Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 91.

53]

Das Geld.

Sonntag, den 10. Mai.

( Nachdrud verboten.)

Roman von Emile Zola .

1903

Soll ich sie heute sichten und ordnen?" fragte er. " Natürlich! wenn sie so massenhaft eintreffen... Was ist das alles?"

,,, lauter Universelle, fast mur Kaufaufträge!" Mit geübter Hand blätterte der Makler in den Depeschen und war sichtlich befriedigt. Er hatte sich mit Saccard sehr Jetzt traten Mazaud und Jacoby aus dem Maklerzimmer tief eingelassen und schon lange für erhebliche Summen Stücke und schritten nebeneinander, anscheinend in engster von ihm hereingenommen; diesen Vormittag erst hatte er un­Stollegialität, den Schranken zu, trotz des Bewußtseins, daß geheure Raufaufträge von ihm erhalten und war so schließlich fie in dem erbarmungslosen Kampf, der seit Wochen wütete zum förmlichen Makler der Universelle geworden. und mit dem Ruin des einen von beiden ausgehen konnte, Obwohl er bis jetzt feine ernstlichen Befürchtungen Gegner waren. In der fröhlichen Lebhaftigkeit des kleinen empfunden hatte, trugen doch diese hartnädige Begeisterung Mazaud mit dem schlanken, jugendlichen Wuchse spiegelte sich des Publikums und die trotz der übertriebenen Höhe des ein noch ungetrübtes Glück wider, jenes Glück, welches ihm Surfes beharrlichen Käufe zu seiner Beruhigung bei. Unter mit zweiunddreißig Jahren das Makleramt eines Oheims als den Absendern der Telegramme fiel ihm ein Name auf, der­Erbe beschert hatte. Jacoby dagegen, ein früherer Prokurist, jenige Fayeur', des Renteneinnehmers aus Vendôme; er der nur im Laufe der Jahre und mit Hilfe einiger Rom - mußte sich wohl unter den Landwirten, den Betschwestern und manditäre zum Makler vorgerückt war, schritt mit dem schweren den Priestern der Umgegend eine außerordentlich zahlreiche Tritt eines Sechzigers einher; das breite Gesicht dieses langen, Kundschaft kleiner Stäufer erworben haben; denn es verging did leibigen Menschen mit der Glatze und dem ergrauenden keine Woche, ohne daß der Mann dergestalt Telegramme auf Barte trug den Stempel gutmütiger Genußsucht. Ihre Notiz Telegramme sandte. bücher in der Hand unterhielten sich beide Makler über das schöne Wetter, als hielten sie nicht in diesen wenigen Blättern die Millionen in der Hand, die sie in dem mörderischen Hand­gemenge von Angebot und Nachfrage wie Gewehrschüsse

wechseln sollten.

,, Nicht wahr. ein nettes Frostwetter?"

" Ja! Denken Sie nur: ich bin zu Fuß gekommen, so herrlich war's."

-

"

Geben Sie das an den Kassamarkt weiter," sagte Mazaud zu Flory. Und warten Sie nicht, bis man Ihnen die Telegramme herunterbringt! Sie bleiben oben und nehmen alles selbst in Empfang!" Flory trat in das Geländer des Kassamarktes und rief aus Leibeskräften:

"

Mazaud! Mazaud!"

Auf diesen Ruf fam Gustave Sedille herbei; denn in der Vor dem Parkett jenem großen, freisförmigen Becken, welches von überflüssigen Papieren, von hineingeworfenen Börse verlieren die Angestellten ihren Namen, um nur noch Auftragzetteln noch rein warblieben beide ein wenig stehen den ihres Prinzipals zu tragen. So hörte auch Flory an der und führten, an die rotsammetene Brüstung gelehnt, ihre Börse auf den Namen Mazaud. Nach fast zweijährigem Weg­gleichgültige, unzusammenhängende Unterhaltung weiter, bleiben vom Makleramt war Gustave vor kurzem wieder ein­wobei sie auch verstohlen die Umgebung beobachteten. getreten, um dadurch seinen Vater zur Zahlung seiner Schulden Die durch Gitter abgeschlossenen, sich freuzförmig durch zu bewegen. Heute war er in Abwesenheit des betreffenden schneidenden vier Gänge bildeten eine Art vierzadigen Sterns, Angestellten mit dem Kassageschäft betraut, was ihm Spaß dessen Mittelpunkt das Parkett" war, das dem Publikum machte. Flory flüsterte ihm etwas ins Ohr, und beide kamen unzugängliche Heiligtum. Zwischen den vorderen Zacken be- überein, erst beim legten Kurs für Fayeur zu kaufen, nachdem fand sich einerseits die Abteilung für Bargeschäfte, der Kassa- sie auf eigne Rechnung gespielt und unter dem Namen ihres markt, wo auch die drei Kommissare auf ihren hohen Sigen gewohnten Strohmannes gekauft und verkauft hätten, um und mit ihren ungeheuren Büchern Platz nahmen; auf der die ihnen unausbleiblich scheinende Kursdifferenz einzu­andern Seite war ein kleinerer Raum, die wohl ihrer Gestalt streichen. wegen so genannte Guitarre", welche zugänglich war und Mittlerweile kehrte Mazand nach dem Parkett zurück. somit den Spekulanten und den Gehilfen den unmittelbaren Auf Schritt und Tritt wurde ihm im Auftrag irgend eines Verkehr mit den Maklern gestattete. Auf der Rückseite, in Stunden, der nicht beikommen fonnte, von einem Börsendiener dem Winkel zwischen zwei andren Gängen wurden im dichten ein mit Bleistift beschriebener Auftragzettel eingehändigt. Gewühl die französischen Renten gehandelt; hier war jeder Jeder Makler hatte nämlich Auftragzettel von besonderer Börsenmakler, ebenso wie in der Abteilung für Bar, durch Farbe, rote, blane, grüne, gelbe, die leicht kenntlich waren. einen mit einem besonderen Notizbuch versehenen Gehilfen vertreten. Die Wechselmakler im Parkett geben sich nämlich bloß mit Zeitgeschäften ab und werden durch die gewaltige und zügelloſe Spielthätigkeit ausschließlich in Anspruch ge­

nommen.

Mazauds Zettel waren grün, von der Farbe der Hoffnung; diese grünen Papierchen häuften sich zwischen seinen Fingern immer zahlreicher an, nachdem die unaufhörlich ab und zu gehenden Diener sie am vergitterten Eingang aus der Hand der Commis und der Spekulanten entgegengenommen hatten, die der Zeitersparnis halber alle einen Vorrat dieser Zettel: bei sich trugen.

In dem Seitengange links gewahrte jetzt Mazaud seinen Prokuristen Berthier, der ihm einen Wink gab. Er ging auf ihn zu und wechselte ein paar halblaute Worte mit ihm, da Als er von neuem vor der Sammetbrüstung stehen blieb, die Prokuristen in ehrerbietiger Entfernung von der rot- traf er wieder Jacoby an, der ebenfalls einen unablässig fammetenen Rampe bleiben müssen, die feine profane Sand wachsenden Bündel mit Auftragzetteln in der Hand hielt, rote berühren darf. So nahm Mazaud alle Tage Berthier und Zettel von der Farbe des frischvergossenen Blutes. Ohne zwei seiner Gehilfen zur Börse mit, den Barkassier und den Zweifel waren das Aufträge von Gundermann und seinen Ge­Rentenkaffier, denen meistens der Leiter der Abrechnungs- treuen, denn jedermann wußte, daß bei dem bevorstehenden Stelle sich zugeselite; außerdem war ein Gehilfe zur Besorgung Gemegel Jacoby der Vertreter der Baissepartei war, der oberste der Telegramme zur Hand, der kleine Flory, dessen Gesicht Bollstreder der Todesurteile der jüdischen Bank. Jacoby immer mehr und mehr in einem dichten Bartwuchs verschwand, unterhielt sich gerade mit seinem Schwager Delarocque, einem aus welchem nur der Glanz seiner zärtlich blickenden Augen Christen, der eine Jüdin geheiratet hatte. Dieser, ein unter­hervorschaute. Seit seinem Zehntausendfrank- Gewinnst am setter, rothaariger Mann mit einer großen Glaze verkehrte Tage nach Sadowa wurde Flory durch die Anforderungen eifrig in der Sportwelt und war als Börsenvertreter Daigre­Chüchüs in die Enge getrieben, die jetzt launisch und un- monts bekannt, der sich fürzlich mit Jacoby entzweit hatte, erfättlich war. So spielte er denn aufs Geratewohl und völlig wie früher auch mit Mazaud. Er erzählte eine Geschichte von planlos für seine eigne Rechnung und folgte mit blindem einer verheirateten Frau und blinzelte dabei mit den lüsternen Glauben dem Spiel Saccards. Die durch seine Hand gehenden Telegramme genügten zu seiner Orientierung. Jezt fam er, beide Hände mit Depeschen gefüllt, eiligen Laufs vom Tele­graphenamt im zweiten Stod herab und mußte durch einen Diener Mazaud rufen lassen, der Berthier stehen ließ, um an die Guitarre" zu kommen.

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Aeuglein, während er mit leidenschaftlichem Geberdenspiel fein Taschenbuch in die Höhe schwang, aus welchem ein Bündel seiner himmelblauen Auftragzettel vom zarten Blau eines Aprilhimmels hervorquoll. Herr Massias fragt nach Ihnen," meldete Mazaud ein Börsendiener.

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