AnterhaltungMatt des Horwärts Nr. 28. Dienstag, den 10. Februar. 1903 (Nachdruck verböte».) ss] Der JVliillerhannes, Roman aus der Eiset von Clara Viebig . Der Herr hatte nichts mehr zu kommandieren: Die Magd hatte gekündigt und war in andren Dienst gezogen und nie- mand Neues wollte sich hierher verdingen. Nun gut,'s war dem Hannes gerade recht— erst mußte es hier wieder anders, besser, wieder ganz gut, sehr gut werden, dann konnte er auch wieder Leute kriegen, so viel er wollte. Was nmßte anders werden? Er wußte es nicht. Aber er hoffte. Das Geschäft würde schon wieder blühen, das eingeschlasenc Rad, an dem seht fußlange Eiszapfen hingen, würde schon wieder munter werden und sich drehen im Schwung! Die Hühner, die die Franz jetzt in der 5!»che unter'm Herd hielt, fanden dann in der Mahlstube wiederum reichlich zu picken und legten brav Eier, besonders große init dnnkelgelben Dottern, die Pracht- voll schmeckten. Wenn der einsame Mann so träumte, schnalzte er und leckte sich die Lippen— was die Franz jetzt kochte, schmeckte ihm nicht, nein, gar nicht! Roch er nur schon die ewigen Kartoffeln und das bißchen Schmelze, schob er die Schüssel weg, stiitzte den Kopf in die Hand und war satt. Keine Forellen mehr, kein gesüßtes Mus, kein fettes Schweinefleisch vom Schlachtfest und auch kein Wildbraten zur Jagdzeit! Einen verlangenden Blick warf er hinauf zum Stutzen über'm Bild des jungen Hannes — ja. wenn er noch so zielen könnte, wie der forsche Jung' da auf sich bäumendem Schecken, dann wollte er wohl nicht lange die Zähne heben, dann hing er den grünen Gurt über die Schulter und stapfte hinaus in des Försters Revier— oben hinter Manrfeldcn in der dichten Kiefernschonung grunzten jetzt die Backen, und im königlichen Kunowald gab's Hochwild genug! Pfui, dieser gemeine Fraß! Seine Frau selig hätte ihm den nicht auf den Tisch zu bringen gewagt, oder hätte sie's einmal gemußt, wär' sie vor Angst vergangen. Ach, die — ja. die fehlte ihm nun manchmal! Die Fränz warf trotzig den Kopf zurück, wenn er tadelte und sagte ganz dreist:„Wann ich kein Geld hau, kann ich auch nir andres kochen!" Das frech' Dingen! Aber— bin, recht hatte sie!„Wann ich kein Geld hau!"? Wenn sie längst abgetragen hatte, starrte er noch auf die Thür, die sie hinter sich zugeschlagen, und murmelte gedankenlos in einem fort ihr nach: „Wann ich kein Geld hau!" Nein, er hatte wirklich kein Geld, und wenn er die Taschen, in denen es einst von Thalern geklimpert, auch um und um kehrte, es fiel kein einziger mehr heraus. „Berthan— Kuckuck— verjnrt— Kuckuck--" he. wer sagte das?! Wer war so frech?! Wild sah er sich in der Stube um— wer?! .Klapp— eben schlug der Kuckuck sein Thürchen zu. Da hob er wild die Faust gegen die verstaubte Uhr:„Luder, da oben, unnersteh Dich noch chs zurück zu kommen!" Als die Fränz wieder hereintrat, hieß er sie, die Uhr an- halten. Aber als er dann noch eine Stunde aufgesessen, nach dem Abendmus— der Alte schien heut' nicht zu kommen— und er dann, verdrießlich vom vergeblichen Warten, sich zu Bett legte, und der Schlaf auch nicht kam, wurde ihm doch bang. Nun ging's lautlos hinein in die lange endlose Winternacht. Es war ganz still, totenstill, nicht einmal ein Ticken mehr zu hören und die Käuzchen draußen, die der Ruf des Rivalen sonst herausgefordert, hielten auch den Schnabel. Jesus Maria, ein Schweigen, wie ein Grab— wie ein Grab! Draußen lag der Schnee: dick, bis halbhoch die Fenster schichtete er sich auf— da kam kein Schall durch, lind woher sollte auch einer kommen? Auf den Fußtritt des Alten noch zu harren. war Unsinn. Der kam jetzt nicht mehr, der konnte ja heut' nicht kommen, hatte sich nicht hinausgewagt in den lautlos und endlos sinkenden Schnee—• der lag wohl schon seit Uhrcr sechse im Bett und schlief längst, wie alte Leute schlafen, friedlich, traumlos, wie Kinder. Jesus, wer's auch so gut hättet Mllllerhannes faltete die Hände über'm Bauch: wahr- haftig, er beneidete seinen Alten. Ihm kam der Schlaf nicht, und wenn er sich auch bemühte, noch so gleichmäßig zu atmen, so recht durch die Nase zu schniefen, wenn er auch zählte: „Eins— zwei, eins— zwei—" und an ein Kornfeld dachte, das sich leis wogend, immerfort leis wogend, nach einer Seite neigt— der Schlaf kam ihm iricht. Statt dessen kam der Brand, eine Hitze, so furchtbar, daß sie ihm zu Kopf schlug wie feurige Lohe zum Hausgiebel. Das Blut wallte in seinen Adern, er fühlte das beständige.Hin- und Herrollen. Zackerlot noch einmal, ging die Tour wieder an?! Er stieß unbändig mit den Füßen— ha. so mußte alles weg, was ihn ärgerte! Aber die Sorgen, gingen die denn fort? Tie waren wie die Schmeißfliegen, immer bohrten sie sich einem wieder ins Fell. Kein Geld! Wie trostlos das klang: kein Geld! Und auch keine Aussicht, welches zu kriegen. Woher sollte es kommen? Der Tina Haus an der Mosel war längst verkauft— einen Dreck war's wert gewesen! Und der Weinberg? Der war nur verpachtet; aber was brachte der? Ach, ach, ach! Zu dieser Stunde konnte Müllerhannes nichts thun, als seufzen. Wie ungerecht ging das Schicksal mit ihm mit.„Ber- than," sagte der Kuckuck,„verjurt". Kretz Donner noch ein- mal, immer nur verschenkt hatte er, aus lauter Gutherzigkeit, und jetzt ging's ihm so?! Erbittert ballte er die Fäuste und schüttelte sie drohend ins Dunkel— da stand die Not und grinste ihn an, als hätte sie schon lange auf ihn gelauert. Was sollte er machen, wenn die Wittlicher Sparbank ihm das Haus über'm Kops verkaufte?! Herrgott, wenn er nun eines Tages aus dem Haus mußte, nichts als den Stecken in der Hand?! Er durfte es gar nicht ausdenken— nein, das konnte ja auch gar nicht sein, 's war unmöglich! Ganz unmöglich! Er, der Müllerhannes fort von der Mühle?! Wenn das passierte, dann ging auch gleich die Welt unter, die Berge um's Maar fingen an, Feuer und Scknvefcl zu spucken, wie vor hunderttausend Jahren, und der Mosenberg, der große Krater, schüttete alles zu. Ha, wie das brannte,— wie das drückte— Luft, Luft! Eine ungeheure Beklemmung überkam ihn. Mit einem Ruck saß er aufrecht im Bett und schnappte nach Atem. Verflucht, einen Schnaps her, schnell einen Schnaps! Mit schweren Füßen stapfte er aus dem Bett,— drüben auf dem Wandbord mußte noch eine Flasche Doppelkorn stehen — er tastete sich hin, schon hatte er sie gepackt, den Pfropfen heraus, da— horch, der Hund unter seinem Bett schlug plötzlich an. Wer. wer ging denn noch draußen?! Der Schnee knackte, klang es nicht deutlich, beinahe wie ein gedämpftes Tappen? Wenn's der Alte doch noch wäre?! Eine fast wahnwitzige Freude überkam plötzlich den Ein- samen, der in der todstillen Winternacht schauerte. Ach, wenn's der Vater wäre—! So hatte er sich noch nie nach dem gesehnt! Wenn der sich doch aufgemacht hätte, allem Schnee zum Trotz! So spät noch?! Ei, am End' war's noch gar nicht so spät'— heut' war's früher dunkel geworden, als je, und die Uhr stand ja. Er kam gewiß! Der gute Alte! Den ließ er aber heut' Abend nicht mehr heim— was mußte der wohl müde sein vom Waten durch den tiefen Schnee mit seinen gichtischen Beinen— zu sich ins Bett nahm er den, den besten Platz gönnte er ihm. Liebe Zeit, der gute alte Mann war ja so dünn' geworden, der brauchte nicht viel Platz mehr. Eine dankbare Rührung überkam den Sohn, er hörte schon daS:„Wat machstc Hannes, wat denkste dann eweil?" Ach, so deutlich—! Lebhaft riß er das Fenster auf, daß der Schnee stiebte und schrie mit dröhnender Stimme: „'n Abend, Vadder, Vaddcr!" Und noch einmal:„Vadder!" Keine schon etwas schwache, pfeifende Stimme aus zahn- losem Munde antwortete— alles blieb still. Nur der Nero luurrte. Enttäuscht schloß Mülleryannes das Fenster. Und dann schimpfte er: war er nicht ein Narr» so was sich einzubilden?! DaS alte Männchen sollte noch kommen, bei dem Schnee! Lag der nicht dort bei den Weiden ellenhoch? Vom Fenster aus konnte er deutlich sehen, trotz seines schlechten Blickes, wie der
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20 (10.2.1903) 28
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