Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 38.

38]

Dienstag, den 24. Februar.

( Nachdruck verboten.)

Der Müllerbannes.

Roman aus der Eifel von Clara Viebig .

( Schluß.)

Range hatte sie feine Vaterliebe gekannt, jetzt fühlte sie die. Er konnte sie gar nicht entbehren; war sie dem alten Mann nicht Auge und Stecken zugleich?

1903

ihren sonnverbrannten Wangen pulste lebhaft das Blut, es zuckte in der Hand: wenn der auch griese Haar hatte, das sollte sie nicht genieren!

Derweilen maßen sich die beiden Alten. Sie waren ein wenig von einander abgerückt, hatten sich gegeneinander ge­fehrt und sahen sich nun gerade ins Gesicht. Sie trugen beide die gleichen Müzen mit dem Glanztuchschild, und die des Reichen war nicht minder verschabt und abgemust, als die des Armen. Als ob der Müllerhannes noch sehen könnte, so bohrten sich Wenn sie sich jetzt verdingen würde ganz im Dienst seine starren Blicke ein. Dem Laufeld waren die schier unan­nicht, nur im Taglohn- würde sie sich dann nicht freuen, all- genehm, er drehte seine Augen weg und steckte den Rosenkranz, abendlich ihr Häuschen wiederzusehen und den Vater auf an dem er auf den Weg hierher gebetet und den er noch ums der Bank davor? Würde es nicht wie ein Glück sein, ihm für Handgelenk geschlungen trug, in die Tasche. den Taglohn das Nötige zu kaufen und nach Feierabend noch und Sonntags das Aeckerchen zu bestellen- ein Glück, endlich geben zu können, statt zu nehmen? Nichts Geschenktes und nichts Ererbtes, mir was Er arbeitetes macht froh!

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Das Nehmenach die Fränz zuckte zusammen, fam da nicht einer des Weges von Manderscheid herunter, ein Wohl­habender? Sie sahs am Gang. Hastig zupfte sie den Vater am Aermel: Komm, komm," und drängte ihn zur Seite, wo auf einer kleinen Ausbiegung der Kehre, dicht am Abhang, ein Bänkchen aufgeschlagen ist und zwischen den zwei Ebereschen­bäumen rechts und links, wie eingerahmt, das mächtige Bild des Mosenberges. steht. Dort setzte sie sich mit dem Vater. Ach, jetzt nur nichts nehmen müssen! Heut nicht! Jezt nicht! Ueberhaupt nicht mehr, nein, nein!

Sie fehrte der Straße den Rücken zu und guckte frampf­haft in ihren Schoß; den Vater stieß sie in die Seite, er solle auch vor sich sehen. Aber schon waren sie erkannt.

Kuck, der Müllerhannes!" sprach eine Stimme hinter ihnen, halb neugierig- fragend, halb salbungsvoll, und eine runglige, dürre Altmännerhand hielt der Fränz über die Schulter einen blanken runden Groschen unter die Nase. Sie rührte sich nicht.

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Nehmt miren!"

Die reiche Spende fiel in ihren Schoß. Berdukt sah sie, so viel gab ihnen felten ein Mensch in barem Geld auf einmal; zugleich aber that ihr die Art des Gebens weh. Ihre Lippen zudten, gar nicht aufsehend, den Kopf noch tiefer senkend, daß ihr die spröden Haarringel unterm roten Rattuntuch vorn in die Stirn fielen, murmelte sie nur ein Wort; es sollte wohl ,, danke" heißen.

Der Geber schien den unzulänglichen Dank nicht zu be­merken, er nichte nur, wie: Schon gut, schon gut!" Und dann setzte er sich, vorsichtig die Schöße seines langen Roces, daß er sie nicht ruiniere, teilend und die heruntergerutschten Strümpfe über die dürren Wädchen heraufziehend, auch aufs Bänkchen. Die Fränz gudte verwundert: wer war der? Er schien gern ein Gespräch anfangen zu wollen, aber nicht zu wissen wie. Verstohlene Blicke warf er auf den Blinden, der, von seinem weißen Haar umweht, das Kinn erhoben, ohne zu blinzeln, hinüberftarrte in die helle Quft, die den Berg umfloß. Jett stieß er den an:

Gut Zeit, no eweil wieder alert, Müllerhannes?" Die Fränz ärgerte sich über den gönnerhaften Ton. Hannes zuckte zusammen. Die Stimm' kennen ich doch," murmelte er, lauschend das Ohr neigend." Ich kennen se doch?!" Fast schien's, als wollte er aufspringen, fliehen, aber dann rückte er sich wieder zurecht, und es klang gelassen:

Also den Laufeld ," sagte Müllerhannes endlich und nickte mit dem Kopf. Ja, eweil sein mir accarat wieder e so bei­samm, wie derlegt auf'm Kunowald- aber' t Wetter is schöner heut. Dazumal war den Himmel net e so blau, wie heut, gelt Ihr?"

Der Laufeld räusperte sich.

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,, Et geht Euch dreckig, wie ich sehen, Müllerhannes," sprach er." Ja, ja, ich han dat als lang gewußt: Hochmut fämmt vor dem Fall. Euren Alten war als auch e so en Prot Gott schenk em de ewige Ruh" er schlug ein Kreuz- aber Ihr wart noch en viel größeren. Ich han Euer Unglück kommen sehn; ich han et Euch immer gepredigt: Hannes, Hannes, bedenkt dat End', wen den Groschen net ehrt, is den Thaler net wert. Aber ne, fein Hören uf en vernünftig Wort, wie taub und blind. Eweil hatt' hr't!

Ihr, Ihr hätt' mir gepredigt?! Dem Hannes stand der Mund offen vor Staunen. Das wäre wahrhaftig zum Lachen, wenns nicht so frech gelogen wär! Die alte Heftigkeit über­fam hin:

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ver­

En schön' Predigt," schrie er, hob die schweren Hände und klatschte sie auf die Kniee, dem Teufel sein Predigt". Ja, verschändt habt' Ihr mich, die Leut gegen mich gehetzt, flucht sei den Nachmittag, wo Ihr in de Mühl' kamt dat Tina hat uns noch e so leder Waffeln gebacken un guten Staffee gekocht aber Ihr Ihro Ihr infames Luder, hr alten Kalmäuser, Ihr verdammt Lügenmaul, Ihr die Er. regung nahm ihm die Stimme.

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" -

Ohr. Ich sein schon zweimal von' em Professor operiert ,, Wat, wat sagt Ihr?" fragte der Laufeld und neigte das worden de bat Geld rommer gekriegt, sagen ich Euch, flotig! bißche lauter, sprecht bißche lauter, ich hören allweil noch net ganz gut!"

Lügenmaul, Ihr seid en Lügenmaul, brüllte Hannes. Mercie" der Laufeld nickte. Sons sein ich e so weit ge­fund Gott sei gelobt! Aber de Ohren dat is fatal. Mer kann net jeden verstehn." Er seufzte und strich sich über die dünn gewordenen Haare, die unter der Müze an den Schläfen glatt herunter gekämmt waren. Et is en Kreuz, wat ein'm auferlegt is-- aber freilich ein Blick, in dem Bedauern und " Ihr Geringschäßung sich mischten, streifte den Blinden . habt ja noch en viel schwerer Kreuz!"

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Der taube Hesse that sich auch noch dick?! Natürlich, das lag in seiner Art, aber jetzt war's doch um sich bucklig zu lachen! Des Müllerhannes Aerger verflog; er mußte laut und herzlich lachen: Haha, haha!

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Das sah der Laufeld . Ihr lacht? Ihr könnt lachen?" fragte er höchst verwundert.

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,, Gut Zeit, Laufeld ! Wie Ihr seht, alleweil alert." Ha, der Laufeld ?! Die schwarzen glänzenden Augen der ,, No, warum dann net?" Müllerhannes hätte um die Fränz blizten das also war der, der den Vater ins Unglück Welt nicht dem hier verraten, was ihm fehlte jawohl, er war gebracht?! Der Laufeld , der Hallunt'?! Sie hatte ihn nicht arm, sehr arm, aber doch noch lang nicht so arm, wie der hier, mehr gesehen seit ihrer Kindheit freilich das war ja noch der keinen Vogel mehr singen hören konnte, kein Blatt mehr nicht ewig lang her, aber wie hatte der sich verändert! Als rauschen, fein Mühlenrad gehen. Er hörte das Rad seiner er zum Begräbnis der Mutter vor die Mühle gefahren fam, Mühle doch bei Tag und bei Nacht. Ein Gefühl der Ueber­hatte er sie groß und stattlich gedünkt, mit frischem Rot im Gelegenheit ergriff ihn gegenüber dem Tauben wenn der auch ficht, Groß war er noch, aber man sahs nicht mehr; er war ein Haus hatte mitten im Dorf, und er nur eins draußen, geduckt, die Staatlichkeit eingeschrumpft. Da sah der Vater abseits in der Schlucht, er hatte doch noch weit mehr von der doch ganz anders aus! Mit einem gewissen Stolz schaute, Fränz Welt, als dieser hier. den an, und dann warf sie dem andern einen verächtlichen Blick Gutmütig tappte er dem Laufeld auf die Schulter: zu. Und der riskierte es noch, sich neben sie zu setzen?! Der" Ihr thut mer eweil sehr leid. Wat muß dat schrecklich Groschen in ihrer Tasche brannte sie- gud, also darum hatte sein, wann ma net mehr hören kann. Ich hören e so gut­es ihr so widerstrebt, heut, hier gerad etwas anzunehmen! No, wann et eweil oben vom Mosentopf Hannes" rüft, dat hören der sollte seinen Bettel wiederkriegen, vor die Füße schmeißen ich ganz fermost. Dat konnt Ihr glauben. Paßt es auf!" wollte sie ihm den! Sie lauerte nur auf den Moment. In Und er rechte sich und preßte die Brust heraus, klopfte