Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 181.
33]
Mittwoch, den 16. September.
( Nachdrud verboten.)
Die Achenbacher.
Roman von Anton v. Perfall.
( Schluß.)
Urban trat an das geöffnete Fenster und warf einen furzen Blick hinaus. Ein Gewitter war im Anzuge. Das wird das Fieber der Kranken noch erhöhen, dachte er.
Die ersten Tropfen fielen, schwer flappernd wie Hagel,
und der Donner rollte.
Da Burgl noch nicht erwacht, trat er rasch vor die Hausthür.
Schwarzes, schweres Gewölf zog über das Westergehölz her, mit seinen weißlichen, zerrissenen Säumen die Wipfel der Bäume streifend. Das fahle Licht ringsum erlof
immer mehr.
Ein scharfes Wetter! Oben auf den Bergen regnet es wchl schon in Strömen, dem Rauschen des Achenbachs nach, dessen Wellen jetzt schon weiß aufblisztett zwischen den jetzt in bläuliche Nacht gehüllten Fichten und Tannen.
Jetzt ging es los! Er mußte in das Haus zurück flüchten
vor dem Guß, der jezt herabrasselte.
Burgl war erwacht. Sie saß aufrecht, mit beiden Händen an die Lehne des Bettes sich festklammernd, und starrte zum Fenster hinaus, vor welches sich ein weißer, rauschender Schleier gelegt.
Sie streckte ihm hilfesuchend die Arme entgegen.
-
„ Komm do! krig' ja kein' Atem mehr! Net auf ' n Arm wenn f' alle herschaun, die Herrn und Damen. Nur fort! Fort! I hör' n ja scho rausch'n und wenn i nimma' nüber kann. Lorenz, Lorenz! Schlag mi net!" Ihre Fieberphantasien, welche sichtlich das Unwetter draußen erregte, flangen wie eine Mahnung für Urban.
Wenn jetzt der Achenbach fäm', wie damals nach dem Fest, noch ärger vielleicht, und er allein mit dem todkranken Weib!
Währenddem er Burgl gewaltsam im Bett zurückhielt, lauschte er. Der Sturm schien sich gelegt zu haben, auch kein Donner war mehr zu hören, aber ein ganz fremdartiges Saufen und ein dumpfes Grollen, nicht von oben, sondern von unten, als ob der Boden wanke, dabei war fast völlige Nacht eingetreten.
-
Er mußte hinaus, doch Burgl umklammerte ihn mit der Kraft, die nur Fieber und Wahnsinn verleihen. Er hätte ihre Hände mit Gewalt lösen müssen. Da vernahm er einen Laut, der ihn mit Entsetzen erfüllte: das Brechen und Bersten von Holzwerk, das Brüllen sich heranwälzender Wasser. Gewaltsam riß er sich los.
Er fannte nur zu gut die rasende Schnelligkeit, die verHeerende Gewalt der entfesselfen Elemente. Doch unter der Thür rannte er mit einem Manne zusammen, er erfannte ihn an den blikenden Uniformknöpfen- Flori!
"
Wo is die Rest?" fragte dieser atemlos, ohne Urban in der Dunkelheit zu erkennen.
„ Da is Dei' todkranke Muatter und i, der Urban! Sonst niemand," erwiderte Lehner.
„ Und' s Rest hast drüb'n lass'n? Der Achenbach is durch, in fünf Minuten is kein Stein auf dem andern. Zehner! Dein Kind! Dein einzig's Kind!" flehte er.
Doch Urban zögerte noch immer, auf die Kranke blickend, welche jetzt regungslos lag.
Da packte ihn Flori und schleuderte ihn zurück. So bleib, feiger Tropf!"
Im nächsten Augenblick war er schon im Freien. Der Achenbach hatte sich ein neues Bett gegraben, und mitten darin, von seinen mit mächtigen Baumstämmen und Felsblöcken bewehrten dunkelbraunen Wogen umtost, stand zitternd in allen seinen Fugen der Lehnerhof.
Eben noch, als Flori in sein Haus getreten war, in der Ueberzeugung, Resl dort in Sicherheit zu finden, war noch ein Bugang über die hochgelegene Tennenbrücke denkbar gewesen, doch an Stelle derselben klaffte der gesprengte Bogen über dem Wasser.
Von Ofterhofen her nahten Leute mit Windlichtern. Bei
10190
1903
dem Lärm der Elemente war an ein Rufen und Antworten nicht zu denken.
Hinüber mußte er, in fünf Minuten war alles verloren. Das Licht schien wieder zuzunehmen, der dichte Regen nachzulassen, er ließ wenigstens den Blick wenige Schritte vorausdringen.
Flori war jetzt mitten im Tumult der entfesselten Wasser, ein Born packte ihn gegen das tückische Element und verlieh ihm Kraft.
Plößlich tauchte aus dem strömenden Grau etwas fich Bewegendes auf, ein feuchendes, sein Leẞtes einfeßendes Geschöpf. Es hatte sichtlich nicht die Kraft, dem Anprall der Strömung zu widerstehen, und trieb abwärts.
So wenig auch die Formen Menschliches hatten, Flori rief doch den geliebten Namen und es fam Antwort. Also ein Mensch! In diesem Augenblick war die Erscheinung schon wieder verschwunden.
Nach! Vesinnungslos, schwimmend, zwischen Balfen, Brettern, Hausrat aller Art sich durcharbeitend. Wieder tauchte es auf, dicht vor ihm Lenz! fäumte er vielleicht die Rettung Rests. Da rief er ihn an. Ein jäher Schreck packte ihn. Um diesen Elenden ver„ Flori, i hab's!
hab's!"
antwortete dieser
triumphierend. Nur schnell! Schnell! I kan nimma-"
Lenz hatte glücklich eine Stelle erreicht, wo gestemmte Trümmer eine förmliche Insel bildeten, welche, sich an das Geröll des neu gebildeten Üfers lehnend, vor Verschwemmung gesichert war. Hier brach er entfräftet mit seiner Last zujammen.
Doch ehe Flori dahin gelangen konnte, tauchte dicht neben Lenz Urban auf, welcher, nachdem ihn die Scham aus dem völlig ungefährdeten Hof getrieben, vorsichtiger als der stürmische Flori in dem alten Bett des Baches dem Ort der Berstörung gefahrlos sich genähert.
Flori konnte nur erkennen, wie er die Arme ausstreckte nach seinem, wie es schien, ohnmächtig in den Armen des Lenz liegenden Kinde.
Da geschah vor seinen Augen etwas Ungeheuerliches. Urban stieß einen wilden Fluch aus, die beiden Männer- umfaßten fich, rangen mit einander, zerrten sich gegen die reißende Strömung, und zwischen den Trümmern hing Rest, seinen Namen rufend. Als er sie glücklich erreichte, nach ihr faßte, wies sie vor sich hin, wo in der reißenden Strömung Baumstämme, Wurzelwerk und Balken und Stämme drohend wirbelten, während unter den Wassern mit dumpfem Grollen Felsen sich wälzten; mitten drin kämpften die Brüder einen wahnsinnigen, lautlosen Stampf. Die Ueberraschung, das Unbegreifliche des Anblickes lähmte Flori, abgesehen davon, daß jede Hilfe nutzlos war.
-
Ein alles Getöse der Elemente übertönendes, dumpfes Krachen, Splittern, Rollen erfüllte die Luft der Lehnerhof war dem Achenbach gewichen! Und gleich darauf schoß es verwirrend vorbei, hinab in den Schlund, Balfen, Sparren, ganze Gerüste, in Todesqualen brüllendes Vieh.
Ein gelles, wahnsinniges Lachen, ein unartikulierter Schrei.
Als ob die Elemente ihr Ziel erreicht, ihre Wut gesättigt hätten, trat verhältnismäßig Ruhe ein. Die Wasser, de Widerstandes ledig, flossen glatt, fast lautlos dahin, als ob ihr Recht an diesen Platz ein uraltes, nicht ein in wenigen Minuten angemaßtes wäre.
Erst die Zurufe vom Ufer, die schwankenden Richter ermahnten Flori, daß es Zeit sei, an die eigne Rettung zu denken.
Resl überließ sich ihm willenlos. Es galt nur noch einen schmalen Seitenfluß zu durchwaten, und das Ufer war glück. lich erreicht, kaum einen Büchsenschuß vom Achenbacherhof.
Die ganze Einwohnerschaft war dort versammelt, teils hilfsbereit, teils selbst auf der Flucht vor dem entfesselten Elemente.
Doch niemand achtete der Nahenden, alles drängte sich um eine Gestalt, welche, vom Schein der Fackeln und Windlichter grell beleuchtet, vor dem Hause stehend, mit den Bewegungen eines Wahnsinnigen das Tosen des Wassers über. schrie um den alten Achenbacher.
-
Halb nackt, das lange, weiße Haar verwirrt, pflog e