Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 249.

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Im Kreise.

Dienstag, den 23. Dezember.

( Nachdruck verboten.)

Erzählung von Waclaw Sieroczewski. Deutsch von Rosa Schapire . Einen Augenblick schwankte Alexander, dann nahm er seine Flinte und ging ans Wasser. Dort hatte er sein Jagdversted, eine große, aus vorspringenden Baumwurzeln gebildet: Platte, die nach einer Ueberschwemmung entstanden war. Er schlich sich leise hin und blieb im Schatten figen, aber er fonnte nichts unterscheiden als die schwärzliche Farbe des Wassers mit schmalen silbernen, purpurnen und violetten Streifen, die grauen überhängenden Weidenzweige und Büschel vor­jährigen, trocknen Grases. Von dorther kamen die Stimmen, dori rauschte das Wasser, dort bewegten sich die Zweige, dort glaubten sich die Vögel geborgen. Enten gab es in Menge, aber sie hielten sich im Schatten, fern vom verräterischen Stamme. Nach langem Warten erschien endlich ein un­vorsichtiges oder verliebtes Paar. Alerander wartete, bis sie sich in gleicher Richtung bewegten, dann drückte er los. Ein unbeschreiblicher Lärm folgte. Alle Enten flogen auf, quaften erschrocken, weiße Siebige stießen mit weinerlichen, klagenden Tönen in die Luft, eine Schar Gänse erhob sich mit ängstlichem Flügelschlag. 0

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ihm Wrony geraubt habe. Er hing sein Gewehr über den Arm und ohne zu zögern, schlug er den Weg nach Kapitons Ansiedelung ein. Ehe er an Ort und Stelle kam, war die furze Polarnacht vorüber und auf dem opalfarbenen Himmel stand die Morgenröte.

Kapitons Haus lag noch in tiefem Schlafe. Nur der Hund begrüßte vom flachen Dache her Alerander mit Gebell. Sonst rührte sich nichts.

Ehe Alerander die Schwelle überschritt, nahm er sein Gewehr ab und hing es nicht ohne Zögern, der jakutischen Sitte gemäß, an den Pflock am Eingang auf.

Im Zimmer hörte er lautes Schnarchen. Vergebens räusperte er sich, machte Lärm, steckte sogar das Feuer im Herde an, er fonnte sie nicht aufivecken.

Hej! Kapiton!" rief er endlich ungeduldig und trat ans Bett des Hauswirtes heran, das mit einem mit Metallzierrat geschmückten Fell verhangen war.

,, Ah, wer ist hier? Wer ruft?" fragte eine Stimme hinter dem Vorhang.

Steh' auf! Ich bin zu Dir in einer wichtigen Sache gekommen." Zu mir? Willst Du vielleicht wieder schlagen? Komm am Tage wieder."

,, Keine Fisimatenten! Dein Knecht hat mir mein Pferd gestohlen." Schweigen.

Die Gänse," flüsterte Alerander, indem er eilig sein Gewehr aufs neue lud. Er zog die getroffenen Enten aus So, das Pferd hat er Dir gestohlen! Sieh einer den den Wasser und lag unbeweglich hinter seinem Baumstamm. Qumpen!.. Ich werd' ihn nicht verteidigen, kannst ihn tüchtig Tiefe Stille. Nur in der Tiefe des Aldan schaukeln sich durchbläuen. Solche Sachen macht er, der Hundsfott! noch Eisschollen und zerschellen mit dem Klange gesprungenen Aber bist Du auch sicher, daß es mein Knecht ist? Haben sie Glajes an den Ufervorsprüngen. Der Fluß ſtöhnt, wie vor ihn erwischt, oder hast Du Dein Pferd auf meinem Hofe ge­Ueberanstrengung, daß er sich von diesen krystallenen Fesseln funden?"

frei gemacht hat. Der letzte Schein des Tageslichtes ver- Hör' auf! Du selbst hast ihm geheißen, mein Pferd zu schwindet. Vom Himmel fällt immer dichterer Nebel. stehlen und ich bin hergekommen, um es wiederzuholen."

Vom Fluß her kommt mit lautem Flügelschlage eine Entenschar. Sie kreisen um den See, beim Baumstamm steigen sie in die Höhe und verschwinden.

Die haben mich bemerkt," flüstert Alexander und drängt fich dichter gegen den Stamm.

Jetzt erkannte er einige Kriechenten, die am entgegen­gesetzten Ufer faßen, dann wieder Gänse, die vom Flusse her­famen. Schnell bedeckte er sein Gesicht mit der Mütze, um sie nicht zu verscheuchen, im Dunkeln aber wollte er nicht in den Schwarm hineinschießen, da es ihm ums Pulver leid war. Er wartete geduldig. Unterdessen wurde es immer dunkler und immer undeutlicher lösten sich die einzelnen Gegenstände ab. Nur noch dort, wo die silberigen Streifen des Abendhimmels glänzten, konnte er etwas unterscheiden. In der Ferne schrien Gänse. Schwäne flogen aus dem Washe nach dem Flusse.

,, Von den Bergseen her.. Die hat wohl ein Bär auf gescheucht," sagte er sich.

Mit vorgestreďtem Halse und ruhigem Flügelschlage fam das Paar majestätisch näher. Einen Augenblid treifte es über dem Thal und dem Walde, ehe es sich tiefer sentte. Es schien nach einem passenden Pläßchen für die Nacht zu suchen. Alerander hielt den Atem an; er vergaß sein Kind, sein Pferd, das Felder war ganz Blick.

Plötzlich hörte er auf der Wiese Pferdegetrappel und Ajar wütendes Gebell.

Mit einem Saße sprang er auf, scheuchte Enten und Schwäne in die Höhe und jagte nach Hause, aber obgleich er aus Leibeskräften lief, hörte er doch die Pferdehufe aus immer größerer Entfernung. Als er auf dem Wege hinauskam, er­fannte er einen Reiter, der Wrony mit sich am Bügel führte. Ihn überfam eine solche Wut, daß er anlegte und schon los­drüden wollte, als er sich noch im letzten Augenblicke befann und anstatt zu schießen, laut schrie:

,, Stillgestanden!"

Der Jakute drehte sich um, und als er die auf sich ge richtete Waffe erblickte, ließ er Wronys Zügel fahren.

Wrony lief davon und der Reiter warf sich seitwärts ins Gebüsch. Nach wenigen Augenblicken sah ihn Alexander auf der andren Seite des Sees, wie er gemütlich seinen Weg fort­sette. Er sah auch, daß das Pferd vor Froschauges Jurte verschwunden war, und war keinen Augenblick im Zweifel, wer

,, Wo sollte ich's denn haben? Hast Du Dein Pferd ver­lorenna, ich auch und den Knecht dazu. Seit gestern Abend ist er nicht da. Gewiß treibt er sich wo umher und spielt Karten, denn er ist ein großer Zump, der Kerl. Ich werd' ihn wohl aus dem Dienst jagen müssen. Scherz mag's ja geben, aber jemand, der morgen pflügen muß, das Pferd fort­zunehmen, das ist zu viel. Weißt Du was: Morgen abend schicke ich Dir meinen kleinen Mikolaj, daß er Dir helfe. Am Lage ist's zu heiß, da wird dem Jungen der Kopf weh thun.." ,, Nein, Du giebst mir heute, sofort ein Pferd, und ich werde meines suchen."

"

Ein Pferd? Ich hab' keins. Wer wird denn jetzt, wo's so viel zu thun giebt, Pferde verleihen? Du wirst am Ende versuchen, mit dem Pferde zu pflügen, und unsre Pferde sind wild und nicht zugeritten, es wird Dich verlegen und selbst Schaden nehmen.. So ein Unglück!.. Hör' mal, Fremder, besteh' Du nicht auf dem Pferde, und morgen schick' ich Dir den Mikolaj."

Einverstanden," sagte Alerander nach kurzem Besinnen. Aber, ich sag' Dir's, Alter, wenn meinem Pferde was ge schieht, bist Du mir verantwortlich!"

Was wirst Du mit mir machen? Mich totschlagen?" Er steckte sein listiges Gesicht hinter dem Vorhang heraus; ihre Blicke kreuzten sich.

Das wird sich zeigen."

Du bist frech, Fremder, aber Du erreichst nichts." Alerander ging fort. Was sollte er machen? Er konnte sich ja beim Kniaz beschweren, aber damit würde er nicht mehr als bei Sapiton erreichen. Ein Streit mit einem Jakuten ging nun einmal nicht über das engste Grenzgebiet hinaus. Alexander wußte, daß all: Parteien hier dem Fremden gern was am Zeuge flicken. Er empfand die Notwendigkeit, ihnen sofort zu zeigen, daß er feinen Scherz verstehe und sich auch fein Unrecht anthun lasse. Aber er wußte nicht, was er thun solle und ging in Gedanken nach Hause.

Die Sonne stand schon über dem Aldan. Ihre goldenen Strahlen brachen sich im Wasser. Die hohen, eisbedeckten Ufer glänzten, und das Eis begann zu schmelzen. Helle Sonnen­strahlen spielten in den hohen Grasbüscheln, fie drangen durch die Weidenzweige und das Gebüsch, das am Abhang stand; sie neigten sich zu ihm aus dem Schatten der hohen, durch das Wasser ausgehöhlten Fichten, die dem Untergange