Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 150. Dienstag, den 2. August. 1904 (Nachdruck verboten.) 45] Im Vaterbaufc. Socialer Roman von Minna Kautsky . Es war zu Ende, die Totengräber traten in Aktion. Der Sarg wurde auf Seilen langsam herabgelassen. Die Frauen begannen laut zu schluchzen. Die ersten Schollen fielen polternd darauf. Gusti hatte sich in dem entsetzlichen Augenblick an die Brust ihres Vaters geworfen, aber der arme Mann hielt sich selbst nur mühsam aufrecht. Fritz trat zu ihnen. Luise war am Rande der Grube niedergesunken es war als wolle sie sich hineinstürzen. Tini zog sie empor.nahm sie in ihre Arme, sprach leise gute, tröstende Worte. Man führte den Witwer und die Kinder hinweg. Im Hof stand Tinis Unnummerierter. Steigt zu mir in den Wagen, ich bringe Euch nach Hause," sagte Tini zu ihren Freundinnen in herzlicher Rötigung. Diese schüttelten verneinend den Kopf. Sie hatten beide dieselbe Empfindung der Scham vor dem falschen, erborgten Schimmer. Wir danken Dir, Tini, wir gehen zu Fuß." Ihr könnt Euch kaum auf den Beinen halten." Beide lächelten traurig. Wir dürfen nicht schwach sein, wir müssen uns auf- raffen," sagte Gusti. In der That, sie hatten Grund, jede Verweichlichung von sich zu weisen. Ihre arme Mutter ruhte in einem Schachten- grab, sie zählten zu den Aermsten der Armen, sie waren ins Proletariat herabgesunken. 27. Kapitel. Wittes Töchter mußten sich um einen Verdienst umsehen, um leben zu können. Sie nähten 5rommißhemden. die Arbeit der Armen und Ungeübten, die am schlechtesten bezahlt wurde. Sie nähten vom frühen Morgen bis in die Nacht und ver- dienten beide zusammen nur fünfzig Kreuzer. Heute war Gusti schon um drei Uhr aus dem Hause gc- gangen, Arbeit zu liefern und neue zu Solen. Auch Luise war zum Ausgehen bereit. Hut und Mantel lagen am Bett. Sie saß an ihrem gewohnten Platz am Fenster, den Kopf in die Hand gestützt. Die tiefstehende Sonne schien in das Fenster und leuchtete über sie hin. Ihre Glut hauchte einen Schimmer von Farbe auf diese weiße, abgemagerte Hand, die sie über die Augen gelegt, und ließ sie fast durchsichtig erscheinen. Die inneren Flächen der zarten Finger zeigten tiefrote Einschnitte, es waren die blutenden Wunden, welche das rauhe Gewebe, der grobe Zwirn hineingerissen. Sie zieht ein Kärtchen hervor und liest es noch einmal. Reich erwartet sie am heutigen Nachmittag. Es waren vierzehn Tage nach dem Tode der Mutter vergangen, ehe sie die ersten Zeilen von ihm erhalten hatte. Sie enthielten die Bitte, ihn zu besuchen. Sein Herz verlange nach ihr, er sehne sich nach seinem Mädchen. Ihr erstes Gefühl war Freude. Er liebte sie, er sehnte sich nach ihr. Sie war nicht vergessen, nicht verlassen! Aber dieser ersten spontanen Empfindung folgten alsbald Thränen der Scham und Verwirrung. Er lud sie in seine Wohnung, dort erwartete er sie. Diese Aufforderung regte sie maßlos auf. So unsicher sie in ihrem Urteil noch war, wie verworren in ihren Gefühlen, es schien ihr unmöglich, ihm zu gehorchen. Sie antwortete rasch mit hastigen Worten. Sie flehte ihn an, ihre Gefühle zu schonen. Sie sehne sich nach ihm, wie er nach ihraber bitte, suche mich bei den Meinen auf, ich erhoffe, ich erwarte es von Dir, Dein Zart gefühl wird Dir sagen, daß es nicht anders sein kann." Es vergingen zwei Tage, er ließ nichts von sich hören. Hatte ihre Bitte ihn beleidigt? Deutete er sie als Mißtrauen? Wieder kam das Fieber über sie, sie verzehrte sich in Ungewiß- heit und Sorge. Heute nun hatte ihr Tini das Kärtchen zugesteckt, das sie in der Hand hielt. Er bat sie darin, ihm zu verzeihen, wenn er ihrem Wunsche derzeit noch nicht entspreche. Sie müsse Geduld haben. Wenn er jetzt sie besuche, welches Aufsehen würde das geben. Er sei leider eine zu bekannte Persönlichkeit.Soll unsre Liebe profaniert werden unser süßes Geheimnis in aller Mäuler sein? Du kannst es nicht wünschen; mich revoltiert der bloße Gedanke. Glaube mir, Liebchen, es liegt in unserm beider- seitigen Interesse, dem gemeinen Klatsch und all' den sich daran knüpfenden Konsequenzen aus dem Wege zu gehen. Also raffe Dich auf, mein schüchternes, allzu schüchternes Mädchen, Punkt fünf Uhr erwarte ich Dich. Komm'! Meine Arme sind geöffnet. Dich zu empfangen!" Ihre Augen hafteten auf diesen Zeilen, die sie bereits auswendig wußte. Sie war sehr blaß, blaue Ringe lagen um ihre Augen, ein nervöses Zittern in ihren Gliedern. Wieder ließ sie den schmerzenden Kopf in ihre Hand sinken, sie rang mit sich selbst. Was zauderte sie? Ihr Schicksal war be- siegelt... sie war sein für alle Zeit... sie konnte sich nicht wieder zurücknehmen. Sie sah auf die Uhr es war Zeit. Sie steckte den Zettel zu sich und erhob sich. Sie warf den Mantel um und griff nach dem Hute. Sie behält ihn in der Hand, ohne aufzusehen... So fleht sie eme Weile, dann wirft sie Mantel und Hut beiseite. Wer vermag jene Strömungen und geheimen Ein- Wirkungen zu enträtseln, durch die unsre Handlungen bestimmt werden! Sie bleibt. Sie setzt sich wieder an's Fenster und verhüllt ihr Gesicht. Die Sonne ist untergegangen, graue Dämmerung breitet sich in dem schweigenden Raum immer mehr aus. Bald ist es völlige Nacht. Jetzt wird die Thür von außen aufgesperrt. Noch kein Licht angezündet," ruft die eintretende Gusti. Man hörte sie in der Küche herumhantieren, gleich darauf betrat sie, die brennende Lampe in der Hand, die Stube. Du bist nicht ausgewesen?" fragte sie die Schwester. Ich war zu müde." Die Luft war milde, sie hätte Dir gut gethan." Ihre Stimme klang wieder lieblich und hell, wie ehemals. Hast Du Brot gebracht?" fragte Luise schüchtern. Gusti bejahte:Du armer Kerl, bist gewiß schon recht hungrig ich auch... Ich Hab' alles gebracht, was wir brauchen." Und der Schwester zulächelnd, legte sie das längliche Brot auf den Tisch, stellte frische Butter in einem Schälchen daneben und frisches Wasser. Sie setzten sich zu dem kargen Mahl und begannen zu essen, hastig und unaufhörlich. Und immer noch ein Stück und noch eines wurde heruntcrgeschnitten. Gusti schien es besonders zu schmecken. Vorsorglich hatte sie schon vorher ein großes Stück für den Vater nebst zwei Eiern beiseite gelegt. Sie sah in das Schälchen, die Butter darin langte knapp für die Eierspeise, die sie ihm machen wollte; sie durften nichts mehr nehmen. Hast Du Arbeit gebracht? Wir müssen noch fleißig sein," sagte Luise. Gusti schüttelte den tiopf.Ich Hab' keine bekommen." Nicht? Unt Gottes Witten , warum denn nicht?" Weil" Gusti stockte, dann aufseufzend:Ich Hab' dem Chef eine Ohrfeige gegeben." Gusti!" Es war eine Dummheit, ich kann nichts dafür wenn ich empört bin, rutscht es mir aus der Hand, wie beim Ferdinand, dann ist's aus das lassen sich die Leut' nicht gefallen." Natürlich." Aber ich auch nicht, Luise, ich auch nicht," rief sie er- glühend. Sie setzte sich wieder neben sie und erzählte rasch, daß ihr der Chef mit einem Strafabzug gedroht habe, weil sie diesmal einen weniger grobe» Zwirn genommen hatte. Sie versicherte, es würde nicht wieder vorkommen, er möge Nach- ficht haben. Als er ihr aber das Geld für die Lieferung auf- zählte, fehlten richtig vierzig Kreuzer. Da habe sie zu betten