Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 25.
25]
Freitag, den 3. Februar.
( Nachdruck verboten.)
Der Baumeister.
Roman von Felig Holländer.
Offen gestanden, ich habe keine rechte Lust dazu," antwortete Kepler dem Ziegeleibesizer.
" Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich schicke Ihnen die Steine auf mein Risiko hin, Sie machen eine Probe... wenn diese nicht gut ausfällt, oder wenn Ihre Maurer gegen das Material nur das geringste einwenden, so senden Sie mir den ganzen Zimt auf meine Sosten zurück."
„ Das hat doch gar keinen Zweck," erwiderte Steinert, „ auf solche Experimente können wir uns nicht einlassen, entweder wir kaufen den Stein oder wir kaufen ihn nicht. Ein Drittes gibt es da nicht. Zunächst müssen wir doch auch wissen, welchen Preis Sie stellen."
„ Darüber werden wir uns einigen, das ist meine geringste Sorge."
„ Das nützt doch nichts," sagte Steinert, wir können uns doch nicht gegenseitig mit Redensarten abspeisen. Also was verlangen Sie?"
Der Ziegeleibefizer nannte eine geringe Summe, die in gar keinem Verhältnis zu dem regulären Preise stand.
,, Das ist ja alles ganz schön," nahm Keßler das Wort wieder auf, aber wie gesagt, ich habe keine rechte Traute."
„ Herr Baumeister, verlassen Sie sich auf mein Wort, mir liegt doch nicht bloß daran, die Steine loszuwerden vor allen Dingen möchte ich mit Ihnen in Geschäftsverbindung treten. Ich würde mich doch in mein eigenes Fleisch schneiden, wenn ich Ihnen eine schlechte Ware aufhalsen würde." Keßler schwieg.
" Und welchen Zahlungstermin verlangen Sie?" Aber, Herr Baumeister, Steine sind doch ein Kassaartikel-- das wissen Sie ja genau so gut wie ich."
Dann werden wir wohl das Geschäft nicht machen. Es wäre mir ja ein Leichtes, Ihrem Wunsche nachzukommen, aber ich habe nun einmal das Prinzip, daß mir alle meine Lieferanten Kredit gewähren müssen, bis das Haus fir und fertig dasteht. Ich will Ihnen auch sagen, weshalb: Wenn die Leute mein Theater sehen werden, bekomme ich das Geld um die Hälfte so billig als jetzt. Infolgedessen fann ich eine niedrigere Pacht ansetzen, so daß das Geschäft von vornherein auf eine solide Basis gestellt wird. Sehen Sie, dieser Herr Frenzel ich könnte von ihm jeden Moment Geld bekommen, so viel ich will! Jah danke bestens. Ich werde mir doch Ich von diesen Herrschaften keine Bedingungen vorschreiben und mir den Strick um den Hals legen lassen. Ich gebe das Heft nicht aus den Händen."
Braumann antwortete:
,, Das sehe ich ja alles ein, und was Frenzel anbelangt, haben Sie vollkommen recht. Der ist mit allen Hunden gehetzt. Das ist' n Gewaltmensch. Aber sehen Sie mal, ich muß doch auch leben und wer liefert Ihnen denn Steine auf Stredit?" Wer?" fragte Reßler, ich könnte Ihnen so und so viele Namen nennen. Mein Theater ist eine sichere Sache, ein glänzendes Unternehmen, da gibt es kein Risiko!. .. Im übrigen rede ich Ihnen mit keiner Silbe zu, wenn Sie keine Lust haben.
"
Davon ist nicht die Rede. Meinethalben will ich das Geschäft auch auf die Art machen. Sie sollen sehen, wie ich Ihnen entgegenkomme. Nur verlange ich, daß zu der Kauffumme die Zinsen geschlagen werden, die das Kapital während dieses Jahres bringt."
,, La müssen Sie sich an meinen Geschäftsführer wenden; ich weiß nicht, wie Herr Steinert darüber denkt." Braumann sah Steinert fragend an.
" Ich will ein Auge zudrücken, obwohl es gegen mein Prinzip geht," entgegnete dieſfer.
Dann ist also das Geschäft abgemacht," wandte sich der Ziegeleibefizer wieder an Reßler.
,, Abgemacht," sagte Keßler. Und wann können wir die Steine auf dem Bau haben?"
Wenn Sie wollen, lade ich sie noch heute ab." » Ich bitte darum!"
1905
,, Und nun empfehle ich mich Ihnen, meine Zeit ist knapp." Sobald sie aus Braumanns Hörweite waren, brach Steinert in ein schallendes Gelächter aus.
,, Herr Baumeister, Sie sind der genialste Mensch, der mir je begegnet ist," sprudelte er dann hervor. So etwas von vorgekommen."
Selbstbeherrschung und Kühnheit ist mir im Leben noch nicht
„ Ich danke Ihnen für Ihr Kompliment, Herr Steinert," entgegnete Seßler fühl. Ich möchte Sie aber bei der Gelegenheit ersuchen, mich das nächste Mal nicht in eine so fatale Situation zu bringen, die mich nötigt, wider mein besseres Wissen Aussagen zu machen!"
-
Wie meinen Sie das?" fragte Steinert betroffen. " Tun Sie nicht so Sie verstehen mich ganz gut. Wie fönnen Sie zu diesem Menschen sagen, daß uns noch eine andere Offerte vorliegt!"
Aber Herr Baumeister..." Keßler wehrte ab.
aber,
" Ich möchte für den Tod keine Debatte haben wie gesagt, für die Zukunft sparen Sie sich derartige Scherze. Ich bin gewöhnt, auf geradem Wege zu gehen." Steinert schwieg. Diese Frechheit überstieg nach seinem Empfinden alle Grenzen.
Keßler lüftete ein wenig den Hut.
" Ich muß mich jetzt von Ihnen verabschieden, ich habe noch einen Gang vor."
Als Keßler allein war, verzog sich sein Gesicht. Die Vorgänge diefer legten Stunde befremdeten ihn selbst. Was ist aus mir geworden, dachte er. Hätte ich es je für möglich gehalten, daß ich auf diese Weise lügen und Komödie spielen kann? Noch vor ein paar Tagen hätte ich eine solche Zumutung energisch zurückgewiesen. Und jetztwo bin ich jetzt? Ich lasse mich einfach vom Winde treiben und verliere jede Kontrolle über mich selbst.
Er versant in tiefes Grübeln. Er war sich über sein eigenes Wesen im Unflaren. Da geht man mit einem solchen Selbstbewußtsein einher, und kennt sich selber kaum!... Was wird aus mir noch werden?!...
Er geriet in ärgerliche Stimmung. Was sollen mir diese Selbstquälereien?... Ich tue einfach, was ich tun muß... ich kann nicht auf halbem Wege stehen bleiben!.
Plötzlich hörte er seinen Namen rufen.
Er drehte sich um, sah aber niemanden.
Jezt habe ich bereits Halluzinationen! Aber wieder ver. nahm er eine Stimme, die ihm bekannt vorkam. Aha es war Drenkwiß, der mit eiligen Schritten auf ihn zukam.
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Du bist's Herr Gott , hast Du mich erschreckt!" Drenkwit musterte ihn flüchtig.
,, Seit wann bist Du nervös? Uebrigens," fuhr er, ohne eine Antwort abzuwarten fort, gratuliere ich Dir. Du bist ja, seit wir uns das letzte Mal gesehen, ein berühmter Mann geworden. Alle Welt spricht von Dir, man fann feine Zeitung in die Hand nehmen, ohne auf Deinen Namen zu stoßen." " Zieh' mich nicht auf, Drentwig."
" sch spreche im vollkommenen Ernst... Selbst im Bilde prangst Du!"
Ich bitte Dich, laß das."
,, Erlaube' mal, man wird doch auf Tatsachen hinweisen dürfen... Als ich heute meinen Kaffee einnahm, fühlte ich mich doch sehr geschmeichelt!"
" Ich verstehe von alledem kein Wort."
Drenkwitz zog ein Zeitungsblatt aus der Manteltasche. ,, Mehr kannst Du doch nicht verlangen," sagte er.„ Eine volle halbe Seite nimmst Du ein."
Reßler betrachtete einen Augenblick sein Konterfei.
Hat man es Dir denn nicht zugeschickt?" fragte der Staatsanwalt.
,, Kann sein. Jedenfalls habe ich es noch nicht gesehen!.. Ich komme vor lauter Geschäften nicht einmal dazu, die Zeitungen zu lesen. Außerdem bin ich nicht eitel; ich lege auf derartige Scherze keinen Wert. Man teilt diese Ehre mit zu vielen Leuten."