Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 22.
22]
Dienstag, den 31. Januar.
( Nachdruck verboten.)
Der Baumeister.
Frau Anders nahm ihn unter den Arm. Und in gütigem Tone, in dem man zu einem Kinde spricht, sagte sie:
Vater, Du wirst Dich jetzt ein Stündchen ausruhen. Du hast es nötig, ich sehe es Dir an."
1905
Dann schüttelte sie den Kopf und zog sich langsam an. Ganz Teise sagte sie nur:" Ich muß jetzt gehen, sonst verspäte ich mich."
Er aber tat, als ob er nichts von ihrem seltsamen Gebaren wahrgenommen hätte. Kaum hörbar seufzte er in sich hinein...
Siebzehntes Kapitel.
Keßler und Steinert waren von nun an Tag und Nacht beisammen. Die gemeinsame Sorge und die gleiche Sehnsucht verknüpfte eng diese beiden grundverschiedenen Menschen. Es Meinst Du, Alte?" Und zu seiner Tochter hinüber- war zwischen ihnen ein stillschweigendes Uebereinkommen, daß blinzelnd: Was würdest Du denn sagen, Gretel, wenn ich sie sich immer vor dem weißbemalten Bretterzaun trafen, noch auf meine alten Tage den Taktstock in die Hand nähme?" Sie sah in sein liebes, altes Gesicht, das vom Wein ein wenig gerötet war. Seine Pupillen schimmerten. Es dünkte sie, als ob in seinem Herzen noch einmal der Frühling aufgegangen sei, als ob längst begrabene Jugendträume wieder zu fnospen und zu blühen anfingen. Und es schmerzte sie leise, daß man ihn aus seiner glücklichen Zufriedenheit und aus seiner stillen Ruhe herausgerissen hatte.
" Für mich kann sich Dein Wert nicht steigern," entgegnete sie dann.„ Und andere Leute können Dich in meinen Augen nicht erhöhen."
" Du bist mir aber eine Stolze!" " Sa, auf Dich bin ich stolz!"
Er öffnete seine kleinen Augen weit und war auf einmal nüchtern.
„ Am Ende hast Du wirklich recht- und ich bin ein Narr, wenn ich auf meine alten Tage.
„ Höre mal, Kind" er zog sie in eine Ecke ,, was mich heute so glücklich gemacht hat, sind nicht etwa die Ausfichten, die meiner warten. Nicht wahr, für so einen eitlen Narren hältst Du mich nicht?"
Sie nichte wortlos.
Er brach wieder ab und spielte mit seiner schmalen Hand, die der eines Kindes glich, nervös an seiner stählernen Uhrkette.
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" Ich will mich nicht in Deine Angelegenheiten drängen bei Leibe nicht" nahm er zögernd das Wort wieder auf, aber es schien mir heute so nein, ich hatte die Gewißheit, daß er Dich wirklich lieb hat... Und wenn ich Dich richtig fenne, so bist Du ihm auch gut... Nein, Du brauchst mir nicht auszuweichen. Wenn Du mir nichts zu sagen hast, rede ich kein Wort mehr."
,, Vater... ich bin ihm auch gut sehr gut."
ich bin ihm
Sie fühlte, wie seine Hand in der ihrigen bebte. Eine unfagbare Rührung ergriff sie.
Wollen wir es nicht der Mutter sagen?" flüsterte er ihr zu; es ist doch ein so großes Glück!"
Sie wurde tiefernst.
,, Nein, Vater, das wollen wir nicht!" „ Ich gehe schon," rief Frau Anders, ich sehe schon, daß Ihr beide Geheimnisse habt."
„ Ich glaube, Vater, wir verstehen uns doch nicht ganz. Du denkst bei Deinen Worten an so ein rechtschaffenes, häusliches Glück, das mit der Verlobung anfängt und mit der Verheiratung endet."
„ Warum soll es denn damit enden?" wandte er bescheiden ein.
,, Nun, ich meine es ja auch nicht so wörtlich," erwiderte sie, und ein schwermütiges Lächeln verschönte ihre Züge. Ich glaube schon," fuhr sie fort, daß Du im Hintergrunde sogar Großvaterfreuden siehst."
,, Und wenn ich das täte?... Warum solltest Du nicht von Herzen glücklich werden, mein liebes, liebes Kind?.
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" Ich fürchte, daß ich unter Glück etwas anderes verstehe als Du. An dem Versorgtsein liegt mir so blutwenig!" " Ich weiß ich weiß!" schaltete er lebhaft ein aber gerade deshalb, meine ich, fannst Du Deinem Schicksal doppelt dankbar sein, daß es Dir einen solchen Menschen entgegengeführt hat, der es mit Dir ernst meint und Dir außerdem noch etwas bedeutet."
In ihr Gesicht trat ein irrer Ausdruck, der ihn erschreckte. Sie sah ihn groß und mutlos an und rang nach Worten.
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hinter dem ihr Zukunftstraum Gestalt annehmen sollte. Sie fonnten sich an den großen Buchstaben, die kategorisch ihr Werk der Welt verkündeten, nicht satt sehen. Hier wuchs ihr Glaube, ihre Zuversicht, hier holten sie sich neuen Mut, wenn die Schwingen ihrer Phantasie zu erlahmen drohten. Jeden Vorübergehenden, dessen Blick auf ihr Shakespeare- Theater fiel, betrachteten sie voll Spannung und Neugier, als wollten sie aus den Mienen dieses völlig Unbekannten das Schicksal des Theaters lesen. Und wenn sich gar zwei Spaziergänger über das neue Projekt unterhielten, so lauschten sie angestrengt; denn jedes Wort, das über das Theater gesprochen wurde, flang in ihren Ohren wie Musik. Oft traf sie noch das Morgengrauen auf dem Bauplag. Sie kannten keine Erschöpfung und Müdigkeit. Wenn sich das grünliche Mondlicht über ihre Gesichter und die Bäume ergoß, und ihre Gestalten lange Schatten warfen, so tauchten phantastische Stimmungen in ihnen auf sie fühlten sich innerlich miteinander verbunden, alle Gegensäte waren verwischt. Erst das kalte Licht des Morgens riß sie aus ihren Träumen. Dann schienen fie plötzlich zu erwachen und betrachteten sich gegenseitig mit nüchternen Blicken. Und Keßler empfand dann wohl das Groteske dieses Zusammenhanges, das sich ihm schon äußerlich fundgab. Er mit seiner aufrechten, stolzen Haltung, er, der alles nach innen verarbeitete, unverbraucht war und seine Kraft und Jugend fühlte und dieser vom Leben arg zerzauste, kleine Mensch, der sich mit seinen großen Bewegungen und Gesten, mit seinen aufgeregten, unaufhaltsam dahinfließenden Worten beständig überſtürzte! Und oft gesellte sich zu ihnen mitten in der Nacht Herr Freitag, der plötzlich auf seinem Schimmel dahergetrabt kam, militärisch grüßte, während feine Haare im Winde wehten und sein Pferd fauchte. Er sprach zusammenhanglose Säße. Er wollte wissen, wie weit es mit dem Theater stünde und was in Sachen seiner Millionenerbschaft getan worden sei...
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Die beiden hörten kaum auf seine Worte- sie gaben zerstreute Antworten, in denen sich eine unsagbare Geringschätzung ausdrückte.
Freitag bemerkte es nicht. Er schien auf eine bestimmte Antwort gar nicht zu rechnen. Er erzählte und fragte nur immer in tollen Gedankensprüngen. Sie ließen sich seine Gesellschaft gefallen. Und danner paßte so gut in diese nächtlichen Stimmungen, er war in seiner Ideenflucht und in dem Schwelgen unvorhandener Werte ein Abenteurer wie sie. Keßler wurde unwirsch, als Steinert einmal seinen früheren Zimmernachbarn einen Narren nannte.
,, Sie irren," antwortete er, furz, für mich ist er ein Sinnbild des Lebens, ein Spiegel, in dem ich mich und die Menschen erblice."
Steinert zudte mit den Achseln.
,, Das ist mir zu philosophisch," erwiderte er, ich halte mich mehr an das Zuverlässige an die reale Wirklichkeit, die ich sehen und greifen kann!"
Keßler lachte spöttisch auf.
,, Das ist mir das Neueste," erwiderte er.„ Wir klammern uns genau so wie Freitag an phantastische Ideen wir sagen: das Theater wird, ohne zu wissen, wie... einfach weil wir daran glauben. Was ist überhaupt zuverlässig? Können wir unbedingt zuverlässig sein?... Können wir...?"
Er brach mitten im Sate ab, er fühlte, wie Steinert stuzte und ihn mißtrauisch ansah, er merkte, daß er vom seinen inneren Ideen unvorsichtigerweise zu viel preisgegeben hatte.
,, Wie meinen Sie denn das?" fragte Steinert leise,