Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 85.
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Freitag, den 29. April.
( Nachdrud verboten.)
Efther Waters.
Roman von George Moore . William warf gleich seinen Rock ab.
" Ich bin todmüde," sagte er, und wenn ich denke, wieviel ich nächste Woche verlieren kann," er beendete seinen Satz nicht.
Esther aber sagte:„ Du hast sehr hohe Wetten für den Derby angenommen; nicht wahr? Wenn nun aber doch ein Outsider gewinnt?"
„ Ja, das muß man eben abwarten."
Sie waren beide sehr müde, wechselten noch ein paar Worte miteinander, fleideten sich aus und legten sich nieder. Esther hatte kaum den Kopf aufs Kissen gelegt, so schloß sie auch schon die Augen.
Nach einer Weile sagte William:„ Es ist doch komisch, daß Du, die Du schon so viel davon gehört hast, noch nie ein Rennen gesehen hast."
Esther sagte nichts. Sie war schon im Einschlafen begriffen, und Williams Stimme drang wie aus weiter Ferne an ihr Ohr. Plöglich versetzte er ihr einen leichten Stoß.
Du, hör' mal, Kleine," sagte er, nun weiß ich jemand für Dich; zur Begleitung lade doch unsre frühere Freundin Sarah Tucker ein, mit uns zu gehen. Ich habe von John gehört, daß sie im Augenblick keine Stelle habe; da kann sie ja gehen; die würde sich darüber freuen." ich würde mich auch freuen, Sarah wieder
„, ja zusehen.'
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„ Du schläfst ja schon."
,, Nein, durchaus nicht. Ich habe genau gehört, was Du gesagt hast. Du willst, daß wir Sarah einladen sollen, mit uns zum Derby zu fahren."
William bedauerte sehr, daß er nicht ein hübsches Wägelchen besaß, worin er die beiden Damen zum Derby hätte fahren können.
,, Wcan könnte freilich eins mieten, aber das würde unsinnig viel Geld kosten. Auch wäre es möglich, daß er dann zu spät ankäme; denn die Wege sind eben nicht mehr so gut wie früher, und die meisten Leute fahren heutzutage in der Eisenbahn hin."
Während sie noch berieten, von wem sie Sarahs Adresse erfahren konnten, schliefen sie beide ein.
*
Drei oder vier Tage vergingen. Dann eines Morgens sprang William rasch aus dem Bett und sagte:
Ich glaube, es wird ein schöner Tag, Esther." Er nahm seine besten Kleider aus dem Schrank und suchte
sich auch eine schöne, seidene Krawatte hervor.
Esther hatte einen festen Schlaf; sie lag auf ihrem Platz dicht an der Wand und schlief noch.
William beachtete sie nicht weiter, sondern kleidete sich an, dann rief er:
" Na, nun steh' aber auf, Esther; Teddy wird gleich hier sein, um meine Sachen einzupacken."
Ist es schon Zeit, aufzustehen?" Ich sollt' es meinen!"
Sie hatte zum Derbyrennen ein neues Kleid bekommen. Man hatte es im Tottenham Court Road bestellt, und gestern abend war es ins Haus geschickt worden. Ein wirkliches Sommerkleid; ein hübsches lila Muster auf weißem Grunde; um Hals und Aermel mit weißen Spigen verziert; auch einen weißen, mit Flieder besetzten Hut hatte sie dazu, desgleichen einen hübschen, zur Toilette passenden Sonnenschirm. Jezt flopfte es an die Thür.
" Ja, ja, Teddy, gleich; meine Frau ist noch nicht ganz fertig. So spute Dich doch ein bißchen, Esther."
Esther trat mit den Füßen in ihren Rod hinein, um ihr Haar nicht wieder in Unordnung zu bringen, und sie war noch dabei beschäftigt, die Taille zuzuknöpfen, als der kleine Mr. Blamy schon eintrat.
" Thut mir leid, Sie zu belästigen, Madame, aber wir haben keine Zeit zu versäumen, wenn der Herr nicht seinen Plaz auf dem Hügel verlieren will."
Nur schnell, Teddy, schnell, nimm die Sachen raus, halt Dich nicht mit unnüßem Schwaben auf."
1904
Der kleine Mann öffnete den Handkoffer und legte ihn auf den Boden. Dann nahm er einen farierten Anzug aus dem Schrank, an dem jedes schwarze und weiße Carreau so groß war wie ein halber Schilling.
,, Wollen Sie die grüne Krawatte dazu umbinden?" William nickte.
wallender, hellgrüner Seide. Die grüne Krawatte war einen Meter lang und von
" Ich habe Ihnen auch ein Bündel gelbe Blumen mitgebracht; wollen Sie sie jetzt anstecken oder soll ich sie in den Koffer legen?" William warf einen Blick auf die Blumen.
" Ihre Farbe ist ein bißchen schreiend," sagte er, thun Sie sie lieber in den Koffer hinein. Ich werd' sie erst auf dem Rennplage anstecken."
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Die Karte, die er nachher in seinen weißen Hut stecken sollte die Worte„ William Latch, London " standen in Goldbuchstaben auf grünem Grunde darauf wurde ganz obenauf gelegt. Die Stiefel mit den drei Zoll hohen Sohlen und Abfäten wurden in die Kiste gelegt, auf welcher William zu stehen pflegte, während er der Menge seine Preise zuſchrie. Dann kamen noch die zwei Stangen, welche das weiße Banner trugen, auf dem in goldenen Buchstaben stand:
,, William Latch, Kings Head", London . Neelle Preise, prompte Bezahlung."
Senne golden durch die Wolken hervor. Die Straßen waren voll von jungen Männern: hie und da aber sah man auch das blaue oder weiße Kleid eines jungen Mädchens hindurchschimmern.
Der Himmiel war bedeckt; hie und da aber brach die
Sie waren in einer Droschke zum Bahnhof gefahren. Dort wurden sie schon vom alten John erwartet. Sarah aber William sagte ungeduldig:
war noch nicht da.
,, Wir müssen eben ohne sie fahren; ich darf um keinen Preis zu spät kommen."
Esthers Gesicht umwölfte sich ein wenig.
Wir können nicht ohne sie fahren," sagte sie ,,, sei doch nicht so ungeduldig!"
In diesem Augenblick kam eine weibliche Person in weißem Kleide rasch den Perron herabgelaufen, und Esther sagte: Ich glaube, dort kommt sie."
Da die Frauen Angst hatten, ihr Haar und ihre Hüte in Unordnung zu bringen, gaben sie sich nur einen ganz kleinen, leichten Kuß, und William ermahnte sie, rasch einzusteigen.
" Ihr habt' ne ganze Stunde in Zuge Zeit, Eure Kleider gegenseitig zu besehen und miteinander zu schwatzen," sagte Steigt nur ein," und er schob sie in ein Coupé dritter
er.
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lasse hinein. Die Frauen fetzten sich an die Fenster. Sie hatten einander so lange nicht gesehen und hatten einander so viel zu sagen, daß sie zuerst gar nicht wußten, wo anfangen. Sarah sprach zuerst.
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Wie gut von Ihnen, an mich zu denken. Also nun sind Sie wirklich verheiratet und noch dazu mit ihn," fügte sie leifer hinzu. Esther lachte.
" Ja, es ist wahrhaftig feltiam; nicht wahr?"
"
,, Sie müssen mir aber die ganze Geschichte erzählen," fagte Sarah.
,, Wie komisch, daß wir uns noch nie zuvor begegnet sind!" " Ich habe nur einmal von Ihnen gehört; das war durch Margarete Gale."
Der Zug rollte aus der dunklen Bahnstation hinaus in das jetzt blendend gewordene Sonnenlicht. Die Sonnenstrahlen brannten durch die Fensterscheiben auf die Gesichter und Hände herab. Die Eisenbahnlinie lag hoch; sie fuhren an den oberen Etagen der Häuser vorbei, fast in gleicher Höhe mit den Schornsteinen; dürre Pläge flogen vorüber, die mit altem Eisen, altem Holz, alten Stücken Eisenbahnschienen und so weiter angefüllt waren. Hoch in der Luft angebrachte, malerisch aus. sehende Geschäftsannoncen sausten vorbei, mächtige Gasometer, die, hoch und schwarz in die Luft emporragend, fast wie eiserne Stäfige ausfahen. Und weit dahinter sahen sie die Hausdächer des großen London , auf denen noch der graue Frühnchel lagerte, und dazwischen hie und da das zerfranste Grün einer Baumgruppe in einem entfernten Park. Unten, durch einen