Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 29.
29]
Mittwoch, den 11. Februar.
( Nachdruck verboten.)
Der Müllerbannes.
Roman aus der Eifel von Clara Viebig . Die Welt war am Morgen noch immer weiß, viel weißer nech, als am gestrigen Abend. Und es schneite in einem fort. Von den Weiden waren mun auch die Schöpfe verschwunden, die alten Bäume waren ganz und gar ertrunken in dem Meer von Schnee. Und der Pfad auch. Ob hoch, ob nieder, ob Hügel, ob Mulde alles eine glatte Schneebreite.
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Müllerhannes stand unschlüssig am Fenster mun es Tag geworden, draußen die Krähen flogen und in der Küche die Fränz sang, fühlte er nicht mehr so sehr das Verlangen nach seinem Alten, die Bequemlichkeit hielt ihn zurück. Sollte er in seine hohen Stiefel fahren, den Spaten zur Hand nehmen: sich mühselig allein erst einen Weg bahnen, was sonst die Senechte für ihn gethan, und dann nach all der Plage sich noch neugierigen Blicken aussezen?!
So blieb er.
Aber als allmählich die Stunden vorrückten, der Kuckuck -er hatte den Pendel selber wieder angestoßen drei Uhr nachmittag rief, als noch immer, noch immer die Flocken gleich mäßig sanken und niemand bei der Mühle vorbeikam, fiel ihn eine Angst an. Der Vater würde wieder nicht kommen ihm grauste vor der langen, einsamen Nacht.
Jest machte er sich rasch auf. So rasch war er sonst nie in die Stiefel gekommen, bei seiner Leibesfülle ward ihm's Bücken sauer. Die Thür wollte nicht auf, so schwer staute sich außen der Schnee gegen, aber mit aller Straft schaffte er sich Bahn. Um's Haus berum ging's noch, aber hinter'm Giebel bei den Weiden war fein Durchkommen. Bis an die Schultern
sank der große Mann ein. Hier führte eine Senkung hinauf zur Landstraße recht ein Schneelager geworden. Mit arbeitete Hannes sich wieder heraus.
sonst der Weg durch diese Mulde war jetzt Anstrengung nur
der war wie sein Auch dem Nero war's außer'm Spaß der war wie sein Herr, Anstrengung liebte er nicht, das Fell sträubend kläffte er wütend den leidigen Schnee an und kratte mit allen vier Branfen. Hannes faßte ihn am Halsband und gedachte sich von dem starken Tier ein wenig ziehen zu lassen, aber der Röter parierte heute gar nicht, wollte nicht vom Fleck, machte zuletzt feige Kehrt und rannte heulend ins Haus zurück. Dahin folgte ihm gar bald sein Herr nein, da war kein Durchkommen heute! Dazu blendete ihn die unendliche Weiße; gegen die blaue Brille flogen ihm die Flocken o weh, nun kam schon wieder die verhaßte Nacht!
Gesicht nicht mehr, erst als es ihm dicht gegenüber war Ortsvorsteher?! Was wollte der hier?!
1903
der
Dheins Nikla guckte sich unruhig in der Stube um, und dann fagte er:
,, Dein' Alten is eweil doch heir, Müllerhannes?" Mein' Alten heir? Ne!"
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„ Aber hän war doch hier die letzten zwei Täg'?"
,, Die letzten Tag' ne. Vor drei Tag' war hän zuletzt hier, dann net mehr."
" Dann net mehr?!"
Es war etwas merkwürdiges in dem Ton, mit dem der Dhein fragte. Hannes hob plötzlich den Kopf aus den Händen und sah den andren an:
„ Ne, Kreizdonnerparaplei, wat fragste eweil e so gackig?" Er war ungeduldig geworden, heftig, und rot über's ganze Gesicht hinab bis zun Stiernacken, der in einer großen Jettfalte über den Rockfragen schwappte.
,, No, no," beruhigte der andre,„ ich fragen ja nur!" Der Alten is kein Wickeldig, un ich fann hän net hüten!
Geh' beim nach em fuden, da liegt hän in der Seija."")
" 1
,, Da liegt hän net," sagte der Thein bestimmt. Fürorniggeſten hat hän sich auf den Weg gemacht, hierhin woll'n:„ bleib, et is am Schneien!" Aber hän hat gesagt: et war schons Abend de Mutter hat hän net geh'n lassen Meine Jung' is am warten! Un hat sich aufgemacht. De Mutter hat aufgefeß' bis half hint), dann hat ſe ſich schlafen gelegt. Se dacht: den Vadder bleibt in der Mühl, bei dem Sauwetter! Aber eweil is Bahn, mer kann wieder durch, un eweil schickt de Mudder mich, ich soll hän abhole kommen, den Vadder, für wieder heimzufahren, und eweil Stirn, auf die ihm jetzt falter Schweiß in ein paar Er stockte und wischte sich mit der Hand über die harte Tropfen trat.
Schrei net e so- schrei net e so," stotterte er erschüttert. er ausgestoßen, aber einen durchdringenden, lauten. Mit Hannes war aufgesprungen, einen einzigen Schrei hatte beiden Fäusten trommelte er sich jetzt gegen die gedunsene Stirn:" Hannes, Du, Du, wo is hän, wo is hän?!"
Fränz kam hereingelaufen. No, wat is denn als
wieder?"
Aber als der Dhein ihr Bescheid that, schwand ihre ärgerliche Gleichgültigkeit. Der Großvater wurde vermißt? ejus, wenn der alte Mann im Schnee stecken geblieben war! Ach, der arme, alte Großvater! In einem Hui flog's ihr durch den Stopf: wie der ihr immer allen Willen gethan Fraßen hatte er mit ihr geschniten vor der großen Glaskugel o weh, o weh, der lag wohl irgendwo im Schnee, vom Wege abgeirrt und erfroren!
Der angeborene Schauer vor dem Tod lief durch ihr junges Blut. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen, und Drei Tage lag die Mühle ganz eingeschneit, der dritte Tag dann konnte sie doch nicht genug von dem Schrecklichen hören. brachte endlich klingenden Frost, das Schneien hörte auf, der Wirklich, der Großvater war vom Haus weggegangen, durch erste Schlitten passierte. Aber er fuhr nicht vorbei, merk- all' den Schnee, hierhin?! Hier würde er nie mehr ankommen! würdigerweise hielt er.
Fränz stand im Flur und starrte mit offenem Mund, an ihrer Schürze zupfend. Eigentlich war sie sich so nicht schön genug, aber sie durfte doch nicht fehlen in den todeinsamen Lagen des lautlos fallenden Schnees hatte sie geträumt, geträumt, wie in den Nächten, in denen sie nicht schlafen konnte vor'm Drängen der unausgemußten Straft, vor'm Rumoren der nicht ausgearbeiteten Volljäfte denn jetzt wie eine Erleuchtung war es über sie gekommen, in jähem Wechsel wurde sie rot und blaß: der Trab des Pferdchens, das muntere Schellengeläute ießt, jezt fam wohl die goldene Kutsch'?! Fast zitternd wartete sie.
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Der Ortsvorsteher stieg aus.
tens den Vadder zu Haus?" fragte er furz.
Sie zuckte zusammen, unsanft geweckt: was wollte der, der Kerl mit dem einfältigen Alltagsgesicht?!
Wo soll hän dann sein?" antwortete sie schnippisch; gerade, daß fie dem Besucher die Stubenthür wies.
Der Ortsvorsteher trat ein: da saß der Müller am Tisch in seiner gewohnten Stellung, den Kopf zwischen die auf gestemmten Arme gestützt.
er
So saß Hannes nun schon am helllichten Morgen boste sich, daß sein Alter ihn so ganz im Stich ließ. Aha, da war ja wohl einer aus Maarfelden! So recht erkannte er das
Oje, o je! Sie fand wenigstens Worte des Jammers, und dann fand sie auch Thränen.
Hannes fand keines von beiden. Mit einem Geficht wie aus Stein stiert er vor sich hin, wieder in seiner altgewohnten Stellung, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf zwischen die Hände gestemmnt.
Der Ortsvorsteher, dem selber der blasse Schrecken auf dem Gesichte stand, redete auf ihn ein; sie wollten ja suchen, ohne Rast, überall, alle Mann des Dorfes sollten aufgeboten werden, die würden es gern thun, der alte Matthes hatte ihnen immer so leid gethan.
„ Leid gethan?!" Einen verzweifelten Blick warf Hannes auf den jetzt leeren Platz sich gegenüber, dann, eh' die andren ihn dran hindern konnten, war er aufgesprungen. Beide Fäuste hebend, schlug er sie ins Fenster, durch das er an jenem Abend nach seinem Alten ausgeschaut Blut rieselte, Blut und klirrende Scherben sprangen hinaus in den weißen Schnee. " Vadder! Vadder!"
XVII.
Der Herr Noldes hatte sich's nicht nehmen lassen, er rückte felber, troẞ allen Zeterns des Engelche, trotz seines allwinter*) Wiege. **) Mitternacht.