Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 21.

21]

Freitag, den 30. Januar.

( Nachdrud verboten.)

Der Müllerbannes.

Roman aus der Eifel von Clara Biebig. Der dumpfe Drud auf Hannes Stirn war wieder da. stärker denn zuvor. Er lehnte schwer gegen die Wand und stöhte: Vadder, warum haste mer det angethan?"

alten, müden Beine.

einem doch näher, wie der Rod!"

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1903

los, daß er sich, ohne, Laut, ohne Blick auf den Feind, müh. felig an seiner Frau vorbei, in den Flur tappte. Gleich danach hörte Zina einen schweren Fall,

XIII.

Es ging ein Geraune um in der ganzen Gegend. Die Leufe gudten scheu, und die dem Müllerhannes einst Freunde gewesen, sprachen am meisten: Uebermut thut selten gut!" Es ging bergab mit dem Müllerhannes. Die Mühle war verschuldet, und nun mußte er noch brummen für das, was er dem Laufeld angethan!

Der Alte sah auf von seinem Kasten und wiegte trübselig den Kopf: Ja, ja, dat is nu e so, ich han mir selber en Riegel vorgeschoben. Et thut mer sehr leid, aber aber" er zudte Naufbold. Ueberfallen hatte er den Laufeld , oben im Kuno­Man war allgemein empört über so einen übermütigen die Achseln, seufzte und sah dann herunter an sich, auf seine wald, am einsamen Kaisergarten, und hatte ihn so übel zu­" Ich that Dir gern helfen, aber guckte, dat Hemd is gerichtet, daß der acht Tage das Bett hüten mußte. Aber dann nicht faul, hatte dieser geklagt und der Müllerhannes Matthes hatte den Sohn nicht verstanden. Nicht die ver- war jetzt verurteilt worden zu vier Wochen Haft wegen vor. sätzlicher schwerer Körperverlegung. sagte Hilfe hatte den so niedergeschmettert. Als Hannes das Haus im Dorf verließ, brannte in seiner Seele tief eine schmerz­liche Scham. Den Alten mangelte es, jetzt wußte er's, er hatte es ja gesehen mit seinen eignen Augen, und dat ich net betteln gehn muß auf meine alten Tag" das hörte er immer, immerfort.

Als er sich seiner Mühle näherte, ging er nicht hinein, sondern setzte sich, ein wenig oberhalb, jenseits der Straße auf ein Felsstück, stützte die Ellbogen aufs Stuie und legte den schweren Stopf in die Hände.

So saß er lange, regungslos; er spürte nicht die scharfe Kälte, die durch seine Kleider drang; ihm war heiß, beklommen, wie zur schwülsten Zeit des Jahres.

Auf den stummen Menschen nieder blickten die stummen Berge, und wiederum der Mensch blickte auf seine stumme Mühle. Alles war tot.

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Hannes faute an seinen Nägeln daß ich net betteln gehn muß auf meine alten Tag" wenn er die Worte nur los wäre! Die quälten ihn. Er saß in einem seltsam müden Brüten mochte nur einer fonimen, mochte das Holz nur zum Teufel gehn, ihm war's egal! Ihm war alles egal! Er schloß die schmerzenden Augen.

Da hörte er munteres Peitschenknallen und lustiges Schellengeklingel. Unten auf der Schluchtstraße glitt ein Schlitten mit zwei mächtigen Gäulen dahin; eine offene Gabel, gut zum Beladen, und Ketten schleiften hintendrein.

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Er blickte auf hatte er's nicht gedacht?- ja, ja, jest kommt schon wer und holte das Holz ab. Sein Holz, sein schönes Holz!

Aber es mußte sein! Mit einem gewaltigen Entschluß raffte sich Hannes auf und zwang sein verstörtes Gesicht in gelassene Falten. Schweren Schrittes stieg er übers Geröll hinunter zur Straße und stapfte weiter in seine Einfahrt hinein.

Da hielt der Schlitten auf dem Hof. In der Thür stand die leidende Frau im Trauerkleid und zupfte verlegen an ihrer Schürze. Ein Mann in hohen Stiefeln und Flauschrock, die Peitsche unterm Arm, redete auf sie ein; und ein fremder Knecht stand mit offenem Maul dabei.

Hannes, fie kommen eweil dat Holz abholen," rief Tina

ängstlid).

Meinswegen," sagte er gleichmütig.

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Aber dann fuhr er zurück- gleich ein paar Schritt und seine jetzt blasse Farbe schlug jäh um in eine beängstigende Röte. Seine Augen erweiterten sich, quollen aus den Höhlen und wurden stier: Der da, der da im weißen Müller­fittel unterm Flauschrock der da war einer von denen oben am Bach- und der da, holte sein schönes Holz?! Der da?!" Er schnappte nach Luft, wollte fluchen und konnte nicht, wollte schreien und konnte nicht, wollte lachen und konnte nicht. Immer enger schnürte ihm der Neifen die Brust zusammen, alles Blut im Körper wurde nach oben gepreßt, vor seinen Augen tanzten schwarze Punkte, hin, hin zum Holz, das festgehalten mit beiden Fäusten! Der durfte es nicht kriegen, nein, der da nicht! Hin, rasch-!

Er konnte nicht. Um ihn faufte und brauste es, Himmel und Berge, das Haus, der Hof, das Holz, der da alles wurde schwarz. Und eine Schwäche kam über ihn, so grenzen­

Advokaten zu Trier annahm und sich verschwor, daß er den Es nugte dem Hannes nichts, daß er sich den besten Laufeld nicht hinterrücs angefallen, sondern ihn heraus­gefordert zu ehrlichem Faustkampf. Sabei gewesen oben unter den dunklen Fichten, in der ein­- der einzige Zeuge, der der hatte den Hauptmoment verschlafen. Und überdies samen Größe des Hochwaldes, war der alte Matthes, und ob so oder so Seilereien waren ein für allemal vor dem Gericht wider das Gefeb.

er will, der Hannes mußte dran glauben. Es wurde nur Es mag einer gegen einen heißen Ofen anblasen, so viel Rücksicht genommen auf seinen förperlichen Zustand; erst wochen hatte er unthätig in der Mühle gesessen; nur zum gegen's Frühjahr trat er seine Strafe an. Die trüben Winter­Termin hatte er sich aufgerafft.

Er konnte ja auch nichts thun, ein Schlag hatte ihn ge. troffen von einer unsichtbaren Hand, wie ein Arthieb den Baum, der da gefällt werden sollte. Er konnte sich schwer erholen.

Eine plögliche Verkühlung nach übermäßiger Erhitung hatte die tiefe Ohumacht, in der er hingestürzt, veranlaßt. sagte der Herr Doktor, den der Alte in seiner Herzensangst sich entschlossen, doch schon den andern Tag von Manderscheid zu holen.

Erst nach langer Zeit, nachdem der eigne Knecht und der fremde Knecht und der Müller selbst oben vom Bach, die Tinas Schrei zu Hilfe gerufen, den schweren Körper aufs Bett getragen, war Hannes wieder beweglich geworden. Und dann hatte er noch für Stunden stumm dagelegen, mit starr offenen Blicken, die doch nicht fahen. In der Nacht endlich, als seine Frau allein bei ihm saß, hatte er das erste Wort ge­sprochen und über seinen Kopf geklagt.

Nun hatte er lange Wochen gedoktort, sein Kopf war wohl besser, aber eine Schwäche der Augen war geblieben. 3 Zeiten fab er besser, zu Zeiten schlechter, aber nie mehr gut.

Bater mit dem Chaischen ihn holen kam von der Eisenbahn­Hannes trug eine dickglasige, dunkle Brille, als sein hatten den die vier Wochen Bulles*) zu Trier so verändert?! station. Fast hätte der Alte seinen Jungen nicht erkannt Pah, wegen Prügelei ist's wahrhaftig keine Schande, das haben schon mehr gemußt, darum brauchte er doch den Buckel nicht so krumm zu machen.

Aber Hannes hatte kein Lächeln für das wohlmeinende Zureden seines Alten. Er hatte die Gelegenheit benutzt und war bei einem Augendoktor zu Trier gewesen; auf das hin, was der ihm gesagt, hatte er noch die kluge Frau zu Euren, die weithin rühmlichst bekannt, konsultiert. Die hatte ihm mehr Hoffnung gemacht Schneckenspeichel und Auflegen mehr Hoffnung gemacht von gelautem Brot angeraten und fleißiges Beten des Rosen­franzes aber doch wollte keine Hoffnung in sein Herz ein­ziehen: vielleicht weil er nicht das unbedingte Vertrauen zu diesen Mitteln hatte.

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Als er nun neben dem Vater zum Chaischen ging, wunderte sich der Knecht, der die Pferde hielt, daß der junge Müller nicht mehr viel größer war, wie der Alte. Der war

*) Gefängnis.