Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 35.
35]
Donnerstag, den 19. Februar.
( Nachdrud verboten.)
Der Müllerbannes.
Roman aus der Eifel von Clara Viebig . Da lockte der Mann: Somm, put, put, put" und sich bückend, taſtete er, bis er die flaumigen Küchlein fühlte. Eso en klein winzig Dingelche!" Noch nie hatte er etwas gleich weiches in der Hand gehalten! Vorsichtig streichelte er mit dem Zeigefinger seiner riesigen Hand über das gelbe Federbällchen.
Oben stieß jetzt der Habicht seinen häßlichen Schrei aus, da steckte er rasch das erste Küchelchen sich vorn zwischen Hemd und Wams, und tastete wieder und lockte: put, put," und suchte weiter laut zählend:„ Eins, zwei, drei" und so fort, bis er alle zwölf an seiner Brust geborgen.
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Regungslos saß er dann; still, daß er nur feins quetschte! Er fühlte das warme, hilflose Leben an seiner Brust, und das that ihm gut. Ei, wie sie sich duckten, wie sie zufrieden piepten! Denen war wohl! Er lachte auf einmal über's ganze Gesicht, i ja, so hatte er manchem geholfen früher früher da war kein Bettler von seiner Thür gegangen dazumal als die Sonne schien und das Bächlein luftig murmelte. Ach!" Einen langen Seufzer ausstoßend, rückte der plötzlich Unruhiggewordene auf der Bank hin und her.
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Der Bach, der Bach-- floß der nicht an einer Mühle vorbei?! Und die Mühle Und die Mühle die Mühle war sie nicht die schönste, die stattlichste gewesen, Eifelauf, Eifelab?!
Mit einem furzen, scharfen Aufschrei schlug er sich jählings vor die Stirn: Hannes, wo warste, wo biste dann gewesen all die Zeit?!"
Da war einmal ein übermütiger Bursch gewesen, der sprang in den tiefen Berg, d'rin die Zwerge hausen, und als er wieder herauskroch, waren hundert Jahr vergangen- nein, nur eins, aber das war wie hundert! Hundert Jahr' Hundert Jahr'!" Ratlos schüttelte der Altgewordene den Kopf, es war etwas Hilfloses in dem unsicheren Umhergreifen seiner Händewo, wo war die Zeit hingegangen wo wohin die Mühle?!
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Er fuhr auf. Die Henne, die bis dahin, still geduct, sich neben ihm auf der Bauf gejonnt, sträubte sich wieder die Federn und die jungen Stüchlein piepten erschrocken. Da riß er sie aus dem Busen nicht unsanft setzte er sie zur Erde, aber ungeduldig seine Augäpfel, deren starres Blau fein Licht und auch keine Trübung zeigten, rollten von einer Seite zur andren: die Mühle, die Mühle, wenn er nur wüßte, was mit der Mühle geschehen!
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„ Et is ebbes passiert, ich weiß net was ich han ebbes berloren, ich weiß niet was Vadder, Modder, Tina, wißt Ihr et all net?!" In Haft tappte er umher.
Bis zum ersten Pflaumenbaum kam er, da stieß er an, und die weißen Blüten beschütteten ihn. Zurückweichend tappte er wieder mehrere Schritt min rannte er gegen die Haus
wand.
" Fränz, Fränz!" Er rief, aber die Tochter hörte nicht. Da suchte er wieder seinen früheren Sitz und darauf niederfinfend murmelte er:„ Ich han ebbes verloren ich han ebbes verloren- ich finden et net!"
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Die Sonne, die bis dahin mit ihrem vollen Nachmittagsglanz dem Hügel gegenüber gestanden, zog sich allgemach Langfam hinter den waldigen Vorsprung der nächsten Schlucht zurück; aber es blieb noch warm, selten lind; mit weichen Händen strich die Luft uns graue Haus, um den grauen Mann. Das stopplige Stinn auf den Stecken gestigt, verharrte der nun unbeweglich.
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1903
Im feuchten Wiesenrain, tief unten am Bach, huben jetzt die Frösche an horch! Der Einsame auf der Bank rührte sich, hob nicht den Kopf, aber merkte doch auf: was waren das für seltsame Stimmen? Vertraute Stimmen! Wenn an lauen Abenden die Fenster der Mühle offen stehen, wenn das Mühlrad ruht, und aller Lärm des Tages, dann geben die Frösche unter den großen Kettenblättern bei den großen Steinen des Maarbachs, in dem die blauen Vergißmeinicht nicken, ein Konzert. Und das Wasser hüpft dazu, es raunt und rauscht. Was raunt es doch?!
Es eilt an der Mühle vorbei und sieht einen lustigen Mann und eine blasse Frau und noch viel andres: die Fränz, das Klavierchen, Knechte und Magd, den Nero, die Pferde und das Chaischen. Der Nero bellt, das Klavierchen spielt, und der Mann und die Fränz tanzen- ha, wie schön
,, Stuckuck!"
Ein Kuckuck ließ sich plötzlich hören im linken Buschgehänge der Schlucht, und nun rechts gegenüber ein zweiter im jungen Erlenbestand gen Bleckhausen hinauf. Sie riefen sich zu:
,, Kudud?" „ Kudud!"
Das war ein Fragen und Antworten im selben Ton, das fein Ende nahm.
„ Kuckuck
Kuckuck
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Kuckuck!"
Der Mann auf der Bank hatte plöglich beide Hände gehoben, die zitternden Finger streckte er bittend in die Luft: Wieviel rufite, Kuckuck, wieviel?"
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Er lauschte, alle Züge im Horchen straff gespannt. „ Eins zwei- drei vier- zusammenschauernd wie im Frost ließ er jetzt die erhobenen Hände sinken. Oh- ich zählen net weiter, ich sein net eso fühn!"
Die Hände schlug er vor's Gesicht und that sie nicht mehr herunter. Regungslos saß er so, mit gebeugtem Haupt, ganz in sich zusammengefunken.
Der Kuckuck hüben und der Stuckuck drüben wurden nicht müde. Es war Mai, und es war ihr gutes Recht, im junggrünen Wald sich auszuschreien in Lebens- und Liebeslust. Alle kleineren Sänger waren jetzt verstummt und ins Nest gefrochen, aber sie riefen, halb verschlafen schon, aber doch noch deutlich, im Hochgemuß sich allein zu hören: Kuckuck!"
Wer sollte sie scheuchen? Weit hinter diesem runden Bergbudel lag Maarfelden, und weit hinter jenem Bleckhausen. Nur die Dämmerung schritt auf leisen Sohlen durch's Herz der Schluchten, und die Blumen: das Hundsveilchen, der Wiesenschaum und die blasse Anemone blühten stumm. Die Schlehenbüsche, die weißen Wölfchen gleich, an den Felsrutschen fleben, froh, daß sie Fuß gefaßt, rührten sich nicht.
Die Sonne war versunken, der Kahn des Mondes schwamm herauf im zarten Silbergraublau. Noch immer saß der stille Mann auf der Bank an der Hüttenwand, und noch immer rief der Kuckuck. Aus dem Schornstein des Häuschens stieg jetzt das leichte Räuchlein eines wenig gehaltvollen Reijigfeuers, und jetzt ertönte hinter deni Haus, den Hügel hinauf, der derbe Tritt eines nägelbeschlagenen Schuhes.ind
Vom kleinen Acker, der zum Abbau gehört, kam die Fränz. Ein großes Grastuch vollgepfropft mit allerlei Sträutern zum Futter für die Ziege, hatte sie aufgehuckt. Es war eine schwere Laft, die die Schultern nach vorn drückte und den Kopf duckte. Allerhand Blumen, beim Futterschneiden mit ausgerauft, hingen dem Mädchen gleich bunten Fransen tief in die braune Stirn. Mit einem Aufatien lockerte sie jetzt den Traggurt, der ihr die Brust eingeschnürt und warf mit einem Ruck ihre Last bei der Bank nieder.
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„ He, Vadder!' n Abend! Wat machste?" Wie einem Kind, so strich sie ihm die Haare aus der Stirn.„ Schön Wetter heut', aber warm gelt?" Mit dem Rücken der Hand
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Die Henne hatte ihre Küchlein hinein in die Hütte gewischte sie sich den Schweiß ab, der ihr reichlich über's sonnenführt, in der Stube, bei der Feuerstelle ließ sie sich nieder, verbrannte Gesicht rieselte und dehnte die vom Tragen steifplusterte die Flügel und die müden Kleinen fichten darunter gewordenen Glieder. Ich sein eweil noch net eso gewöhnt," die Ruh'. Aber draußen in den Safelbüschen, die wie einzelne sprach sie, wie entschuldigend zu sich selber, und dann zum Schöpfe aus dem kahlen Hügelschädel aufsprossen, zwitscherten Water: noch die kleinen Grasmücken, und von überall, aus dem Grund, aus der Höhe, klang ein leises, unausgesetztes Singen fein Nachtigallenschlag, bescheidenere Mailieder, aber süß wie jener.
,, Stomm' erein, mir wollen eweil essen!"
„ Noch en Momang," sagte der plößlich und faßte hastig nach ihrem Rock.„ Hörste Fränz, den Kuckuck?!"
Sie nickte gleichgültig ja, der würde jetzt alle Tage