockene Jakutin.
Die Kranke lag auf dem Rücken, der Kopf hing über die rechte Schulter hinüber, die Augen waren weit geöffnet; mit starrem Blick sah sie in die Ferne, an den Wimpern hingen noch Thränen. Alexander blieb ſizen, wie erstarrt. Er sah und hörte nichts, er hatte keinen zusammenhängenden Gedanken, er jagte nur einigen Worten nach, die ihm wie Herbstblätter, vom Winde getrieben, durch den Kopf gingen. In der Jurte aber wurde es laut, und allmählich kamen die Nachbarn.
"
Was nun? Soll man einen Geistlichen holen? Ein Grab machen? Einen Sarg?" fragten sie ihn.
Alexander schob die Kapuze fester über sein Gesicht, richtete fich im Sattel auf und ließ dem Pferde die Zügel. Das Pferd schritt mutig aus, von Zeit zu Zeit senkte es den Kopf, um den Weg zu wittern. Der Weg nach Hause war nicht mehr weit und teilte sich nirgends: es war beinahe unmöglich, sich zu verirren. Wie eine Schildkröte in ihre Schale, so hatte Alexander sich in seinen Pelz eingeschlossen, er war tief in Gedanken, trop Sturm und Unwetter. Vor seinem geistigen Auge stand das Bild der jakutischen Jurte, Er schüttelte ungeduldig, beinahe zornig, den Kopf. wo seine Frau im Sterben lag. Warum war sie gekommen? Erschrocken wichen sie zurück. So blieb er unbeweglich Warum? Wozu? Sie wird sterben und ihr Tod auf seinem fizen, ließ den Kopf hängen und wandte den Anwesenden den Gewissen lasten. Warum hatte er sich nicht ganz von ihr los- Rücken zu. Das Feuer prasselte im Ofen, die Menschen gefagt? Wenn er ehrlich gewollt hätte, daß sie seiner ver- schritten auf den Zehenspißen einher und flüsterten untergeife, hätte er ganz verschwinden, jedes Band zerreißen, weder einander. Man trug das Essen auf, machte die Betten für schreiben noch ihre Briefe beantworten müssen. Er aber schrieb die Nacht zurecht, die Jakutin legte die Kinder schlafen. Die nicht nur, er bedeckte das Papier, das ihre Hände berühren Nachbarn gingen wieder fort. Alerander rührte sich nicht. sollten, mit glühenden Küssen.. Ihre Seele fühlte das, und durch all' die kühlen Erwägungen, mit denen er sich bemühte, ihr die Notwendigkeit einer Trennung für immer klarzulegen, hatte sie den geheimen Ruf gehört.. Sie tam, um zu sterben! Wenn aber..
Eine Welle heißen Blutes drang ihm zum Herzen. Er wagte nicht, seine Gedanken zu Ende zu denken. Er wagte nicht, zu träumen.
Das Pferd, das die ganze Zeit schnell gelaufen war, blieb stehen und wieherte. Alerander erzitterte und sah in die Ferne. Dichte Dämmerung umgab ihn in diesem Meer von Schnee, ihm aber schien es, als sprühten rote Flammen in der Luft, als trüge der Wind ihm das schwache Echo von Pferdegewicher als Antwort zu. Die Jurte konnte nicht mehr fern sein. Er schüttelte den Schnee von den Kleidern und zog die Zügel an. Nach einer Viertelstunde band er das Pferd am Pfeiler im Hofe vor der Jurte fest.
"
Dieser Fremde will seine Frau nicht begraben lassen!" schrie der Hauswirt schließlich in heller Verzweiflung.
" Fremder! Herr Fremder! Was soll geschehen? So sprich doch!" redeten sie wieder auf ihn ein.
Alerander hob den Kopf und seufzte. ,, Sei nicht traurig! Du bist noch jung, Du wirst wieder heiraten!" tröstete die Jakutin.
„ Den Popen, mein' ich, brauchen wir nicht. Es ist weit und der Weg verweht ,," meinte der Wirt. Hier wohnt ein Alter in der Nähe, der beten kann. Er betet bei allen, auch bei den Reichen und Vornehmen. Lichter wird ein Nachbar holen. Ich werde Dir alles besorgen, Fremder.. Du thust mir leid.. Sie war so hübsch, Deine Frau. Und das Grab werde ich zusammen mit dem Nachbar machen, den Sarg wird ein andrer Nachbar zimmern. Bist Du einverstanden? Wie? Wir werden Dir's billig berechnen.. Was denkt Ihr, Leute?" Die Kranke fand er viel schlimmer. Sie begrüßte ihn Was frägst Du viel..?' 3 ist ein Jammer um den nicht einmal, als er hineinkam, bewegte nur leicht den auf die Brust herabhängenden Kopf. Sie faß nach vornüber gebeugt Wir wollen mal lieber aufzählen, was es foftet: Der trop ihrer Schwäche, denn die geringste Bewegung nach rüd- Alte für sein Gebet: fünf Rubel der Jakute zählte es an wärts rief entfeßlichen Husten hervor. Ihr ganzer Störper den Fingern auf Lichter, Räucherzeug, Totenschein: zwei war in Schweiß gebadet; die Wirtin mußte fortwährend ihre Rubel; so viel kostet's uns selbst, keine Stopeke weniger!.. Wäsche wechseln und begann schon ärgerlich zu werden. Wieso weniger? Der Preis ist schon seit Jahren festgesetzt! Alexander beeilte sich, sie darin zu vertreten, und jetzt erst Und jetzt das Grab: fünfzehn Rubel, der Sarg: sieben, zubemerkte er, wie entsetzlich mager Julia geworden war. Ihr sammen dreißig.. Ihr sammen dreißig.. Außerdem.." Körper war ein Sfelett, mit weißer, durchfichtiger Haut bedeat. Sie konnte nicht sprechen, mur manchmal umfaßte sie feine Hand zärtlich.
,, Dieser Tage soll der Arzt kommen," sagte er in einer furzen Zwischenpause. Sie lehnte sich vorsichtig gegen die Kissen.
„ Es lohnt nicht.. Ich sterbe!.. Hab' Zofia lieb.. Aber nur schneller! Mein Gott, wie ich leide!.."
Und wieder Erstickungsanfälle, Röcheln, Husten, Blut, Schweiß, dann vollständige Erschöpfung. Ihr Gesicht war wachsgelb, nur die weitgeöffneten Augen hatten einen fieberhaften Glanz. Wenn sie den Blick auf ihren Mann richtete, trat zum Ausdruck entseßlichsten Leidens noch eine weiche Zärtlichkeit.
Fremden."
"
Alerander zog seine Geldtasche. " Ich hab' nur zwanzig Rubel." Da schwiegen sie alle.
Was wollen wir anfangen? Du mußt mir noch für Fleisch und Milch bezahlen, und für all' die Arbeit mußt Du wenigstens was schenken. Und wollen wir nicht ein Stück Vieh schlachten? Auch den Mann, der den Leichnam anzieht, müssen wir bezahlen."
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„ Das thue ich selbst," sagte Alexander und seine Lippen zitterten. Auch der Alte mit seinem Gebet ist überflüssig." " Gut, dann aber können wir sie nicht an erster Stelle neben den Bildern begraben, sondern neben der Thür." " Ihr werdet sie dort begraben, wo ich will." „ Nein, Fremder, das darf man nicht!"
„ Das werden wir sehen!"
" Was hab' ich gesagt?" flüsterte einer der Männer.
Die Nacht war endlich vorüber. Gegen Morgen schlief fie ein. Alerander wachte auf einem niedrigen Schemel neben ihrem Lager. Er fühlte sich wie zerschlagen. Das Herz Der Wirt kniff die Lippen verächtlich zusammen.