Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 238.
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Sonntag, den 6. Dezember.
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( Nachdrud verboten.)
Das Verbrechen des Arztes.
Roman von J. H. Rosny. Autorisierte Uebertragung von M see yayir gutte Guy sich eine ganze Reihe von Ausreden zurechtgelegt, die seinen Besuch bei Herrn Dufrêne rechtfertigen sollten, aber diese Ausreden erschienen ihm albern, als er vor Nr. 30 stand.
Es war ein verfallenes, zweistödiges Haus, mit engen Fenstern, einer roten, beschlagenen und vernagelten Thür, wo neues Eisenwert sich mit Resten alter Beschläge vermischte. Es mochte in vergangenen Zeiten gar kein bestimmtes Gepräge getragen haben, aber welchem Gebäude würde nicht schon das Alter an sich einen gewissen Reiz verleihen?
Bei aufmerksamem Hinsehen bemerkte Guy einen Bettel, auf dem geschrieben stand:" Wohnung zu vermieten."
Jetzt bedurfte es feines Vorwandes mehr, wenigstens um ins Haus zu gelangen. Aber bewohnte Dufrêne das Erdgeschoß? War er es, der die Wohnung vermietete oder sie zum mindesten den Suchenden zeigte?
Herbeline überschritt die Straße und zog an einer altmodischen Glocke, die gar nicht zu läuten aufhören wollte. Darauf erschien ein kleines, schmutziges Frauchen mit einem Kaninchengesicht, deren graue Haare rötlich untermischt waren. Ich komme wegen der Wohnung," sagte Herbeline. Sie sah ihn ganz verblüfft an.. Wegen der Wohnung?" rief sie aus. Möchten Sie die vielleicht mieten, mein guter Herr?"
,, Nein," entgegnete er lächelnd, Ich möchte sie nur ansehen, nicht für mich, für eine alte Dame, die gern von Paris weg möchte."
,, Na so, das ist etwas andres! Das hab' ich mir gleich gedacht. Also für eine alte Dame. Der Herr ist nicht aus dieser Gegend?"
Guy freute sich der Geschwätigkeit der Alten. Nein," sagte er, ich bin aus Paris . Ich habe im Vorübergehen den Zettel gesehen und bin hereingefommen. Glauben Sie, daß die Wohnung für eine alte Dame passen würde?"
„ Na und ob! Ausgezeichnet! Und außerdem, Herr Dufrêne möchte gerade so etwas Ruhiges. Er hat die großen Familien nicht gern, hat nicht gern was Lustiges!"
Bei dem Namen Dufrêne war Herbeline leise erbebt. Heißt der Eigentümer Herr Dufrêne?"
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Ach, der arme Mann! Er wäre es gern, aber er ist nur der Mieter, und außerdem hat er einen Vertrag, sonst möchte er nicht das ganze Haus für sich selber behalten, jetzt, wo er die Mittel dafür nicht mehr hat. Er ist zu Gründe gegangen, so daß er sein eignes Geschäft aufgeben mußte und jetzt für die andren arbeiten muß. Er macht Feuerversicherungen und ist Weinagent."
„ Und geht es ihm nicht gut?" Manchmal geht's und manchmal geht's auch wieder nicht. Grad' jetzt wird ihm das Leben ein bißchen schwer."
Immer darauf los schwaßend, hatte das kleine Frauchen Guy in den ersten Stod geleitet. Sie zeigte ihm eine Wohnung bon zwei Zimmern mit einer ziemlich großen dunklen Küche. Trotz ihres melancholischen Aussehens und ihrer geschwärzten Deden waren die Zimmer nicht unbehaglich.
Der junge Mann that, als besichtigte er alles sehr eingehend und sagte:
Es scheint mir, daß das ganz gut passen würde. Was soll die Wohnung fosten?"
" Dreihundert Frank," lautete die Antwort. " Dreihundert Frank," wiederholte Herbeline nachdenklich, ,, das wäre ungefähr die Preislage. Glauben Sie nicht, daß etwas hergerichtet werden würde, wenn man für ein Jahr mietet?" doc
Hergerichtet?" gab die kleine Frau zurück und zupfte an ihrer Jacke. Um etwas Herzurichten, muß man Geld haben."
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1903
,, Der Mieter könnte vielleicht die Arbeiten auf seine eignen Kosten machen lassen und könnte es sich an der Miete abziehen?" Das ist ja aber auch so schon sehr billig. Dreihundert Frant. Aber ich bitte, ich weiß gar nichts, ich bin nur die mian müßte mit Herrn Dufrêne sprechen. Aber da fällt mir etwas ein. Ich werd' das kleine Fräulein fragen, die weiß was ihr Vater will. Ich will Ihnen den Weg zeigen, mein Herr!
Soll ich sie zu sehen vermen
Buyer
Er bedauerte, nach Mantes gekommen zu sein, und hatte beinahe Lust, zu fliehen. Doch blieb ihm keine Beit zu längerer Ueberlegung; die Frau führte ihn in einen fleinen Salon, der zwar etwas schäbig, aber ganz reinlich war und hie und da Spuren, wenn auch nicht von Rurus, so doch von Behäbigfeit auswies.
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Mamzelle Marguerite!" rief die Aufwärterin.
Er brauchte nicht lange zu warten, doch drängten sich die Gedanken so sehr im Kopf des jungen Mannes, daß es ihm lange vortam, und er feinen Maßstab dafür hatte, wie lange
es dauerte.
Eine Thür wurde von außen geöffnet und es erschien ein ganz junges Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren, sehr zart und aufgeschossen. Sie war hübsch und schien zu denen zu gehören, die mit der Entwicklung immer hübscher werden. Sie hatte auch nicht einen Zug von dem Bilde, das er sich von ihr gemacht. Mit ihren dichten, nachtschwarzen Haaren, ihrem blassen Gesicht, von jener Blässe, die den Sicilianerinnen eigen ist, den Lippen, die so rot waren wie die Blüte des Geraniums, den tiefblauen Augen, die ihm in der Dämmerung fast violett erschienen, dem feinen, reinen Oval der Wangen , war sie voll geheimer Straft, voll verhaltener Energie, und man fonnte es vorhersagen, daß sie das Leben ernst nehmen, glühend und leidenschaftlich sein würde, eine schöne Menschenblüte, ebensowohl für ein großes Glück wie für ein tragisches Geschick geschaffen.
Die also ist es, die ich beraubt habe," sagte sich Herbeline. Wenn er sie häßlich und dürftig gefunden hätte, dann hätte er gewiß dasselbe Bedauern empfunden, wie in diesem Augenblick, aber er hätte vielleicht nicht das Gefühl gehabt, ein solcher„ Bandit" zu sein, als welcher er sich in Gegenwart Dieses schönen Geschöpfes vorkam. Abgesehen von aller Sinnlichkeit und Zärtlichkeit hatte er einen sehr hohen Begriff von der weiblichen Schönheit. Er war wie Renan der Ansicht, daß sie für das weibliche Geschlecht genau dasselbe bedeute, wie das Genie oder die Kraft für den Mann. Hat nicht seit dem Uranfang der Civilisation die Schönheit der Frauen die Energie der Männer in Schach gehalten? Also, was er für das Recht seiner geistigen Bedeutung hielt und was nach seiner Meinung in der Hauptsache seinen Diebstahl entschuldigte, das zu fordern hatte dieses kleine Mädchen kraft ihres Liebreizes das Recht. Dieser Diebstahl wurde dadurch zu einem gemeineren, brutaleren, seltsam feigen Verbrechen.
Das ist sie," sagte die kleine Frau.„ Der Herr möchte gern wissen, ob die Wohnung billiger werden würde, wenn der Mieter sie sich selbst herrichten läßt."
Da das Kind nicht zu verstehen schien und die erstaunten Augen auf Herbeline richtete, hielt dieser es für geraten, fie aufzuklären.
Mein Fräulein," sagte er, es ist möglich, daß eine alte Freundin von mir, die nicht sehr vermögend ist, Ihre Wohnung mietet. Sie wünscht Paris zu verlassen und sich in einer fleinen Stadt ansässig zu machen. Ich bin sicher, daß ihr Mantes sehr gut gefallen würde. Da wollte ich nun gern wiffen, ob Herr Dufrêne geneigt sein würde, einige kleine Reparaturen machen zu lassen; nicht sehr viel, es handelt sich vielleicht um dreißig Frank oder ob die Wohnung eine Kleinigkeit billiger sein würde, wenn die Mieterin die Sachen auf ihre Kosten machen ließe?"
Er dehnte die Erklärung geflisfentlich etwas länger aus, während er seine Blicke mit immer steigendem Interesse auf das junge Mädchen richtete. Sie war verwirrt, aufgeregt und ganz rot bei den Blicken dieses Unbekannten, der ihr eine Art von Furcht einflößte, und dabei ganz reizend mit ihren dunklen, flammenden Augen, in denen ein feuchter Schimmer leuchtete. „ Ich weiß es wirklich nicht," stammelte sie. Ich glaube