Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 155.
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Dienstag, den 11. August.
( Nachdruck verboten.)
Die Achenbacher.
Roman von Anton v. Perfall.
Urban bereute schon, sich mit Burgl eingelassen zu haben. Jezt tam's heraus, als wenn er der Schuldige wäre, sie die Anklägerin! Wo war denn jetzt sein gerechter Zorn, den er gegen den unschuldigen Flori so ungemessen ausließ? Das schlimmste war, er fühlte die Wahrheit ihrer Worte; so erging er sich denn, wie immer in solchem Fall, in kleinlicher Heftigkeit, mit der es ihm selbst nicht ernst war. Das is all's gleich," erwiderte er, mit den Händen herumfuchtelnd. Wia's zuaganga hat, weiß i selb'r net, aber so viel weiß i g'wiß, daß er f' grob anpackt hat, hing'schleudert hat, und das leid' i amal net, no dazua von ei'm, der mir mein Lebtag als Schlechts' than hat."
Er machte eine Bewegung mit der Faust, als ob er ihn niederringen wollte, den Achenbacher. Einen Augenblick ward's still. Urban bohrte seinen Blick in den Boden.
,, Weißt ja, warum er s' grob anpackt hat, d' Rest," begann dann Burgl in minder hartem Tone.
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1903
, Grad mit der Achenbacherin Di bitt'n, daß d' Sach beruh'n laßt," sagte sie in weinerlichem Tone.
Urban blidte unwillkürlich auf Burgl, deren mächtige Erscheinung neben seiner Frau doppelt zur Geltung kam. Es entging ihm nicht der spöttische Zug um Burgls Mund.
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Mein Gott, mein Gott," begann die Lehnerin wieder, die Arme kreuzweise über die Brust zusammenschlagend. Was is denn das für an Unglück! Ja, wia fann man denn nur so was thun? So an arm's, guat's Kind so- behandeln!" Sie brach in Thränen aus.„ Wenn's jetzt g'storb'n wär', mein Gott und Vater, ja, liebe Frau, was wär' das! Was wär' das!"
Urban warf einen verzweifelten Blick gegen die Decke und atmete schwer auf. Laß doch das G'flenn! Das macht's net beff'r."
,, Was is, muaß ma betracht'n, net was wä r', Lehnerin, nacha d'erspart ma sie' viel," sagte Burgl mit scharfer Betonung. Wir san ganz im klaren, wir zwei- net wahr, Lehner?"
Sie erhielt keine Antwort, aber sie ging in dem Bewußtsein, ihren Zweck erreicht zu haben.
,, Lang hast aber braucht zum Abbitt'n, Bäuerin," sprach sie der Lenz spitfindig an, als sie durch die Stube ging, ohne einen Blick auf die schlummernde Kranke zu werfen. Hab' Dir grad helf'n woll'n." Freili weiß i's." Urban sah auf, ihre Blicke begegneten Diesem Burschen gegenüber mit dem listigen, halbfich. Hab's ihr selb'r oft gnua verwies'n, das Umanandstrena mit'n Flori." Er zerrte an seinem Charivari. Er zerrte an seinem Charivari. San geschlossenen Blick und dem ewigen Scherz auf der Lippe, hielt alle zwei schon z'alt dazua, aber desweg'n wir könna leicht sie nicht stand. Mit gebeugtem Kopfe, über und über errötend, red'n in unserm Haß und Feindschaft aber in dene Jahr, aber in dene Jahr, floh sie förmlich ins Freie. weißt's ja selb'r, da versteht ma das no net so." " Eben drum muaß ma zeiti einschreit'n, eh' z'spät wird, mein' i," erwiderte Burgl aufflammend.
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" Ja, Du hast's freili glei," erwiderte Urban herb,„ grad durch, wenn's a Scherb'n giebt, und nimma lang umg'schaut danach. Aber das kann halt net glei jed's."
„ Hast Du Di vielleicht umg'schaut heut bei der Wahl?" Burgl trat aus dem Schatten vor in den Lichtkreis.
Urban war ihr seit langer Zeit nicht mehr gegenüber gestanden. Sein Auge schweifte die hohe Gestalt hinab ein Prachtweib!
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Um wen dann?" begann er dann, heftig ihre Hand fassend, um den Achenbacher vielleicht, der mir sein Lebtag nur Schlecht's anthan hat?"
Sein Kopf mit dem gelockten, im Schein des Lichtes goldig schimmernden Vollbart beugte sich dicht vor ihr Antlitz, Sie sahen sich Aug' in Aug'.
Um den freili net," sagte sie dann, ihre Hand gewaltsam aus der seinen ziehend.
Doch er ließ sie nicht, eine verräterische Glut brach aus seinen Augen. Und wenn i mi umg'schaut hätt," sprach er jezt im Flüsterton, und mir g'sagt hätt', jezt kannst ihr's zeig'n, was bist. Jeßt muaß auf di schau'n und z'ruckdenken, wia's sein könnt
Einen Augenblick erwärmten sich diese kalten, grauen Augen, dann aber entriß sie ihm gewaltsam ihre Hand und wich einen Schritt zurück.
Dann hätt'st Di g'walti g'irrt," fagte sie, sich völlig wieder im Zaum haltend, weil Du jezt wenig'r bist in mein' Aug'n, als Du warst.' s Werkzeug von dem fremd'n Volt da drüb'n, weil's nia sein könnt, daß i den Verrat an mein' Stand g'litt'n hätt'."
Das war die furchtbarste Demütigung Urbans in diesem Augenblick.
,, Bäuerin," preßte er krampfhaft hervor, Du hast vergefs'n, zu was Du komma biſt." Er preßte beide Fäuste vor
die Brust.
Um mi an Dein Verstand z'wend'n, net um 3'bitt'n," erwiderte sie trokig, ungebeugt. mein', wir san ferti."
Eben wollte sie an Urban vorbei, die Kammer verlassen, da trat die Lehnerin ein. Ein Zahnbund verdeckte die eine Hälfte des zierlichen Gesichtes, ein wollenes Tuch war um den Hals gewickelt.
Sie blieb mit vor der Brust gefalteten Händen ängstlich unter der Thür stehen.
Was willst denn Du da?" fragte ärgerlich Urban.
Wie eine Diebin huschte sie in das Haus und schlich die Treppe hinauf in ihre finstere Kammer. Niemand hatte sie bemerkt nebenan lag ihr Mann im ersten tiefen Schlummer. II.
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Wenigstens urteilten die Gemäßigten seiner Partei so, die Der neue Bürgermeister ließ sich nicht schlecht an. wohlhabenden Geschäftsleute Seehamms, welche seine gar nicht erwartete Mäßigung, seine auffallende Vorsicht und Ruhe, mit welcher er gegen die alte Amtsführung Achenbachers vorging, ihm hoch anrechneten.
Es half alles nichts, man mußte mit den Bauern leben, von ihrem wirtschaftlichen Empfinden hing auch das eigne Wohl ab.
In dieser Voraussetzung hatten die meisten schon ihre Stimmen Urban gegeben, der beide von ihnen gewünschte Eigenschaften vereinigte. Er war Bauer, Anjässiger, sogar Osterhofener. Man konnte ihnen also von dieser Seite nicht vorwerfen, die Herrschaft an sich reißen zu wollen, andrerseits waren Urbans ganze Verhältnisse und er selbst nicht dazu angethan, einen Dorfdespoten zu spielen, wie der Achenbacher einer war. Vor allem fehlte dem Lehner die Hauptsache dazu, die Macht der Ueberlieferung, das Ansehen des Namens. Anders urteilte die Masse der kleinen Leute, welche von dem neuen Dorfregimente etwas ganz andres erwartet und in ihrer wirtschaftlichen Anschauung keinen Begriff hatter von der socialen Macht des Bauerntums. Bei jeder Gelegenheit bekam Urban zu hören, daß er ihrem Einfluß allein seine Wahl verdanke. Die undurchführbarsten Forderungen wurden gemacht, die seinen Bauernfinn auf das tiefste verlegten.
Die Worte Burgls fonnte er nicht vergessen. Sie sollte einsehen, wie unrecht sie ihm getan, sie sollte merken, daß er nicht das Werkzeug dieses fremden Volkes war.
Der unnatürliche Zwiespalt begann schon, in den er sich begeben. Auf der einen Seite vermochte er es nicht, mit einem Mal aus seiner Haut zu fahren, stießen sich seine eignen Bauerninteressen mit denen der Neuen; auf der andren Seite drückten und drängten ihn seine eingegangenen Ver pflichtungen, Versprechungen. Auf der einen Seite stand Burgl, ihn scharf beobachtend, jede Schwäche erspähend, die ihre Ansichten von ihm rechtfertigen konnte, auf der andren der Achenbacher, in dessen spöttischem Antiig er bei jeder Begegnung las: Hast Di halt do net traut!" Für was hatte er denn die Last auf sich geladen, all den Haß und eignen Vorwurf, wenn er es nicht that, um an diesem Mann Bergeltung zu üben auf jede Weise. Die Arbeitslast war für seinen ungeübten Kopf, feine des Schreibens völlig un