Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 1.

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Sonntag, den 1. Januar.

1905

( Nachdrud verboten.) für einen Aristokraten halten, für einen Offizier in Zivil. Auf diesen Eindruck, den er hervorzurufen pflegte, legte er den größten Wert. Bei allen seinen Plänen rechnete er damit.

Der Baumeister.

Roman von Felix Holländer .

Erstes Kapitel.

Es war bereits elf Uhr nachts, als Keßler in das über­füllte Café des Weſtona" instrul. Cine pretge, mex ticho demo phare, wie zum Zerschneiden, drang ihm entgegen und lautes Stimmengewirr von den dichtbesetzten Tischen. Er lächelte verächtlich und geringschäßig. Diese aufgeregten Kaffeehausmenschen mit den banalen Gesichtszügen reizten und langweilten ihn. Das grelle Licht der elektrischen Birnen schien ihre Gesichter noch mehr zu verzerren. Es lieh ihnen in jedem Falle einen falten, ungesunden, gelblichen Ton.

Draußen in der kühlen Nachtluft atmete er tief auf. ,, Noch eine Mark sechzig!" brummte er vor sich hin. Eine furze Verwünschung folgte diesen Worten. Unter dem hellen Schein der Bogenlampe verzerrte sich seine Miene. Ertührte tam über ihn und hielt ihn gleichsam fest.

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Das fann ja gut werden!" sagte er in gedämpftem Selbstgespräch.

Er schrat auf.

" it's die Möglichkeit!" rief jemand mit tiefer Stimme dicht neben ihm und beklopfte ihn dabei.

"

Es war ein untersetter Herr mit breitem Rücken und Der Kellner war ihm beim Ausziehen behülflich. Keßler kleinen Augen, die unter einer goldenen Brille scharf und war tadellos gekleidet, seine Leibwäsche glänzte vor Sauberkeit. spöttisch hervorlugten. ,, Bringen Sie mir eine Schale Braun!" sagte er und Ah, Drenkwiß, Du bist's! Herr Gott ! Wie lange habe setzte sich ein wenig erschöpft nieder. Dann ließ er seinen ich Dich nicht gesehen!" Blick über die vielen Menschen schweifen, die in lautem Ge- Stimmt!" entgegnete der andere. Ich bin auch erst spräch sich unterhielten. Eine bunt zusammengewürfelte seit vierzehn Tagen wieder in Berlin , und das Wiedersehen Gesellschaft fand sich allabendlich in diesen niedrigen Räumen wollen wir feiern. Komm, wir trinken noch eins!" bis in die späte Nacht hinein zusammen. Ich wollte eigentlich nach Hause- ich bin furchtbar müde und abgespannt!"

Hier saßen ein paar Komödianten, die in überlautem Ton und mit gespreizten Bewegungen auf ihren Direktor schimpften; dort unterhielt ein dicker Herr mehrere Grundstück­makler über die Aussichten der Charlottenburger Terrains.

"

Unsinn! Wir trinken eine Flasche Wein! Du bist mein

Gast!"

Und ohne weiteres schob er seinen Arm in den Keßlers

Reßler horchte interessant auf, aber seine Aufmerksamkeit und zog ihn mit sich fort. wurde durch den langen Stammtisch dicht am Eingang ab- Und kaum zwei Minuten später saßen sie in der Wein­gelenkt, an dem ein paar Bildhauer, Maler und Schriftsteller stube von Steinert und Hansen, und Assessor Drenkwiz jede Nacht sich einfanden. Ein dünner, kleiner Karikaturist, schenkte Rüdesheimer ein. der das dunkle Haar glatt gescheitelt trug, eine unmögliche Nase und eine pfeifende, knarrende Stimme hatte, gab mit schmetterndem Organ Anekdoten zum besten.

Keßler sah einen flüchtigen Augenblick geärgert hinüber, dann schielte er wieder zu den Grundstückmaklern hin.

,, Wenn ich Ihnen sage, das Terrain ist spottbillig! Sie fönnen mir's glauben ein Vermögen ist zu verdienen. Uebrigens habe ich munkeln hören, es soll ein Theater hin!"

Reßler legte das Zeitungsblatt aus der Hand. Er riß die wasserhellen Augen weit auf.

,, Lassen Sie sich doch keinen Sums vormachen," er­widerte ein kahlköpfiger Herr, der mitten auf der krummen Nase einen Kneifer trug, sobald ein Terrain unverkäuflich ist, wird ein Theater projektiert; darauf fallen wir nicht mehr ' rein! Alter Zimt!"

Die Tür ging wieder, und zwei schwarzhaarige, dunkel­äugige Mädchen mit ausgesprochen orientalischen Zügen traten ein. Sie hatten etwas Auffallendes und Herausforderndes in ihren Bewegungen, so daß sie die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich zogen. Seßler beachtete fie nicht. Er starrte immer nur zu den Grundstückmaklern hin. Das Stimmengewirr um ihn her wurde immer lauter. Die Makler waren bereits bei einem neuen Terrain.

Keßler winkte dem Kellner und wollte zahlen. Auf seinen Gesichtszügen arbeitete eine leise Unruhe. Er selbst fühlte es zu seinem Unbehagen. Mit einer kurzen Bewegung feiner schmalen, langen Hand fuhr er sich wie glättend über das Gesicht, das etwas Strenges und Abweisendes hatte. Es war ihm die Maske, hinter der er seine unruhigen Träume verbarg.

Das größere von den beiden Mädchen blinzelte ihn ver­stohlen an. Er warf den Kopf hochmütig zurück. Zahlen!" rief er von neuem und schlug an sein Glas.

Der Oberkellner kam eilig heran.

Reßler öffnete ein elegantes braunledernes Portemonnaie und entnahm ihm ein Zweimarkstück. Es war das letzte Geld­stück, das er besaß.

" Fünfundzwanzig Pfennig!" sagte der Oberkellner. Er gab fünfzehn Pfennig Trinkgeld, ohne die Miene des Garçon zu beachten. Dann ließ er sich den Mantel halten, der mit Seide gefüttert war, und setzte den Zylinder auf. Seine elegante Figur zog die Blicke auf sich. Man konnte ihn

Aber bevor er das Glas zu Munde führte, betrachtete er Seßler eine flüchtige Weile mit seinen klugen, durch­dringenden Augen. Mensch Du gefällst mir nicht!... Komm, wir wollen anstoßen!"

Keßler tat, als ob er es überhörte. Die Gläser flangen.

Was treibst Du denn eigentlich?" fragte Drenkwitz

langsam.

" Ich warte mit aller Energie auf mein Glück!" ,, Hm!" machte Drenkwiß," Deinem noblen Aeußern nach müßtest Du ja arriviert sein!"

Keßler schloß halb die Augen und lachte plötzlich heiter auf.

"

Gott sei Dank, daß die Rechnung wenigstens in dem Punkte stimmt!" sagte er.

,, Wie meinst Du das?"

Seine Züge bekamen etwas Schmerzhaftes.

" Ich meine," sagte er langsam, daß es mir im Gegen­satz zu anderen doppelt elend geht. Ich habe nichts zu beißen und zu brechen und muß nach außen hin tun, als ob ich nur so im Fett schwämme."

Drenkwitz kniff die Augen zu und sah ihn von der Seite an.

-

Hm, weißt Du mit dieser Politik kann ich mich nicht befreunden. Du streust mit anderen Worten den Leuten Sand in die Augen?"

-

-

Stimmt in gewissem Sinne nur daß ich die Objekte erst suche! Im übrigen was willst Du eigentlich? Wem geschieht ein Unrecht, wenn ich, statt mich satt zu essen, einen sauberen Kragen trage?"

,, Solange es dabei bleibt niemandem! Aber schließlich hast Du doch einen Zweck im Auge, der nicht lauter ist. Ich verstehe auch offen gestanden nicht, wie es einem Menschen von Deinen Anlagen schlecht gehen kann!"

-

Verstehen tue ich es auch nicht aber es ist leider Gottes der Fall!" Du hast Deinen Baumeister gemacht-warum meldest Ein Mensch wie Du Du Dich nicht bei der Regierung? muß doch auf anständige Weise sein Fortkommen finden!" Bah!" machte Keßler, an meinem Fortkommen liegt mir nicht so viel. Wenn ich erst so weit bin, kann ich stehlen

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