Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 216.
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Kleinbürger.
Mittwoch, den 4. November.
( Nachdruck verboten.)
Roman von Elisabeth Kuylenstjerna. Dora lachte.
,, Warum lachen Sie, gnädiges Fräulein?" ,, Ja, ich mußte daran denken, daß, obgleich es fast drei Jahre sind, seit ich mit der Schule fertig bin, sich keine meiner Mitschülerinnen um mich gefümmert hat, che nicht Ebba Gadde es that. Es ist drollig, daß sie sich jetzt plöglich alle meiner erinnern. Ich glaube fast, daß es Bruder Günthers wegen geschieht. Olga Stjernvall ist ebenfalls eine Schulkameradin von mir gewesen, und sie fennt auch Günther ein wenig, so daß sie ihn einladen konnte."
Aber er sieht gar nicht aus, als wenn er viel um Gesellschaften gäbe."
Nein, er hat schon viel mitgemacht, und Herren werden gewiß sehr schnell blasiert."
Kurt verzog leise den Mund bei ihrer offenbaren Anstrengung, eine„ Ballunterhaltung" zu führen, wie sie sie rings umher von den kleinen niedlichen Familiengänsen mit den tadellos weißen Federn hörte.
Jetzt fam ein Herr, sie zum Tanze zu holen. Es schien, als hätte sie sehnsüchtig hierauf gewartet, denn sofort erhob sie sich, Kurt dagegen blieb ruhig an seinem Plate, bis sie zurückkam und nahm das unterbrochene Gespräch wieder auf: ,, So, Sie meinen, daß die Herren leicht blasiert werden. Worauf stützen Sie diese Ansicht?"
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Ich weiß nicht. Das... das wird ja behauptet." Denken Sie niemals selbst über solche Sachen nach?" ,, Doch, zuweilen, aber sehen Sie doch! Diese mächtigen Würfel! Was für eine Tour soll denn das jetzt werden?" Sie beugte sich einen Augenblick näher zu ihm heran, um besser sehen zu können, wie der Entrepreneur zwei Würfel aus Pappe auf den Boden rollen ließ, um durch gerade oder ungerade eine Tanztour zu entscheiden.
Günther hatte Aïna aufgefordert, doch diese verneinend mit dem Kopfe geschüttelt.
,, Nein, danke, Herr Lejer, Cotillon habe ich nicht mehr getanzt seit der Zeit, da ich noch sehr jung war und sehr dumm, so dumm, daß ich glaubte, die Bälle würden ein Vergnügen für mich sein. Jetzt habe ich es ganz aufgegeben, einen Platz im Tanzsaal zu beanspruchen, da muß man anders aussehen wie ich."
Günther schaute ein wenig verlegen drein. Er wußte, daß hier die Aufforderung zu einem Stompliment liegen konnte, doch Aina fuhr unmittelbar darauf fort:
Wollen Sie mir aber Gesellschaft leisten, bin ich Ihnen dankbar; vorausgesetzt, daß es fein Opfer ist." ,, Nein, im Gegenteil."
" So weit brauchen Sie nicht in der Höflichkeit zu gehen, Herr Lejer."
,, Es war meine volle Ueberzeugung. Ich tanze, weil es so sein muß, am liebsten verzichte ich aber."
" Nun, dann stimmen wir ja überein. Wir wollen uns indessen so setzen, daß wir die Aussicht auf den Saal haben, es ist so hübsch, alle diese hellen Farben und frohen Gesichter vor Augen zu haben. Ein wohlgelungener Cotillon ist unstreitig der Glanzpunkt eines Ballabends, da ist der Frohsinn völlig auf der Höhe."
" Ich glaube, es würde mir mehr Vergnügen machen, in einer Dreschtenne, wo sich die Bauern herumschwenken, zu zusehen," sagte Ginther.
„ Warum das?"
„ Es ist alles echter bei ihnen." ,, Und einfacher.
Herr Lejer?"
Sind Sie volfsfreundlich gesonnen,
1903
„ Ja, ich bitte um Verzeihung, wenn diese Ansicht Anstoß erregen sollte, aber sie ist meine volle Ueberzeugung, gnädiges Fräulein. Es ist vielleicht, weil ich die Sache vom medizinischen Standpunkt ansehe. Freilich kann man mir da vorhalten, daß ich noch nicht weit in meiner Carriere vorgeschritten bin, doch wenn man wie ich jede freie Stunde zum Studieren benutzt hat, so kann man auch in wenigen Jahren schon viel gelernt haben."
Sie sah mit einem Blick zu ihm hinüber, der durch die langen, weichen Wimpern verschleiert wurde, und sie fühlte etwas wie Ehrfurcht vor diesem knabenhaft reinen, aber männlich denkenden Jüngling, der ohne Abwege seinem Ziele zustrebte. Es lag solche starke, hinreißende Straft in seinen einfachen Worten, daß sie trotz ihrer skeptischen Auffassung allen idealen Strebens Vertrauen in fein Stönnen setzte.-
Einige Wochen später schlug Ebba vor, daß Dora in einem Stück, das sie für wohlthätige Zwecke aufführen wollten. mitwirken sollte; es sollte zugleich ein pièce de résistance werden, wenn der Frühling vorgerückt und alle andren Vergnügungen zu Ende waren.
Dora erklärte sich natürlich sofort einverstanden; sie fühlte sich schon ganz schwindelig im Kopfe von den wenigen Vergnügungen, die sie mitgemacht hatte, und sehnte sich nach neuen. Auf dem Ball bei Olga Stjernvall hatte sie Sturt Stenhjelm wiedergesehen, und jetzt erzählte Ebba, daß er in dem kleinen franzöfifchen Lustspiel mitwirken würde. Er hatte sich eifrig um die Liebhaberrolle bemüht, Ebba sollte eine kleine niedliche Frau sein, Karl ihr Mann und Dora deren unverheiratete Schwester.
Im Stüd bekommst Du den Baron," erklärte Ebba lächelnd.
„ Danfe bestens," sagte Dora lachend, in Wirklichkeit möchte ich ihn auch gar nicht haben." Armer Baron Kurt!" Ebba seufzte tragisch. „ Warum das?"
„ Mein liebes Kind, begreifst Du denn nicht, daß der arme junge Mann sich in Dich verliebt hat oder wenigstens auf dem besten Wege dazu ist."
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,, Bewahre," sagte Dora errötend, das wäre zu dumm, fuhr sie fort, zwei arme Teufel, das paßt schlecht zusammen. ,, Naum ist in der kleinsten Hütte," scherzte Ebba. Dora faßte die Sache ernsthafter auf, wenn sie auch nicht gerade an Ebbas Worte glaubte. Aber der Gedanke, daß jemand sie nur um ihrer selbst willen lieben könnte, denn daß sie arm war, wußte er ja, verkürzte ihr oft die langen Arbeitsstunden. Er verlieh ihrem an Abwechslung so armen Dasein einen romantischen Schimmer, und sie phantasierte fleine verschrobene, sentimentale Geschichten zusammen, wie er im geheimen um sie litte und sie zu vergessen suchte und es doch nicht konnte. Es war eine überaus platonische und forrefte Stellung, die sie ihrem unglücklichen Helden gab, doch so weit reichte ihr Mitleid nicht, daß sie etwas für ihn hätte opfern können. Sie träumte davon, aus angemessener Entfernung fein kleiner Sonnenstrahl zu bleiben.
Die Proben zu dem Theaterstück nahmen ihren Anfang und gingen mit großem Eifer vor sich. Als Dora das erste Mal ihren Liebhaber mit einer Umarmung beglücken sollte, stieß sie einen kleinen mädchenhaften Schrei aus und sträubte sich, bald jedoch machte sie ihre Sache ganz der Situation entsprechend.
Günther kam stets, sie abzuholen, wofern er sich nicht Zeit dazu gelassen hatte, der Probe von Anfang an beizuwohnen. Es wurde nämlich immer bei Gaddes geprobt und beide, sowohl Herr wie Frau Gadde, hatten ihn freundlich aufgefordert, seiner Schwester Gesellschaft zu leisten, auch Aïna vereinigte sich mit ihren Bitten.
Sie thun mir einen Gefallen damit, Herr Lejer," sagte sie herzlich, ich fühle mich weniger außerhalb des frohen Jugendkreises, wenn ich einen nicht Mitspielenden zum Blaudern habe." Sie hätte ja einen oder den andren jungen Künstler ihrer „ Und Sie sind der Ansicht, daß die kräftig derbe Er- Bekanntschaft einladen können, doch nach der Unterredung mit fcheinung eines Bayernmädchens ansprechender ist als die Günther neulich war ihr ein Licht aufgegangen, wie wenig unsrer Balldamen?" gediegen diese jungen Stunstjünger waren, sie fand plöglich,
,, Nein, nicht besonders. Ich halte nur auf alles, was natürlich und gesund ist."