Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 246.

k

12)

Ich bekenne.

Donnerstag, den 15. Dezember.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Clara Müller- Jahnke . Ich hab man bloß gespielt mit ihr," sagte der Junge zur Entschuldigung, und sie tut mir weh!"

Da ich noch nicht fähig war, diese Anschauung mit einem aufklärenden Worte zu widerlegen, so beugte ich mich stumm zu den beiden Gottesgeschöpfen hinunter, löste das Holz von dem Schwanze des Tterchens, das froh davonsprang, und strich dem Kinde langsam über das dunkle Haar.

Und wieder blickte der Knabe verwundert fragend und doch zutraulich zu mir empor. Daraufhin fragte ich leise und stockend:

Wie heißt Du?" ,, Hans Krüger."

,, Und wer sind Deine Eltern?"

"

-

,, Vata is Schuster hier unten in'n Keller. Mutta jeht uffwarten. Un jut sind se alle beede zu mir, alle beede!"

Diese Versicherung wurde so eifrig und aus ehrlicher Ueberzeugung heraus gegeben, daß ich über das Los des Kindes beruhigt sein konnte. Doch eine Frage drängte sich mir noch auf die Lippen:

,, Hast Du noch Geschwister oder andere Verwandte, Hans?" Nee, Freilein. Bloß noch' ne Tante!' Ne feine, scheene Frau, die kommt alle Jahre' n paar mal und bringt mir Spielzeig und Bücher mit. Doch Bücher, Freilein, mit den allerscheensten Geschichtchen drin! Von den verwunschenen Prinzen und den Schäferjungen im verzauberten Berg. Ick hab' se alle jelesen! Meinen juten Anzug hat se mir ooch ge­schenkt, ick derf'n aber man bloß des Sonntags dragen! Als Se vorhin so freindlich zu mir reden daten, dacht ich schon, meene Tante wär't!"

-

So, Hans und der Kate tust Du nicht wieder weh?" Nee, Freileinchen, weh dun wollt' idk ihr man jar nich. Jd hab's ja jar nich jewußt."

-

1904

Aber kaum hatte ich einige Zahlenkolonnen addiert, als Julius Leonhard mit seiner altbekannten Bitte und seinem sonnigsten Lächeln, das in solchen Fällen einen Anhauch von Verlegenheit hatte, der es unwiderstehlich machte, an meinem Pult stand. Ihm heute geben zu müssen, war mir ein furcht­barer Gedanke, und ich versuchte daher, sein Ansinnen rundweg abzuschlagen, ein Versuch, der an seiner knabenhaften Liebens­würdigkeit diesmal genau so jämmerlich scheiterte wie das erste Mal. Während ich noch mit dem leichtsinnigen Maler, der mich diesmal mit einem in Aussicht stehenden koloffalen fünft­lerischen Erfolge" vertröstete, unterhandelte, glaubte ich ein Geräusch an der Korridortür zu vernehmen, das sich deutlicher wiederholte, als Julius' Schritte vor der Haustür verklungen waren. Und wieder legte sich von draußen eine Hand auf die Klinke der verschlossenen Tür, die sich unter dem leichten Druck geräuschlos bewegte.

Ich hatte zuerst keine Lust, mich zu melden; schließlich aber kam mir die Vermutung, mein junger Freund sei aus irgend einem Grunde zurückgekehrt, und so fragte ich denn mit unterdrückter Stimme:

Sind Sie da, Herr Leonhard?"

" Ja," erwiderte eine tiefe Mannesstimme, die ich nur zu gut kannte, und ich bitte Sie: öffnen Sie mir. Ich habe im Kontor zu tun."

Das war Befehl! Er war der Chef und ich die Unter­gebene. Aber auf ein Monatsgehalt hätte ich in diesem Augen­blick verzichtet, wenn ich mir heute abend keine Weberstunde ein­gerichtet gehabt, sondern ruhig und sicher in meinem Man­fardenfämmerchen gesessen hätte.

Mit stockendem Herzschlag öffnete ich. Dann flog ich förmlich an mein Pult zurück und rechnete mit fliegender Haft. Franz Leonhard schien meine Erregtheit nicht zu bemerken. Er zog die Tür fest zu, trat dann langsam an das Geldspind heran und begann, die darin aufgehäuften Goldrollen zu ordnen. Ich hörte das Klappern des Geldes, aber ich sah nicht auf. Die Zahlen tanzten einen Ringelreihen vor meinen Augen, ich fühlte, daß ich Unsinn machte. Das Fazit stimmte

Einen Gruß noch, einen herzhaften Händedruck und nicht. ich ging schweigend auf die Straße hinaus.

Als ich in das Pensionat zurückgekehrt war, wagte ich es kaum, den anderen Mädchen ins Gesicht zu blicken: wie eigene Sünde lag es schwer auf meiner fämpfenden Seele. Und plötzlich empfand ich Schmerz und Scham darüber, daß ich am Vormittag an dem heimgekehrten Mann mit einem wider­willigen Gruß, vorübergegangen war.

Sier laß mich ein wenig ruhen, meiu Geliebter. Heute weiß ich, daß ich eine Heimat habe; damals war ich heimatlos. Und es hat vieler, vieler harter Jahre und bitterer Kämpfe bedurft, ehe mein erschüttertes Herz den rechten Halt gefunden, ehe aus dem wohlerzogenen jungen Mädchen das Weib, aus dem irrenden Weib der Mensch erwachsen war.

#

In den nächsten acht Tagen fühlte ich mich körperlich schwer leidend und mußte all' meine Kraft aufbieten, um den übernommenen Pflichten gerecht zu werden. Herrig sah mich oft, wenn ich so müde und zusammengefunken an meinem Pulte saß, mit offener Mißbilligung an. Julius schien wieder mal in schwerer Bedrängnis zu sein und hatte infolgedessen mit sich allein zu tun, und Franz Leonhard drängte sich mit seinem überlegenen Lächeln, das deutlich ein Einverständnis mit mir markieren sollte, an meine Seite, so daß es nur meinem bewußten Ausweichen gelang, das Alleinsein mit ihm zu ver­meiden. Eine grenzenlose Empörung nahm Besitz von meiner Seele, und Lottens blasses Bild begleitete mich wie ein getreuer Ecart auf Schritt und Tritt.

Inzwischen brütete der volle, heiße, dunstige Sommer in den Straßen Berlins , und selbst die Abende wollten keine Ab­fühlung bringen.

So kam wieder einmal der Zahltag heran, vor dem ich diesmal, wohl infolge meiner förperlichen Abspannung, eine heiße Angst hatte. Trotz dieser Schwäche ging die Auszahlung gut vorüber; ich atmete auf und wollte den Rest des Abends zu einer fleinen Vorarbeit benutzen, um den Sonntag völlig frei zu haben und mich einmal von allen Strapazen gründlich ausruhen zu können. Ein Tag Bettruhe war eine Notwendig­feit für mich, wenn ich nicht zusammenbrechen sollte.

-

Einen Herzschlag lang preßte ich die Hand an die Stirn, um dann mit gespanntester Aufmerksamkeit und etwas klarerem Kopf von neuem zu beginnen.

,, Die Summe stimmt nicht, Fräulein!" Er. stand, über meine Schulter gebeugt, hart neben mir und rechnete die langen Kolonnen im Hauptbuche mit herunter.

Ich fühlte seinen Atem an meiner Stirn. Meine Hand flog auf dem Papiere hin und her...

Warum so erregt, Kleine? Sehen Sie mich doch einmal an; ich habe ja noch keinen freundlichen Blick heut bekommen!" Ich warf die Feder hin, ein großer schwarzer Fleck ver­unzierte die peinliche Weiße des Kontobuches. Dann sprang ich auf.

-

Ich kann nicht rechnen, Herr Leonhard. Ich bin krank und möchte nach Haus!"

Oh!!! und warum sind Sie denn überhaupt hier geblieben? Und ich hatte erwartet, Sie würden mir Bericht erstatten über die Verwendung der Ihnen anvertrauten Gelder? Ich habe die ganze Woche darauf gewartet!" Auch das noch! Und ich riß in fieberhafter Eile das Portemonnaie aus der Tasche, entnahm ihm die übrigbehaltenen sechzig Mark und legte die Summe vor meinen Chef auf das Pult.

" Ich bin bei Frau Hoffmann gewesen" meine Worte überstürzten sich und habe ihr zwanzig Mark gebracht. Aber der Mann war da, aus dem Gefängnis entlassen, und da habe ich einen Abscheu bekommen"

Ich zuckte empor. In Leonhards Gesicht war ein eigen­tümlicher Ausdruck aufgeblikt, schon als er die Goldstücke, die er mir gegeben hatte, wiederfah; jezt preßte er die linke Hand auf meine Schulter, lehnte seinen Kopf fast an meine Stirn und schob mit der Rechten mir die Goldstücke wieder zu. Dann sagte er leichthin:

,, Aber, Kleine, deshalb so erregt? Was liegt denn an dem lumpigen Gelde? Nehmen Sie es wieder, Wilma, verwenden Sie's, wie Sie Lust haben. Wenn Sie krank sind, kaufen Sie sich Wein dafür. Sie sollten überhaupt täglich eine Flasche Wein trinken."