Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 124.
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Sonntag, den 26. Juni.
( Nachdrud verboten.)
Im Vaterbause.
Socialer Roman von Minna Kautsky . Dem jungen Mädchen schoß das Blut ins Gesicht unter den beschämenden Gedanken, die in ihr aufstiegen.
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" Dann soll man ihm den Vorwand nicht nehmen," erklärte sie. Wenn er uns draußen haben will, dann soll er's sagen, es giebt genug Wohnungen, bessere als diese, wir werden gehen, lieber heute als morgen." Das klang sehr energisch, Gusti hatte noch nie so gesprochen, aber hinter dem sich aufbäumenden Stolz lag das Weh. Der Mutter that sie leid. Das arme Kind dachte noch immer an ihren Emil und sie litt unter der Unficherheit dieses Verhältnisses. Wenn der Emil ein Mann wäre, würde er anders handeln. Da schickt er ihr seine Photographien, schreibt einige nichtssagende Zeilen dazu und hält sie so hin vielleicht macht es ihm Spaß- und wir, die Eltern, sehen geduldig dem zu. Ist diese Passivität, zu der uns Stolz und Zartsinn verurteilen, das Richtige? Emil ist kein Mensch des selbständigen Handelns, er wird thun, was ihm sein Vater befiehlter wird sich's niemals mit ihm verderben wollen folglich Gusti hat recht, wenn er uns draußen haben will, dann soll er es sagen, wir müssen es wissen, aber vielleicht- Elise hatte, während sie das in Gedanken erwog, an ihrem Hutband herumgeknüpft, jetzt zog sie den Mantel fester um ihre Schultern, sie schien zu einem Entschluß gekommen zu sein. " Ich will Herrn Schönbrunner ersuchen, einige Tage zu warten. Wir fennen uns lange genug, er wird es wohl nicht verweigern. Ich hoffe es jedenfalls will ich mit ihm reden, ehe ich zur Wucherin gehe" Sie winkte den Kindern ermunternd zu und von ihnen bis zur Thür geleitet, verließ sie die Wohnung, um ihren Hauswirt aufzusuchen.
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Eine steile Treppe, deren Stufen schmutzig, ausgetreten und bucklich waren, führten in das Souterrain, in die Arbeitsräume Schönbrunners.
Sie befanden sich in jenem primitiven Zustand, der den handwerksmäßigen Betrieb zu begleiten pflegt, es fehlte an Licht und Luft, an jeder Fürsorge und Reinlichkeit.
Die kleinen vergitterten Fensterchen unter der Deckenwölbung waren erblindet und mit Spinngeweben verhängt, der Schnee, den der Wind hier angeweht, verdeckte sie völlig; aber aus jener Ecke, in welcher der Ofen stand, leuchtete rote Glut, die an den schwarzen, verrauchten Wänden in feurigen Flecken aufsprang und wieder verschwand, je nachdem die Flamme angefacht wurde oder in sich zusammenfiel.
Ein halbwüchsiger Bursche mit bloßen Füßen trat den Blasbalg, ein zweiter hielt mit der Zange das Eisen ins Feuer, während Meister Schönbrunner vor dem Ambos ein rotglühendes Stück mit dem Hammer bearbeitete.
Sein derbes Gesicht und die muskulösen Arme, von denen die Aermel weit über den Ellbogen hinaufgeschoben, waren von dem Feuer beleuchtet, und seine Augen, unter denen sich der Ruß angesetzt hatte, glänzten in Feuerrefleren.
Das monotone Fauchen des Blasbalges, das Prasseln des Feuers und die im Taft fallenden Hammerschläge, ding dang ding, dang dangerfüllten den Raum, und dazwischen tönte das gleichmäßige Surren der Bohrmaschine, die in einem fleinen Gelaß nebenan aufgestellt war und von zwei Lehrbuben bedient wurde.
Es war ein Handmotor, der mit Händen und Füßen getrieben wurde, eine schwere, ermüdende Arbeit, die zwei Arbeitsfräfte ununterbrochen in Anspruch nahm.
Schönbrunner hob den Kopf, horchte einen Augenblick darauf und arbeitete wieder weiter. Er war am Nachmittag noch einmal herabgekommen, ehe er sich zur Sigung ins Rathaus verfügte.
Diese Sigungen waren jezt gleichsam in Permanenz erklärt und nahmen unmäßig viel Zeit in Anspruch. Aber es handelte sich um Wohl und Wehe der Stadt Wien , wie Schönbrunner behauptete, und da durfte er nicht fehlen.
Wir werden es diesen Juden schon zeigen dachte er " dachte er
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grimmig, und hieb mit dem Hammer auf das Eisen, daß die Funken nach allen Seiten flogen.
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,, Und nicht allein die Juden müssen unschädlich gemacht und vernichtet werden, mit ihnen zugleich diese roten Hunde, diese Judensoci" ding ding dang dang Rascher schlug er jetzt auf das Eisen, in kurzen, kräftigen Schlägen, während er es nach allen Seiten drehte, um es, nachdem es schmiegsam geworden, nach seinem Willen zu formen.
Es war geschehen und er warf es beiseite. Ein andres, rotglühendes Stück ward dem Meister auf den Ambos gelegt. Er vollführte einige Schläge.
,, Rindvieh, zu wenig heiß," brüllte er den Lehrbuben an, und warf das Eisen in die Glut zurück.
Wirst Du nie die Temperatur lernen, die man zum Schmieden braucht-"
Er befahl dem Jungen, Coaks zuzulegen und hielt selbst das Eisen ins Feuer.
Dann begann er wieder zu hämmern.
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Und mit jedem Schlag, den er führte, hämmerte und boffelte er an den Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen. Das Handwerk war ihm verleidet. Entweder den Betrieb verkaufen oder vergrößern eines von beiden- so kann es nicht fortgehen. Da wartet man auf eine größere Arbeit und wenn sie kommt, kann man sie nicht übernehmen- muß die Hälfte anderweitig vergeben, gerade die, bei der was zu verdienen wär' wofür plagt man sich also?-Ich pfeif' auf das Kleingewerbe. Er widmete ihm noch derbere Ausdrücke der Verachtung. Für die Hebung desselben, für die Rettung des fleinen Mannes, für die er dereinst geschwärmt, die noch immer das Programm seiner Partei bildete das einzige, das sie hatten besaß er nur mehr ein skeptisches Lächeln.
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Von der Höhe aus sieht man die Dinge eben anders als wenn man am Boden kriecht.
Jedenfalls war es flüger, wenn man es thun konnte, sich selbst zu retten, als sich retten zu lassen, Gott weiß wann.
Das Surren daneben hatte aufgehört und das bewirkte auch eine Unterbrechung seiner Gedanken.
" Jezt sind sie schon wieder erschöpft und können nicht weiter, diese Aaskerle."
Er übergab das Eisen dem Gehilfen und ging in den Bretterverschlag, um nachzusehen.
Richtig, da lagen beide Lehrbuben auf dem Steinboden und streckten Arme und Beine von sich, als wären sie schon frepiert.
Sie rührten sich auch nicht als der Meister herantrat; ihre Muskeln versagten den Dienst, nur ihre Augen wandten sich mit einem flehenden Ausdruck ihm zu.
Schönbrunners Zorn wich einer dumpfen Resignation. ,, Was nüßt es, wenn ich sie beutle, sie sind lahm, sie fönnen nicht weiter. Ein Dreck, diese Handmotoren," er stieß mit dem Fuße danach, wobei die Buben auch etwas abkriegten.
,, Einen Gasmotor müßte ich haben," kalkulierte er weiter. Was einen, zwei und einen dritten für den Ofen. Sie find nicht so teuer, und man könnte Arbeitskräfte ersparen. Aber wo stell' ich sie auf?"
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Er kehrte nicht zum Feuer zurück; er betrat die Kellerabteilung, die nach der Straße zu ging und besseres Licht hatte. Hier waren zwei Gehilfen mit Feilen und Polierarbeit beschäftigt. Er warf keinen Blick darauf, er durchmaß den Raum, prüfte die Stärke des Gewölbes und Mauerwerkes und schüttelte den Kopf.
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,, Viel zu schwach." Nach der Nachbarseite hatte sein Haus nicht einmal eine Feuermauer. Da war es nur so daran gebaut. Ja, die Bauordnung damals und heute hundert und eins heute würde ihm da ein Gasmotor gar nicht bewilligt, da müßte er vorher alles umbauen. Da bau' ich aber schon gleich ein neues Haus auf mein' Eckplatz hin, ein vierstöckiges aber dann leg' ich mir keine Werkstatt hinein. Hahaha, damit ich mir die schönen Parteien bertreib, fällt mir nicht ein.... Ich bau's sehr elegant- wenn sie den Park da anlegen und das muß die Kommune thun wozu wär' denn unsereiner dabei dann werd' ich mir eine große Parkfront machen, da kann ich Wohnpreise erzielen wie in der Stadt." erzielen wie in der Stadt." Er steckte die Hände in die Tasche
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