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mir ward eine plötzliche Erkenntnis. Ich nidte der Frau Waschkorb zu, der wie ein Rettungshafen in Sicht fam, und Hoffmann ruhig zu und nahm das Goldstück wie selbstver- beugte mich tief über den blaukarierten Kissenbezug zu dem ständlich zurück. Dann aber beugte ich mich vor, um rasch und weinenden, kleinen Wesen darin hinab. leise nach ihrer Wohnung zu fragen.

Verwundert gab sie die geforderte Auskunft. Das war dieselbe Straße, in der ich einst, an einem wetterschwülen Oktoberabend, mit Veronika Märtens gefahren war.

Jetzt wußte ich, daß ich hier am Löhnungstage nicht geben durfte. Ich hatte gelernt.

Und als ich abends heim kam, hielt eine seltsame Schen mich zurück, der Oberin von der großen Güte meines Chefs zu erzählen. Jah war voll stiller Freude, und doch lähmte fast eine uneingestandene Angst mir die Schritte.

Auf meinem Tische fand ich eine Verlobungsanzeige. Meine Freundin Marie hatte den jungen Vifar, der während ihres Vaters schwerer Krankheit die Pfarre verwaltete, zum Lebensgefährten erwählt. Eine gedruckte Anzeige. Sie hatte sich also auch getröstet, so gut vielleicht noch besser als ich.

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Am Sonntag vormittag suchte ich Frau Hoffmann auf. Da setzte ich zum erstenmal den Fuß in die jedes freundlichen Schmuckes baren, in die grauen, verwohnten, zerfallenen, himmelhohen Arbeiterkasernen im Nordosten von Berlin . Das Haus erschien, selbst in dem grellen Julisonnenlichte dieses Vormittags, mir seltsam bekannt. Und ich hatte es doch erst ein einziges Mal im Leben gesehen: in herbstlichem Dämmerlicht und blendendem Blizgesschein. Ich ging durch den engen, hohen Korridor des Vorderhauses, über den ersten Hof und wiederum durch schmußige, graue Flure, in denen blasse Kinder lärmten. Ein vertrüppelter, etwa zehnjähriger Junge schien der Anführer der Bande zu sein. Im Vorüber­gehen streifte ich ihn mit dem. Kleide, und unsere Blide trafen fich, wobei eine seltsame Aehnlichkeit mit irgend jemandem, den ich kannte, aber nicht zu nennen wußte, mir in die Augen sprang. Doch ich hatte keine Zeit, um tiefer darüber nach finnen zu können. Abermals mußte ich über einen Hof, und dann ging es linker Hand vier enge, ausgetretene Stiegen empor, die mich hoch und höher führten, bis fast in den Himmel hinauf.

Drei Türen dort oben! Verlegen stand ich im Dämmer­dunkel des Vorraumes; Visitenkarten fennt man in diesen Regionen nicht. Lange Zeit war ich unschlüssig, an welcher Zür ich Einlaß begehren sollte, bis mich ein lautes Sprechen hinter der mittleren aufmerksam machte.

Eine Männerstimme! Nicht doch-die Frau wohnte ja allein. Aber sie hatte soeben ein schweres Wochenbett über­standen, und vielleicht war der Arzt bei ihr oder irgend ein guter Nachbar. Das leise Weinen eines fleinen Kindes be­stärkte mich in der Vermutung, daß dies die rechte Pforte sei. Ich klopfte also, troß eines beklemmenden Gefühls, etwas zaghaft an die mittlere Tür.

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Sie wurde von innen geöffnet ohne Herein. Die Gesuchte stand auf der Schwelle. Ein schwaches Rot, das sie merkwürdig verschönte, ging über ihr Gesicht. Jott dat Frailein aus die Fabrik!"

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Hinter ihr stand ein Mann. Einer der Männer, die ich so oft gesehen. In grauer Jacke, mit fahlem Gesicht, mit tief­gefurchten Zügen und glattrajiertem Kopf. Der trat mit brüsten Schritten vor mich hin und starrte mir dreist ins Gesicht.

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Aus wo'ne Fabrike? Aus Deiner?" " Sei stille doch, Frize." Schüchtern kam es von des Weibes Lippen. Dann wandte sie sich entschuldigend an mich. Ihr Mann sei soeben zurückgekommen". Und habe geschimpft, weil sie schon wieder in die Fabrike gegangen sei und das Kleine so allein gelassen habe, wo ihnen doch man vor knapp ' nem Vierteljahr det Aelteste druffjejangen wäre,-"

Du Liebling, Du! Ich befand mich in einer tödlichen Verlegenheit. War gekommen in einer glückseligen Mission, in der ich mich fast ein helfender Engel gedünkt, und stand nun da wie ein gescholtener Schulbub. Der Mann dort, der soeben aus dem Gefängnis entlassen worden war, genierte mich un­glaublich, und vor der Frau schämte ich mich. Das Gold brannte mir in der Hand. Mein Blicke überflogen hülflos den unwohnlichen, fast kahlen Raum. Ein großer, weiß­gescheuerter Tisch. Zwei wacklige Stühle, zwischen den mit bielfach gestopften Gardinen verhängten Fenstern eine alte Kommode, auf der zwei Sträuße verblichener Papierrosen ein erinnerungsschmerzliches Dasein führten,- und da aber

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Unaufgefordert trat ich in die Stube, ging direkt auf den

" st's ein Junge, Frau Hoffmann?"

" Ja, Fräuleinchen. Wie unser Erster. Und nu braucht er doch ooch nich mehr zu schimpfen. Er hat ja wieder eenen!" Ein tränenschwerer Blick traf mit scheuem Vorwurf den Mann, der noch immer brummend an den Tisch gelehnt stand.

Ich strich vor lauter Verlegenheit das karierte Kissen in dem Waschkorb glatt. Ja " Ja.. und, Frau Hoffmann, wissen Sie: wenn Sie sich noch schwach fühlen und Ihr Mann schilt, dann sollten Sie in dieser Woche noch nicht zur Arbeit kommen. Herr Leonhard hat mich beauftragt, Ihnen Weiter kam ich nicht. Ich hatte das Geld auf das Kinder­bettchen gelegt und sah mich nun hülflos um, wie ich am besten wieder hinauskäme.

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Diesmal schob die Frau das Goldstück nicht zurück. Sie deckte vielmehr hastig die Hand darüber, als ob sie es den Blicken des Mannes entziehen wollte, und flüsterte zurück: Sie haben sich also nich verzählt jehabt, Fräuleinchen! Ich dank Ihnen ooch schön. Aber zu mir is Herr Leonhard nich so gut, so muß er et woll zu jemand anders sind. Sehen Se sich vor, Fräuleinchen."

Da war es ausgesprochen, was mir so schwer auf dem Herzen gelegen, und wofür ich die Worte nicht gefunden hatte. Ich drückte der Frau die harte Hand und ging an dem Manne, der aus meinem Besuch offenbar noch nicht flug werden konnte, mit kurzem Gruß vorbei. Um feinen Preis der Welt hätte ich an den entlassenen Sträfling ein Wort gerichtet.

Draußen atmete ich tief auf. Dieser erste Wohltätigkeits­besuch war so ganz anders verlaufen, als ich in meiner findlichen Einbildungskraft ihn mir ausgemalt hatte. Und ein bitterer Geschmack war zurückgeblieben. Ich lief durch den dunklen Flur, wie von unsichtbaren Mächten gejagt. Auf der Schwelle saß der kleine Krüppel und spielte mit einer schwarz und weiß gefleckten Katze, der er zur Kurzweil Holzstückchen an den Schwanz zu binden versuchte.

Ich blieb stehen, indem ich halb gedankenlos dem Treiben des Knaben zusah. Das Kätzchen, dem das Spiel unbequem zu werden schien, bediente sich der ihm von der Allmutter ber­liehenen Waffe und zeichnete dem Jungen eine lange, blutige Spur auf die Hand.

,, Das war Dir recht," sagte ich unwillkürlich laut. Der Knabe, der schon die Hand zum Schlage erhoben hatte, sah überrascht empor, und zum zweiten Male blickte ich in ein großes, dunkles Augenpaar, das ich gut kannte.

Veronika Märtens!

Mit der einen Hand griff ich nach der Klinke der Haus­tür, während ich die andere auf die Brust preßte. Ein Tief­gewurzeltes in mir wollte ins Wanken geraten. ( Fortsetzung folgt.),

Ibfens Briefe.

In der großen Jbsenausgabe des Fischerschen Verlages ist die mit Spannung erwartete Sammlung der Ibsenschen Korrespondenz erschienen. Die Hoffnung, daß die Briefe in den verschlossenen rätselvollen Sinn des großen Dichters einen tieferen Einblid ge statten, den inneren Zusammenhang seines Dentens und Schaffens mit einem neuen Licht erhellen würden, hat sich indeffen nur in bescheidenem Umfange erfüllt. Die meisten der 238 Briefe sind ab­gedrungene Geschäfts-, Höflichkeits- und Dankschreiben, oder ent halten Bitten um Gefälligkeiten. Denn Jbsen, der gelegentlich Freunde" skeptisch einen kostspieligen Lurus" nennt, verstand es, die seinen nachdrücklich für sich in Bewegung zu sehen. Er ers scheint hier überhaupt mehr als der empfangende als der gebende Teil. Mit drolliger Regelmäßigkeit muß er sich immer wieder ob der Saumseligkeit im Schreiben entschuldigen. Böllig versenkt in die Betrachtung und Ausgestaltung seiner dramatischen Probleme, empfindet er jede Aufforderung zu einem Briefe als lästige Abs lentung. Erst nach Wochen, Monaten und auch dann mit deutlich anzumerkende: Ueberwindung greift er zur Feder. Stößt er auf interessante Gedanken, so eilt er meist im Sprunge, ungeduldig, nur rasch ans Ende zu kommen, drüber hin und vertröstet auf ein münd liches Gespräch beim Wiedersehen.

Die psychologisch weitaus aufschlußreichsten Briefe sind die an Georg Brandes , aus denen aber die markantesten Stellen in Brandes leider spärlichen Briefe an Björnson. Diese beiden, der freis feinsinnigem Jbsen- Auffah bereits verwertet waren, demnächst die geistige, nüchtern wägende Kopenhagener Kritiker, der berühmte Re präsentant internationaler europäischer Bildung im standinavischen Geistesleben, und Björnson, der von unerschöpflichem Kraftgefühl getragene Enthusiast, der optimistische Glaubens- und Willensmensch,