Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 9.

9]

Mittwoch, den 14. Januar.

1903

( Nachdruck verboten.) mit dem er die Weiden geschält, teilte er redlich: fünf Teile gab's, mehr nicht.

Der Müllerbannes.

Roman aus der Eifel von Clara Viebig .

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Was?! Was?! Engelches Augen wurden immer starrer - da hatte der Herr wahrhaftig jedem der fünf Kinder ein Teil ins ausgestreckte Händchen gelegt! Nur der Kopf blieb übrig und den kriegte die Kaz. Aller Respekt verging ihr, sie wollte zetern und schelten, aber

Grumbieren") schmecken ja auch sehr lecker," sagte her geistliche Herr mit einem leisen Seufzer und schloß das Fenster, und Deine besonders, Engelche."

Mit einem zufriedenen Schmunzeln sah der Pfarrer sich um: Da waren die vier kahlen, grauen Wände, die, von Alter rissig geworden, längst der Tünche nötig hatten da waren der hölzerne Schemel, der hölzerne Tisch und der alte zer­fressene Lehnstuhl da war das graue Maar draußen mit dem Kranz seiner nackten Höhen, aber die liebe Gottesjonne glitt jetzt recht freundlich über alles hin. Gelobt sei der da Es war um die Stunde, da die Dämmerung im Maar­oben, der vom Himmel herab die Welt so weise regiert, der auf feldener Kessel alle Farben verwischt, als jemand den Klingel­den Frost Thauwind kommen läßt, und auf den Schnee zug an der Pfarrei rührte. Er war verrostet und quietschte Sonne! Jetzt hub die gute Zeit an, nein, sie war schon erbärmlich, ehe er sich entschloß, einen heiseren Laut von sich angebrochen! zu geben.

Nachdem so lange alles, was Gräten und Flossen hat, sich Engelche öffnete mit verweinten Augen, sie trug Trauer im Grund verborgen, war ihm heute der erste Fisch bescheert, um den Fisch, den ihr Herr nicht gegessen; schlechter Laune ein Weißfisch zwar nur, aber ein großer. Wie David den war fie, aber ihr Gesicht hellte sich auf, als sie die Frau aus Goliath mit der Schleuder, hatte er den erlegt mit einem der Mühle erkannte, die schüchtern nach dem Herrn Pastor Steinwurf, gerade als er nach einer frühen Mücke schnappte, Noldes fragte. die im Sonnengeflimmer des April über'm Wasser tanzte." Hän es da binnen, da, geht nur herein in die Stub'," Herausgeholt hatte er den Erschlagenen und im Schnupftuch sagte Engelche beflissen und lächelte so süß sie nur konnte heimgetragen, zum Engelche. das war ja dem reichen Müllerhannes seine! Ach, wenn der doch dem Herrn einen andren Fisch schenken wollte! Der konnte es!

Nun briet die in der Küche das leckere Gericht. Ha, wie das gut roch! Pfarrer Cremers freundliches Gesicht, das immer rot glänzte nicht vom Wohlleben, nur von Wind und Wetter strahlte.

,, Engelche, Engelche!" rief er nun schon zum so und so vielten Male. Is eweil den Fisch noch net fertig?"

Die Jungfrau Engelche trat herein. Jung war sie nicht mehr, auch nicht schön; ihren alten Kopf deckte ein Scheitel von kastanienbrauner, grobfädiger Seide.

,, Dat dauert ja so lang!"

Unter vielen Komplimenten und Angtrees" und Erku-, förts" stieß sie die Stubenthür auf.

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Der Pfarrer war wieder beim Flechten. Verlegen warf er die Weiden unter den Tisch auf des Müllers Ulferland hatte er die geschnitten, und da stand des Müllers Frau! Aber die achtete auf gar nichts, die war auch verlegen. Ihre sammtigen Augen blickten noch tiefer nach innen, als sonst, und ihre Lippen waren zusammengefniffen, wie bei einem, der " Nur Geduld," sprach Engelche vorwurfsvoll und verweinen möchte, doch an sich hält. schwand wieder. Der Pfarrherr dienerte vor des Müllerhannes Frau, Cremer nahm wieder seine Arbeit auf. Die harten voller Söflichkeit nötigte er sie zum Sizen und fragte nach Weiden verletzten ihm die Hände, aber er lächelte: Ei, das dem Begehr. Engelche war flug, das wußte, wie man's macht, die Vorfreude

Unruhig rückte die junge Frau auf dem Bretterstuhl und zu verlängern! Der hungrige Magen fnurrte ihm zwar, aber starrte hilflos durchs Fenster hinauf zum lichtlosen Himmel, nur getroſt, bald würde sie den Fisch hereintragen und ihn aber Worte fand sie auch da nicht; immer wieder verschlang auf den Tisch stellen und der kräftigste Duft würde aufsteigen, sie die Hände im Schoß und that sie voneinander und zerwand wie ein füßer Ruch zu Gottes Thron, zu dem Geber aller guten ihre Finger.

und vollkommenen Gabe.

Er schlug das Kreuz und faltete die Hände ja schon vorerst mal beten-:

Komm, Herr Jesu

Sei unser Gast

Und ſegne"

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er konnte

Weiter kam er nicht. Draußen vor dem Fenster, das sich niedrig, nur wenig Fuß über'm Erdboden, erhob, tönte ein flägliches Weinen. Unruhig horchte er: Ach ja, da waren schon wieder die armseligen Kinder der armseligen Nelles Leis, deren Mann er letthin begraben! Hatten die denn so gute Nasen, daß sie gerade kommen mußten, nun er zu Mittag essen wollte? Er pochte ans Fensterchen und drohte ihnen mit dem Finger; als sie aber nicht weggingen, öffnete er und lehnte sich hinaus. Bleich und hungrig standen sie draußen. Heh, Ihr, wat wollt Ihr dann eweil hei, geht nach Haus bei die Mamma!"

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Gerade jetzt fam Engelche mit dem Fisch wie fatal! Er konnte doch nicht hier innen siten und essen, wenn die da draußen nichts zu essen hatten! Die matten Augen der fünf Kleinen starrten gierig durchs Fenster auf den Tisch. Der Duft des Fisches stieg lockend auf. Der Maarfeldener Noldes schnüffelte und schalt dabei:

Eso geht doch, Ihr Kinder! Macht, dat Ihr weg­fommt!"

Der Hunger zwickte ihn im Magen, die Hand zuckte ihm schon, nach der Schüssel zu greifen wie appetitlich das Fischelchen roch! Das Wasser lief ihm im Mund zusammen aber allein essen?! Nein! Nun vielleicht that der Herr Jesus auch heuer ein Wunder, wie zur Zeit der Speisung der fünf­tausend Mann!

Engelche starrte mit offenem Munde, schon hatte ihr Herr Pastor die Schüssel aufs Fensterbrett gestellt; mit dem Messer,

Was wollte sie nur? Auch Herr Noldes fand keine Worte, bis er zuletzt sprach:

Schönes Wetter heut'! Das Hochdeutsch ging ihm schlecht über die Lippen, da stockte er leicht, so wie in der Predigt.

Die Frau nickte nur und ließ dann den Kopf auf die Brust sinken. So blieben sie wieder ein Weilchen stumm, bis der Geistliche sich endlich doch ein Herz faßte sab die nicht aus, wie eine geknickte Weide? ihr seine Rechte auf die Schulter legte und mit der Linken ihr gebeugtes Haupt aufrichtete:

,, No, wat denn?"

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Da fing sie bitterlich an zu weinen; als hätten die Thränen nur auf diese Frage gewartet, so strömten sie jetzt hervor.

Was war denn geschehen, war ein Unglüd passiert?

Ach nein! Aber wohin sollte sie denn klagen gehen; ihr Vater war weit, die Fränz noch zu dumm, die Alten im Dorf gar zu parteiisch und die Heiligen stumm! Es that ihr so wohl vor jemand zu weinen; sie weinte sich recht satt.

Ei, was denn, was denn?! Der geistliche Herr schüttelte den Kopf, rieb sich die Nase und machte:

Hm, hm!" Er konnte es gar nicht fassen, war's möglich, die hier hatte zu weinen?! Des reichen Müllerhannes Frau weinte mehr als die armselige Wittib, die Nellen Leis?! Unwillkürlich faßte er unter den Tisch und zog wieder seine Weidenruten hervor; so beim Flechten tamen ihm immer die allerbesten Gedanken, also daß er auch jetzt sprach:

"

Eweil jagt mir ehs, warum weint Ihr denn eso, liebe Frau?" Da begann sie zu erzählen: Der Hannes kam immer später nach Haus den ganzen Winter schon war's jedesmal

*) Kartoffeln.