Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 29.

201

Donnerstag, den 9. Februar.

1905

( Nachdrud verboten.) schabten Orchesterrock gekommen, während Freitag Uniform angelegt hatte.

Der Baumeister.

Roman von Felix Holländer .

Was können wir anders tun, Kind, als ringen und kämpfen!"

Wir könnten glücklich sein," erwiderte Grete kaum hörbar, ,, und brauchten unsere Leidenschaften und Begierden nicht zu wecken. Wir könnten vielleicht lernen, in uns einen Halt zu finden, um nicht von den wechselnden Urteilen und Zufällen abhängig zu sein. Immer wieder muß ich an meinen Vater denken, der mit seiner Heiterkeit und Selbstgenügsamkeit über all den vielen steht, die von ihren Wünschen hin und her ge­trieben werden."

,, Möchtest Du denn wunschloß sein?"

Ruhig und fest möchte ich sein und kraftvoll in dem, was ich will; festhalten, was mir teuer ist, mich nicht um das Gerede der Menschen fümmern und nicht den Versuch machen, über mich hinauszuwachsen oder mehr zu scheinen, als ich bin." Das alles hast Du erreicht," sagte er nachdenklich, in Dir ist eine wundervolle Selbstsicherheit und keine Spur von falschem Ehrgeiz."

Sie lachte silbern auf.

,, Du machst aus mir ein Heiligenbild; in mir ist gottlob viel mehr Jrdisches, als Du denkst. Nur weil Du mich mit liebenden Augen siehst, entrückst Du mich der Wirklichkeit." Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und sagte: " Ich blicke in Dich und erkenne Dich."

Der Ton seiner Stimme traf sie, und seine Worte fielen auf ihre Seele wie Morgentau auf junge Blüten fällt. Rings­um war tiefe Stille fein Laut drang durch diese Räume. Und dieses große Schweigen verknüpfte sie noch fester und öffnete ihre letzten Wünsche. Sie begriffen sich ohne Worte.

Seine stummen Blicke erwiderte sie mit schimmernden Augen und in dem einen Wunsche, sich zu erfüllen, vergaßen fie alles Zeit und Raum flossen für sie ineinander, und nur den einen Willen gab es, dem sie sich in dieser Stunde fügen mußten.

3wanzigstes Kapitel.

Es kam der Tag der Grundsteinlegung. Steinert hatte das große Ereignis durch die Presse hinausposaunen lassen und eine Anzahl von Einladungen an Hinz, Kunz und Peter an Literaten, Journalisten, öffentliche Persönlichkeiten und stadtbekannte Millionäre versendet. Er hatte für Steßler eine großartige Urfunde verfaßt, die der Baumeister mit weithin­tragender Stimme verlas, bevor sie versenkt wurde. Keßlers elegante Erscheinung, sein frisches, ungezwungenes Auftreten gewannen ihm nach den ersten Worten die Sympathie der Ge­ladenen, die plötzlich in dem bisher Unbekannten den Bau­meister der Zukunft sahen.

Frenzel machte bei jedem einzelnen Reklame; er tat, als ob er das neue Genie entdeckt hätte.

Vom Bauplatz fuhr man zum Diner. Nach dem zweiten Gange flopfte Steinert ans Glas. Seine Backenknochen brannten, seine Augen funkelten unstet. Er sprach in hoch­trabenden Worten von dem neuen Theater, das die erlösende Kunst bringen, das abseits von jedem spekulativen Geschäfts­betrieb geleitet würde und dank seiner hochherzigen Gönner in der Lage sei, sich frei und unabhängig zu entwickeln.

Reßler geriet über diese Rede nicht mehr in Staunen, er hatte sich längst an den Wortbombast Steinerts gewöhnt, er hatte sich überzeugen lassen, daß diese Aufschneidereien not­wendig seien, daß das Klappern wirklich zum Handwerk gehöre. ,, Die Leute müssen sich drängen, um beteiligt zu werden... fie müssen zu uns kommen, und wir müssen den Anschein erwecken, als ob uns das Geld von allen Seiten zu­flösse. Diese Grundsteinlegung muß uns Hunderttausende bringen," hatte er vorher zu Keßler gesagt. Lassen Sie mich nur machen."

Und Keßler hatte stumm genickt. Er arbeitete bereits nach demselben Rezept und bewunderte dieſen agierenden Kleinen Menschen, dessen Tatkraft und Energie durch nichts zu lähmen waren.

Am untersten Ende saßen Herr Anders und Herr Freitag, die ebenfalls geladen waren. Anders war in seinem abge­

Anders saß vor seinem Sektglas und lächelte beständig stillvergnügt in sich hinein. Der Wein hatte seiner Phantasie Flügel gegeben er war mit seinen Gedanken und Träumen weit, weit weg.

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Keßler hatte jetzt seinen Platz an der Spitze der Tafel verlassen, um mit den beiden Herren anzustoßen.

Nun, Herr Anders, Ihnen geht es heute gut," sagte er freundlich.

Der alte Herr fuhr mit seiner feinen, schmalen Hand über sein heißes Gesicht. Er lächelte überselig.

"

" Ich dirigiere die Ouvertüre zum Sommernachts­traum", sagte er wie verloren. Herr Baumeister, ich bin ein Dirigent... ich bin ein ausgezeichneter Dirigent... Sie werden Wunder an mir erleben."

Ich glaub's... ich glaub's schon! Kommen Sie, wir stoßen an auf das, was wir lieben!"

Der Alte wurde plötzlich ernst. Er erhob sich, legte seinen Arm in den Keßlers und zog ihn ein wenig beiseite. Herr Baumeister!"

übel

,, Was denn, mein Lieber?" Herr Baumeister...

"

Sie nehmen mir das nicht

Wieder hielt er inne und sein Gesicht bekam einen melan. cholischen und vergrübelten Zug.

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Nämlich, Herr Baumeister aus dem Mädel ist nichts herauszukriegen. aber auch gar nichts. Ich möchte mur wissen, ob Sie's mit dem Kinde gut meinen." " Ja, zweifeln Sie denn daran?"

"

Wo werd' ich denn, Herr Baumeister," antwortete cr erschreckt... ,, es ist nur... Sie sind mir deswegen nicht böse... Mein Gott... alte Leute machen sich mitunter Gedanken."

Er richtete sich plötzlich ferzengerade auf.

Herr Baumeister, ich halte Sie für einen Ehrenmann... auf Ihr Wohl, Herr Baumeister! Auf Ihr Wohl!... " Auf die Ihrige, Herr Anders, und auf das, was wir beide am meisten lieben!"

Ihr Gespräch wurde unterbrochen. Freitag kam in militärischer Haltung auf sie zu.

Die Sache macht auf mich einen sehr gediegenen Ein­druck," sagte er, und tiefernst fügte er hinzu: Wein ist aus­gezeichnet!" ,, Das freut mich freut mich aufrichtig!"

tags

"

Seßler wollte sich rasch losmachen. Die Gegenwart Frei bedrückte ihn jedesmal. Aber er ließ ihn nicht frei. Hören Sie mal, Herr Baumeister, wie steht es mit meiner Angelegenheit?"

,, Macht sich, Herr Freitag, macht sich! Nur Geduld haben nicht drängen. Sie wissen am besten, daß die Sache vorsichtig behandelt werden muß."

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" Sehen Sie, wer hat nun recht? Habe ich Ihnen nicht immer gesagt, daß das eine gefährliche Diebesbande ist? Lassen Sie ja nicht locker, Herr Baumeister! Sie wissen, es stehen Millionen auf dem Spiele. Und wenn wir den Prozeß gewinnen ich lasse mich nicht lumpen Sie sollen es sehen. Uebrigens, der Wein ist wirklich ausgezeichnet," brach er kurz das Gespräch ab, als er merkte, daß Keßler nervös wurde. Steinerts Stimme drang zu ihnen hinüber. ,, Silentium für Herrn Frenzel- Herr Frenzel hat das

Wort!"

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Meine Herren, ich werde mich kurz fassen- nur ein paar Worte Ich bitte Sie, das Glas zu erheben und mit mir auf das Wohl des Herrn Baumeisters zu trinken. Alle seine Träume mögen sich erfüllen, meine Herren Das Theater möge das herrlichste werden, was wir je gesehen. Meine Herren, ich bitte Sie, mit mir in den Ruf einzustimmen: Er lebe hoch! hoch!- hoch!"

Die Anwesenden hatten sich erhoben.

,, Hoch soll er leben! Hoch soll er leben!" sang man im Chor. Die Feststimmung schwoll immer höher.

Steinert strahlte. Für ihn war die Schlacht endgültig gewonnen. Morgen würden die Zeitungen ausführliche Be richte bringen und übermorgen würden ihm die Geldgeber die Tür stürmen.